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Fischindustrie: Sklaverei auf hoher See

06/10/2013

Anfang September 2013 veröffentlichte  die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) einen Bericht über die unmenschlichen Arbeitsbedingungen auf thailändischen Fischerbooten. In den vergangenen zwei Jahren hatten auch die Environmental Justice Organisation sowie der Journalist Benjamin Skinner über Menschenhandel, Zwangsarbeit und Arbeitsausbeutung in der Fischindustrie berichtet. Die Berichte sollen den öffentlichen Druck auf die thailändische Regierung sowie Unternehmen in der Fischindustrie erhöhen.

Auf thailändischen Fischerbooten arbeiten sie sieben Tage die Woche, oft bis zu 20 Stunden am Tag und sind mehrere Monate oder Jahre auf hoher See, ohne Kontakt zur Familie. Sie werden geschlagen, gefoltert und manch einer von ihnen wird nicht mehr lebend zurückkehren. Viele versuchen von den Fischerbooten zu flüchten. Wenn sie es schaffen, kehren sie oft krank nach Hause zurück. (EJF)

Dies gehört zum Alltag vieler Migranten aus Burma, Indonesien oder Kambodscha, die auf thailändischen oder auch auf südkoreanischen Fischerbooten arbeiten. Agenturen versprechen den Migranten gutes Geld, doch auf den Booten werden sie ausgebeutet. Wie Sklaven werden sie mit Gewaltandrohung zur Arbeit gezwungen. Ihre Arbeit wird oft unzureichend oder gar nicht entlohnt. Laut dem Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) gaben 17 % von den 596 Befragten Arbeitern auf thailändischen Fischerbooten an, gegen ihren Willen auf den Booten zu arbeiten. Die Arbeiter auf diesen Booten sind die Verlierer des globalen Fischhandels. Von staatlicher Seite wird nicht ausreichend unternommen, um diese Zustände zu beenden und Unternehmen haben kaum Interesse daran, diese billigen Arbeitskräfte in ihren Zulieferketten los zu werden.

Vermittlungsagenturen als Menschenhändler

Die thailändische Fischindustrie hat zunehmend Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von Arbeitern für  Fischerboote. Thailändische Arbeiter wollen nur noch selten diesen schlecht bezahlten Job ausführen, daher werden immer mehr Migranten eingestellt. Statistiken zufolge sind mittlerweile ca. 10 % der thailändischen Arbeitskräfte Migranten. Die meisten Arbeitsmigranten, die nach Thailand kommen, glauben, dass sie in Fabriken eingesetzt werden. (EJF) Wider erwarten werden sie jedoch auf einem Fischerboot arbeiten.

Für viele Menschen aus Kambodscha, Indonesien oder Burma ist eine Arbeitsstelle in Thailand, eine Chance der Armut zu entkommen und inzwischen haben sich Agenturen darauf spezialisiert, Arbeitsmigranten für die Arbeit auf Fischerbooten zu rekrutieren. Die Migranten lassen sich oft auf lange Wartelisten setzen um, wie sie glauben, an einen lukrativen Job zu kommen. Die Agenturbetreiber sichern den Migranten einen guten monatlichen Lohn zu. So unterzeichnen die Arbeitsmigranten oft Verträge auf Englisch, in einer Sprache, der sie nicht mächtig sind. Die Agenturen setzten die Bewerber auch unter Druck, damit sie Knebelverträge unterschreiben, in denen u.a. eine Vermittlungsgebühr festgelegt ist. Umso höher die Gebühr, desto höher die Schulden der Arbeiter und umso größer wird auch die Wahrscheinlichkeit ausgebeutet zu werden. Hohe Vermittlungsgebühren für die Vermittlung von Arbeit in einem anderen Land sind ein klassisches Anzeichen für Menschenhandel. Oft gibt es jedoch keinen Vertrag. In der neusten Befragung von Arbeitern auf thailändischen Fischerbooten der ILO gaben 94% an, keinen schriftlichen Vertrag zu haben.

Doch nicht nur in Thailand sondern auch in anderen Ländern wie Süd-Korea bedienen sich Menschenhändler dieser Mechanismen. Yusril, einem Migranten aus Indonesien, ist dies in einem Vermittlungsbüro in Ost-Jakarta widerfahren. Er zahlte im Voraus 260$ Vermittlungsgebühr an die Agentur. Doch das reichte nicht, er musste weiterhin 30% seines monatlichen Gehaltes an die Agentur zahlen, bis zum Ende seiner Tätigkeit auf dem Fischerboot. In den ersten drei Monaten bekam er jedoch überhaupt keinen Lohn und falls die Arbeit nicht zur Zufriedenheit der Firma war, wurde er weiterhin nicht entlohnt. Auch für die Kosten seiner Heimreise musste er selbst aufkommen. Welche Arbeitsleistungen diese Firma zufrieden gestellt hätten, war jedoch nur vage im Vertrag festgelegt. Somit konnte die Firma willkürlich entscheiden, welche Leistung zufriedenstellend war und vergütet wurde, und welche nicht. Der Vertrag bestimmte nur, dass Yusril genauso viele Stunden auf dem Boot arbeiten musste, wie es der Fischbootbetreiber verlangte. Wäre er vom Fischerboot geflohen, hätte seine Familie 3500$ an die Agentur bezahlen müssen. Doch Yusril war nur die Gebühr von 260$ bekannt. Alle anderen Sanktionen und Vertragsstrafen im Vertrag wurden ihm erst klar, nachdem er beim Fischbootbetreiber anheuerte. So wie Yusril ergeht es vielen Migranten, die auf thailändischen oder auch südkoreanischen Fischerbooten arbeiten. Allein in Thailand arbeiten schätzungsweise 200.000 Migranten, unter sklavenähnlichen Bedingungen. (EJF)

Rechtlos auf hoher See

Mit der Unterzeichnung derartiger Verträge verzichten Arbeitsmigranten de facto auf ihre Arbeitsrechte. Doch auch ihre unveräußerlichen Menschenrechte werden auf hoher See verletzt. Sie sind den Besitzern der Fischerboote ausgeliefert. Sexuelle Übergriffe, psychische und physische Gewalt stehen an der Tagesordnung. Weder Schutzkleidung noch ausreichende Ruhezeiten werden den Arbeitern auf den Booten gewährt. Nicht selten geschehen Unfälle, wodurch die Arbeiter „unbrauchbar“ für die Bootsbetreiber werden. Sie werden dann mit unzureichendem oder sogar ohne Lohn und auf eigene Kosten nach Hause geschickt. 59% der Arbeiter auf thailändischen Booten waren Zeuge eines Mordes an Bord. (EJF) Selten gelingt es ihnen zu flüchten.

Die Seeleute haben häufig keinerlei rechtlichen Beistand. Die meisten von ihnen haben keine rechtmäßige Arbeitserlaubnis, um auf diesen Fischerbooten zu arbeiten und durch ihren „illegalen“ Status befürchten sie weitere Bestrafungen. Doch abgesehen davon gibt es weiterhin keine einheitlichen, international gültigen rechtlichen Regelungen für den Schutz der Arbeiternehmer und ihrer Arbeitsrechte auf hoher See.

Das Seearbeitsübereinkommen (Maritime Labour Convention) von 2006, welches die Arbeits- und Lebensbedingungen von Arbeitern auf hoher See schützen soll, ist zwar am  20. August 2013 in Kraft getreten. Nach ILO Angaben sollen mehr als 1,5 Millionen Seefahrer davon profitieren. Gleichzeitig richtet sich diese Konvention jedoch hauptsächlich an Arbeiter auf Handels- und Passagierschiffen. Obiageli Ezekwesili von der Global Ocean Commission sieht dies jedoch sehr kritisch:

“Fishing vessels are generally exempt from agreements under the UN’s International Maritime Organization, which has a number of implications.”

“One is seaworthiness; IUU vessels are often poorly maintained, and death by sinking is as much of a risk as death by beating.”

“Another problem is accountability. On the rare occasions when abuses come to light and authorities mount prosecutions, it is usually impossible to track down the vessel’s real owner.”

Hinzukommt, dass Thailand das Abkommen bisher noch nicht unterzeichnet hat.Es wird sich also in Zukunft erst zeigen, inwieweit das Seearbeitsübereinkommen sich auch für die Rechte der Arbeiter auf Fischerbooten einsetzt.

Behördliche Überwachungen erfüllen nicht ihre Aufgaben

Thailand unternimmt allgemein zu wenig gegen Menschenhandel im eigenen Land und wurde deshalb im aktuellsten US-Amerikanischen TIP-Trafficking in persons Report auf Stufe  2 Watchlist gesetzt, dem vorletzten Rang im Ranking. Thailand steht somit kurz davor auf Stufe 3 zurückgestuft zu werden, eine Kategorie, die die USA folgendermaßen beschreiben:

“Countries whose governments do not fully comply with the minimum and standards are not making significant efforts to do so”.

Thailand hat zwar das UN Protokoll zur „Verhütung, Bekämpfung und Bestrafung von Menschenhandel“ unterschrieben, jedoch noch nicht ratifiziert. Somit akzeptiert Thailand zwar die geforderten Verpflichtungen im UN Protokoll, aber sie wurden noch nicht gesetzlich umgesetzt und sind somit nicht verpflichtend.

Die bisher durchgeführten Kontrollen auf den Booten bewirken nur wenig, da nur sehr selten Beschwerden dokumentiert werden. Das kann damit erklärt werden, dass Thailand an 88. Stelle der 176 korruptesten Länder steht.[1] Die Polizei und die Zwischenhändler arbeiten oft Hand in Hand.

Was kann und sollte geschehen?

Erstens sollten global agierende Konzerne, also die Abnehmer und Großkonzerne die in Europa und den U.S.A. diese Produkte verkaufen Druck aufbauen, um prekäre und unmenschliche Situation von Arbeitern auf Fischerbooten auf hoher See zu beenden. Diese Unternehmen sollten sich proaktiv dafür einsetzen, dass in ihren Zulieferketten menschenwürdige Arbeitsbedingungen herrschen, dass Menschenhandel und Arbeitsausbeutung nicht geschehen können. Es ist zweitens notwendig, dass es unabhängige und einheitliche Kontrollen auf den Weltmeeren gibt, die auch die Arbeits- und Lebensbedingungen auf den Fischereibooten mit kontrollieren.

Zuletzt sollten Konsumentinnen und Konsumenten sich über die Herkunft des Fisches informieren können, um somit bewusster konsumieren zu können. Sinnvoll wäre es, auf regionale oder Fairtrade Fischprodukte zu setzen. Auf diesem Weg kann sich jeder und jede von uns eindeutig positionieren und somit über den eigenen Verzicht zur Abschaffung der Missstände hinwirken.

Literatur :

Annie, Kelly,(5.2013) “Thailand ignoring slaves at sea, says EJF report on Burmese migrants” in [http://www.guardian.co.uk/global-development/2013/may/29/thailand-slaves-sea-burmese-migrants] ,letzter Zugriff 5.7.2013.

Benjamin, Skinner, (2.2012) „The fishing Industry’s cruelest catch” in [http://www.businessweek.com/articles/2012-02-23/the-fishing-industrys-cruelest-catch]

Environmental Justice Organisation, (5.2013) „Sold to the Sea. Human Trafficking in Thailand`s Fishing Industry” [http://ejfoundation.org.], letzter Zugriff 30.9.2013.

International Labour Organisation, “Maritime Labour Conventioen” [http://www.ilo.org/global/standards/maritime-labour-convention/lang–en/index.htm], letzter Zugriff 30.9.2013.

Undercurrentnews,(22.8.2013)” Majority of seafarers will not see benefits of Maritime labour Convention” [http://www.undercurrentnews.com/2013/08/22/majority-of-seafarers-will-not-see-benefits-of-maritime-labour-convention/#.UklrmH_-D5c] letzter Zugriff 30.9.2013

Länderdadten.de “Korruptionswahrungsindex” (o.D.) [http://www.laenderdaten.de/indizes/cpi.aspx] letzter Zugriff 30.9.2013.


[1] Länderdaten.de


Menschenhandel, Zwangsarbeit und Arbeitsausbeutung in der Fischindustrie 

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