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Der Weg zu einem besseren Leben: Eine alternative Perspektive auf Menschenhandel (Gastbeitrag)

14/08/2013

Autor: Christian Groes-Green (Anthropologe und assistant professor an der Roskilde Universitet in Dänemark)

Mosambik zählt zum Hauptkorridor des Menschenhandels in die Rotlichtviertel Südafrikas. Dort träumen arme junge Frauen davon, in ein reiches Land zu ziehen, wo sie in der Lage sind, für sich und ihre Angehörigen zu sorgen. Maria, eine 21 Jahre junge Frau, erzählte mir: ‚Wenn ich nur nach Amerika oder Europa kommen könnte, würde meine Familie nicht mehr leiden, und ich konnte mich um sie kümmern.“ Als ich eine großangelegte ethnographische Studien unter jungen Frauen in der seit 2007 mosambikanischen Hauptstadt Maputo durchführte, begann ich zu verstehen, warum viele Frauen innerhalb der sexuellen Ökonomien Afrikas migrierten, um das Wohlergehen ihrer Familien sicherzustellen und warum einige von ihnen hoffen, letztendlich in einem westlichen Land zu landen, trotz der damit verbundenen Risiken (Adepujo 2003; Cole 2004; Hunter 2007). Der erste Schritt der Reise der jungen mosambikanischen Frauen führt in die Hauptstadt Maputo oder in südafrikanische Städte, wo sie durch transaktionalen Sex mit sogenannten „sugar-daddies“, als erotische Tänzerinnen in Sexclubs oder in Bordellen versuchen ein Einkommen zu erwirtschaften (Groes-Green 2011). Aber im Versuch nach Europa, den USA oder in die Finanzzentren Südafrikas zu kommen riskieren sie, in die Fänge von Schleusern oder Menschenhändlern zu geraten, die jeweils für den Transport unter sehr unsicheren Umständen sorgen oder sie in der Sexindustrie ausbeuten (UNESCO 2006).

Warum migrieren arme afrikanische Frauen nach Europa?

Wenn wir Menschenhandel verhindern wollen und der sexuellen Zwangsarbeit ein Ende setzen wollen, müssen wir zunächst verstehen, warum so viele Menschen in Afrika in die westliche Welt migrieren wollen und wie sie auf ihrer Reise anfällig für Menschenhandel und andere Formen des Missbrauchs werden. Natürlich kann es große regionale und lokale Unterschiede geben, wenn es um die Gründe für die Migration geht oder darum, inwieweit Migration in reichere Länder eine attraktive Option ist. Während meiner Forschungen in Mosambik ist mir klar geworden, dass es mindestens zwei wichtige Gründe für die Migrationsprozesse gibt, an  denen die betroffenen Frauen beteiligt sind, und dass beide nur selten von westlichen Regierungen und Medien diskutiert werden. Der erste Grund ist der allgemeine Zustand der Armut kombiniert mit Hunger, Unsicherheit und prekärer Gesundheit. Die Arbeitslosigkeit in Mosambik, und in der Tat, fast überall in Afrika, ist massiv, die Bevölkerung hat kaum Zugang zu medizinischer Versorgung und sozialer Unterstützung und Familien ringen mit Hunger, Unterernährung, Unsicherheit und HIV/AIDS. Unter diesen Umständen fühlen sich Töchter und Söhne oft dazu verpflichtet, und von ihren verarmten Familien werden sie dazu ermutigt, sich auf den riskanten Weg der Migration zu begeben, wo sie anfällig für Ausbeutung sind. Dies macht Armut zu einem wesentlichen Treiber des Menschenhandels durch die Schaffung einer dauerhafter Situation der Verzweiflung, in der einige Menschen bereit sind, unglaubliche Risiken in Kauf zu nehmen, um ihren Angehörigen zu helfen und in der wiederum andere versuchen, mit der Ausbeutung ihrer ungeschützten Situation Profite zu machen.

Das Bewusstsein für globale Ungleichheiten und die Rolle von Rücküberweisungen

Der zweite Grund, der mit dem ersten zusammenhängt, ist das zunehmende Bewusstsein der Menschen in einem Ort wie Mosambik über die Chancen und Reichtum in westlichen Ländern, die historisch afrikanischen Ländern geraubt wurden. Armen und arbeitslosen afrikanischen Migranten, die von Arbeitsplätzen, Geld und der finanziellen Unterstützung ihrer Familienangehörigen träumen, wissen wo sie hinreisen müssen, um diese Träume zu erfüllen, auch wenn die Realität nicht immer den Erwartungen entspricht. Neben der Migration nach Europa und Nordamerika, versuchen Migrantinnen in Afrika zunehmend ihr Glück in den Schwellenländern Brasilien, Russland, China, Indien und dem Nahen Osten. Ein zentrales Element in der globalen sexuellen Ökonomie sind die Rücküberweisungen, die Migrantinnen ihren Müttern, Vätern, Geschwistern oder Ehemännern durch finanzielle Transfersysteme nach Hause schicken. Rücküberweisungen von Migranten bilden den zweitgrößten Geldzufluss in afrikanische Ländern und übersteigen die die Höhe der geleisteten Entwicklungshilfe (IFAD 2009), und ein Teil dieses Geldes wird in der Sexindustrie oder durch sexuelle Beziehungen generiert (Luke Jahr 2010; Sassen 2002). Der hohe Wert der Rücküberweisungen, die Migrantinnen nach Hause zu ihren Angehörigen in Entwicklungsländern schicken zeigt, wie wichtig die Migration in die westliche Welt für den Lebensunterhalt der von Armut betroffenen Familien ist (Morrison et. Al. 2008).

Wer ist dafür verantwortlich und warum werden die Ursachen ignoriert?

Oft genug ignorieren Regierungen in den USA und Europa jedoch diese Ursachen in Kampagnen zur Bekämpfung des Menschenhandels. Darüber hinaus sind sie direkt verantwortlich für die Verschärfung globaler Ungleichheiten und für die Schaffung von Armut durch neoliberale Entwicklungsprogramme, auch als Strukturanpassungsprogramme bekannt. Eine Reihe von Wissenschaftlern argumentieren, dass die Strukturanpassungsprogramme des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank die Ungleichheiten zwischen reicher und armer Bevölkerung eher vertiefen als einen Beitrag zur Beseitigung der Armut in Afrika  zu leisten, indem sie Druck auf die Regierungen ausgeübt haben, die Marktwirtschaft einzuführen, nationale Unternehmen zu privatisieren und bei öffentlichen Ausgaben zu sparen (Hanlon 2003). Der Kampf gegen die Armut und globale Ungleichheit, die dem Prozess des Menschenhandels den Boden bereiten, erfordert eine gleichmäßigere Verteilung des globalen Reichtums, mehr direkte finanzielle Unterstützung für arme Familien und höhere lokale Sicherheit. Aber da ein solcher Ansatz als eine Bedrohung für die wirtschaftliche und politische Dominanz des Globalen Nordens gesehen wird, bleibt das Ziel von Anti-Menschenhandelskampagnen auf die Bekämpfung der lokalen kriminelle Netzwerke beschränkt, die Armut ausnutzen. Während dieser Kampf sicherlich wichtig ist, überschattet er die Tatsache, dass Länder und Organisationen im globalen Norden die Gesamtverantwortung für die Ursachen des weltweiten Menschenhandels tragen, vor allem durch zunehmende globale und lokale strukturelle Ungleichheiten durch neoliberale Reformen.

Die Verbindung zwischen Anti-Trafficking-Kampagnen und Anti-Einwanderungspolitik

Aktuell umgesetzte Kampagnen gegen Menschenhandel in den Ländern des Globalen Nordens laufen Gefahr, Migranten, die potenzielle Opfer von Menschenhandel sind, noch verletzlicher zu machen. Diese Regierungen verstärken nicht nur Grenzkontrollen, sie führen auch strengere Einwanderungsgesetze ein, um nationale Interessen zu schützen, und, so argumentieren sie, um Menschenhandel und Schmuggel zu verhindern. Doch anstatt dem Interesse von Migrantinnen aus Afrika und anderswo zu dienen, dienen Maßnahmen gegen den Menschenhandel als Ausrede für strengere Einwanderungspolitiken und Zwangsdeportation. Als Folge gibt es viele Fälle, in denen diese Kampagnen die Sicherheit von Migranten gefährden statt ihren sozialen Schutz und ihre Menschenrechte zu gewährleisten (Sharma 2005). So haben zum Beispiel die Mitglieder des dänischen Parlaments im vergangenen Jahr beschlossen, die Grenzüberwachung zu erhöhen, um Drogenschmuggel, kriminelle Banden und – nicht zuletzt – um den Menschenhandel zu bekämpfen. Obwohl dieser Gesetzesentwurf als humanitärer Vorstoß vorgestellt wurde, passt er auch sehr gut zur nationalistischen Agenda der politischen Parteien, die Migranten aus den Ländern des Globalen Südens vom Betreten des Landes abhalten wollen und er wird zum Instrument für die Erfassung, das Aufspüren und Abschiebung „illegaler“ Einwanderer. In den USA und der Europäischen Union werden Opfer von Menschenhandel fast immer zwangsweise zurück in ihre Heimatländer geschickt, obwohl die meisten identifizierten Opfer lieber in den USA oder der EU bleiben und arbeiten möchten (Adams 2003). Diese Zwangs-„Rückführung“ der Opfer wird mit dem Argument gerechtfertigt, dass solche Migranten in ihren Heimatländern besser aufgehoben und vor Ausbeutung sicher seien, wenn sie Hilfe bekämen, um richtig in die Gesellschaft integriert zu werden. Allerdings ist es unwahrscheinlich, dass Migranten bessere Chancen in ihren Herkunftsländern haben, die oft von Arbeitslosigkeit und Armut und sogar Instabilität zerrissen sind. In der Tat sind solche Anti-Menschenhandelspolitiken oft in nationalistischen Gefühlen verwurzelt und ignorieren die Herausforderung sicherzustellen, dass die Herkunftsländer der Migranten zu Orten werden, in denen arme Menschen einen besseren Zugang zu stabilen Arbeitsplätzen, Sicherheit und akzeptablen Einkommen haben.

Verschärfung der Grenzkontrollen und Einwanderungsgesetze gefährdet Migranten

Obwohl aktuelle Anti-Menschenhandels- und Anti-Sklaverei-Kampagnen in den USA und Europa auf schwere Menschenrechtsverletzungen reagieren, haben diese Kampagnen manchmal sehr negative Folgen für Migranten. Die Tatsache, dass Maßnahmen gegen den Menschenhandel gut gemeint sind, macht es nicht weniger wichtig, sich kritisch mit ihren verhängnisvollen Nebenwirkungen zu befassen. Die Forschung zeigt, wie arme, undokumentierte Migrantinnen zu Unrecht als Opfer von Menschenhandel identifiziert und zwangsweise zurück in ihre Herkunftsländer geschickt werden. Sie werden von NGOs und der Polizei davon überzeugt, die Sex-Industrie zu verlassen und in ein sogenanntes „safe house“ zu ziehen, wo sie manchmal gegen ihren Willen gehalten werden (Gallagher & Pearson 2010). Diese Tendenz ist zum Teil auf eine Vermischung von Migration mit Menschenhandel und auf eine pauschale Identifizierung von Migranten in der sexuellen Ökonomie als entweder Opfer oder Täter zurückzuführen (Doezema 2010). Aber wenn alle illegalen und undokumentierten grenzüberschreitenden Bewegungen als Zeichen des Menschenhandels gesehen werden, riskieren wir, alle Formen der Migration, vor allem Migration aus ärmeren Teilen der Welt in die westliche Hemisphäre, verdächtig zu machen (Andrijasevic Jahr 2010; Desyllas 2007). Außerdem kann die Einrichtung von Systemen zur Überwachung von Migranten einschließlich der Grenzkontrollen und die Stärkung der Strafverfolgung, Migranten in die Arme von kriminellen Banden zwingen und sie auf Reiserouten drängen, die unsicherer und potentiell tödlich sind. Der Grund dafür ist, dass je dichter die nationalen Grenzen des globalen Nordens werden, desto mehr sind Migranten auf Menschen angewiesen, die ihnen helfen, diese Grenzen zu überqueren, z.B. durch die Organisation von illegalem Transport und Menschenschmuggel. Die Geschichten von Tausenden von Migranten, die in den letzten Jahren im Mittelmeer ertrunken sind und die verzweifelt auf überfüllte „Schmuggelboote“ gestiegen sind, die sie von Nordafrika nach Europa bringen sollten, sind tragische Illustrationen und verhängnisvolles Ergebnis davon, dass sie nicht legal und sicher nach Europa einreisen durften.

Von der Bekämpfung sichtbarer Symptome zur Bekämpfung unsichtbarer Ursachen

Durch die Fokussierung allein auf die Verfolgung von Menschenhändlern und auf das Abriegeln nationaler Grenzen bekämpfen westliche Politiker heute die sichtbaren Symptome eines globalen disparaten Weltsystems. Vielleicht ist es Zeit, um die unsichtbare Ursachen von Menschenhandel und die sozialen Bedingungen, die sein Gedeihen erlauben, anzugehen. Um dies effektiv zu tun, müssen Politiker mehr Aufmerksamkeit auf Armut, soziale Ungleichheit und Arbeitslosigkeit in den armen Regionen der Welt richten und sich den nicht-intendierten sozialen und tödlichen Folgen undurchdringlicher Grenzen im globalen Norden stellen. Es ist unwahrscheinlich, dass Polizeiarbeit und Grenzkontrollen sicherstellen werden, dass Migranten in einer sichereren oder gerechteren Welt leben. Sich lediglich auf kriminelle Aspekte von Migration und sexueller Arbeit zu konzentrieren, ohne die strukturellen Ursachen anzugehen, wird Töchtern armer afrikanischen Familien keinen Zugang zu alternativen Möglichkeiten der Existenzsicherung, keine Sicherheit auf der Straße und keine Freiheit von sexueller Zwangsarbeit bringen. Es ist Zeit, die globalen Strukturen, die Menschenhandel befördern, und die Politiken, die daran scheitern, Menschenhandel zu verhindern, anzugehen. Es ist Zeit, Migranten und anderen potenziellen Opfern dauerhafte Sicherheit und die grundlegenden Menschenrechte zu gewährleisten, während sie sich in einer Welt sozialer Ungleichheiten bewegen. Der Kampf für die Sicherheit (safety) und Rechte von Migranten bedeutet, dass wir anfangen zu verstehen, warum sie migrieren, wie sie verletzlich werden. Bei der Entwicklung von Maßnahmen gegen den Menschenhandel müssen Regierungen die Perspektiven von Wanderarbeitnehmern und Betroffenen von Menschenhandel mit berücksichtigen. Auf Migrantenorganisationen zu hören und sich auf die Rechte und den Schutz von Arbeitsmigranten zu konzentrieren, ist der erste Schritt in diese Richtung.

Literatur:

Adepoju, A 2003, ‘Migration in West Africa’, Development, vol. 46, no. 3, pp. 37-41. (PDF)

Andrijasevic, R 2010, Migration, Agency and Citizenship in Sex Trafficking, Palgrave Macmillan, New York. (Vorschau auf amazon.de)

Cole, J 2004, ‘Fresh Contact in Tamatave, Madagascar: Sex, Money and Intergenerational Transformation’, American Ethnologist, vol. 31, no. 4, pp. 573-88. (Quelle)

Doezema, J 2010, Sex Slaves and Discourse Masters: The Construction of Trafficking, Zed Books, London. (Quelle)

Desyllas, CM 2007, ‘Critique of the Global Trafficking Discourse and U.S. Policy’, Journal of Sociology and Social Welfare, vol. 34, no. 4, pp. 57-79. (PDF)

Groes-Green, C 2011, ‘The Bling Scandal: Transforming Young Femininities in Mozambique’, Young, vol. 19, no. 3, pp. 291-312. (Quelle)

Hanlon, J 2003, Peace without Profit: How the IMF Blocks Rebuilding in Mozambique, James Currey, Oxford, UK. (Rezension)

Hunter, M 2007, ‘The Changing Political Economy of Sex in South Africa: The Significance of Unemployment and Inequalities to the Scale of the AIDS Pandemic’, Social Science and Medicine vol. 64, no. 3, pp. 689-700. (PDF)

IFAD 2009, Sending Money Home to Africa: Remittance Markets, Enabling Environments and Prospects, IFAD, Rome. (PDF)

Luke, N 2010, ‘Migrants’ Competing Commitments: Sexual Partners in Urban Africa and Remittances to the Rural Origin’, American Journal of Sociology, vol. 115, no. 5, pp. 1435-79. (PDF)

Morrison, AR, Schiff M & Sjöblom M 2008, The International Migration of Women, Palgrave Macmillan, New York. (Google Books)

Sassen, S 2002, ‘Global Cities and Survival Circuits’ Global Woman: Nannies, Maids and Sex Workers in the New Economy, ed B Ehrenreich & AR Hochschild, Henry Holt, New York, pp. 254-274. (Google Books)

Sharma, N 2005, ‘Anti-Trafficking Rhetoric and the Making of a Global Apartheid’, Feminist Formations vol. 17, no. 3, pp. 88-111.(Datei)

UNESCO 2006, Human Trafficking in Mozambique: Root Causes and Recommendations, UNESCO, Paris. (PDF)

Urprünglich veröffentlicht auf videnskab.dk, am 11. April 2013.

Anmerkungen zu Übersetzung:
„sexuelle Ökonomien“ heißt im Original  „sexual economies“

„Zwangssexarbeit“ bzw. „sexuelle zwangsarbeit“ heißt im Original „bonded sexual labour“.

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