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Prostitutionsdebatte: Wie Sexarbeiter*innen und Betroffene von Menschenhandel gegeneinander ausgespielt werden

29/03/2015

Dieser Beitrag erscheint anlässlich des Artikels von Ann-Katrin Müller gegen Sexarbeiter*innen (aus meiner Sicht ein „Hetzartikel“), der diese Woche in der Printausgabe des SPIEGELs unter dem Titel „Aus der Deckung. Dubiose Verbände kämpfen gegen Regeln in der Sexbranche“ erscheint. Dass DER SPIEGEL bei diesem Thema gerne „auf Lücke“ arbeitet und einseitig berichtet, wissen wir spätestens seit „Bordell Deutschland“

Sexarbeiter*innen sollen politisch neutralisiert werden. Sie sind unbequem in dieser ganzen Prostitutionsdebatte. Man kann sie nicht ausschließen – wie leben ja schließlich in einer Demokratie. Man will sie aber auch nicht ernst nehmen, ihnen auf Augenhöhe begegnen. Es sind ja schließlich „Huren“. Man lädt eine von ihnen ein, redet mit einer von ihnen, um einen Haken auf der Liste machen zu können. Aber letztendlich ist klar: Es sind Worte, die viele als wertlos betrachten. Das Narrativ steht eh schon fest. Was immer auch Sexarbeiter*innen sagen: Es ist den meisten egal. Das ist die neue politische Strategie gegen Sexarbeiter*innen und ihre Organisationen.

Das EMMA Magazin steht ganz vorne in diesem Angriff gegen Sexarbeiter*innen, die dort schon lange in einen Topf mit Menschenhändler*innen geschmissen werden. Und seit einiger Zeit gibt es ein oder zwei Frauen, die sich als „prostituierte Frauen“ oder „Überlebende“ beschreiben, die nicht mehr in der Prostitution tätig sind, diese Zeit zutiefst bereuen und deshalb ein Verbot fordern. Das sind keine Betroffenen von Menschenhandel, zumindest nicht in dem Sinne, wie heute Menschenhandel definiert ist. Es sind deutsche Frauen, die sich ursprünglich bewusst für die Sexarbeit entschieden haben und die diese Arbeit laut Eigenangaben kaputt gemacht hat.

Anti-Sexarbeits-Aktivisten, Anti-Sexarbeits-Politiker und so manche Zeitung nutzen nun diese Geschichten und Erfahrungen, um Sexarbeiter*innen auszuspielen: Gegen jene Ex-Prostituierten, die jetzt nach dem Ausstieg für ein Verbot sind, obwohl ein Verbot vermutlich ihnen selbst mehr geschadet als geholfen hätte. Sexarbeiter*innen werden auch gegen Betroffene von Menschenhandel ausgespielt, wobei eine sachliche Debatte über Menschenhandel im Prinzip seit Beginn der Prostitutionsdebatte ins Stocken geraten ist.

„Glückliche Hure“ und „misshandeltes Mädchen“: Extreme und schädliches Schwarz-Weiß-Denken

In den Köpfen der meisten Menschen hat sich folgendes Bild eingenistet: In diesem Bild – das eigentlich nur ein krasses Vorurteil ist – gibt es auf der einen Seite die glückliche Hure, die niemals Gewalt erfährt, ja vielleicht ist sie etwas gestört, aber das ist nicht so schlimm. Sie ist deutsch, privilegiert und hat überhaupt keine Probleme. Das sind auch die politisch aktiven Sexarbeiter*innen. Die sogenannten „glücklichen Huren“ – die „Happy Hooker“. So weit das Klischee.

Auf der anderen Seite gibt es dann das Bild – das pornographisch angehauchte Bild – der bildhübschen, superjungen, fast schon jungfräulichen Frau, die – dumm und naiv – in die Prostitution verschleppt wurde. Dort werden ihr Taten zugefügt, die Prostitutionsgegner*innen nach dem Vorbild der Pornographie tatsächlich graphisch beschreiben – ich weigere mich, das gleiche zu tun. Die deutschen „prostituierten Frauen“, die jetzt für ein Verbot kämpfen, wurden eher weniger dazu gezwungen. Sie bereuen einfach ihre Erfahrung und wünschen sich, sie hätten sie nicht gemacht. So manche gibt auch zu, überhaupt keine Gewalt erfahren zu haben. Diese Frauen werden als Gegner*innen von Prostitution dargestellt bzw. sie kämpfen auch tatsächlich gegen Prostitution und gegen jene Frauen und Männer, die sich als „Sexarbeiter*innen“ bezeichnen. So weit auch hier das Bild.

Dazwischen gibt es fast nichts. Das ist auch so gewollt. Es ist nicht gewollt, dass wir es für denkbar halten, dass auch die angeblich glückliche, deutsche und angeblich ach so „privilegierte“ Sexarbeiterin Gewalt erfahren kann. Es ist nicht gewollt, dass wir die Lebensrealität dieser ach so privilegierten Sexarbeiter*innen erfahren, die meistens tatsächlich auch ziemlich nah dran an Hartz IV Aufstockungen liegt, die oft durch eine Existenz als alleinerziehendes Elternteil geprägt ist. Oder eben auch durch die Wahl zwischen Sexarbeit und Hartz IV. Es gibt auch Sexarbeiter*innen, die sich als solche identifizieren, die Opfer von Menschenhandel werden. Doch das passt nicht ins Bild. Sexarbeiter*innen – vor allem jene des Berufsverbandes – müssen dämonisiert werden. Platt gemacht und politisch neutralisiert werden. Das Klischee der „glücklichen Hure“ ist ein Strohmann und Teil des neuen Krieges gegen Sexarbeiter*innen.

Es ist auch nicht gewollt, dass wir Geschichten von Betroffenen von Menschenhandel verbreiten, die – wie in den USA – gegen eine Prostitutionsverbot kämpfen. Schließlich haben die krassen Gesetze in den USA ja auch keinen Menschenhandel verhindert. Beispiele gibt es inzwischen genug von Frauen, die sich sowohl als Sexarbeiter*innen als auch Betroffene von Menschenhandel beschreiben, wie Meg Munoz oder Jes Richardson. Sie sagen, dass das Prostitutionsverbot, das Stigma und die Kriminalisierung sie davon abgehalten haben, ihre Ausbeuter bei der Polizei zu melden. Kein Wunder. Schließlich landen jährlich mehrere zehntausend Prostituierten im Knast (übrigens auch in Deutschland, da sind es um die 1500), während ein paar tausend Betroffene von Menschenhandel identifiziert werden. In den USA werden sogar Minderjährige noch wegen Prostitution (Verkauf von Sex) inhaftiert. Das muss man sich mal vorstellen.

In Deutschland soll man auch nicht über Menschenhandel reden. Deshalb redet man nur über Prostitution. Das liegt daran, dass es keinen politischen Willen gibt, Betroffenen von Menschenhandel wirklich – ich meine wirklich – zu helfen. Opferschutzmaßnahmen, wie eine bedingungslos erteilte Aufenthaltsgenehmigung, werden meistens abgelehnt, wie letztes Jahr in Berlin. Angeblich würden sich dann zu viele Frauen als Opfer von Menschenhandel melden und die würden das nur deshalb tun, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Und deshalb solle man es den Opfern möglichst schwer machen, Unterstützung zu erhalten. Das Argument funktioniert wie das „Sozialschmarotzerargument“: Um eine – überhaupt nicht belegte – Ausnutzung von Opferschutzmaßnahmen zu verhindern, nimmt man es in Kauf, dass andere erst gar keine Unterstützung erhalten.

Und damit die Öffentlichkeit nichts davon weiß, muss man die Medien dazu anhalten nur noch über Prostitution zu sprechen, aber doch bitte nicht über Menschenhandel. Und schon gar nicht darüber, dass es politisch nicht gewollt ist, Opfern von Menschenhandel wirklich zu helfen. Es ist politisch gewollt, unnütze und repressive Prostitutionsregelungen einzuführen, die der Polizei mehre Rechte geben, aber nicht den Sexarbeiter*innen oder Opfer von Menschenhandel. Echte Unterstützung ist nicht gewollt.

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Überall wird Panik gegen Prostitution und Prostituierte geschürt. Es werden Zahlen erfunden, die es nicht gibt. Aber sobald es zum Gesetz kommt, zur rechtlichen Absicherung von Opferrechten, ziehen sie alle schüchtern ihre Schwänze ein und sagen: „Ne, es sollen sich möglichst wenige Leute als Opfer von Menschenhandel melden“.

„Divide et impera“: Alle gegeneinander ausspielen.

Die politische und Medienstrategie der Anti-Sexarbeiter-Lobby ist: Alle gegeneinander ausspielen. Potentielle Verbündete müssen fragmentiert werden. „Divide et impera“ – Teile und herrsche. Spiele Deine Gegner gegeneinander aus und Du wirst widerstandslos herrschen können.

Es ist politisch nicht gewollt, dass Menschen mit Erfahrungen in der Prostitution miteinander reden. Denn dann bestünde die Gefahr, dass sie sich zusammenschließen. Vielleicht sogar eine gemeinsame politische Forderung finden. Aber nein. Das will man nicht. Die Anti-Prostitutions-Lobby hat entschieden, wie die Strategie umgesetzt wird. Dass in diesem Spiel – oder eher Krieg – einige ehemalige Prostituierte mitspielen, ist nichts als traurige Ironie.

Sex sells. Forced sex sells even more.

Mit Sex kann man Geld machen. Mit sexueller Gewalt (und ihrer expliziten Beschreibung) kann man noch mehr Geld machen und sogar eine Debatte steuern und den Verstand der Leute abschalten. Eine sachliche Debatte über Prostitution, in der Prostituierte nicht immer auch körperlich beschrieben werden – wie schön sie doch seien, oder so – ist nicht gewollt. Sex muss immer vorkommen. Deshalb sieht man auch immer nur einen halbnackten Hintern in der Berichterstattung über Prostitution. Ärsche. Darauf kommt es ist der Prostitutionsdebatte an. Und auf Gewalt. Am besten noch wird die sexuelle Gewalt explizit beschrieben. Nur so bleiben die Leser*innen, die sich sonst vor Huren ekeln und eigentlich damit nix zu tun haben wollen, am Ball. Mit Sex. Mit sexueller Gewalt. Es ist als ob die Berichterstattung über Menschenhandel und Prostitution eine Art Ersatzpornographie für jene geworden ist, die eigentlich gegen Pornographie sind.

Es nehme mir niemand übel, wenn ich hin und wieder den Eindruck habe, dass diese pseudopornographischen Schilderungen von sexueller Gewalt Lüsternheit erregen sollen und nicht ein sachliches Verständnis darüber, wie Prostitutionsgesetze wirklich wirken und welche Strategie für ein komplexes Problem wie Menschenhandel am sinnvollstes ist.

Und bei diesen Schilderungen wird – mal gezielt, mal ganz nebenbei – die Sexarbeiterin, die für Legalität einsteht, für alles Übel der Welt verantwortlich gemacht. Die Sexarbeiterin wird gegen die Betroffene von Menschenhandel ausgespielt. Und umgekehrt.

Das ist als würde man glückliche Ehefrauen für das Leid jener Ehefrauen verantwortlich machen, die Gewalt erfahren. Das ist so, als würde man Frauen, die Spaß am Sex haben, für die Vergewaltigung anderer Frauen verantwortlich machen.

Das ist unsinnig. Unverantwortlich. Und pure Manipulation. Journalismus my ass.

Links:

Knowing the difference between sex-trafficking & sex-work – A survivor speaks

Activist Spotlight: Meg Vallee Munoz on Compassion, Coercion, and Complexity

Liebe Ann-Kathrin vom Spiegel 

Kommentar zu “Aus der Deckung” von Ann-Katrin Müller (DER SPIEGEL 14/2015)

(Hoping that) Women Hurt: regret as a tool of advocacy

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