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Auch Stuttgart bestraft „Zwangsprostituierte“ zu ihrem Schutz – wissentlich und willentlich!

18/05/2014

Ach, Stuttgart! Schon lange denke ich über Dich und Deine Verbotsstimmen nach. Schon lange bin ich der Meinung, dass diese Verbotsstimmen weniger mit dem offiziell angekündigten „Schutz“ der Prostituierten zu tun haben und mehr mit der so langsam ausufernden Sexualpanik, die seit mehreren Monaten vor allem beim Thema Homosexualität und LGBTI zu spüren ist. Bestrafung und Verhaftung schützt nicht, egal wie oft Leute sagen, dass das doch „zum Schutz der Frauen“ ist. Weder in Stuttgart, noch in Augsburg, Hamburg oder oder in Wien.

Als ich nun heute einen Artikel in den Stuttgarter Nachrichten las, wie Anwohner*innen nun gegen den Straßenstrich protestieren, war das zu viel. Obwohl diese Anwohner*innen in den eigenen Augen natürlich nicht gegen Prostituierte vorgehen, wollen sie den Straßenstrich loswerden. Dieser ist im Übrigen schon verboten.Die Berichterstattung zu diesen Protesten ist in der Stuttgarter Zeitung ist voller Wiedersprüche. Lesen wir mal genauer, was da steht:

Rund 500 Prostituierte bieten nach offizieller Schätzung täglich in Stuttgart ihre Dienste an. Viele davon sind Osteuropäerinnen, die unfreiwillig rund ums Leonhardsviertel anschaffen. Per Unterschriftenaktion protestieren Anwohner gegen das Geschäft mit dem Sex an der Straße. Die Stuttgarter Innenstadt samt Leonhardsviertel ist Sperrbezirk. Die Anbahnung von Sexgeschäften ist dort nur in den Bordellen erlaubt, nicht auf der Straße. Freier und Prostituierte bezahlen je 180 Euro, wenn die Polizei sie erwischt. Beim zweiten Mal verdoppelt sich die Summe. Dann folgt die Strafanzeige. Auch Martha (30) stand schon vor Gericht, hat einen Strafbefehl über 1800 Euro kassiert. „Der ließ sich in Arbeit umwandeln“, sagt Sabine Constabel.

Fassen wir zusammen:

  • es gibt 500 Frauen
  • diese gehen unfreiwillig der Prostitution nach
  • die Anwohner protestieren dagegen, dass sie unfreiwillig der Prostitution nachgehen (oder dass sie das freiwillig machen oder dass es sich um Osteuropäerinnen handelt, das ist nicht ganz klar…bzw. hier wird es deutlicher: Sie wollen einfach keine Prostituierten haben)
  • Prostitution ist im Sperrbezirk verboten (sowohl Prostituierte als auch Freier werden bestraft: 180€ beim ersten Mal, dann doppelt so viel, dann Strafanazeige)
  • Für diese Prostituierten (die unfreiwillig da sind) läßt sich die Strafe in Arbeit umwandeln, sagt die Sozialarbeiterin Sabine Constabel, die anscheinen nichts gegen die Strafe zu an sich hat.
  • von Menschenhandel keine Rede, von Opferschutz keine Rede;

Für mich stellt sich die Lage wie folgt dar:

  • Prostitution ist in weiten Teilen Stuttgart entgegen allen Behauptungen, dass Prostitution in Deutschland doch ach so legal sei, verboten.
  • Das Verbot hat überraschend nicht dazu geführt, dass es keine Straßenprostitution mehr gibt, sondern dass Prostituierte kriminalisiert werden.
  • Die Kunden drücken die Preise und fordern ungeschützten Verkehr, wogegen sich die Kriminalisierten Prostituierten ja nicht wehren können. Gingen sie zur Polizei, würden sie sich ja selbst anzeigen.
  • Wenn Prostituierte kein Geld haben, um die Strafen zu zahlen müssen sie entweder a) noch mehr Sex verkaufen, um die Strafen abzubezahlen, während sie selber komplett pleite sind und womöglich sogar noch Schulden machen (Geldstrafen fördern Armutsprostitution, Frau Constable!!!) oder b) die Strafe mit Arbeit verrichten (das ist doch Zwangsarbeit….um…öh… Zwangsprostitution zu bekämpfen?).
  • Nehmen wir also an, dass all die Prostituierten in Stuttgart, wie Frau Constabel und Frau Altpeter so gerne sagen „unfreiwillig“ auf der Straße sind, ergibt sich folgendes Bild:

Unfreiwillige Prostituierte werden in Stuttgart zu ihrem Schutz bestraft – mit 180€ beim ersten Mal, doppelt so viel beim zweiten Mal. Beim dritten mal gibt es eine Strafanzeige, die im Zweifel ins Gefängnis führt. Frau Constabel hat als Sozialarbeiterin anscheinend nichts dagegen (ich habe sie nicht gefragt, aber sie hat schon häufiger für ein Komplettverbot der Prostitution plädiert: IM Sperrbezirk in Stuttgart gilt ein Komplettverbot – bis auf die Bordelle, natürlich). 

Über 80 Prozent sind Zwangsprostituierte: „Eine Kombination aus Armut und Druck durch Dritte wie Cousins oder Brüder zwingen sie in die Prostitution“, stellt Constabel fest.

Na, Frau Constabel, und weil das alles Zwangsprostituierte sind, setzen Sie sich auch kein bißchen dafür ein, dass sie entkriminalisiert werden! Schließlich müssen sie weniger Geld verdienen, wenn sie auch noch Strafe zahlen müssen, nicht wahr, Frau Constabel (Ironie!!!)?

Trotz Bußgeldern und Strafen stehen Martha und ihre Kolleginnen am Straßenrand und bieten sich Männern an: mit auffordernden Gesten und verbal: „Möchtest du mal ficken. Ich mach das gut.“ – „Was kostest Du?“ ist noch eine der höflicheren Fragen beim Feilschen um den Preis.

Na, liebes Stuttgart, ist das nicht das deutlichste Zeichen, dass Euer Verbotsfetischismus nicht funktioniert? Willst Du, liebes Stuttgart, vielleicht wie auch in Wien, die Frauen auch angeblich „zu ihrem Schutz“ rausschicken in den dunklen Wald, wo man ihnen im dunklen ungesehen und vermutlich ungestraft antun kann, was man will, ohne je dafür belangt zu werden? Hauptsache ihr seht es nicht? Hauptsache man hält Euch nicht für Huren, ihre lieben Stuttgarter*innen?

Unter dem Motto „Stoppt die Prostitution im Bohnenviertel“ wollen er und seine Mitstreiter die Verantwortlichen mit einer Unterschriftenaktion zum Handeln auffordern. Rund 300 Geschäfts- und Privatleute haben bereits unterschrieben.

Mh, also wenn dort die Prostitution sowieso schon verboten ist, frage ich mich, was denn jetzt noch kommen soll? Wird das Viertel komplett unter polizeiliche Aufsicht gestellt? Werden ab sofort alle „osteuropäisch“ aussehenden Frauen nach den Prinzipien des racial profiling  kontrolliert und von den Straßen geholt? Oder wird es, wie in Wien, vom Ku Klux Klan inspirierte Fackelzüge gegen Prostituierte geben, die dann bedauerlicherweise auch noch Einfluss auf die Kommunalpolitik haben werden (es war so eine Bürgerbewegung, die in Wien den Straßenstrich in dunkle Wälder verdrängt hat, wo man Prostituierte nicht mehr sieht, sie aber exponentiell verletzlicher macht)? Was willst Du, liebes Stuttgart?

Von ihren Einnahmen bleibt den Frauen oft weniger als nicht

Bei 180€ Strafe kann ich mir das schon gut vorstellen. Da wird ja den Sexarbeiter*innen glatt vom Staat der Zwang erzeugt, noch mehr Geld zu verdienen.

…. weil die Polizei mit Kontrollen im Leonhardviertel präsent ist. Rund um die Uhr sind gut 12 Beamtinnen und Beamte im Rotlichtviertel unterwegs. Der Handlungsspielraum ist begrenzt: Seit in Kraft treten des Prostitutionsgesetzes 2002 sind Zuhälter nur noch greifbar, wenn eine Prostituierte Anzeige erstattet. Doch davor schrecken nach Erfahrung der Polizei die meisten Prostituierten zurück. Die werden laut Constabel ausgetauscht, kehren traumatisiert in die Heimat zurück – ohne Perspektive.

Also so ganz klar ist mir das noch nicht: Frau Constabel meint, die Polizei würde den Prostituierten helfen, aber eigentlich ist die Polizei doch da, das Prostitutionsverbot durchzusetzen und den Frauen eine Geldstrafe zu geben. Ich glaube eher, dass die Frauen der Polizei nicht vertrauen. Und das kann ich gut verstehen, weil – ich sag es noch einmal – eine Prostituierte, die im Sperrbezirk der Prostitution nachgeht, zeigt sich selbst an, wenn sie eine Straftat gegen sie bei der Polizei meldet! Da wundert sich noch jemand, dass die Frauen der Polizei nicht vertrauen und die Polizei nichts tun kann?

Der Zwang im Sperrbezirk, Frau Constabel, kommt sicher von der Armut. Diese Armut wird vom Stuttgarter Prostitutionsverbot bewusst verschärft, sodass die Frauen aus der Armut ganz sicher nicht mehr rauskommen. Und wenn sie in ein legales Bordell gehen, haben sie halt die anderen Kosten. Eins ist klar: Entweder verdienen Bordellbetreiber*innen 100-200€ pro Tag an der Sexarbeiterin oder halt der Staat, weil er das verboten hat. Prostituierte sind also gezwungen, sich von irgendjemand ausbeuten zu lassen. Das ist der wahre Zwang, Frau Constabel. Und es ist eine wahre Schande, dass sie dagegen nicht protestieren!

Die Unterschriftenaktion richte sich nicht gegen die Frauen. Sie seien Opfer, betont Sebastian Erdle und fordert: „Die Stadt muss die Situation in Griff bekommen. Kontrolle allein reicht nicht.“

Nein, noch nie richteten sich Bürgerinitiativen und Appelle gegen Prostitution auch gegen Prostituierte (Ironie!). Auch nicht auf der Facebook-Seite dieser Bürgerinitiative! Denn dort wird die konsequente Umsetzung des Verbots gefordert: Das beutet Verlagerung und zunehmende Schikane gegen Sexarbeiter*innen, die auf diesen Straßen arbeiten. Das ist kein solidarischer Blick. Das ist ein hasserfüllter Blick!

Lösungsvorschläge zur sofortigen Umsetzung:

  • Das Sperrgebiet und die Kriminalisierung von Sexarbeiter*innen mit sofortiger Wirkung abschaffen
  • Flyer und Informationsbroschüren in verschiedenen Sprachen ausdrucken und verteilen und darin über Rechte von Sexarbeiter*innen in Deutschland informieren
  • Solidarität der Bürger*innen mit den Sexarbeiter*innen und ein offener Umgang mit Sexarbeit
  • Bereitstellung von Mülleimer, Toiletten und anderer Infrastruktur für die Frauen, damit sich die Anwohner*innen nicht mehr über den dreckigen Zustand der Straßen aufregen können
  • REDET MIT DEN SEXARBEITER*INNEN!

Ankündigung: Es ist ein ausführlicher Artikel über die negativen Folgen von Sperrbezirken für Sexarbeiter*innen geplant. Fördern Sperrbezirke Gewalt, Ausbeutung und Menschenhandel? Wie viel verdient der Staat an der Kriminalisierung von Sexarbeiter*innen? Wie viele Prostituierte werden in Deutschland wegen Prostitution in Sperrgebieten bestraft und wie verhalten sich diese Zahlen zu den Verurteilungen wegen Menschenhandel? Wer mir zu diesem Thema Informationen oder Materialien zukommen lassen möchte, kann eine Mail an die Redaktion schicken!

11 Kommentare
  1. Cord-Wolf Schmidt permalink
    20/05/2014 22:51

    Ach, die Constabel. Das wundert kein bißchen, denn die Dame war die Sekundantin von Frau Schwarzer im Verlauf von deren Buchkampagne letzten Herbst und saß auf den Podien ständig an ihrer Seite. Kein Wunder, daß die kein bißchen für Sexarbeiterinnen handelt und stattdessen alles daransetzt, einen Umgang mit der Situation im Sinne und auf Wunsch von Frau Schwarzer duchzuziehen.

  2. general permalink
    19/05/2014 08:08

    Diese 12 Beamte sind in Stuttgart nicht nur im Bohnenviertel unterwegs und verteilen Bußgelder, sondern kontrollieren auch die Bordelle im gesamten Stadtgebiet Stuttgart (wohlgemerkt nur IN Stuttgart). Sie nehmen die Personalien der Frauen, die in den Bordellen tätig sind, auf. Somit sind die Geldstrafen sind „nur“ die Spitze einer viel tiefer gehenden Kriminalisierung. In Bezug auf Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung kann der so genannte „Ermittlungsdienst Prostitution“ keine Aussagen machen, da das nicht deren Aufgabengebiet ist. Ebenso kann eine Frau Constabel keine Aussagen über Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung machen, da es in Stuttgart eine eigene Fachstelle für diese Gruppe seit Jahr(zehnt)en exisitiert: http://www.vij-stuttgart.de/fraueninformationszentrum.html

  3. perle permalink
    19/05/2014 07:24

    Ich glaube nicht, dass die Freier ebenso 180 Euro wegen „verbotener Prostitution“ bezahlen müssen. Meines Wissens nach bezahlen sie die Hälfte, was die Prostituierte bezahlen muss und bekommen einen Brief nach Hause geschickt. Desweiteren arbeitet die Polizei mit verdeckten, männlichen, Ermittlern, die im Rotlichtviertel(e) flanieren, sich von den Frauen anquatschen lassen, um dann zuzuschlagen. Es wäre mir neu, dass sich auch weibliche Polizistinnen auf diese (ätzende) Art und Weise von den Freiern anwerben lassen – meiner Meinung nach geht es nur darum, die Frauen zu schädigen!

    • 19/05/2014 07:49

      Danke für den Kommentar! Ich habe mich lediglich auf die Infos im Artikel bezogen. Natürlich liegt es auf der Hand, dass Prostitutionsverbote – wie immer – eigentlich nur gegen Sexarbeiter*innen umgesetzt werden. Aber das stärkt nur mein Argument: Prostituierte werden nicht geschützt, sondern schikaniert und kriminalisiert und der Staat verdient jedes Mal 180€ oder mehr an dieser Schikane!

  4. 18/05/2014 19:20

    Worauf ich eigentlich hinauswollte: Sie wollen etwas für Prostituierte erreichen. Nach der politischen Logik müssen Sie aber für die Freier argumentieren, weil die Freier erstens mehr sind und zweitens öfter wahlberechtigt. Die staatlichen Eingriffe sind ja zum Nachteil von Prostituierten und Freiern.

    • 18/05/2014 19:25

      Nein, ich muss nicht für Freier argumentieren. Freier sind mehr und sie sind wahlberechtigt, sie äußern sich aber nie unter ihrem bürgerlichen Namen zu diesem Thema. Und von der Prostitutionspolitik war noch nie eine Wahl abhängig, zumal es in DE ja kaum Unterschiede gibt – was die Freier betrifft. Prostitutionspolitiken regulieren und kontrollieren überwiegend ja nur die Sexarbeiter*innen. Daher sehe ich Ihren Punkt nicht ganz. Oder möchten Sie sich hier outen?😉

  5. 18/05/2014 17:32

    Erstmal sind die „Stuttgarter Zeitung“ und die „Stuttgarter Nachrichten“ zwei Paar Stiefel. Der Artikel ist aus den Stuttgarter Nachrichten.

    Vielleicht müsste man im Kommulwahlkampf ganz populistisch an den Eigennutz der Wähler appelieren, unter denen ja auch viele Freier sind, auch wenn sie nicht sichtbar und organisiert sind. Das beste Mittel gegen Armutsprostitution wäre sicher, die Preise zu drücken, so dass andere Arbeit im Verhältnis attraktiver wird.

    Ich verstehe nicht, dass anscheinend kein Politiker diese Lücke für sich nutzt.

    • 18/05/2014 17:45

      „Stuttgarter Nachrichten“ – ok, geändert!

      Preise drücken soll eine Lösung sein? Wohl nur in der Welt der Ausbeuter!

      • 18/05/2014 18:42

        Mal angenommen eine Prostituierte könnte eine Putzstelle annehmen und genausoviel verdienen, wechselt aber ihre Arbeit nicht. Kann man dann noch sagen, sie würde finanziell zur Prostitution „gezwungen“?

        Wenn man das (freiwillige) Angebot an Prostitution vergrößern kann, sinken automatisch die Preise (zumindest wenn nicht die Qualität der Dienstleistung steigt). Man müsste also nicht nur die staatliche Gängelung beenden, sondern umgekehrt den Einstieg in die Prostitution erleichtern und z. B. großzügig Green-Cards vergeben.

        • 18/05/2014 18:55

          ich verstehe ehrlich gesagt nicht, worauf Sie mit Ihrem Kommentar hinauswollen und was das mit der Kriminalisierung von Prostituierten in Stuttgart zu tun hat!!

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  1. Was ist denn diese Pro-Prostitutions-Lobby? Plädoyer für eine Differenzierung | menschenhandel heute

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