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Leitfaden für Medien: Schreiben über Menschenhandel, Sexarbeit, Migration

Inwieweit Personen, die dem Menschenhandel zum Opfer gefallen sind, von der Gesellschaft und den Behörden Respekt und Achtung entgegengebracht wird, hängt nicht unerheblich davon ab, wie Presse und Medien über das Thema berichten. (Dorothea Czarnecki) 

Dieser Leitfaden bezieht sich auf folgende Punkte:

  • Inhalte
  • Zahlen
  • Sprache
  • Bilder
  • Allgemein
  • Hinweise ausschließlich zum Thema „Sexarbeit“: 

Inhalte: 

  • Verabschieden Sie sich von der Mentalität „Wenn es irgendwo im Internet steht oder irgendjemand das sagt, wird es schon stimmen“. Sie recherchieren jetzt selber gründlich, ok?
  • Menschenhandel ist ein komplexes Thema. Stellen Sie sich darauf ein.
  • Sexarbeit/Migration/Flucht sind ebenfalls (und jeweils für sich) komplexe Themen, die nicht Synonym von Menschenhandel sind und daher auch nicht in einem Atemzug damit genannt werden sollten.
  • Die Rechtssituation und die empirische Realität ist in jedem Land anders. Wenn Sie die jeweilige Sprache nicht kennen, sind Sie nicht in der Lage Ihre Informationen zu prüfen. Vermeiden Sie also, darüber zu schreiben.
  • Vermeiden Sie Klischees und werden Sie sich über die Klischees, die Sie über Menschenhandel, Sexarbeit, Migration und Flucht mit sich herumtragen, bewusst. Schreiben Sie sich diese Klischees und Vorurteile auf, hinterfragen und vermeiden Sie sie.
  • Denken Sie an hochkarätigen Qualitätsjournalismus zum Thema NSA und Überwachung, Leistungsschutzrecht, TTIP oder anderen wichtigen Themen, bei denen Sie wirklich tief recherchiert haben und gehen Sie genauso akribisch bei den Themen Menschenhandel, Sexarbeit und Migration vor.
  • Lesen und prüfen Sie eigenständig die Gesetzeslage nach und vertrauen Sie nicht einfach den Worten oder Pressemitteilungen von Politiker*innen. Sie werden erstaunt sein, wie viel Unwissen und Unsinn zirkuliert.
  • Pressemitteilungen zum Thema Menschenhandel und Prostitution sind genauso PR- und Marketing-Erzeugnisse, wie jede andere Pressemitteilung auch. Machen Sie sich die Mühe, einen anderen Standpunkt einzuholen und recherchieren und prüfen Sie die in der Pressemitteilung genannten Fakten.
  • Stimmen – wer wird gehört: Wenn Sie über Sexarbeit, Migration oder Flucht schreiben, sollten Sie immer auch versuchen die Sicht und Stimme der Betroffenen zu finden und wiederzugeben. Reden Sie mit Sexarbeiter*innen, Migrant*innen, Geflüchteten – und zwar nicht nur mit dem Ziel ein von vornherein geplantes Zitat zu finden: Lassen Sie sich auf Ihre Erfahrung ein! Wenn es um Menschenhandel geht, werden Sie nur mit großen Schwierigkeiten an die Stimme der Betroffenen kommen, da diese – verständlicherweise – damit beschäftigt sind, ihr Leben wieder aufzubauen. Finden Sie sich damit ab.
  • Stellen Sie sicher, dass Ihnen der Unterschied zwischen einem sicherheitspolitischen und menschenrechtsbasierten Ansatz zur Bekämpfung des Menschenhandels klar ist und entscheiden Sie sich begründeterweise für einen dieser Ansätze.

Traumatisierte Frauen, die vor kurzem vor Gewalt und Ausbeutung geflohen und sich in einer akuten Krise befinden, wollen nicht vor ein Mikrofon gesetzt werden. Wer schon einen gewissen Abstand von der Ausbeutungsgeschichte hat, will nicht immer daran erinnert werden.

Betroffene Frauen sollen nicht auf die Opferrolle reduziert werden. (…) Medienarbeit heisst, Klischees zu demontieren. Also aufzuzeigen, dass Frauen gleichzeitig Opfer einer Straftat und handelnde Subjekte sind. Dass sie Persönlichkeiten sind, mit eigenem Willen, und nicht unbedingt so funktionieren, wie wir es uns vorstellen: Dankbar, weinend, demütig. Sie sind Subjekte, die ihr Leben selber gestalten. (Doro Winkler, FIZ)

Zahlen: 

  • Prüfen Sie immer die Herkunft der Zahlen und ermitteln Sie die Primärquelle der genannten Zahlen (Wer hat zuerst eine bestimmte Zahl genannt und ist sie eine Erfindung oder ist sie auch wissenschaftlich stichhaltig?). Bei diesen Themen ist leider ein blindes Copy & Paste üblich geworden und das entspricht nicht journalistischen Standards. Wenn Sie die Primärquelle nicht finden, zitieren Sie die Zahlen nicht.

Beispiel:

„In Deutschland gibt es 400.000 Prostituierte“: Die Zahl wurde das erste Mal in den 1980er Jahren genannt. Sie ist eine nicht-wissenschaftliche Schätzung der Berliner Beratungsstelle Hydra. Im Jahr 2014 sollte diese Zahl definitiv nicht mehr zitiert werden.

„90% der Prostituierten sind dazu gezwungen“: Suchen Sie eine empirisch und wissenschaftlich stichhaltige Primärquelle für diese Behauptung – nein, ein anderer Presseartikel ist KEINE Primärquelle.

  • Weisen Sie Schätzungen als Schätzungen aus UND vergleichen Sie Schätzungen mit empirischen Fallzahlen UND stellen Sie die Frage, warum es eine Diskrepanz gibt, OHNE populistisch zu werden.

Beispiel:
In Europa gibt es ca. 880.000 Opfer von Menschenhandel, sagt die ILO. Diese Zahl ist (a) eine Schätzung und (b) spricht die ILO von Zwangsarbeit. Menschenhandel ist eine Unterkategorie von Zwangsarbeit und kein Synonym davon. (Ja, das wird alles sehr kompliziert….ja, guter Qualitätsjournalismus macht sie die Mühe hier nachzufragen und zu bohren). So, und jetzt versuchen Sie mal eine Antwort auf die Frage zu finden, wie die Diskrepanz zu den empirischen Zahlen des Eurostat (ca. 10.000 Opfer) zu verstehen ist. Tipp: Nein, es hat nichts mit der Legalisierung der Prostitution in Deutschland zu tun – die EU hat ja 27 Mitgliedsstaaten!

  • Nennen Sie immer auch die empirisch tatsächlich verfügbaren Zahlen. Für Deutschland sind das die Zahlen des BKA. Für Europa die Zahlen des EUROSTAT, wobei diese mit Vorsicht zu genießen sind. Die Tatsache, das diese Zahlen niedrig sind und somit nicht geeignet sind, um die Leser*innen zu schockieren, ist kein Grund sie nicht zu nennen.
  • Falsche Zahlen haben Folgen: Übertriebene Zahlen fördern Politiken, die auf Entrüstung und Empörung basieren und nicht auf einer sachlichen und differenzierten Debatte. Mit der Verbreitung übertriebener und falscher Zahlen tragen Sie dazu bei, dass den Betroffenen gerade NICHT geholfen wird und dass KEINE strukturellen Maßnahmen getroffen werden.
  • „Menschenhandel ist neben dem Waffen- und Drogenhandel das profitabelste Geschäft der Welt“ – Hä? Und was wissen wir jetzt? Warum stehen da „Menschen“ neben Dingen wie „Drogen“ und „Waffen“? Warum wird das verglichen? Welche Institution hat denn dieses Mantra formuliert? Und warum? Und ist dieser Vergleich nicht etwas schräg? Was meinen die mit Menschenhandel? Zählen auch ausgebeutete Leiharbeiter dazu? Allgemein – dieser Satz verdient ein lautes „Hä?“

Sprache: 

  • Prostitution gilt in Deutschland als Erwerbstätigkeit, daher sollte der Begriff „Sexarbeit“ genutzt werden. Wenn Sie über Menschenhandel sprechen, nutzen Sie „Menschenhandel in der Branche X,Y“.
  • Menschenschmuggel“ bzw. das Schleusen von Migrant/-innen ist rechtlich gesehen kein „Menschenhandel“. Menschenhandel ist es erst, wenn „Ausbeutung“ vorliegt. Menschenhandel kann auch bei Nicht-Migrant/-innen vorliegen. Wenn den betroffenen Migrant/-innen oder Flüchtlingen keine legalen Migrationswege zur Verfügung standen und sie somit gezwungen waren, Schleuser zu engagieren, sollten Sie von „Fluchthilfe“ sprechen.
  • Vermeiden Sie rassistische oder ausländerfeindliche Zuschreibungen und Pauschalisierungen. Nein, Sinti- und Roma oder Migrant/-innen aus Rumänien und Bulgarien oder Nigeria oder junge Frauen aus Asien sind NICHT grundsätzlich und ganz pauschal Menschenhändler/-innen oder von Menschenhandel betroffen.
  • Sexarbeiter*innen aus dem Ausland (migrantische Sexarbeiter*innen oder Prostitutionsmigrant/-innen), ob sie nun Deutsch sprechen oder nicht, sind NICHT grundsätzlich Opfer von Menschenhandel. Viele migrieren gezielt nach Deutschland, um hier als Sexarbeiter*in zu arbeiten, weil Prostitution hier legal und somit in vielerlei Hinsicht sicherer und lukrativer ist als in ihrem Heimatland.
  • Vermeiden Sie pseudo-pornographische Beschreibungen von Gewalt und sexuellen Übergriffen. Sie schreiben über ernste Themen und es ist nicht nur unnötig sondern auch unethisch diese Themen zu sexualisieren.
  • Vermeiden Sie die Vermischung von Begriffen: Menschenhandel IST NICHT Sexarbeit und IST NICHT Menschenschmuggel und IST NICHT Migration! Das alles sind keine Synonyme und sollten nicht in einem Atemzug genannt werden.
  • Vermeiden Sie Begriffe wie „Zwangsprostitution“ und „Kinderprostitution“. Unfreiwillige Prostitution ist als sexuelle Ausbeutung und Gewalt zu beschreiben, nicht als Prostitution, da der Begriff Prostitution die Annahme der Freiwilligkeit enthält. Da der Begriff „Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung“ umständlich ist, können Sie auch von „Menschenhandel in der Sexindustrie“ oder „Menschenhandel in der Bauindustrie/Gastronomie/Landwirtschaft“ sprechen.
  • Vermeiden Sie den Ausdruck „Armuts- und Zwangsprostitution“. Prostitution aufgrund von Armut ist keine „Zwangsprostitution“ bzw. ist kein Menschenhandel und sie tun den Prostituierten, die aufgrund blanker Armut in der Sexarbeit tätig sind, keinen Gefallen, wenn Sie sie pauschal und (rechtlich gesehen auch fälschlicherweise) als Opfer von Menschenhandel brandmarken. Armut und Zwang benötigen unterschiedliche Strategien und Politiken. Mit einem Verbot von Prostitution oder einer Freierbestrafung beseitigen Sie z.B. keine Armut.
  • Vermeiden Sie allgemein Begriffe wie „Huren“ und „Nutten“ und darauf aufbauende Komposita, wie z.B. „Hurenhaus„. Diese Begriffe sind abwertend gegenüber Sexarbeiter*innen und tragen zur Stigmatisierung der Prostituierten bei.
  • Nutzen Sie aktive Verbformen und vermeiden Sie passive Satzkonstruktionen. Es gibt immer jemand, der/die handelt und darauf soll der Fokus liegen. Wenn Sie nicht in der Lage sind, einen Satz in der aktiven Form zu verfassen, dann wissen Sie womöglich einfach noch zu wenig.

Bilder: 

  • Vermeiden Sie die Sexualisierung von Beiträgen über Menschenhandel, wie es z.B. hier geschehen ist.
  • Bilder von geschlagenen oder angeketteten Frauen sind zwar verbreitet, sie sind jedoch ungeeignet. Menschenhandel muss nicht notwendigerweise Gewalt bedeuten oder mit Gewalt einhergehen und Betroffene sind in den seltensten Fällen physisch irgendwo eingesperrt oder angekettet. Mit solchen Bildern tragen Sie dazu bei, dass Leser*innen ein falsches Bild von Menschenhandel erhalten.
  • Suchen Sie nach Bildern, die ohne nackte Ärsche auskommen. Sexarbeit muss nicht immer sexualisiert werden, auch wenn Sie das bisher geglaubt haben!

Allgemein:

  • Recherchieren Sie, prüfen Sie jeden Satz auf „Wahrheit“ im Sinne des Pressekodex.
  • Vergegenwärtigen Sie sich noch einmal den „Pressekodex„.

Hinweise ausschließlich zum Thema „Sexarbeit“: 

  • Sexarbeiter*innen sind keine „Ware“ und auch keine „Objekte“, denn – Überraschung – Sexarbeiter*innen sind Menschen, die sprechen, verhandeln, Ansichten und Meinungen haben, sowie auch Gefühle, wie wir alle auch. Wenn Sie von der „Ware Frau“ sprechen, berauben Sie Sexarbeiter*innen ihrer Menschlichkeit und vermitteln übrigens den Eindruck, es sei völlig ok, sie als „Objekte“ zu behandeln.
  • Sexarbeiter*innen sind aber auch nun wirklich kein „Frischfleisch“ und diese hurophobe und abwertende Beschreibung sollten Sie so schnell wie möglich aus Ihrem Gehirn löschen.
  • Vergewaltigungen und Übergriffe können in der Sexarbeit passieren. Sie sind weder Teil des Jobs noch ein angebliches „Berufsrisiko“: Sexarbeiter*innen haben ein Recht, vor (sexueller) Gewalt auf dem Arbeitsplatz geschützt zu werden, wie alle anderen Arbeiter*innen auch. Und nein, Sexarbeit ist kein Synonym von Vergewaltigung, wie manche behaupten.
  • Regen Sie sich nicht darüber auf, dass manche Sexarbeiter*innen „privilegiert“ sind und oft unter extrem guten Bedingungen der Sexarbeit nachgehen. Stattdessen sollten Sie sich darüber freuen und die Frage stellen, wie für alle Sexarbeiter*innen ähnlich gute Arbeitsbedingungen geschaffen werden können. Nicht gute Arbeitsbedingungen sollen schlechter werden sondern schlechte Arbeitsbedingungen müssen verbessert werden.
  • Nehmen Sie Sexarbeiter*innen als Gesprächspartner*innen ernst und interagieren Sie auf Augenhöhe mit Ihnen.

Was „Augenhöhe“ nicht ist: 

– „Ach, aber Sie sind doch sicher auch irgendwie dazu gezwungen worden“ (Haben Sie das schonmal Ihre Reinigungskraft gefragt?)

– „Ihre Meinung zählt nicht. Sie sind ja privilegiert und außerdem ja überhaupt nicht repräsentativ“ (Sind Sie etwa repräsentativ?)

– „Sie wurden doch, wie alle Prostituierten als Kind missbraucht“ (Würden Sie das zu einer Nicht-Prostituierten sagen?)

– „Sie machen doch nur Lobby“ (Alice Schwarzer macht keine Lobby?)

– „Aber die Roma Frau, die kann es gar nicht freiwillig machen“ (Achtung Rassismus!)

– „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Spaß macht“ (Müssen sie nicht. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass manche Leute an Arbeit X,Y Spaß haben)

– „Zum Schutz der Frauen“ (Ja, und was sagen denn die Frauen selbst dazu?)

– „Aber was würden Sie sagen, wenn Ihre Tochter als Prostituierte arbeiten würde?“ (Antwort: Meine Tochter – oder mein Sohn – soll das selbst entscheiden und wenn sie/er sich für Sexarbeit entscheidet, wünsche ich ihr/ihm sichere und gute Arbeitsbedingungen und vor allem Respekt und Unterstützung in der Gesellschaft.)

Anmerkung: Menschenhandel, Sexarbeit, Migration, irreguläre Migration – das alles sind sehr unterschiedliche und sehr komplexe Themenbereiche. Es reicht nicht, sich einen Nachmittag oder ein paar Tage lang durch das Internet zu klicken, um diese Phänomene zu verstehen oder auch um die unterschiedlichen Stimmen und Ansätze zu verstehen, die es diesbezüglich gibt. Bitte schreiben Sie nicht darüber, wenn Sie keine Ahnung haben oder einfach nur eine politische Agenda verbreiten wollen, wie z.B. „Prostitution muss verboten werden“ oder „Alle Rumänen sind Sozialschmarotzer“. Das sind Vorurteile, die nichts mit Qualitätsjournalismus und einem sachlichen Zugang zu diesen Themen zu tun haben.

Lesetipps: 

Zum medialen Umgang mit dem Thema Menschenhandel im Jahr 2013 – ein kritischer Zwischenruf (Stellungnahme des KOK e.V.)

Klischees demontieren. Frauenhandel in den Medien (FIZ, Zürich) 

Just Don’t Call It Slut-Shaming: A Feminist Guide to Silencing Sex Workers

Eine Minute für den QuellencheckRecherche kommt im journalistischen Alltag zu kurz

Blog „everyday whorephobia“ und Beiträge zum Thema „Sprache“ (Englisch)

Beispiele mehr oder weniger gelungener Beiträge: 

Ein Anruf, und die Frauen spurten (FAZ, September 2013)

Guter Fluchthelfer – böser Schleuser. Geschichte des Umgangs mit der Beihilfe zum illegalen Grenzübertritt (Deutschlandradio Kultur, Februar 2014)

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