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Prostitution und Menschenhandel (1): Die „Wahrheit“ über das „Nordische“ und „Schwedische“ Modell

01/07/2014

Ein paar einleitende Bemerkungen zum sogenannten „schwedischen bzw. nordischen Modell“ 

Das sogenannte „schwedische Modell“ ist eine bestimmte Form von Prostitutionsverbot, dessen Ziel die Abschaffung der Prostitution ist. Hier wird nicht der Verkauf von Sex bestraft oder reguliert sondern nur der Kauf von Sex. Daher wird auch von „Freierbestrafung“ oder „Sexkaufverbot“ gesprochen. Außerdem werden alle Akteure rund um die Prostitution und Prostituierten kriminalisiert. Weil auch Norwegen und Island den Kauf von Sex verboten haben, sprechen Befürworter von einem „Nordischen“ Modell, obwohl sowohl Finland als auch Dänemark ein allgemeines „Sexkaufverbot“ bereits abgelehnt haben (hier finden sie ältere Beiträge zu Schweden  und Norwegen). Eigentlich gibt es kein „nordisches Modell“, sagen auch Wissenschaftler*innen.

Das Sexkaufverbot wird von einer lautstarken feministischen Antiprostitutionslobby gefordert, die sich selbst gerne mit dem Begriff „Abolitionismus“ beschreibt (in Anlehnung an den Abolitionismus, der die Abschaffung der Sklaverei forderte, wobei der Vergleich zwischen Sklaverei und Prostitution problematisch ist) und die im feministischen Diskurs auch als „Radikaler Feminismus“ bekannt ist. Sie definieren Prostitution als „Gewalt gegen Frauen“ und als patriarchale Unterdrückung par excellence. Neuerdings wird die Rhetorik des „nordischen Modells“ auch von konservativen Kräften instrumentalisiert, wobei diese unter diesem Deckmantel letztendlich ein Komplettverbot der Prostitution reinschmuggeln, wie neuerdings in Kanada oder auch im EU-Parlament.

Das Hauptproblem liegt jedoch darin, dass unrealistische Prinzipien und die Utopie einer Welt ohne käuflichen Sex über alles gestellt werden. Die Befürworter*innen dieser Form des Prostitutionsverbotes weigern sich grundsätzlich, sich mit den offensichtlichen negativen Auswirkungen sowie mit der Gestaltung der tatsächlichen Umsetzung auseinanderzusetzen. Das Sexkaufverbot wird als „Wunderpille“ zur Lösung aller Probleme im Bereich der Geschlechterverhältnisse präsentiert, doch – wie es so mit „Wunderpillen“ ist: Es gibt sie nicht. Und wer die Sinnlosigkeit und Unwirksamkeit dieser „Symbolpolitik“ kritisiert, wird als „Zuhälter“ diffamiert. So wird von vornherein ein demokratischer Dialog auf Augenhöhe verhindert.

Prostitution und Sexkaufverbot – Die Fakten 

Prostitution ist nicht zurückgegangen, sie hat sich nur verlagert

Viele Befürworter*innen des Sexkaufverbotes betonen, dass Prostitution zurückgegangen sei. Manche sagen es gäbe nur noch 1000 Prostituierte, andere sprechen von 2500. Fakt ist, dass Prostituierte in keiner der drei Länder gezählt wurden, zumal das grundsätzlich schwierig ist, wenn man sich verstecken muss. Auch gibt es keine Vergleichswerte und Daten für die Zeit vor 1999, sodass wir nichts vergleichen können und keine Aussagen über eine Zunahme oder einen Rückgang der Prostitution machen können.

Die sichtbare (!) Straßenprostitution scheint zurückgegangen zu sein, weil die Polizei dort am ehesten hinter der Ecke wartet, um einen Kunden auf frischer Tat zu ertappen. Aber daraus kann man nicht schließen, dass Prostitution allgemein zurückgegangen sei. Es ist vielmehr zu einer räumlichen Verlagerung gekommen, wie sie für ein Prostitutionsverbot typisch ist. Prostituierte suchen nun eher online nach Kunden, während Kunden nun auch häufiger in andere Länder reisen (Sextourismus).

Straßenprostitution: Konkurrenzdruck drückt Preise

Viele Kunden haben Angst auf dem Straßenstrich nach einer Sexarbeiterin zu suchen und die Anzahl der Kunden ist sehr niedrig. Das hat den Konkurrenzdruck unter Sexarbeiter*innen erhöht und die Preise gedrückt. Sexarbeiter*innen lassen sich wegen dem ökonomischen Druck auf unsichere Praktiken und auf Kunden ein, die sie ohne Druck abgelehnt hätten, zumal die Kunden nun „mehr“ erwarten, weil sie ja eine Strafe riskieren. Auch die Zeit für die „Verhandlung“ zwischen Sexarbeiter*in und Kunde und das „Screening“ – das „Abchecken“ des Kunden –  ist kürzer, da Kunden möglichst schnell weiterfahren wollen. Gerade für „Armutsprostituierte“ auf dem Straßenstrich hat sich die Lage verschlechtert.

Escort-Prostitution ist teurer geworden

Escort-Prostituierte haben berichtet, dass sie seit dem Verbot mehr Geld für ihre Dienstleistungen verlangen können. Manche Prostitutionsmigrantinnen berichteten, dass sie deshalb gerne auch mal nach Schweden reisen. Das ist eine der wenigen positiven Seiten des Gesetzes, wobei auch hier deutlich wird, dass sich weder Sexarbeiter*innen noch Kund*innen von einem Verbot groß abschrecken lassen.

Gewalt gegen Prostituierte

Oft wird argumentiert, dass Prostituierte eher Gewalt anzeigen, weil sie ja nichts zu fürchten haben – sie seien ja nicht selbst kriminalisiert. Dabei wird übersehen, dass das in der Praxis anders funktioniert. Kund*innen passen auf, keine Daten zu hinterlassen, obwohl Sexarbeiter*innen eigentlich immer eine Telefonnummer haben wollen. Seit der Einführung des Sexkaufverbots melden sich Kunden in Internetportalen nicht mehr an und hinterlassen keine Telefonnumer mehr, um sich zu schützen. So berichtete eine Sexarbeiterin, dass sie Vergewaltigungen durch Kunden nicht anzeigen konnte, da sie einfach nicht wusste, wen sie hätte anzeigen sollen. Da Kund*innen anonym bleiben (wollen), können sie auch ungestraft Gewalt ausüben. Eine pauschale Kriminalisierung von Sexkauf führt also dazu, dass echte Vergewaltigungen ungestraft bleiben. Allgemein hat Gewalt zugenommen, da nur noch die sowieso schon gefährlichen Kunden weiterhin Sex kaufen, so auch ein Bericht aus Norwegen.

Prostituierte und gar Betroffene von Menschenhandel sind auch von Gewalt durch Polizeibeamte betroffen. Gerade Migrant*innen werden zum Sex gezwungen, indem ihnen erzählt wird, Prostitution sei illegal. Und wenn sogar in einem Land mit niedriger Korruption unter Polizeibeamten Sexarbeiter*innen derart schamlos ausgebeutet werden, kann man sich gut vorstellen, wie die „Wunderpille“ schwedisches Modell in Ländern umgesetzt wird, wo Korruption floriert.

Soziale Arbeit: Nur wer sofort und endgültig aus der Prostitution aussteigt, erhält Hilfe und Unterstützung 

In Schweden erhalten nur jene Prostituierte Unterstützung, die sofort und endgültig aussteigen und sich auch selber den herrschenden Vorstellungen entsprechend als Opfer inszenieren. Hilfeleistungen für Prostituierte, die nicht aussteigen wollen, werden hingegen als Förderung der Prostitution gedeutet. Aus Sicht der sozialen Arbeit bedeutet das, dass die weltweit als erfolgreich bewerteten Maßnahmen der „harm reduction“ (Schadensbegrenzung), die Hilfe nicht an Bedingungen knüpfen, in Schweden nicht umgesetzt werden können. Kondome werden nicht verteilt, da das als Ermutigung zur Prostitution gilt. Als im Jahre 2009 Sozialarbeiter*innen insgesamt 8 Kondome an Kund*innen verteilt hatten, wurde das zu einem nationalen Skandal, da dadurch ja „Gewalt“ gefördert würde. Dass das Vorenthalten von Kondomen ebenfalls eine Form von Gewalt sein kann, daran dachte wohl niemand.

Vielmehr sehen sich Sozialarbeiter*innen Teil eines großen Regierungsprojektes, um Prostitution zu reduzieren und daran sind auch Gelder gekoppelt: Das bedeutet, dass zwar ein Ausstieg ermöglicht wird, aber für Sexarbeiter*innen, die aus unterschiedlichen Gründen, und nicht zuletzt aufgrund von Armut, als Sexarbeiter*in tätig sind, gibt es keine Beratungsangebote im Bereich Gesundheit (’safer sex), usw. Hier gibt es zwar Unterschiede, z. B. zwischen Stockholm und Malmö, aber allgemein dominiert die Ansicht, dass Sozialarbeiter*innen Prostituierte nicht dabei unterstützen sollten, in der Prostitution zu bleiben. Das Vorenthalten von Informationen ist Teil dieser paternalistischen Strategie. Allgemein haben Sexarbeiter*innen das Gefühl, dass Sozialarbeiter*innen auf sie herab schauen und sie als minderwertige Menschen sehen.

Prostituierte sind in der Praxis nicht „entkriminalisiert“

Obwohl immer wieder betont wird, dass Sexarbeiter*innen in keinster Weise kriminalisiert werden, zeigt die Realität das Gegenteil.

Wer eine Wohnung an eine Prostituierte vermietet, kann wegen Zuhälterei belangt werden. Das hat zur Folge, das vielen Sexarbeiter*innen ihre Wohnungen gekündigt werden. In Norwegen kündigten 400 Vermieter Sexarbeiter*innen ihre Wohnungen, um einer Anklage wegen „Zuhälterei“ zu entgehen die Folge: Wohnungslose Sexarbeiter*innen. Folge: Armutsprostitution.

wordpress-icrse-protest-19-juliMüttern, die der Sexarbeit nachgehen, kann das Sorgerecht entzogen werden, da Prostitution „schlecht“ gesehen wird. Das führt u. a. dazu, dass Mütter aus Angst vor dem Jugendamt z.B. keine Gewalt anzeigen. Zwar ist der Verkauf von Sex nicht strafbar, aber die Bestrafung kommt in der Form einer moralischen Verurteilung in anderen Lebensbereichen: „Eine Hure kann doch keine gute Mutter sein“. Im Jahr 2013 löste der Mord an der Sexarbeiterin Jasmin Furore aus. Das Sorgerecht wurde ihrem Ex-Ehemann zugesprochen, obwohl er mehrfach wegen häuslicher Gewalt angezeigt wurde. Er war es dann auch, der Jasmin ermordete. Die Moral der Geschichte: Es ist in Schweden schlimmer Prostituierte zu sein, als gewalttätig zu sein.

Rassismus: Migrant*innen in der Sexarbeit werden abgeschoben

Die Behauptung, dass Sexarbeiter*innen selbst straffrei bleiben, trifft spätestens bei Migrant*innen nicht mehr zu. Spätestens hier wird auch deutlich, dass es mitnichten um den Schutz der Prostituierten geht sondern um den Schutz der Gesellschaft vor Prostituierten. Drei Beispiele:

Wie viele andere Länder auch, verbietet Schweden die Einreise zum Zwecke der Prostitution. Erst 2011 wurde bekannt, dass Schweden migrantische Sexarbeiter*innen abschiebt, als sich eine rumänische Sexarbeiterin gegen die Abschiebung vor Gericht wehrte (von wegen „alle sind Opfer“). Damals wie heute beschreibt die Polizei Prostitutionsmigrant*innen als „Gefahr für die öffentliche Ordnung und Sicherheit“ (aus dem offiziellen Polizeibericht über Menschenhandel von 2013)

Police authorities said that the woman, who made her living through prostitution, constituted a threat to public order and security. (aus dem offiziellen Polizeibericht über Menschenhandel von 2013)

Und während EU-Bürger*innen gegen die Abschiebung klagen können, da die EU Freizügigkeit gewährt, steht Migrant*innen aus Drittstaaten eine solche Möglichkeit nicht zur Verfügung. Sie können dementsprechend auch keine Gewalt oder andere Übergriffe bei der Polizei anzeigen, da ihnen eine sofortige Abschiebung wegen Verstoß gegen das Einwanderungsrecht droht. Allgemein ist in Schweden die Sicht verbreitet, dass Prostituierte aus dem Ausland grundsätzlich abgeschoben werden sollen. Schließlich handelte es sich um eine „unehrliche“ Art zu Leben und sie impliziert, dass eine Straftat begangen wurde, so der Ombudsmann für Justiz:

“Based on current preliminary statements, prostitution is to be regarded as a dishonest means of support according to the law. Prostitution – which can not occur without a crime having been committed – may also be considered as a prohibited occurrence in one principal element. Unlike the judgement in a previous determination by the Ombudsman for Justice, which related to begging, deportation in this case is considered to be compatible with the Aliens Act. (aus dem offiziellen Polizeibericht über Menschenhandel von 2013)

Zuletzt: Asiatisch aussehende Frauen dürfen neuerdings davon abgehalten werden, einen Pub zu betreten, da man ja davon ausgehen können, dass es sich um Prostituierte handelt. Das entschied neuerdings ein schwedisches Gericht. Mit der Ausrede, Prostitution abschaffen zu wollen, wird nicht nur Rassismus sondern schlicht und ergreifend Diskriminierung von Sexarbeiter*innen und Frauen, die Prostituierte sein könnten, legalisiert!

Kritische Stimmen zum Sexkaufverbot werden ignoriert und zum Schweigen gebracht

Es ist inzwischen bekannt, dass in allen Ländern, wo ein Sexkaufverbot eingeführt wurde oder dies bevorsteht (wie Frankreich z.B.), Sexarbeiter*innen und alle Organisationen, die sich dagegen aussprechen, systematisch aus dem politischen Willensbildungsprozess ausgeschlossen werden. Von Antiprostitutionsfeministinnen werden diese Akteure meistens pauschal als „Zuhälter“ und „Menschenhändler“ schikaniert, wodurch die öffentliche Glaubwürdigkeit angegriffen werden soll. Spricht man in Schweden an, dass es doch auch Sexarbeiter*innen gibt, die Prostitution als „Sexarbeit“ betrachten, verziehen die meisten Leute angeekelt das Gesicht – natürlich nur, weil sie Prostituierte doch ach so respektieren (Sarkasmus!).

Auch bei der Evaluation des Gesetzes, die bisher zumindest in Schweden keine eindeutigen Ergebnisse geliefert hat, übt man Druck auf Organisationen und Beratungsstellen aus, dass sie keine allzu kritischen Beiträge einreichen. Auch hier führt die Regierung in Schweden künstlich eine positive Evaluation herbei, indem kritische Stimmen ausgeblendet und ausgeschlossen werden. Prostituierte, die per Gesetz als Opfer definiert werden, haben es schwer, ihre eigene Sicht der Dinge zu vermitteln – wenn sie sich nicht als Opfer präsentieren, muss irgendetwas an ihnen nicht funktionieren.

Graphik aus der Studie "Gender Equity and Prostitution An Investigation of Attitudes in Norway and Sweden"

Graphik aus der Studie „Gender Equity and Prostitution An Investigation of Attitudes in Norway and Sweden“

Ein Großteil der schwedischen und norwegischen Bevölkerung wünscht sich auch eine Kriminalisierung der Prostituierten 

Ein Umfrage in einer nicht gerade sexarbeitsfreundlichen Studie hat ergeben, dass ca. 47% der norwegischen und sogar 54% der schwedischen Bevölkerung auch den Verkauf von Sex unter Strafe stellen wollen. Damit wird deutlich, dass es eine reale Gefahr einer kompletten Kriminalisierung von Prostitution gibt, die – wie in allen prohibitionistischen Regimen – fatale Folgen für die Prostituierten hat. Es wird auch deutlich, dass Prostituierte weiterhin stigmatisiert und von der Bevölkerung abgelehnt werden. Entgegen der PR-Kampagnen für dieses Gesetz führt das „Sexkaufverbot“ nicht zu mehr Respekt und Anerkennung für Sexarbeiter*innen.

Das passt aber zur Logik der Antiprostitutionsfeminist*innen, denn wer Prostitution abschaffen will, muss dafür sorgen, dass sie nicht mehr sozial akzeptiert ist. Dass sich die fehlende soziale Akzeptanz natürlich auch auf die Prostituierten niederschlägt, war zu erwarten. Nur mit einer Erhöhung der Stigmatisierung von Prostituierten und einem gesellschaftsübergreifenden Überlegenheitsgefühls kann kann man Prostitution reduzieren. Doch ganz ehrlich: Ich halte das weder für erstrebenswert noch für besonders hilfreich.

Arme Huren, böse Männer? 

Das „schwedische Modell“ und allgemein die Vorstellung, dass Prostituierte Opfer und Kunden Täter sind, reproduziert Geschlechterstereotype, wonach Männer grundsätzlich böse und ihren Geschlechtstrieben ausgeliefert sind und die es zu verbieten gilt. Frauen hingegen sind grundsätzlich Opfer der sexuellen Gelüste der Kunden, die als „Gewalt“ beschrieben wird. Sie gilt es zu schützen, egal wie Frauen nun selbst ihre Situation und Erfahrung wahrnehmen. Als schutzlos und willenlos dargestellte Frauen müssen in dieser Vorstellung durch die guten Männern – den Polizisten – oder den moralische überlegenen Frauen – den Sozialarbeiter*innen und Antiprostitutionsfeministinnen – gerettet werden. Auch gegen ihren Willen.

„Prostituierte sind nicht ganz dicht“

Das wird natürlich nicht so gesagt, aber jedes Mal wenn eine psychologische Studie instrumentalisiert wird, um ein Prostitutionsverbot zu fordern, wird genau das gesagt: Prostituierte sind traumatisiert, sie leiden angeblich unter dem Stockholm-Syndrom (was für eine Ironie, dass Stockholm in Schweden ist) und haben vor allem als Kinder sexuelle Gewalt erfahren. So sehr das auch die Realität so mancher Sexarbeiter*in UND Nicht-Sexarbeiter*in ist, halte ich es für unethisch, das psychische Innenleben von Menschen für ein Verbot, das Prostituierten letztendlich doch nur schadet, zu instrumentalisieren.

Durch den Verweis auf angebliche Erfahrungen sexueller Gewalt wird im Prinzip jeder Sexarbeiter*in eine Erfahrung ins Gesicht geschlagen, zu der sie nun Stellung nehmen muss – egal ob die Erfahrung nun zutrifft oder nicht, egal ob sie darüber reden will…oder nicht. Die Tatsache, dass es Feminist*innen sind, die Frauen öffentlich diese Erfahrung aufdrücken, ist hier der eigentliche Akt der Gewalt. Sie ist auch eine Pathologisierung, die dazu genutzt wird, um Prostituierte zu entmündigen. Denn wer einmal vergewaltigt wurde, so die Annahme dahinter, darf nie wieder über das eigene Sexualleben entscheiden und schon gar nicht, wenn es „Prostitution“ heißt. Die Instrumentalisierung psychischer Traumata in der Diskussion um Verbote stellt aus meiner Sicht schlicht und einfach eine sekundäre Viktimisierung dar, in der nun schon wieder mal jemand anders entscheidet, was frau tun darf und was nicht, was man mit ihr tun darf und was nicht.

Das Sexkaufverbot ist heteronormativ

Wo Prostitution als „Gewalt gegen Frauen“ definiert wird, werden eine ganze Reihe von Erfahrungen, Menschen und Lebensrealitäten pauschal ausgeklammert und als nicht-existent erklärt – und zwar per Gesetz. In den Augen der Prostitutionsgegner gibt es eben keine Männer, die Sex verkaufen – und schon gar nicht an Frauen. Es gibt auch keine transsexuellen Prostituierten. Dass gerade die Letzteren aufgrund ihres Geschlechts anderer Formen von Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt sind, ignoriert das Gesetz völlig. Für das „Nordische Modell“ gibt es eben nur Frauen, die vor den bösen Kunden geschützt werden müssen. Heteronormativer geht es kaum.

Aber Steuern müssen sie zahlen! 

Obwohl Schweden und Norwegen Prostitution nicht als Erwerbstätigkeit anerkennen, müssen Sexarbeiter*innen auf ihre mühsam erarbeiteten Einkünfte auch noch Steuern zahlen – wobei sie nicht sagen dürfen, dass das auch der „Sexarbeit“ kommt. So verdient der Staat gleich doppelt mit an der Prostitution: Einmal mit der Bestrafung von Kund*Innen und einmal mit der Besteuerung der Einkünfte aus der Sexarbeit. Vergewaltiger von Prostituierten bleiben hingegen meist unbestraft – aber hey, das war doch dasZiel des Gesetzes.

Und was ist mit Menschenhandel….? Mehr dazu in der nächsten Folge. 

Studien: 

Sweden’s abolitionist discourse and law: Effects on the dynamics of Swedish sex work and on the lives of Sweden’s sex workers (Jay Levy/Pye Jakobssen)

Don Kulick, “Four Hundred Thousand Swedish Perverts”. GLQ: A Journal of Lesbian and Gay Studies 11.2 (2005) 205-235.

Ann Jordan (2012): The Swedish Law to Criminalize Clients: A Failed Experiment In Social Engineering, in: Rights Work, Issue 5. 

Danna, Daniela (2012): Client-Only Criminalization in the City of Stockholm: A Local Research on the Application of the “Swedish Model” of Prostitution Policy, Journal Sexuality Research and Social Policy  Volume 9, Issue 1 , pp 80-93

Jay Levy, Pye Jakobsson (2013): Abolitionist feminism as patriarchal control: Swedish understandings of prostitution and trafficking, in: Dialectical Anthropology. 

Weitere Artikel und Beiträge: 

En annan horisont – Bericht von Rose Alliance 

Trafficking in human beings for sexual and other purposes – Offizieller bericht der schwedischen Polizei 2013

Off the hook: Sweden tries to deport EU sex workers

 „Schuß nach hinten“ – Interview mit Susanne Dodillet 

P.S. Es wurde nicht einheitlich gegendert. Punkt.

P.P.S. Für alle sarkasmusimmunen Leser*innen: Natürlich gibt es so etwas wie „objektive“ Wahrheit nicht. Die Wortwahl ist hier sarkastisch gemeint und sollte auf die weniger sarkastisch gemeinten Wahrheitsansprüche der Anti-Prostitutions-Lobby anspielen. Dort wird weniger ironisch sondern ziemlich ernsthaft behauptet, dass das „schwedische“ Modell Wunder wirkt.

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