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Doku: „Schreit nicht zu laut“ – Menschenhandel während der WM 2010 in Südafrika

18/08/2014

Autorin: Thea Bederke

In dem Dokumentarfilm „Don’t shout too loud“ (2013) thematisiert Courtney D. Campbell den öffentlichen Diskurs über Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung vor und während der FIFA-Fußballweltmeisterschaft in Südafrika im Jahr 2010. Im Folgenden werden die wichtigsten Punkte des Films zusammengefasst.

Campbell nähert sich dem Thema, indem er Mitarbeiter_innen verschiedener Anti-Trafficking-Organisationen und Forscher_innen sprechen lässt. Auch politische werden eingeblendet. Nachdem er einige Expert_innen verschiedener Anti-Trafficking-Organisationen (z.B. die Internationale Organisation für Migration – IOM sowie das United Nations Office on Drugs and Crime – UNODC) das Problem des Menschenhandels in Südafrika erklären lässt, beginnt er eine Spurensuche. Woher kommt dieser Diskurs über Menschenhandel? Die Suche nach der ursprünglichen Thematisierung von Menschenhandel im globalen Kontext führt in die USA.

Ronald Weitzer, Soziologieprofessor an der George Washington University in Washington, beschäftigt sich wissenschaftlich sowohl mir Prostitution als auch mit Menschenhandel. Er erläutert, dass in den ersten vier Jahren der Bush-Regierung mit insgesamt 400 Millionen Dollar ausländische NGOs gegen Menschenhandel unterstützt wurden und bis 2012 nationale und internationale NGOs insgesamt mit 1.115 Milliarden Dollar finanziert wurden. Diese Ausgaben hängen mit dem so genannten „Trafficking in Persons Report“ (kurz TIP Report) zusammen, der seit 2001 jährlich veröffentlicht wird und auf dem „Trafficking Victims Protection Act“ aus dem Jahr 2000 basiert. Weltweit werden Staaten, je nach Einschätzung des U.S. Departement of State, auf eine Rangliste (engl. „tier“) mit drei Plätzen gesetzt. Die Platzierungen, „tier 1“, „tier 2“ und „tier 3“, werden vergeben, je nachdem, ob die verschiedenen Staaten die in dem „Trafficking Victims Protection Act“ vorgegebenen Mindeststandards einhalten (hier sind sie aktuellen und ältere Platzierungen zu finden). Die Platzierung ab der Stufe 2 und schlechter haben Sanktionen zur Folge.

Südafrika wurde im Jahr 2004 auf die „tier 2 watch list“ gesetzt, was letztlich bedeutet, dass das Land aus Sicht des „Trafficking Persons Report“ nicht genügend Maßnahmen im Hinblick auf die vorgegebenen Mindeststandards ergreift. Kritisch merkt hierzu Chandre Gould, die sich u.a. mit Sexarbeit und Menschenhandel in Südafrika beschäftigt, an, dass die Einschätzungen der Staaten durch das U.S. Departement of State nicht auf unabhängig erhobene Daten zurückgreifen, sondern dass insbesondere Staaten auf der „tier 2 watch list“ sind, die mit der U.S. Regierung andere sicherheitsbezogene und politische Differenzen hat. Der TIP Report werde also als außenpolitisches Instrument eingesetzt.

Anhand eines Vergleichs der jährlichen Schätzungen der US-Regierung über die weltweiten Opfer von Menschenhandel wird aufgezeigt, wie wenig fundiert diese Zahlen sind, die fast willkürlich erscheinen: Im Jahr 2002 wurden 4 Millionen Opfer angegeben, 2003 wurde die Zahl der Opfer auf 850.000 bis 900.000 Opfer reduziert und 2004 sank die Zahl weiter auf 600.000 bis 800.000 Opfer. Auch das U.S. Government Accountability Office stufte in einem Bericht von 2006 die Schätzungen auf globaler Ebene aufgrund von methodischen Schwächen und Datenlücken als fragwürdig ein. Südafrika befand sich im Jahr 2010 auf der „tier 2 watch list“. Die Daten, auf deren Grundlage diese Einstufung erfolgt ist, bezogen sich auf zwei Studien, die auf direkten Erfahrungen von weniger als 35 Personen basierten.

Bei Menschenhandel handelt es sich, wie es diese Dokumentation zeigt, um ein nicht leicht zu durchschauendes Thema: Loren Landau von der University of the Witwatersrand in Johannesburg, der zu dem Diskurs des Menschenhandel forscht, verdeutlicht wie Gould auch, dass NGOs, die gegen Menschenhandel kämpfen und Aufklärungskampagnen durchführen – im Film werden Szenen dieser Kampagnen gezeigt – eigene finanzielle Interessen verfolgen. Die IOM, Landau und Gould kritisieren alle, dass aufgrund des Diskurses über Menschenhandels andere Probleme und Menschenrechtsverletzungen, wie ausbeuterische Arbeitsverhältnisse von Migrant_innen ebenso wie von Einheimischen oder häusliche und sexuelle Gewalt, in den Hintergrund rücken und somit verschiedene soziale Einrichtungen finanziell unter Druck geraten und nicht (mehr) finanziell gefördert werden.

Darüber hinaus, so Landau, erfüllt der Diskurs über Menschenhandel in Südafrika nicht nur den Zweck der Sensibilisierung der Bevölkerung und Unterstützung von Opfern von Menschenhandel, sondern leistet auch einer Abschottungspolitik Vorschub: Die mit dem Menschenhandel Diskurs einhergehenden Konsequenzen sind stärkere Grenzkontrollen und rigidere Einlasspolitiken für Migrant_innen. Solche Maßnahmen dienen letztlich jedoch nicht einer Kriminalitätssenkung, vielmehr entsteht laut Landau ein eigener Wirtschaftszweig, der wiederum zu einer erhöhten Korruption und zu mehr organisierter Kriminalität führt und bspw. ausbeuterische Verhältnisse bei Arbeitsmigrant_innen weiter verschleiert.

Die Wissenschaftler_innen, die in der Dokumentation zu Wort kommen, möchten Menschenhandel nicht verharmlosen oder gar abstreiten, dass es diesen gibt, vielmehr möchten sie aufzeigen, dass dieses Thema sehr emotional diskutiert wird und es zu einem Gegenstand einer internationalen moralischen Panik geworden ist – Weitzer spricht hier sogar von einem „moralischen Kreuzzug“ von Konservativen, „radikalen Feministinnen“, religiösen Organisaionen aber auch von Seiten der Linken. Diese moralische Panik hat massive Konsequenzen für Menschen, die sich in anderen Problemlagen befinden und für Organisationen, die diese Menschen unterstützen, da diese nicht mehr wahrgenommen und infolgedessen nicht mehr unterstützt werden.

Der Film schließt mit bedenklichen Zahlen ab: Die FIFA-Fußballweltmeisterschaft in Südafrika hatte 3.178.856 Besucher– die größte Besucherzahl in der Geschichte der WM überhaupt. Während des Turniers, das einen Monat lang stattfand, wurden in Südafrika 1380 Menschen ermordet, über 30.000 Menschen sind im Zusammenhang mit HIV/Aids gestorben, 152.470 Frauen wurden vergewaltigt – es gab jedoch keinen einzigen gemeldeten Vorfall von Menschenhandel.

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Zum Weiterlesen:

Weltmeisterschaft 2014: Über Mythen und Realität von Menschenhandel

Der Weg zu einem besseren Leben: Eine alternative Perspektive auf Menschenhandel (Gastbeitrag)

Kontrolle im Namen des Schutzes: Bekämpfung von Menschenhandel als Vorwand

Popular Claims vs. Evidence-Based Conclusions in Human Trafficking

The Social Construction of Sex Trafficking: Ideology and Institutionalization of a Moral Crusade

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