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Über Monica Jones, Prostitution und …. Zwang

15/04/2014

Manifesting prostitution“ heißt die Straftat, die Monica Jones begangen haben soll und wofür sie am vergangenen Freitag im US-Bundesstaat Arizona verurteilt wurde. „Manifesting prostitution“ heißt im Fall von Monica Jones, die schwarz und transsexuell ist, „auf der Straße laufen“ und „sich hin und wieder mit Leuten unterhalten“. Wer sich so verhält, kann festgenommen und wegen Prostitution angeklagt werden, die im US-Bundesstaat Arizona verboten ist.

Natürlich spazieren viele Leute auf der Straße und unterhalten sich mit Menschen, aber nur wer so oder so aussieht, wird tatsächlich verhaftet. Die ACLU – American Civil Liberties Union – wies deutlich daraufhin, dass das Kriterium für eine Festnahme meistens das Geschlecht und die Hautfarbe sind. Insbesondere transsexuelle women of color würden besonders oft durch die Polizei festgenommen und zwar nach Prinzipien, die ein racial profiling mit einem sexual profiling kombinieren. Nicht nur die Hautfarbe sondern auch das Geschlecht und Sexualitäten, die von der gesellschaftlichen Norm abweichen, werden gezielt unter Strafe gestellt und verfolgt. Das Gesetz lädt quasi zu Diskriminierung ein. Auf ihre erste Verhaftung folgten noch weitere, wie Monica Jones in einem Interview erklärt:

I have been harassed by police four times since my initial arrest last May. The police have stopped me for no real reason when I have been walking to the grocery store, to the local bar, or visiting with a friend on the sidewalk. The police have even threatened me with ‚manifestation with intent to prostitute‘ charge, while I was just walking to my local bar!“

Kritik am Rettungsprojekt „Project Rose“

In Fall von Monica Jones kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Sie hatte ein staatliches Programm gegen Prostitution kritisiert, das in Phoenix, Arizona 2011 startete. „Project Rose„, so der Name des Projektes, erfuhr nicht nur von Sexarbeiter*innen sondern auch von Anti-Menschenhandels-Organisationen Kritik.

Project Rose funktioniert so: Polizeibeamte ziehen durch die Straßen und verhaften so viele Prostituierte wie möglich wegen „Prostitution“ (erinnern wir uns daran, dass es dort eine Straftat ist). Doch anstatt die Prostituierten sofort anzuklagen, werden sie in Handschellen in eine Kirche gebracht und durch die katholischen Kooperationspartner über lange Ausstiegsprogramme (diversion programme) aufgeklärt. Angeblich wird ihnen ein Ausweg angeboten: Wenn Sie am Programm teilnehmen, werden sie nicht angeklagt. Machen sie nicht mit, z.B. aus religiösen Gründen oder weil sie gar nicht mit der Sexarbeit aufhören wollen, werden sie wegen „Prostitution“ angeklagt und wahrscheinlich auch zur Haft verurteilt.

Während sich „Project Rose“ als Hilfs- und Beratungsprojekt für Prostituierte darstellt und auch von führenden Frauenorganisationen unterstützt wird, die sich gegen Prostitution positioniert haben, herrscht Unklarheit darüber, was das Projekt eigentlich macht, denn diese Rettungsaktionen sehen, wie überall in den USA, einer Verhaftung verdammt ähnlich.

Monica Jones hatte nach einer Verhaftung beschlossen, dem Programm eine Chance zu geben. Doch die Studentin und Aktivistin war bald enttäuscht. Es sei eine schlimme und erniedrigende Erfahrung gewesen. Man habe sie wie ein Gegenstand behandelt, weil ja irgendetwas mit ihr nicht stimmen musste, sonst hätte sie nie als Prostituierte gearbeitet. Für sie selbst war es anders: „Ich bin stolz darauf Sexarbeiterin zu sein. Ich nehme keine Drogen. […] Ich brauche nur das Geld für die Uni.“

“I took the diversion program, and it was like the worst experience ever,“ Jones said last year. „It was humiliating. They treat you as like just a thing. Like [because] you’re a prostitute, this is what’s wrong with you. This is what you need to be doing. And like for me, I’m proud to be a sex worker. I’m not on drugs. I’m not like one of these crazy people. I just needed to make money for school.“ (Link)

Soziale Arbeit muss ohne Zwangsmaßnahmen funktionieren

Dominique Roe-Sepowitz, Professor für Soziale Arbeit an der ASU und Gründer des Project ROSE gab zu, dass die Erfolgsquote des Projekt bei ca. 30% liegt. Trotzdem soll das Projekt nicht beendet werden. Ganz anders sehen das Stephanie Wahab und Meg Panichelli, die ebenfalls wissenschaftlich im Bereich der Sozialen Arbeit tätig sind und die Roe-Sepoqitz dafür kritisieren, dass eine Schule für Soziale Arbeit sich darauf eingelassen hat, Menschen zu ihrem eigenen Schutz verhaften zu lassen.

In der wissenschaftlichen Zeitschrift Affilia veröffentlichten sie einen Beitrag unter dem Titel „Ethical and Human Rights Issues in Coercive Interventions With Sex Workers„. Es geht also um ethische und menschenrechtliche Aspekte bei Zwangsinterventionen mit Sexarbeiter*innen. Zwang, so die Autorinnen, sei unmittelbar im Project Rose eingebaut und das verstößt gegen die ethischen und menschenrechtlichen Standards der sozialen Arbeit.

Es könne nicht sein, dass wir Menschen angeblich zu ihrem Schutz verhaften lassen. Soziale Arbeit erfordert „informierte Einwilligung“ (informed consent) der Betroffenen. Doch wenn die Drohung einer Anklage und Haft realistisch ist und sogar Teil des Programms ist, könne nicht mehr von „informierter Zustimmung“ die Rede sein. So müssen wir uns nicht wundern, wenn Sexarbeiter*innen vor Sozialarbeiter*innen genauso viel Angst haben, wie vor der Polizei, so die Autorinnen.

“…targeting people for arrest under the guise of helping them violates numerous ethical standards as well as the humanity of people engaged in the sex industry…” (Link)

Wir hoffen mit Monica Jones, dass solche Programme und Gesetze als „verfassungswidrig“ eingestuft werden und wir hoffen, dass immer mehr Menschen und Organisationen einsehen, dass Sexarbeiter*innen weder kriminalisiert werden soll noch (zwangs-)gerettet werden wollen. Wie Sexworker vor einigen Monaten sagten: „We are not your rescue project“ – „Wir sind nicht Euer Rettungsprojekt“.

Energien sollten vielmehr in echten Opferschutzmaßnahmen investiert werden. Doch stattdessen sind oft Betroffene von Menschenhandel selbst noch kriminalisiert und werden dadurch zweifach viktiminisert. Und wenn Opfer kriminalisiert werden, weil Sexarbeit unterbunden werden soll, läuft definitiv vieles schief. Und zum Konzept von „manifesting prostitution“: schon alleine die Existenz eines solchen Konzeptes ist skurril.

Twitter: #StandWithMonica 

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