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Populistische Doku: „Verkauft, verschleppt, missbraucht – Vom Kampf gegen den Menschenhandel“

22/09/2014

Die Doku „Verkauft, verschleppt, missbraucht – Vom Kampf gegen den Menschenhandel“ wurde am 21. September noch mal gesendet. Auch dieses Mal bin ich davon überzeugt, dass es sich um eine unsachliche und populistische PR-Kampagne gegen Prostitution handelt. Gezeigt werden mehrere Schicksale von Betroffenen von Menschenhandel, aber auch Fälle von sexueller Gewalt gegen Kinder, die mit „Prostitution“ gleichgesetzt werden und somit verharmlost werden.

Die Schicksale der Frauen werden selten kontextualisiert. Die Beschreibungen, die letztendlich gesendet werden, sind Beschreibungen von Gewalt, die ihnen Täter angetan haben. Von strukturellen Faktoren ist keine Rede. Informationen über die Gesetzeslage finden sich kaum – bis auf die ständigen Verweise, dass das Prostitutionsgesetz (drei mickrige Paragraphen) an allem Schuld sind. Eine populistische monokausale und, mit Verlaub, auch einfach falsche Erklärung wird genutzt, um aus einer Doku über Menschenhandel eine Doku gegen Prostitution und Sexarbeit zu machen. Mit allen verqueren und unsachlichen Vermischungen, die damit einhergehen.

In einen Topf geworfen wird hier vieles: Prostitution, migrantische Sexarbeit, sexuelle Gewalt gegen Kinder, Vergewaltigung von Kindern, Menschenhandel, Zuhälterei, Migration rumänischer Frauen nach Deutschland, Ausbeutung rumänischer Frauen in Deutschland. All das scheint für die Autoren der Doku das gleiche zu sein. Gerechtfertigt scheint diese oberflächliche und populistische Gleichsetzung durch das gemeinsame Ziel all derjeniger die zu Wort kommen: Der Kampf gegen die legale Prostitution. Mit einer Ausnahme. Die Betroffenen von Menschenhandel erhalten außerhalb der graphischen Beschreibung ihrer Ausbeutung keine Stimme. Und Sexarbeiter*innen sowieso nicht. Die Deutungsmacht liegt bei den Autoren, den Anti-Prostitutions-Therapeuten. Ja, gar bei einem Zuhälter und Menschenhändler.

Die Macher der Doku haben den Blick der Menschenhändler dermaßen internalisiert, dass sie selber die Betroffenen von Ausbeutung sowie Sexarbeiter*innen (die erst gar nicht vorkommen) nicht nur als „Ware“ sehen und beschreiben sondern auch als „Ware“ behandeln. Denn in der Doku dürfen sie nicht sprechen. Die Deutungsmacht über ihr Leben, ihre Erfahrungen obliegt den angeblichen Expert*innen, auch wenn diese deutlich zeigen, dass sie kein bißchen Respekt für Sexarbeiter*innen übrig haben. Die Experten haben auch kein Wort über Menschenhandel verloren zumindest kein sachliches Wort, das die Debatte weiterbringt. Sie verteufeln alleine die Prostitution. Die Doku ist ein gutes Beispiel für populistischen Anti-Prostitutions-Journalismus.

Und damit klar wird, warum ich das sage, habe ich im Detail aufgeschrieben, was an dieser Doku alles problematisch ist.

Eigentlich soll es um Menschenhandel gehen. Doch die Sendung fängt mit Prostitution an: Gezeigt wird eine Frau auf dem Straßenstrich. Suggeriert wird, sie sei von Menschenhandel betroffen – es ist schließlich eine Sendung zum Menschenhandel. Eingenommen und reproduziert wird ab dem ersten Bild der Blick der Käufer. Die „Hure“ kann (und wird auch weiterhin) nicht sprechen.

Weitergeht es mit einem Kommentar vom Therapeuten namens Besser darüber, wie angeblich das Prostitutionsgesetz und die Entkriminalisierung der Prostitution (die aber leider nie passiert und schon gar nicht umgesetzt wurde) Deutschland zum „Bordell Europas“ gemacht habe. Schämen sollte man sich darüber, sagt Herr Besser. Das ist moralischer Empörung gekoppelt an falschen Aussagen über das Prostitutionsgesetz. Vielleicht hätte man hier eine*n Juristin/Juristen interviewen können? Oder wäre das zu sachlich gewesen?

Es folgt eine Szene, in der eine Frau spricht, die als 12-jähriges Mädchen kommerziell sexuell missbraucht wurde. Die Sendung suggeriert durch den direkten Übergang vom Prostitutionsgesetz zu ihrer Erzählung, dass auch das (die sexuelle Ausbrutung von Kindern) „Prostitution“ oder „Sexarbeit“ sei. Damit verharmlosen sie das, was eigentlich Vergewaltigung von Kindern ist. Damit vermischen sie das, was nicht zu vermischen ist. Das Prostitutionsgesetz hat übrigens keine Auswirkungen auf die Kriminalisierung sexueller Ausbeutung von Kindern oder auf ihr Vorkommen.

Es geht weiter mit einer Psychotherapeutin, die Aussagen über die Gewinne des Menschenhandels macht. Viel mehr könne man damit verdienen als mit Waffen. Egal woher sie die Daten hat, egal ob die inzwischen unkritisch und floskelhaften Daten stimmen oder nicht, egal ob sie die geeignete „Expertin“ ist, um über Gewinne Aussagen zu machen. Egal – zumindest für den BR und die Autor*innen dieser Doku.

Zurück ins Bild kommt auch Herr Besser. Er betont, dass es sich hier um Fragen der Ethik handele. Er spricht gar von einer „Eiszeit der Ethik“. Was ist hier eine Frage der „Ethik“ frage ich mich? Die Verharmlosung von sexueller Gewalt gegen Kinder, die implizit „Prostitution“ genannt wird? Das Vermischen von Sexarbeit und Menschenhandel? Die monokausale Erklärung alles Übels mit Verweis auf drei mickrige Paragraphen des Prostitutionsgesetzes? Nein, das sind leider nicht die ethischen Fragen, die der Herr im Kopf hat.

Die Doku fängt an. Gezeigt wird Bukarest. Gesagt wird: „Über diese Straßen werden Menschen wie Handelsware transportiert“. Skandalisiert wird hier die Migration, meist die freiwillige, gewollte Migration von Männern und Frauen nach Westeuropa. Die Sprache der Dokumentation übernimmt eine entmenschlichende Sprache, in der Migrant*innen sowie Betroffene von Menschenhandel tatsächlich zur „Ware“ verkommen. Die einzige Stimme die sie haben dürfen, ist jene, womit sie von ihrer erlebten Gewalt erzählen. Sie werden zur Ware, zum Versatzstück für eine pseudopornographische Erzählung, in der Gewalt gegen Frauen immer auch erotisiert wird. Denn schließlich, vergessen wir es nicht, fängt die ganze Sendung mit der Suggestion an, sexuelle Gewalt an Kindern sei Prostitution und die Tatsache, dass sie stattfindet, habe etwas mit den drei mickrigen Paragraphen des Prostitutionsgesetze zu tun.

Es geht weiter. Wieder das erste Bild mit der Prostituierten auf dem Straßenstrich. Referiert wird über die Arbeit einer rumänischen AIDS-Hilfe, die Drogenabhängige und Prostituierte versorgt. Sie teilen Kondome aus (anders als so manche christliche Beratungsstelle in Deutschland).

„Arme Familien drängen ihre minderjährigen Töchter ins Rotlichtmilieu“, sagt die Stimme. Weiter: „Um überleben zu können, opfern sie ihre Kinder dem Überleben ihrer Familie“. Der Sozialarbeiter der Aids-Hilfe erzählt weiter, dass „die Würde der Mädchen mit Füßen getreten wird“ und dass sich die Gesellschaft für die Mädchen nicht interessiere. Er weist daraufhin, dass sich auch die Polizei und die Regierung nicht um sie kümmere. „Würde“ – ein Begriff mit dem in der Doku so fahrlässig und oberflächlich umgegangen wird, dass es tatsächlich menschenunwürdig ist. Alles nur mit dem Ziel, Sexarbeit zu verteufeln und ohne dabei ein einziges sachliches Wort über Menschenhandel und seine Bekämpfung zu sagen.

Noch mehr: Hier verpasst es die Doku, auf wesentliche strukturelle Aspekte der Situation in Rumänien einzugehen: Auf  die strukturelle Diskriminierung der Roma, auf die Kriminalisierung von Sexarbeiter*innen, die u. a. auch oft Gewalt durch die Polizei erfahren. Doch das passt nicht zum Genre „Doku über Menschenhandel“, denn in diesen Dokus gibt es immer eindeutige Täter, die den „Mädchen“ (nie werden sie als Frauen beschrieben, obwohl die Bilder alle erwachsene Frauen zeigen“) etwas antun. Über die komplexen und schwierigen Überlebensstrategien dieser Frauen fällt kein Wort. Auch die Doku behandelt sie wie Ware. Auch die Doku nimmt den Blick der Menschenhändler ein, sie reproduziert ihn.

Weiter geht es mit der Ansage, dass alle Frauen, die dort auf der Straße stehen „schon morgen“ in Deutschland sein könnten. Gezielt wird hier mit der fremdenfeindlichen Angst vor der rumänischen Einwanderung gespielt. Gezielt wird etwas als Straftat dargestellt, was in Europa längst normal und legal ist: Migration.

Diese Ansagen und die Story entbehrt allerdings jeglicher Logik. Die Distanzen zwischen Deutschland und Europa sind eben nun mal nicht so groß und natürlich – das ist ja das Ziel der EU-Freizügigkeit – können rumänische Staatsbürger*innen von heute auf morgen nach Deutschland kommen. Sie werden nicht verkauft, sie werden auch nicht wie „Handelsware“ transportiert. Sie benutzen ganz normale Transportmittel und ganz normale Infastruktur, wie wir alle auch, um von A nach B zu reisen. Aber wenn eine Frau aus Rumänien kommt und nach Deutschland kommt und dort Sex verkauft, dann muss man auch ganz normale Transportmittel plötzlich skandalisieren.

Schnitt. Und plötzlich befinden wir uns an der bayerischen Grenze. Im Bild sind bayerische Steuerfahnder zu sehen, die nach „illegalen Einwanderern“ suchen.

„Illegale Einwanderer“? Wann haben die Autoren der Doku verpasst, dass rumänische Migrant*innen seit Öffnung der Grenzen gar nicht illegal einwandern können? Ihre Einreise ist und kann (bis auf sehr wenige Ausnahmen) nicht illegal sein. Somit verstehe ich nicht, was die Autoren der Doku beabsichtigen, wenn sie hier plötzlich Zollbeamte einblenden. Wissen die Autoren der Doku etwa nicht, dass „illegale Migration“ eine Straftat ist, die die Frauen, die in der Doku unbedingt als Opfer dargestellt werden müssen, nicht schützt? Wissen die Autoren nicht, dass „illegale Einwanderung“ – falls es denn tatsächlich eine wäre, mit Abschiebehaft, einem Einreiseverbot und einer tatsächlichen Abschiebung bestraft wird? Strafen, die die „Ware“ Frau wieder zur Ware machen, zur Ware, mit der der Staat spielt? Oder wünschen sich die Autoren der Doku etwa genau das? Die Abschiebung dieser „arme nMädchen“, die doch bitte nicht in Deutschlands Bordellen arbeiten sollen, weil es in Rumänien doch so viel besser ist?!

Es geht weiter: Es wird die Polizeikontrolle gefilmt. Ein Auto mit rumänischem Kennzeichen wird ganz zufällig rausgefischt. Die Insassen, darunter auch eine Frau, sagen sie wollen Freunde besuchen. Doch die Polizei glaubt das nicht. Und die Autoren der Doku auch nicht. Wozu denn auch. Rumän*innen glaubt man nicht.

Doch die Frau, die mit im Auto sitzt, gibt vor nicht laufender Kamera angeblich zu, sie arbeite seit zwei Jahren in einem Bordell. Da hakt gleich die männliche, paternalistische Kommentarstimme ein und fragt „Tut sie das freiwillig?“  Der Kommentator und die Autor*innen wissen es ja besser. Auch die Polizei ist fest davon überzeugt, dass sie alle unfreiwillig nach Deutschland kommen und nur deshalb nichts sagen, weil sie „Angst“ haben. Dass man „Menschenhandel“, der immer auch Ausbeutung beinhaltet, nicht an der Grenze und bei einer Grenzkontrolle feststellen kann, wissen die Autoren der Doku offensichtlich auch nicht. Dass rumänische Sexarbeiter*innen nicht alle willenlose Objekte sind sondern Subjekte mit Absichten und Entscheidungen, die sie getroffen haben, erscheint den Autoren wohl undenkbar. Sie vermischen hier nicht nur migrantische Sexarbeit mit Menschenhandel sondern auch Migration, bzw. „illegale Migration“. Unsauber recherchiert. Populistisch.

Die Unterstellung der Angst wird zur idealen Bevormundungsstrategie. Sagt eine (rumänische) Sexarbeiter*in nicht, was man will, dann sagt man das halt selber. Man stülpt ihr gewaltvoll eine Geschichte, Gefühle und Aussagen über. Man klaut ihr ihre Stimme. Sie gilt außerdem grundsätzlich als unglaubwürdig. Die Polizei, die deutschen Experten hingegen, sie wissen alles, ihnen wird blindes Vertrauen geschenkt. Das ist alles nicht nur ein kleinwenig rassistisch und sexistisch.

Die Polizei darf weiter reden. Der Freund muss natürlich der „Aufpasser“ sein. Traurig und enttäuscht erscheint die Polizei und die Stimme des Kommentatoren, dass hier nichts „illegal“ sei. Enttäuscht, dass es eine Person weniger gibt, die wohl nicht zur Sexarbeit gezwungen wird? Das ist doch eine traurige Ironie der Anti-Menschenhandelspanik: Man beschwert sich über die „freiwillige“ Sexarbeit, anstatt über die Zwangsprostitution, die inzwischen fast schon erwünschter zu sein scheint, weil sie besser in die eigene Anti-Prostitutionsagenda passt. Oder wie sonst soll man das deuten?

Wieder wird die Straßenprostituierte vom Anfang eingeblendet. Die Stimme der Psychotherapeutin Michaela Huber wird wieder eingeblendet. Sie spricht von Sklaverei: „Es ist einfach ein moderner Sklavenhandel. Es gab noch nie, noch nie so viele Sklaven wie heute“. Weiter: „Es werden Ströme von Menschen transferiert, die verkauft werden zum Gebrauch“ und da sich die Strafverfolgungsbehörden dafür nicht interessierten, „sei dem organisierten kriminellen Geschäft Tür und Tor geöffnet.“

Der Übergang ist beeindruckend: Von der rumänischen Prostitutionsmigrantin zur Sklaverei. Es geht also darum, bei den Zuschauer*innen den Eindruck zu hinterlassen, dass Sexarbeit von rumänischen Frauen grundsätzlich unfreiwillig sei (auch wenn die Frauen selber das nicht so sehen und die Polizei alles als legal eingestuft hat). Es soll dennoch und entgegen der faktischen Lage der Eindruck entstehen, es sei Sklaverei. Obwohl wir bisher kein einziges Anzeichen von Sklaverei gesehen haben.

Weitergeht es mit der rumänischen Bianca, die als 18-jährige durch einen Polizisten an ein Luxusbordell in Bayern verkauft wurde. Sie erzählt von unsäglichen Arbeitsbedingungen: Arbeit bei Krankheit, Arbeit bis zu 15 Stunden pro Tag und bis zu 20 Kunden pro Tag. Auch das Geld musste sie abgeben. Es ist einer der typischen Fälle von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung.

Weiter geht es nicht mit einer Vertiefung der rechtlichen und sonstigen Umstände, die diese Erfahrung prägen. Nein. Weiter geht es mit den Schätzungen der Vereinten Nationen: 500.000 Frauen würden jährlich in Europa ausgebeutet. Kritisch hinterfragt werden Schätzungen nicht. Sie gelten als Wahrheit. Die unbequeme Antwort, welche Gesetze in anderen Ländern dafür verantwortlich sind, wird nicht gestellt. Dass das deutsche ProstG nur in Deutschland gilt und nicht den weltweiten und europäischen Menschenhandel erklärt, scheint irrelevant zu sein. Schließlich hat die Doku nur ein Ziel: Das ProstG zu verteufeln.

Diese Zahlen nutzen die Autoren, um den Psychotherapeuten Lutz Besser wieder zu Wort kommen zu lassen. Er ist sich ganz sicher, dass Prostitution keine Dienstleistung ist und dass es „bagatellisierend“ ist, das Dienstleistung zu nennen. Sicher ist er sich auch, dass die meisten Frauen „unter Druck und Zwang diesem Gewerbe nachgehen“. Besser betont, dass es hier, in diesem „System der Prostitution“ darum geht, dass Frauen „systematisch benutzt, erniedrigt und zum Objekt degradiert werden“. Und deshalb ginge es bei der Sexarbeit auch nicht um irgendeine sexuelle Selbstbestimmung. Ob der Psychotherapeut schon auch mal mit Frauen gesprochen hat, die seine Dienstleistungen nicht in Anspruch nehmen, weil es ihnen gut geht? Oder glaubt der Herr Psychotherapeut, dass seine Erfahrung für alle Sexarbeiter*innen repräsentativ sei? Genauso wie die Erfahrung eines Arztes bzw. einer Ärztin mit Patienten repräsentativ für die ganze Gesellschaft ist?!

Anstatt hier sauber zu differenzieren und Respekt für die unterschiedlichsten Erfahrungen von Sexarbeiter*innen zu zeigen, redet Herr Besser über ihre Köpfe hinweg, verallgemeinert ihre Erfahrungen. Er schmeißt sie, wie eine „Ware“ in einen Topf. Er weiß es – haha – besser. Und die Autor*innen hatten natürlich keine Lust auch Sexarbeiter*innen über ihre Erfahrungen sprechen zu lassen.

Und übrigens: Herr Besser sprich hier nicht von Menschenhandel. Er redet über Prostitution. Schon wieder wird hier der Vermischung zwischen Sexarbeit und Menschenhandel Vorschub geleistet. Denn der Bayerische Rundfunk muss ja auch dafür sorgen, dass die Bayerischen Vorschläge für das neue Prostitutionsgesetz bundesweite Reichweite erzielen. Das ist politischer, populistischer Journalismus.

Aber machen wir weiter. Herr Besser redet ja auch weiter (wir sind erst bei Minute 10). Er weiß z.B. besser, dass Prostitution ein „überwiegend kriminell organisiertes Milieu“ ist. Aha. Und woher weiß er – der Therapeut – das? Von den vielen Tatorten und Fernsehserien aus den USA? Und warum hinterfragen die Autoren solche einfältigen Aussagen nicht? Und warum müssen wir Steuerzahler*innen einen derart schlechten Journalismus zahlen?

Denn dass diese Doku eine Anti-Prostitutions- und Anti-Prostituierten-Sendung unter dem Deckmantel der „Anti-Menschenhandels-Doku“ ist, wird mit den weiteren Aussagen von Frau Huber deutlich. Denn sie weiß es: „Prostitution ist kein Beruf wie jeder andere“. Banaler hätte man es nicht sagen können. Was dann folgt, kann Frau Huber eigentlich nicht wissen, außer sie hat selber als Prostituierte gearbeitet: „Prostitution ist ein ganz schreckliches Gewerbe“. Mit diesem Satz sollen die Emotionen bei den Zuschauer*innen angeregt werden. Das letzte Stück Verstand soll ausgeschaltet werden.

Prostitution sei ausbeuterisch, quälend, demütigend. Auch wenn das eine Sendung über Menschenhandel ist, ist die Prostitution allgemein das Problem. Und weil die Prostitution allgemein das Problem ist, hat man auch keine Prostituierten und Sexarbeiter*innen befragt sondern nur solche Leute, von denen man weiß, dass sie gegen Prostitution sind. Man fragt sich auch, warum die beiden „Experten“ hier kaum ein Wort über Menschenhandel verlieren. Ist der Menschenhandel nicht „ausbeuterisch, quälend, demütigend“? Oder wie ist das alles zu interpretieren?

Der paternalistische Bevormundungsduktus von Frau Huber erreicht den Höhepunkt, wenn sie erzählt, wie viele Prostituierte tatsächlich Jahre lang aushalten (ganz zu schweigen von denen, die sie nie treffen wird, weil es ihnen gut geht). Aber auch dieses bisschen „Agency“ und Kontrolle über sich und das eigene Leben gesteht Frau Huber den Prostituierten nicht zu. Denn es wäre ja so schwer ihre „Würde“ zu behalten. Schon wieder wird die „Würde“ instrumentalisiert im Kampf gegen Sexarbeit. Und damit meint Frau Huber wohl eher weniger den rechtlichen Würdebegriff, sondern das Schamgefühl, das sie selber verletzt sieht. (Frau Huber spricht wohlgemerkt nie über Menschenhandel und darüber wie entwürdigend die Ausbeutung des Menschenhandels ist, obwohl das eine Sendung über Menschenhandel ist. Frau Huber spricht alleine über Prostitution, die sie als Sklaverei bezeichnet.)

Und es geht weiter mit der Anti-Prostitutions-Propaganda. Es gäbe ja so ein „romantisches“ Bild von Prostitution. Ich wüsste echt mal gerne, wer dieses Bild heute noch vertritt. Wir wissen doch schon alle längst, dass Sexarbeit ein harter Job ist, dass sich die Lebenslagen der Prostituierten immer stark unterscheiden und dass – natürlich – diese romantischen Vorstellungen nicht zutreffen. Man hätte ja auch mal Sexarbeiter*innen respektvoll auf Augenhöhe begegnen können und mit ihnen ein würdevolles Gespräch führen können. Aber nein, das kann der Herr Interviewer nicht. Auf Augenhöhe – das würde ja bedeuten, dass man sie ernst nehmen kann, dass sie plötzlich keine „Ware“ mehr sind. Dass sie Menschen sind, wie wir alle auch. Doch damit würde der Blick des Menschenhändlers zerstört werden. Und das darf in einer Doku gegen Prostitution nicht geschehen.

Aber gut. Die Doku ist dazu da, Sexarbeiter*innen und Betroffene von Ausbeutung und Menschenhandel gegeneinander auszuspielen. Deshalb muss auch wieder diese unwissenschaftliche Prozentzahl gesendet werden, die u. a. von Frau Schwarzer & Co. ohne jegliche empirische Basis in Umlauf gebracht wurde, es seien ja nur 10%, die das freiwillig machen.

Diese 10%, die wohl nur Studentinnen und Hausfrauen sind, parodiert Frau Huber auf respektlose und in absolut degradierender Art und Weise und im hämischen Ton: „Oh, es ist ja soo aufregend, dass ich mich prostituieren kann.“

 Ja, Frau Huber. Wer so über andere Menschen, insbesondere über Sexarbeiter*innen spricht und sich über Sklaverei aufregt, ist nicht wirklich glaubwürdig. Gerade Sie als Psychotherapeutin sollten doch Respekt zeigen können. Diese Parodie ist unprofessionell, respektlos. Dass der BR gerade das gesendet ist, ist ein Zeichen des zunehmenden Hurenhasses und der gewünschten Stigmatisierung und Ausgrenzung von Sexarbeiter*innen. Volksverhetzung, könnte man schon fast sagen. Und wir sind immer noch bei Minute 10.

Zurück nach Rumänien.

Die Rede ist plötzlich von „Menschenschmuggel“, obwohl der Begriff für Rumänien keinen Sinn macht. Als EU-Land herrscht Freizügigkeit. Niemand muss geschmuggelt werden. Und schon gar nicht nach 2014. Alle EU-Bürger*innen können frei und selbstbändig Grenzen überqueren. Aber gut. Falsche Fakten lassen sich besser verkaufen.

Es folgt eine Geschichte von Zuhälterei und Ausbeutung. Eine echte Geschichte über Entführung und sexuelle Ausbeutung. In Rumänien. Wo – und das wird nicht gesagt – Prostitution verboten ist. Durch eine Razzia wird die junge Frau gefunden. Ein Glück, denn dort wo Prostitution unsichtbar ist, ist auch Ausbeutung nicht so einfach zu finden. Aber das wird nicht gesagt, denn Verbote von Prostitution sollen ja nicht kritisiert werden.

Weiter geht es zur rumänischen Stiftung „Junge Generation“, wo ehemalige Betroffene von Menschenhandel wohnen können. Aber so sachlich sagt das die Stimme nicht. Es muss immer noch im pornographischen Duktus dazu gesagt werden, wie grausam die Frauen gequält wurden.

„Warum blüht der Menschenhandel in Rumänien?“, wird gefragt.

Die Sozialarbeiterin von „Junge Generation“ erklärt es: Armut, Alkoholsucht, fehlende Bildung bei den Familien. „Ich rede von Menschen, die nicht den Wunsch haben, dass sich ihr Leben verbessert“, sagt sie weiter…… Ich bin verblüfft. Was geht hier gerade ab? Victim blaming? Warum sind hier plötzlich die Familien Schuld und nicht mehr die Zuhälter? Was hat bitte die Armut mit den Entführern der Frau von vorhin zu tun? Die Doku wird immer unlogischer. Unsachlicher. Fremdenfeindlich. Denn das Problem liegt wohl beim Leben der Rumän*innen.

Es geht weiter in ein rumänisches Gefängnis.  Interviewt werden zwei Zuhälter, wovon einer neuerdings in ziemlich allen deutschen Dokus über Menschenhandel zu sehen ist. Ein neuer Star, sozusagen. Sogar „Zuhälter“ wird als Beruf beschrieben. Sogar er wird interviewt und gehört, während Prostituierte es sich gefallen lassen müssen, entmündigt zu werden, während man ihnen abspricht, Sexarbeit sei ein Beruf?

Der Zuhälter. Sein Blick ist wichtig. Er wird immer wieder gefilmt, reproduziert gesendet. Er – der einzige Zuhälter, der sich interviewen lässt – wird als repräsentativ für alle Akteure in der Prostitutionsbranche dargestellt. Warum darf ein Mann, der Frauen misshandelt hat, Sendezeit erhalten, nicht aber Stimmen, die Sexarbeit differenziert sehen? Der Blick des Zuhälters ist für den BR wohl wichtiger.

Frau Huber darf wieder sprechen. Sie erzählt über die Ausbeutung und Folter der Betroffenen von Ausbeutung und Menschenhandel. Endlich geht es mal nicht um Prostitution. Aber die Doku geht nicht weiter. Es bleibt bei der pornographischen und graphisch expliziten Beschreibung von Gewalt. Das wird weder kommentiert noch in der Rechtslage eingebettet. Es wird so getan, als sei das alles durch das Prostitutionsgesetz legal. Was es nicht ist. Populismus.

Zahlen, jetzt kommen die Zahlen. Die Rede ist von 200.000 Prostituierten – keine Ahnung woher die Zahl stammt. Zitiert werden ominöse Experten, die behaupten, dass 80% der Prostituierten Zwangsprostituierte sind. Keine Ahnung, wen der BR da als Experte zählt, aber es gibt keine empirischen Daten, die das Belegen. Somit ist auch das alles schlicht und ergreifend eine populistische Lüge.

Wieder wird Prostitution mit Menschenhandel vermischt. Jetzt geht es um Bordelle. Um die Rekrutierung neuer Sexarbeiter*innen. Ops, Entschuldigung, nicht Sexarbeiter*innen sondern „frische Ware“. Denn vergessen wir es nicht. Die Doku blickt aus der Brille der Menschenhändler auf Sexarbeiter*innen.

Und wieder kommt Frau Huber, die „die Wahrheit“ über Prostitution erzählt. Man müsse sich ja „penetrieren“ lassen und deshalb sei alles so schlimm. „Das muss man üben, sonst kann man das nicht“, sagt Huber leicht schmunzelnd.

Ja, Frau Huber, wie bei jedem anderen Job aus, muss man sich Fertigkeiten, Techniken und andere Fähigkeiten aneignen, um einen Job gut machen zu können. Wo liegt das Problem? So lange kein Zwang da ist, ist auch Ihre pornographische Darstellung von „Körperöffnungen“ (übrigens: wieder so eine Entmenschlichung von Sexarbeiter*innen) kein Argument.

Man müsse auch lernen sich selbst wegzumachen, erzählt Frau Huber weiter. Dabei nimmt sie stillschweigend (und leider fälschlicherweise) an, dass man in anderen Jobs als Person immer auch anwesend ist. Müssen Sie, Frau Huber, nicht auch üben, sich von ihren schwer traumatisierten Patienten zu distanzieren? Oder können Sie bei jedem Therapiegespräch Ihre persönliche Person immer mit einfließen lassen? Das glaube ich kaum. Das wäre unprofessionell.

Auch Therapeuten müssen sich abspalten beim Job. Die meisten Therapeuten sind ja auch selbst in Therapie. Oh Schreck! Müssten wir dann auch Ihren Job, der übrigens nicht weniger intim ist, als Sex, verbieten? Machen Sie als Therapeutin nicht auch die intimsten Erfahrungen eines Menschen zur „Ware“, indem Sie Geld nehmen, um sich das anzuhören? Wäre es nicht viel schöner, wenn wir alle ausschließlich mit unseren Freunden über unsere Probleme reden könnten? Warum bezahlen wir jemand, um unseren tiefsten und intimsten Sorgen zuzuhören, obwohl diese Person uns gar nicht zuhören will? Würden Sie als Therapeutin auch kostenlos therapieren? Wenn nicht: Was unterscheidet Sie dann noch von einer Sexarbeiterin? Sie sprechen ja auch von der Verachtung vieler Prostituierter ihren Kunden gegenüber. Wie sieht es bei Ihnen aus? Achten Sie ihre Sexarbeiter-Patient*innen?

Herr Besser kommt zurück und betont wieder, wie nicht-ok er es findet, von Sexarbeit (uh, das Wort nutzt er ja gar nicht), eh, von Prostitution als „Dienstleistung“ zu sprechen. Herr Besser hat bisher noch kein Wort über Menschenhandel verloren. Er ist dazu da, als „Experte“ Stimmung gegen Prostitution zu machen.

Nächster Fall: Ein Fall von Menschenhandel – eine Frau wurde über die Arbeit getäuscht. Sie sollte in Wahrheit nicht als Prostituierte arbeiten wurde aber in ein Bordell gebracht. Ein häufiges Szenario. Hier kann ihr die Polizei nicht helfen. Sie bringt sie sogar zurück ins Bordell – was sie nicht hätte machen müssen. Sie wird in ein anderes Bordell gebracht und irgendwann „befreit“. Am Ende des Abschnittes sagt die Stimme, dass sie heute frei ist – „Ein Weg, der vielen Sexarbeiter*innen verwehrt ist“.

Schon wieder wird als Sexarbeit bezeichnet, was Ausbeutung und Menschenhandel ist. Und das was Menschenhandel ist, wird Sexarbeit und Prostitution genannt. Alles wird in einen Topf, weil guter Journalismus sich beim BR offensichtlich durch populistische Pauschalisierungen auszeichnet.

Die Vermischung wird fortgeführt durch Frau Huber. Man käme aus dem „Milieu“ nur raus, wenn man physisch rauskommt. Sie spricht von Frauen, die gefangen sind. Doch die Logik ihrer Erzählung überzeugt nicht. Denn diese Frauen hätten ihr geschrieben oder sie angerufen. Aber: Wie geht das, wenn man gefangen ist? Oder ist „gefangen“ hier eine Metapher?

Dass an Hubers Aussagen gezweifelt werden muss, zeigen die nächsten Aussagen: Wenn Frauen anrufen, müsse man schauen, ob die Polizei etwas tun könne. Oder aber – und das ist der Klou – man muss schauen, „ob sie sich selbst an Hilfeeinrichtungen wenden können“.

Entschuldigung: Entweder sind die Frauen gefangen und dann MUSS die Polizei eingreifen. Oder sie sind es nicht und sollen, obwohl sie sich an Frau Huber gewandt haben, erstmal woanders Hilfe suchen? Selber? Alleine? Gerade in dem Moment, wo Hilfe gesucht wird, gesteht Frau Huber ihnen Agency zu, weil sie genau dann, wenn sie Hilfe brauchen, alleine zurechtkommen müssen? Aber Sexarbeiter*innen, die keine Hilfe brauchen oder wollen, werden immer pauschal zu Opfern deklariert? Entschuldigung, aber ich verstehe die Welt nicht mehr. Eins ist klar: Frau Huber kann offenbar nicht helfen. Weder gefangenen Frauen noch selbstbestimmten Sexarbeiter*innen.

Und schon kommt die nächste Platitüde: Deutschland sei für Menschenhändler total attraktiv. Dass der Sexmarkt gewachsen ist, wird gleichgesetzt mit „Menschenhandel ist gewachsen“, obwohl – und ich werde es immer wieder wiederholen – es keine Statistik oder Studie gibt, die das auch nur ansatzweise empirisch (und nicht nur theoretisch) belegt.

Oh, und deshalb, so Frau Huber, müssten Flatratebordelle verboten werden, weil sie das am „widerlichsten“ findet. Wieder wird mit Menschenwürde argumentiert, obwohl es wieder einmal nur emotionale Empörung und Ekel ist. Es wäre schön, wenn Prostitutionsgegner endlich aufhören würden, die Menschenwürde zu instrumentalisieren, immer dann wenn sie etwas aus der Welt schaffen wollen.

Huber wundert sich darüber, dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte noch nicht eingeschritten ist und zeigt damit, wie wenig sie (und die Autoren) über die rechtlichen Mechanismen weiß, die dahinter stehen (der Gerichtshof schreitet nicht ein, jemand muss klagen!!!) und wie wenig sie über Menschenrechte weiß. Denn so lange kein Zwang vorhanden ist, ist auch Flatratesex keine Menschenrechtsverletzung. Es ist höchstens eine Verletzung der höchstpersönlichen Sexualmoral der Prostitutionsgegner.

„‘Hure‘ soll ein anerkannter Beruf sein“, erzählt die Stimme weiter und macht mit der Vermeidung vom Wort „Sexarbeit“ deutlich, dass man „Huren“ ja nicht wirklich respektiert und ernst nimmt. Bis jetzt – Minute 31 – kam auch noch keine zu Wort.

Deutschland sei zum „Zentrum der sexuellen Ausbeutung junger Frauen aus Europa geworden“. Dass Menschenhandel stattfindet wird verallgemeinert auf eine ganzen Branche, die man am liebsten abgeschafft haben will. Schuld an allem ist natürlich ganz alleine das Prostitutionsgesetz. Zitiert wird eine theoretische Studie über das Verhältnis von legaler Prostitution und Menschenhandel, die ja schon so oft kritisiert wurde, auch bei uns. Andere Studien, die differenzierter sind und auch zahlreicher sind, werden einfach ignoriert. Man will ja schließlich nur eine Nachricht vermitteln. Prostitution ist schlecht und muss verboten werden. Schließlich, so wird impliziert, gibt es dort wo Prostitution verboten ist, keinen Menschenhandel – eine glatte Lüge.

Weiter geht es mit Herrn Besser, der über ein Missverständnis über die Bedeutung einer „freien, demokratischen Gesellschaft spricht“. Das bedeute in erster Linie Freiheit, sodass es dem freien Willen und den Impulsen des Menschen entspricht. Die Demokratie höre aber dort auf, wo ich die Grenzen anderer Menschen verletze, sagt Besser. Tja, da frage ich mich, wie er es denn für sich rechtfertigt, Prostituierten vorzuschreiben, was sie mit ihren Körpern tun dürfen und was nicht.

Weiter geht es in eine Spezialklinik für die Betreuung traumatisierter Menschen. Endlich findet auch in dieser Doku Unterstützung für Betroffene einen Platz. Lange hat es gedauert.

Allerdings geht es hier um „sexuelle Ausbeutung“, die in erster Linie in der Familie und durch die Familie und Väter ausgeübt wird, teilweise auch kommerziell. Schade, dass keine Klinik interviewt wurde, die auch Betroffene von Menschenhandel betreut. Und wenn keine gefunden wurde, warum wurde nicht ordentlicher Journalismus gemacht und gefragt: „Warum?“

Am Ende der Doku findet also die nächste Vermischung statt – zwischen sexueller Gewalt durch Väter einerseits und Menschenhandel. Dass es sowohl strukturell als auch strafrechtlich unterschiedliche Fälle und Probleme sind, interessiert dem BR wohl auch hier nicht. Und das heißt nicht, dass man über das Phänomen nicht reden soll oder darf. Aber bitte nicht beim Menschenhandel, denn damit hat es nichts zu tun. Alles in einen Topf zu schmeißen, schadet den Betroffenen!

In den letzten fünf Minuten Doku wird erstmals kritisch mit Informationen umgegangen: Mit den Statistiken des BKA. Kein Wunder, denn diese niedrigen Fallzahlen (600 bis 800 identifizierte Opfer von Menschenhandel pro Jahr) können doch nicht stimmen. Den Journalisten sind andere Stories und übertriebene Schätzungen und Spekulationen lieber. Dass also gerade hier eine Statistik kritisch hinterfragt wird, ist Teil der populistischen Vermischung von Prostitution und Menschenhandel.

Das Problem ist bei den geringen Fallzahlen (gering?! 600 bis 800 sind gering? Wünschen sich die Autoren der Doku mehr Zwangsprostitution?), anders als in der Doku dargestellt, nicht unbedingt (nur) die Angst vor einer Aussage eine Rolle spielt. Diese Interpretation ist zu bequem und verschiebt schon wieder das Problem auf die Frauen. Fazit: Wenn das Problem bei der Angst der Frauen liegt, müssen wir strukturell nichts tun (von einem Prostitutionsverbot mal abgesehen). Kein Wort fällt darüber, dass das Gesetz gegen Menschenhandel (nicht das Prostitutionsgesetz) so eng gefasst ist, dass schon alleine deshalb die meisten Fälle von Ausbeutung rausfallen. Kein Wort darüber, dass es keine arbeitsrechtlichen Standards für Sexarbeiter*innen in Deutschland gibt. Aber hey, es ist ja kein Beruf und deshalb wäre es wohl verfehlt, so die implizite Aussage, arbeitsrechtliche Standards einzuführen. Und nicht zuletzt: Es wird völlig ignoriert, dass Betroffene von Menschenhandel in der Regel nichts davon haben, wenn sie aussagen. Nichts. Außer Aufwand. Und das reale Risiko der Vergeltung. Nein, lieber BR. Das alles auf eine ominöse „Angst“ zu schieben, ist mir zu einfach. Ihnen nicht auch?

Am Ende fließen wieder die Floskeln vor dem Hintergrund romantischer Jazzmusik. Die Rede ist wieder vom „Ältesten Gewerbe der Welt“, obwohl Prostitution nachweislich in kaum einem Land (auch nicht in Deutschland) als Gewerbe anerkannt ist. Kreiert wird ein romantisiertes Prostitutionsbild, das heute kaum jemand vertritt (ein Strohmann), um so zu tun, als würde man endlich die Wahrheit erzählen.

Fazit

Die Geschichten der Frauen sind Geschichten von Menschenhandel und Ausbeutung. Sie durften aber lediglich ihr Leid beschreiben. Ihre Stimme wird instrumentalisiert. Sie wurden auf ihre Opferrolle reduziert.

Daneben zwei Experten und die Autoren, die bei dieser Doku wohl nur ein einziges Ziel verfolgt haben: Stimmung gegen Prostitution machen. Gegen Prostituierte, gegen Sexarbeiter*innen. Eingenommen wird der verächtliche Blick des Menschenhändlers, der Frauen nur als „Ware“ sieht. Die Menschlichkeit der Prostituierten wird unsichtbar gemacht, ihre Stimme wurde gar nicht gefragt. Gefragt wurden nur zwei Prostitutionsgegner, die wohl auch gegen Prostituierte sind – das ist meine Schlussfolgerung aus der Doku. Eine Doku, die diesen Namen nicht verdient. Schade, denn mit den Schicksalen, die erzählt wurden, hätte man so viel mehr machen können und endlich eine sachliche Debatte über Menschenhandel vorantreiben können. Doch die Priorität liegt wohl nicht beim Menschenhandel sondern bei der Anti-Sexarbeit.

2 Kommentare
  1. Georg permalink
    23/09/2014 06:35

    Es gibt nur eine Position, nämlich die der Solidarisierung mit Menschen allerlei Geschlechts in der Sexarbeit (§ 12 GG Herr Psychologe – so viel zur Demokratie Herr Psychologe), ob nun freiwillig oder gezwungen, ob erfüllt oder zerstört. Frau Huber hat diese Chance öffentlich wahrzunehmen vertan. Ihre Koketterie in einer Szene ist übelstes Victim Blaming. Dabei gibt Frau Huber auf einer ihrer Folien durchaus zu erkennen, dass sie weiß „Was hilft?“ aber das sagt Frau Huber im Film nicht:

    • Anerkennung (traumatisierter) ausländischer Zwangsprostituierter als politische Flüchtlinge und deren Schutz!!
    • Herstellen äußerer Sicherheit.
    • Vermittlung nicht-verwickelter MuttersprachlerInnen und Begleitung (Ämter…)
    • Fachspezifische Beratung (Kobra etc.)
    • Betreuung/Begleitung/Therapie (dabei achten auf mögl. Loyalität gegenüber den Tätern!)

    Wie lange warten Menschenhandelsopfer noch auf die Umsetzung der Europaratskonvention vom 16. Mai 2005? Und wie lange müssen sie noch auf Compensation warten? Wie lange noch werden rumänische und bulgarische EU Bürger als Menschen zweiter Klasse behandelt und diskriminiert während sich in Deutschland Steuerbetrug und in Rumänien Korruption ungehindert breitmachen?

    [Ein Teil des Kommentars wird nicht veröffentlicht und wurde von der Redaktion gelöscht]

    Rechte und Respekt für Sex Workers! Freier haben keine Rechte.

  2. Lara Freudmann und Klaus Fr permalink
    22/09/2014 10:34

    D I E Z W A N G S L A G E D E R B E D R O H U N G – E I N E A N D E R E
    E R Z Ä H L U N G

    Menschen, die im Feld der Sexarbeit aktiv sind, seien dies Sexarbeitende, KundInnen oder solche, die Infrastruktur für diesen Wirtschaftszweig bieten, unterliegen, nicht anders können wir uns solche Berichterstattungen erklären, einer breiten sozialen Verachtung. Der Reflex, der bei vielen Menschen ausgelöst wird, wenn sie sich mit Sexarbeit befassen, scheint Abscheu zu sein. Abwehrreaktionen, die vorbewusst ausgelöst werden, machen es schwer, überhaupt einen rationalen Diskurs zu beginnen. Unsere Erfahrung mit solchen Menschen ist: sie sind bis unter die letzte Haarspitze bereit, uns aus ihrem Gesichtsfeld, aus ihrem Sozialraum zu verbannen und schrecken dabei nicht vor sozial-relationaler und psychisch-verbaler Gewalt zurück. Selbst die Schwelle zu unmittelbarer körperlicher Gewalt, droht überschritten zu werden oder wird, wie Erfahrungen anderer zeigen, überschritten.

    In ihrer Abscheu sind sich diese Menschen einig und haben Gewissheit richtig, gerecht, ethisch unzweifelhaft zu handeln. Ihr Gefühl gibt ihnen die innere Gewissheit, für eine gute Sache zu stehen. Auf der Ebene der Debatte erhalten sie Rechtfertigungen und rechtfertigen ihre Einstellung mit den immer gleichen Mantren, die als unumstössliche Wahrheiten, Dogmen, unangreifbar sind. Jeder Versuch, diese Glaubensgewissheiten einem Diskurs zuzuführen, werden als Angriff auf das Selbst wahrgenommen und lösen erbitterten Widerstand aus. In der Regel werden sie aber einfach aus dem medialen Diskurs verbannt, wie das Beispiel „Emma“ zeigt, die nur Kommentare zulässt, die ihr genehm sind (http://www.sexworker.at/phpBB2/viewtopic.php?p=142828#142828).

    Insofern befinden sich die Menschen, die im Feld der Sexarbeit aktiv sind (dazu gehören KundInnen, Sexarbeitende und Infrastruktur Anbietende und deren Interessen-Vertretungen, nicht jedoch andere Beratungsstellen) in einer

    Z w a n g s l a g e d e r B e d r o h u n g d u r c h s o z i a l e Ä c h t u n g u n d
    d e r e n p s y c h i s c h e n, p h y s i s c h e n u n d m a t e r i e l l e n F o l g e n

    die alltäglich körperverletzende Folgen hat.

    (Zivil-)Gesellschaften und Gemeinwesen, die es sich und die es Behörden, Staat und Politik
    erlauben, Gruppen von Menschen als minderwertig, unmündig, unwürdig oder wegen
    einvernehmlicher sexueller Handlungen unter Erwachsenen als amoralisch zu deklassieren,
    bewegen sich zivilisatorisch rückwärts. Sie reproduzieren soziale Muster, die treibende Kraft des nationalsozialistischen Terrors gegen Untermenschen, Volksschädlinge, Entartete und unwertes Leben waren.

    Wie Melanie_NRW auf Sexworker.at schreibt: „Sorry… but the nightmare has only just begun….“ http://www.sexworker.at/phpBB2/viewtopic.php?p=142819#142819. Dass sie Recht hat, kann ich kaum bestreiten.

    D E R R I C H T I G E W E G

    Die Hurenbewegung streitet derzeit häufig um die richtige juristische Antwort auf die Gesetzvorhaben, deren Zweck es im wesentlichen ist, wie Frau Ministerin Schwesig es sagt, Prostitution dort, wo sie sozialunverträglich ist, zu verhindern oder zu verdrängen, „…sozial unverträgliche oder jugendgefährdende Auswirkungen der Prostitutionsausübung auszuschließen bzw. zu verdrängen“ (Schwesig, Eckpunkte ProstSchutzG Seite 1, Ziele). Der Streit mit Politik um Gesetze, der derzeit geführt wird und der in der Bewegung zu Reibungsverlusten um den „richtigen Weg“ führt und geführt hat, scheint mir als Weckruf gegen den Alptraum, nicht hinzureichen und vielleicht der falsche Schwerpunkt zu sein. Die Debatte um Gesetze zwickt nicht wirklich.

    Der Kern der Auseinandersetzung, die gegen Sexarbeit geführt wird und die aus Vorbewusstem, von durch internalisierte Scham ausgelöster Abscheu getrieben wird, ist bis heute die Behauptung, Sexarbeit sei sozial unverträglich ( = unmoralisch etc).

    Martin Luther ist, was die christliche Ächtung der Sexarbeit angeht, „revolutionär“. Zu den bis dahin als kleineres Übel geduldeten Huren und Hurenhäusern, die oft städtisch mit (katholisch) kirchlicher Billigung betrieben wurden sagt er, sie seien immer „nur ursach und reitzung gewest zu allen Sünden und lastern und wüstem leben“ und er wisse nicht, wie „der Mann seines Weibs und Kinder ere bewaret, so er eine hure im huse hielte“ (zitiert nach: Romina Schmitter, Prostitution – Das älteste Gewerbe der Welt?, Oldenburg 2004 S. 52).

    Das Verdikt gegen die „hure im huse“ wirkt fort. Das neue Gewand erhält dieses Glaubensbekenntnis zum Beispiel von Innensenator Mäurer, der für sich und Bremen in Anspruch nimmt, die aktuelle Debatte um ein Ende der Liberalität (Mäurer, Weser Kurier v. 26.11.2013) entscheidend gelenkt zu haben. Innensenator Mäurer: fordert „… Bürger auf, ihre Beschwerden bei Ortsämtern vorzutragen. … Ein Bordellbetrieb in einer Wohnstraße ist eine Zumutung für die Anwohner“ (Politik unterstützt Protest gegen Bordelle Weser Kurier vom 21.03.2010, Seite 9). „der Mann seines Weibs und Kinder ere bewaret“ (Luther)!

    Der Diskurs, der gegen die Sexarbeit aktuell geführt wird, erzählt die Geschichte von der sozialen Unverträglichkeit der Sexarbeit. Stichworte sind der Menschenhandel, die organisierte Kriminalität und die Gewalt gegen Frauen und Kinder. Sie wurden in einer endlosen Schleife medialer Beiträge, immer in gleichen Textbausteinen wiederholt, zum beweisfernen, wahrheitswidrigen und doch wirkmächtigen Alltagswissen, zu Mantren eines neuen Glaubens des Säkularen. Glaube, Dogma und Scheiterhaufen stehen in historischer, wenn nicht sogar strukturell unauflösbarer Verbindung.

    Während der IS-Terror eine Form dieser Antizivilisation darstellt, ist die

    Z w a n g s l a g e d e r B e d r o h u n g d u r c h s o z i a l e Ä c h t u n g u n d
    d e r e n p s y c h i s c h e n, p h y s i s c h e n u n d m a t e r i e l l e n F o l g e n

    als Ergebnis des Dogmas der sozialen Unwertigkeit der „hure im huse“, die Light Version dieser Totengräberei gegen Pluralität, Toleranz und Menschenrecht. Ich denke diese Erzählung von den Totengräbern der Toleranz könnte hilfreich sein im Diskurs mit der sehr alten Erzählung von der „hure im huse“ die „ursach aller Sünden und lastern“ sei.

    T O T E N G R Ä B E R E I D E R T O L E R AN Z

    Sofern es der Hurenbewegung gelingt eine solche oder vergleichbare Erzählung im Diskurs zu etablieren, kann über Gesetze immer noch im Einzelnen gestritten werden. Derzeit kostet das intern Reibung, extern Kraft und erreicht „die Menschen“ und ihre Gefühle kaum. Ob Menschen mit dem Thema Toleranz (Pluralität und Menschenrecht) erreicht werden können, in einer Zeit, da die AfD salonfähig geworden ist, mag pessimistisch beurteilt werden. Ich denke diese „Werte“ sind es aber, um die es gegenüber Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, Rassismus, Hurenstigma und Populismus und damit gegen Instanzen Personen, Meinungen, die in der Mitte der Gesellschaft stehen, gehen sollte.

    In der Diskussion um Gesetze kann es derzeit eigentlich nur um die Forderung gehen: Zurück auf Los! Solange Menschen, die alltäglich geschmäht werden, wie es das EU Parlament festgestellt hat, nicht soweit ermächtigt wurden / sich ermächtigen haben, dass der Diskurs über sie regulierende Gesetze auch bei Ihnen seinen Ausgang nimmt, handelt es sich bei solchen Gesetzen um ein Diktat. Den Gesetzen fehlt, da die betroffene und geächtete, alltäglich diskriminierte Minderheit, nicht systematisch gehört wurde jede rechtsstaatliche, menschenrechtliche Legitimation (siehe: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/hintergrundpolitik/2068280/, S. 4, Fall Emannuel G.)

    Mit den Werten der Toleranz, Pluralität und den Menschenrechten sind wir anschluss- eventuell mehrheitsfähig. Nicht mehrheitsfähige Sexualpraktiken, die demagogisch gegen uns gewendet werden, Kaviar, Facesitting und Natursekt als Formen individueller sexueller Sehnsucht, denen in der Sexarbeit Raum gegeben wird, erhalten in dieser Erzählung den Stellenwert, der ihnen gebührt. Sie sind Teil des Menschenrechtes auf Glück, auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, das unverteitigt – durch IS Terror, Scheiterhaufen, Faschismus und andere Glaubensbekenntnisse – hetzerisch unterfüttert mit der der vorgeblichen Abartigkeit, der Entartung derer die als Anders, als nicht zur Art gehörend konstruiert werden, zusammen mit diesen Anderen wenigsten zur Ausgrenzung und nicht selten zu tote gebracht wird.

    L a r a F r e u d m a n n
    – Sexarbeiterin derzeit im Ruhestand
    – Betreiberin des „Haus9“ – Vermietung von Betriebsstätten zur gewerblichen Tätigkeit an selbständig in der Sexarbeit tätige Menschen.
    http://www.hostessen-meile.com/profile/haus-9-sucht-modelle-55738/
    – Mitglied im Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen – BesD
    http://berufsverband-sexarbeit.de/

    K l a u s F r i c k e
    – Fachmoderator rumänisches Unterforum auf sexworker.at, Sexworker Forum – Netzwerk und Forum für gegenseitige Hilfe und Aufklärung seit 2005. Registriert als internationale NGO mit Sitz in Wien, akreditiert als Verfasserin von Schattenberichten zur Lage von Sexworkern in Ländern in Zentraleuropa an UN’OHCHR, Genf seit 2010 – Mitarbeiter einer UN akkreditierten Nichtregierungsorganisation
    – Initiator Projekt Ne-RO-In, Netzwerk zum Austausch von Informationen in Rumänisch und Deutsch für Menschen und Drittparteien in der Sexarbeit
    http://www.sexworker.at/phpBB2/viewtopic.php?t=11023&highlight=neroin
    – Sprecher „Haus9“ , Vermietung von Betriebsstätten zur gewerblichen Tätigkeit an selbständig in der Sexarbeit tätige Menschen, Niedersachsendamm 9, 28277 Bremen
    – Initiator des Frühstückstreffens Pro SexWork HB von Kundinnen, Sexarbeitenden, Betreibenden und anderen Interessierten im Rahmen der Sexwork-Info-Bremen SIB-SWinfoHB@gmx.de Mailingliste
    – Mitglied im Berufsverband sexuelle Dienstleistungen – BSD. http://www.bsd-ev.info/

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