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Stellungnahme zur Studie „Does Legalization of Prostitution Increase Human Trafficking“ (Gastbeitrag)

06/02/2013

Diese Stellungnahme wurde verfasst durch LEFÖ-IBF: Interventionsstelle für Betroffene von Frauenhandel des Vereins LEFÖ. Eine Kurzbeschreibung von LEFÖ finden Sie am Ende des Beitrages. 

Stellungnahme zur Studie  Does Legalization of Prostitution Increase Human Trafficking (Discussion Paper No. 96) durchgeführt am Courant Research Centre -`Poverty, Equity and Growth in Developing and Transition Countries: Statistical Methods and Empirical Analysis`  der Georg-August-Universität Göttingen (Stellungnahme als PDF)

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In dieser Studie formulieren Cho, Dreher und Neumeyer (vgl. 2011) die zentrale These, dass die Legalisierung von Prostitution eine Zunahme von Menschenhandel bedeutet. Anhand des vorliegenden Papers, das die Studie zusammenfasst, ist diese zentrale Erkenntnis der Autoren aufgrund der vorliegenden Datenlage kritisch zu betrachten. Menschenhandel ist ein noch wenig empirisch erforschtes Thema. Die große Herausforderung, wie es auch Cho, Dreher und Neumeyer (vgl. 2011) beschreiben, liegt in der lückenhaften Datenlage, die eine wissenschaftliche Analyse in ihrer Aussagekraft einschränkt. Insofern ist das Paper dieser Studie als ein enormer wissenschaftlicher Beitrag in diesem Bereich zu sehen. Zudem fand die quantitative Auswertung und Interpretation der Daten auf hohem wissenschaftlichem Niveau statt.

Im Resümee des Papers der Studie kommen Cho, Dreher und Neumeyer zu ihrer zentralen Erkenntnis: „Our  central finding, i.e., that legalization of prostitution increased trafficking inflows, is therefore best regarded as being based on the most reliable existing data, but needs to be subjected to future scrutiny.“ (Cho, Dreher, Neumeyer 2011; S.20-21) Trotz der restlichen wissenschaftlich hervorragenden Arbeit lässt sich diese Aussage auf Basis der von den Autoren analysierten Daten nicht treffen.

Für eine Aussage über eine Zunahme oder Abnahme  von Menschenhandel bei der Legalisierung von Prostitution müsste eine Panelstudie durchgeführt werden, die unterschiedliche Zeitpunkte, wie beispielsweise vor und nach der Legalisierung von Prostitution in unterschiedlichen vergleichbaren Ländern, untersucht. Diese Studie wurde allerdings als quantitative Querschnittstudie angelegt. Im Zentrum der Analyse stand eine Mittelwertkonstruktion der Anzahl von Opfern des Menschenhandels aus den Jahren 1996 – 2003 in unterschiedlichen Ländern, die sich auf die von UNODC erhobenen Daten bezieht. In diesem kurzen Paper gehen die Autoren nicht näher darauf ein, wie beispielsweise mit auffällig hohen Daten eines Jahres in einem Land in der Konstruktion der Mittelwerte umgegangen wurde. Eine genauere Beschreibung, welche Zahlen aus welchen Jahren hier eingeflossen sind und welche ausgeschlossen wurden, würde mehr Nachvollziehbarkeit der zentralen analysierten Daten gewähren.

Die durchgeführte Regressionsanalyse (ein Analyseverfahren, das die Beziehung von einer abhängigen und einer unabhängigen Variable feststellt) analysiert den Zusammenhang dieser Mittelwerte mit der dichotom konstruierten unabhängigen Variable Prostitution „legal“ oder „nicht legal“. Diese dichotome Vereinfachung ist der Realität vieler Gesetzgebungen unterschiedlicher Länder nicht angemessen. Wie würde in dieser Hinsicht das neue Wiener Prostitutionsgesetz eingestuft werden, das in gewisser Hinsicht die Straßenprostitution verbietet, aber andere Formen erlaubt? Dies unberücksichtigt zu lassen, erscheint als eine mögliche große Fehlerquelle, die einen Einfluss auf die Ergebnisse der Studie haben könnten.

Einzig in der Case Studie von Deutschland werden unterschiedliche Zeitpunkte vor der Legalisierung und nach der Gesetzesänderung herangezogen. Anhand dieses Fallbeispiels zeigen die Autoren, dass die Anzahl an Betroffenen von Menschenhandel in Deutschland in den untersuchten Jahren angestiegen ist. Diese absoluten Zahlen werden jedoch in dem vorliegenden Paper nicht in Zusammenhang mit der absoluten Anzahl der Prostituierten gestellt. Wäre ein ebenso hoher Anstieg der Anzahl der Sexarbeiterinnen gegeben, würde dieser Anstieg von Betroffenen des Menschenhandels in Relation dazu das zentrale Ergebnis nicht bestärken. Hätte beispielsweise die Anzahl der Prostituierten einen höheren Anstieg, so würde es bedeuten, dass in Relation Menschenhandel nur wenig angestiegen ist. Durch die fehlenden Daten zur Prostitution allgemein, fehlt diesem Ergebnis ein notwendiger Verständnishintergrund. Zudem lässt sich auf der Basis eines Fallbeispiels eines einzigen europäischen Landes kein Rückschluss auf die globale Aussage eines Zusammenhanges zwischen der Legalisierung von Prostitution und des Anstiegs von Menschenhandel machen. Neben der Legalisierung von Prostitution sind in den untersuchten Jahren andere Gesetzesänderungen bezüglich Menschenhandel als ein Ermittlungsdelikt entstanden, die in der Ergebnisdarstellung in diesem Paper nicht erwähnt werden. Wenn ein Wandel in den Maßnahmen zur Identifizierung von Betroffenen des Menschenhandels stattgefunden hat und mehr Schulungen, Kooperationen zwischen staatlichen AkteurInnen und NGOs  sowie andere Maßnahmen zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit betrieben wurden, so erscheint dies in der Darstellung dieses Papers nicht analysiert worden zu sein, obwohl diese Analyse mitunter einen enormen Einfluss auf die Erkenntnisse der Studie haben könnte.

Eine weitere Kritik an der Studie ist der Ausschluss von Ländern mit niedrigem Einkommen. Die Argumentation für dieses Vorgehen, das einen direkten Einfluss auf die Signifikanz der Ergebnisse hat, wird in der Zusammenfassung in diesem Paper nicht schlüssig bzw. unzureichend begründet dargestellt. Die ausgeschlossenen Länder werden nicht aufgelistet, womit die Nachvollziehbarkeit des Ausschlusses undurchsichtig wird. Zudem bedeutet ein Ausschluss von Daten immer eine Verringerung der Chancen auf signifikante Ergebnisse und daher ist besondere Vorsicht bei einer gegenteiligen Wirkung auf das Signifikanzniveau zu legen. Im Fall dieser Studie erwähnen die Autoren diese Vorgehensweise nur am Rande und dadurch wird der Eindruck einer mangelnden Wissenschaftlichkeit der Studie erweckt, die in den der restlichen methodisch fundierten Vorgehensweise der Autoren niemals angenommen werden könnte.

Die Autoren führen in der Einleitung bereits die Schwierigkeit der Datenlage zur tatsächlichen Anzahl an Betroffenen des Menschenhandels an.  Die von ihnen herangezogenen Daten beziehen sich auf die von UNODC gesammelte Datenlage zu Menschenhandel. In dem vorliegenden Paper wird allerdings nicht darauf eingegangen, inwiefern die Daten sich größtenteils ausschließlich auf identifizierte Betroffene des Menschenhandels beziehen könnten. UNODC sammelte die Daten von Behörden, NGOs und anderen AkteurInnen und problematisierte allerdings die Differenzen in der Qualität der Daten unterschiedlicher Länder: „It is now known that at least 155 countries and territories are willing to contribute information on human trafficking to a common database. Some inputs were better than others“ (UNODC 2009; S. 18). In dem Paper der Studie werden die Schwierigkeiten der Vergleichbarkeit der unterschiedlichen Daten zwar erwähnt und der konkrete Ausschluss einiger Länder argumentiert. Der konkrete Umgang mit differenten und teils schwer vergleichbaren Daten aus unterschiedlichen Ländern wird weder beschrieben noch wird die Bedeutung für die Analyse und die daraus gewonnenen Erkenntnisse herausgearbeitet.  Zudem lässt sich in der Ergebnisdarstellung des Papers der Studie nicht erkennen, dass UNODC die Wörter „detected“ oder „identified“ als Erläuterung der Zahlen von Opfern von Menschenhandel verwendet. (vgl. UNODC 2009) Die Daten beziehen ausschließlich berichtete bzw. identifizierte Betroffene des Menschenhandels ein. In diesem Fall wäre eine vollkommen andere Interpretation des Ergebnisses naheliegend: Eine Legalisierung von Prostitution hätte möglicherweise vielmehr den Effekt, dass mehr Betroffene von Menschenhandel identifiziert werden würden.  Ein weiteres Indiz, dass sich die Daten nur auf identifizierte Betroffene von Menschenhandel beziehen, zeigt sich in der Konstruktion der Skala auf ordinalem Datenniveau des Menschenhandelsindex. Die Zahl 0 wird erläutert als kein „berichteter“ Fall von Menschenhandel. In diese Kategorie fallen somit auch alle Länder, in denen  Menschenhandel vorkommt, aber keine Identifizierung bzw. Berichterstattung darüber stattfindet. In der Analyse und Ergebnisdarstellung erscheint es als ob die Autoren diese Kategorie gleichsetzen mit „keinem Menschenhandel“ und hier die fehlerhaften Datenquellen nicht berücksichtigen. Die restlichen Länder werden in einer stufenweisen Skala eingeordnet bis zum Maximum „sehr hohe Anzahl an Betroffenen des Menschenhandels“, wobei unklar bleibt, ob sie hier wiederum nur identifizierte Fälle einbeziehen.

Die gesamte Betrachtung des Papers der Studie lässt noch weitere Fragen zu den theoretischen Annahmen der Autoren aufkommen, auf der sie ihre Analyse aufbauen. Es stellen sich die Fragen, ob eine ökonomische Theorie von Annahme und Nachfrage auf Themenbereiche wie Prostitution und Menschenhandel so einfach übernommen werden kann. Zudem gehen die Autoren trotz der aufgeworfenen Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Formen der Arbeit in der Prostitution von einem einzigen Markt der Prostitution aus. Diese Vorgehensweise nivelliert mitunter die großen Differenzen zwischen den unterschiedlichen Bereichen der Prostitution, die ebenso einen Einfluss auf das Ergebnis haben könnten.

Wenn die Studie eine gute Begründung für den Ausschluss gewisser Länder vorweisen könnte, würde sie einen signifikanten Zusammenhang zwischen einer hohen Anzahl von identifizierten Betroffenen des Menschenhandels in Ländern mit legalisierter Prostitution nachweisen. Dies bedeutet allerdings in keinerlei Hinsicht eine Zunahme. Zudem sollte in der Interpretation der Ergebnisse die Datengrundlage, nämlich „berichtete“ und „identifizierte“ Betroffene von Menschenhandel, deutlich herausgearbeitet werden.

Literatur:

Cho, Seo-Young; Dreher, Axel; Neumayer, Eric (2011): Does Legalization of Prostitution Increase Human Trafficking? Discussion Paper. Georg – August – Universität Göttingen.

United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC) (2009): Global Report on Trafficking in Persons. Vienna

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Selbstbeschreibung von LEFÖ-IBF: Interventionsstelle für Betroffene von Frauenhandel des Vereins LEFÖ

Seit Anfang der 90er Jahre beschäftigt sich der Verein LEFÖ mit dem Thema Frauenhandel,  1998 konnte dann die IBF als Opferschutzeinrichtung aufgebaut werden. Das Team der LEFÖ-IBF unterstützt Frauen, die in Österreich in ein Arbeits- und/oder Lebensverhältnis gehandelt wurden, das von Ausbeutung, Missbrauch und Gewalt gekennzeichnet ist.

Das oberste Ziel ist es, gemeinsam mit den Betroffenen den Weg in ein würdevolles, unabhängiges und selbstbestimmtes Leben zu finden. Im Sinne der Ermächtigung unterstützt LEFÖ-IBF die Frauen entsprechend ihrer Wünsche und Umstände dabei, neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Neben der Beratung und Betreuung zählen zu den Tätigkeiten der Interventionsstelle auch Schulungen für Polizei und andere Organisationen, intensiver Austausch und Vernetzung im nationalen und internationalen Bereich sowie umfangreiche Informations- und Öffentlichkeitsarbeit.

Frauenhandel ist, wenn Frauen aufgrund von Täuschungen und falschen Versprechungen migrieren und im Zielland in eine Zwangslage gebracht werden; wenn sie aufgrund ihrer rechtlosen Situation zur Ausübung von Dienstleistungen gezwungen werden; wenn sie ihrer Würde, ihrer persönlichen oder sexuellen Integrität von Ehemännern oder ArbeitgeberInnen beraubt werden.

 LEFÖ – Beratung, Bildung und Begleitung für Migrantinnen

Der Verein LEFÖ – Beratung, Bildung und Begleitung für Migrantinnen wurde 1985 von exilierten Frauen aus Lateinamerika gegründet. Der Verein hat im Bereich Frauenhandel und in der Arbeit mit Migrantinnen in der Sexarbeit Pionierarbeit geleistet. Die ausbeuterische Arbeits- und Lebenssituation von Migrantinnen in Österreich bilden einen immer wieder wenig beachteten Aspekt, was Frauenrechte betrifft und stellt die Grundlage für die Arbeit von LEFÖ dar.

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