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Associated Press USA lehnt den Begriff „illegale Einwanderer“ ab. Wann werden deutsche Medien folgen?

03/04/2013
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2. April 2013: Nach langen, intensiven Kampagnen beschließt die Presseagentur Associated Press endlich den Begriff „illegal immigrant“ („illegaler Einwanderer“) aus dem „AP Stylebook„, einer Art „Journalisten-Bibel“, zu entfernen. Nachdem AP im November 2012 noch für den Begriff plädiert hatte, kam gestern der Umschwung, der im AP Blog unter dem Tiel „‚Illegal immigrant‘ no more“ erläutert wird.

„Handlungen“ könnten illegal sein, nicht aber Personen. Die Handlung der illegalen Einreise oder des illegalen Aufenthaltes könnten eben als „illegal“ beschrieben werden, nicht jedoch die Person, die diese Handlungen ausführt. Die interne Diskussion kam auf, als entschieden wurde, dass nicht von „Schizophrenen“ gesprochen werden sollte, sondern von „mit Schizophrenie diagnostizierten“ Menschen. Nicht Menschen sollten beschrieben werden sondern deren Verhalten. Und wenn es keine „Schizophrenen“ gibt, dürfe es auch keine „Illegalen“ geben. Dementsprechend lautet nun der neue Eintrag im AP Sytlebook:

illegal immigration Entering or residing in a country in violation of civil or criminal law. Except in direct quotes essential to the story, use illegal only to refer to an action, not a person: illegal immigration, but not illegal immigrant. Acceptable variations include living in or entering a country illegally or without legal permission.

Begriffe wie „illegal alienan illegalillegals or undocumented“ sollten ab sofort nur noch in Anführungszeichen verwendet werden

Besonders wichtig ist der Hinweis, immer auch anzugeben, wie und unter welchen Umständen es zu einem nicht legalen Aufenthalt kam. AP listet hier z.B. den nicht legalen Grenzübertritt oder aber einen Aufenthalt nach Ablauf des Visums. Die Gründe für einen nicht geregelten Aufenthaltsstatus sind in der Tat vielfältig und nicht, wie üblicherweise in Medien dargestellt, nur durch einen nicht legalen Grenzübertritt bedingt.

Auch Widerstand gegen Ausbeutung und ausbeuterische Arbeitsbedingungen können einen legalen Aufenthalt gefährden. In vielen Ländern dürfen Migrant_innen nicht ohne weiteres ihre Arbeitgeber_innen wechseln. Ihre Aufenthaltserlaubnis ist oft an eine_n einzige_n Arbeitgeber_in und an ein Arbeitsverhältnis gebunden, das bereits vor der Einreise arrangiert sein muss. Dadurch fühlen sich Arbeitgeber_innen oft in gewaltsamen und ausbeuterischen Handlungen bestärkt – schließlich würde eine Person, die sich wehrt, nicht nur den Job verlieren, sondern auch den legalen Aufenthaltsstatus. Ihr Aufenthaltsstatus wäre nicht mehr legal, aber – und das verschleiert der Begriff  „illegal“ – das hat ja einen guten Grund.

Die Angst vor dem Verlust eines legalen Aufenthaltstitels und die Angst als „illegale Einwanderer“ und Straftäter_innen angesehen zu werden, ist eine verbreitete Strategie um ausbeuterische Arbeitsverhältnisse und Menschenhandel aufrecht zu halten. So werden in den meisten Fällen von Menschenhandel Pässe und andere Dokumente konfisziert, wodurch Betroffenen die Möglichkeit genommen wird, sich an die Behörden zu wenden. Diese Angst ist nicht unberechtigt, denn die Polizei und Strafverfolgungsbehörden sehen zuerst den nicht regulären oder (angeblich) fehlenden Aufenthaltstitel – also die „Straftat“ – und nur sehr selten das Opfer von Ausbeutung.

Die Abschaffung des Begriffes „illegale Einwanderer“ ist notwendig, weil sie mit der im Grundgesetz verankerten Würde des Menschen nicht vereinbar ist, da sonst die Würde von Migrant_innen als „antastbar“ erscheinen könnte. Die Abschaffung des Begriffes ist notwendig, um die Entmenschlichung und Dehumanisierung dieser Bezeichnung, aus unserer Sprache zu verbannen, welche wiederum Vorurteile, Gewalt, Fremdenfeindlichkeit und ungerechte Behandlung fördert.

Die Abschaffung des Begriffes „illegal“ zur Bezeichnung von Personen, insbesondere Migrant_innen, könnte ferner als Strategie im Kampf gegen Ausbeutung und Menschenhandel dienen. Denn würden Migrant_innen in erster Linie Schutz und Rechte anstatt Kriminalisierung erfahren, wäre das Risiko der Ausbeutung und Erpressung wesentlich geringer.

Weitere Informationen:

In den USA haben mehrere Professorinnen und Professoren ein Statement abgegeben, warum diese Bezeichnung abzulehnen ist.

Drop the I Word„-Kampagne von colorlines.com

Kein Menschen ist illegal“ (Deutschland)

Kölner Netzwerk kein mensch ist illegal

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