Skip to content

Der Aufstand der Migranten. Eine globale Bewegung gegen Diskriminierung und Ausbeutung. (Buch)

21/04/2013

SECOND REPLACEMENT The immigrant war [FC]Longhi, Vittorio: The immigrant war. A global movement against discrimination and exploitation, The Policy Press, Bristol 2013, gebunden, 156 S. Preis: 23,99 € (Kindle: 5,82 €). 

„Der Aufstand der Migranten. Eine globale Bewegung gegen Diskriminierung und Ausbeutung“ ist ein Buch über Migration, über die Geschichten von Migrantinnen und Migranten und ihrem Leben in dem, was Wissenschaftler_innen das „Zielland“ nennen würden. Es sind Geschichten der Ausgrenzung, Diskriminierung, Gewalt und Ausbeutung, die jedoch kollektiven Widerstand bewirkt haben und Migrant_innen weltweit zu neuen politischen und sozialen Akteur_innen gemacht haben.

„Der Aufstand der Migranten“ ist nur indirekt ein Buch über Menschenhandel. Doch der italienische Journalist Vittorio Longhi zeigt, dass die prekäre rechtliche und gesellschaftliche Situation vieler Migrant_innen ein zentraler Faktor für Menschenhandel und sklavenähnliche Ausbeutungsverhältnissen ist.

Migrant_innen: Man will ihre Arbeit, aber nicht ihre Rechte

Obwohl es in vielen Ländern einen hohen Bedarf an migrantischen Arbeitnehmer_innen gibt, beschränken die gleichen Länder oft gleichzeitig Migration. Sie schaffen in gewisser Weise rechtliche Grundlagen zur Ausgrenzung von Migrant_innen – vor und nach dem Grenzübertritt. Für Longhi ist dies die Grundspannung und der Grundwiderspruch, mit dem sich Migrant_innen im 21. Jahrhundert konfrontiert sehen: Alle brauchen sie, aber Rechte sollen sie nicht erhalten.

Restriktive Migrationsregime, die Migration und die internationale Bewegung von Menschen beschränken und kontrollieren, die „Militarisierung“ von Grenzen, stehen symbolisch für Diskriminierung und Ausbeutung von Migrant_innen. Sie stellen ebenfalls ein Element im komplexen Geflecht der Ursachen von Menschenhandel dar, das bislang im öffentlichen Diskurs über Menschenhandel vernachlässigt wurde.

„Just because I have no documents, the mistress of the house thinks she can treat me like a slave“ (Zitat einer nordafrikanisches Haushaltsarbeiterin in Frankreich, S. 68)

Die „Illegalisierung“ von Migration und Migrant_innen, die ihrer Diskriminierung und Entrechtung keine Schranken setzt, oder die Bindung an willkürliche Verträge, seien verantwortlich für Menschenhandel. Ob es sich um die Golfstaaten, die Vereinigten Staaten von Amerika, Frankreich oder Italien handelt – überall seien Migrant_innen auf ähnliche Art und Weise „strukturellen Bedingungen von Unsicherheit und Vulnerabilität“ (S. viii) ausgesetzt, schreibt Longhi.

„Excessive restrictions do not stop movements, but make them more insecure, contribute to creating illegality and expose thousands of people to trafficking, exploitation and the risk of death.“ (S. viii)

Longhi betrachtet in seinem Buch vier Migrationsrouten: asiatische Migrant_innen in den Golfstaaten, undokumentierte Migrant_innen aus den Ländern Zentralamerikas in den USA, die „Ghettoisierung“ von Menschen aus dem Mittleren Osten in Frankreich und die Ausbeutung von „Afrikanern“ (sic!) in Italien. Longhi zeigt, dass Ausgrenzung, Diskriminierung und Ausbeutung in all diesen Regionen auf die gleiche Spannung zwischen Bedarf an migrantischen Arbeitskräften und ihrer Entrechtung und Ausgrenzung zurückzuführen sind. Gleichzeitig ist in diesen vier Regionen jeweils der spezifische Kontext zu betrachten – Gesetze, wirtschaftliche, historische und gesellschaftliche Entwicklungen prägen den Umgang mit Migrant_innen auf immer andere Art und Weise. Auch unterscheiden sich die Möglichkeiten des Widerstands, weil es strukturelle Unterschiede gibt.

 „…there is a convergence between policies and exploitative practices (…). Migrants are kept without rights in their countries of destination and are left to fend for themselves by their own governments, being exploited by middlemen and traffickers.“ (s.22)

Longhi interessieren vor allem zwei miteinander verknüpfte Aspekte. Einerseits beschreibt er „kontinuierliche, willkürliche Misshandlungen“ von Migrant_innen in diesen Regionen und ermöglicht dadurch den Leser_innen, sich ein schmerzhaftes Bild vor Augen zu führen. Andrerseits betont er die Handlungsmöglichkeiten und das Potential für Widerstand durch Migrant_innen selbst. Für Longhi sind Migrant_innen keine „passiven Opfer“ sondern stellen neue soziale Akteur_innen dar, die für ihre Rechte kämpfen und zu einem revival eines breiteren Protests beitragen.

Gerade die Betonung der sogenannten agency, der Handlungsfähigkeit von viktimisierten Akteur_innen, ist für einen neuen Diskurs über Menschenhandel wichtig, denn, das zeigt Longhi, Opfer von Ausbeutung sind duchaus in der Lage sich selbst zu „retten“ und für ihre Rechte zu kämpfen – wenn man sie denn nur in diesen Kämpfen unterstützt. Gewerkschaften zählen zu jenen Organisationen, die für Longhi mit Migrant_innen für ihre Rechte kämpfen sollten. Nur dadurch könne die Macht des Kapitals in einer globalisierten Welt gebändigt werden.

„The unifying capacity of the immigrant labour force today could contribute decisively to social and trade union fights being reorganised politically and a collective will being formed to oppose the excessive biopower of capital.“ (S. 120)

Für jene vielen Anti-Trafficking Organisationen, die sich weltweit gegen Menschenhandel einsetzen und teilweise sogar für die oben genannten restriktiven Migrationspolitiken als Instrument im Kampf gegen Menschenhandel plädieren, sollte dieses Buch Pflichtlektüre sein. Für alle jene, die sich für Menschenrechte und Bürgerrechte von Migrant_innen einsetzen, wird das Buch eine Motivation darstellen, dies weiterhin zu tun.

Sprache und Geschlecht

Etwas kritisch betrachtet, könnte man Herrn Longhi einen reflektierteren Umgang mit Sprache empfehlen. Er nutzt teilweise Begriffe, wie „Africans“ oder „illegal immigrants“ – der erste Ausdruck essentialisiert und vereinheitlicht eine Bevölkerungsgruppe, die es so gar nicht gibt. Die Verwendung des zweiten Begriff wurde neuerdings sogar von der Presseagentur Associated Press abgelehnt, sodass nicht wirklich verständlich ist, warum in einem Buch, das sich für die Rechte von Migrant_innen stark macht, ein Begriff verwendet wird, der eigentlich ihrer Diskriminierung dient. Denn „Kein Mensch ist illegal“.

Etwas stärker hätte Longhi auch die geschlechtsspezifischen Dimensionen der Migration betonen können. Verweise auf die „Feminisierung der Migration“ und Beispiele der Ausbeutung von Migrantinnen fehlen nicht, doch der Aspekt „Geschlecht“ hätte noch stärker betrachtet werden können. Schließlich – das sagen Statistiken – sind es Frauen, Migrant_innen, die am häufigsten Opfer von Menschenhandel sind.

Auch die Frage, inwiefern Migrantinnen (auch jene potentiellen Opfer von Menschenhandel) als soziale und politische Akteurinnen für ihre Rechte kämpfen, wird nicht gestellt. So entsteht etwas unterschwellig der Eindruck, dass männliche Migrierende für ihre Rechte kämpfen (können und sollen), während weibliche Migrierende auch weiterhin eher als „Sklavinnen“ betrachtet werden können. Dadurch wird das Klischee des politisch aktiven Mannes und der eher „privaten“, unpolitischen Frau, reproduziert. Gewünscht hätte ich mir eben auch ein Buch über Ausbeutung von Migrant_innen, über Menschenhandel, in denen die Handlungsfähigkeit und der Widerstand aller Betroffenen – Frauen, Männer und vielleicht auch Kinder – näher betrachtet wird.

Das Buch ist lesenswert und empfehlenswert. Wer sich allgemein zum Thema Migration, Ausbeutung und Widerstand von Migrant_innen, einen nicht ganz oberflächlichen Überblick verschaffen möchte, sollte das Buch lesen und hoffentlich zu einer Rezeption dieses Buches auch in Deutschland beitragen.

Migrants fight for their rights as moving becomes part of normal life (Vittorio Longhi, Guardian.co.uk, 31.01.2013)

Flattrn Sie diesen Beitrag hier. 

%d Bloggern gefällt das: