Skip to content

White Slavery – ein Begriff mit problematischen Implikationen

12/10/2011
Filmtheater in den USA, im Jahr 1914

Viele Theaterstücke und Romane handelten von in die Prostitution gezwungenen jungen Weißen Frauen. Filmtheater in den USA, im Jahr 1914.

Immer wieder gibt es Geschichten über Frauen- und Mädchenhandel, wonach meistens Frauen aus dem Globalen Süden mit dem Versprechen, einen Arbeitsplatz zu bekommen, nach Europa gelockt und dort zur Prostitution gezwungen werden. Schon im 19. Jahrhundert gab es ähnliche Berichte über den „Mädchenhandel“, welcher im Englischen als „White Slavery“ bezeichnet wird – ein Begriff, der viele problematische Implikationen und Bedeutungen mit sich bringt.

Die Bezeichnung White Slavery kam zuerst in den 1830er Jahren in England auf, um auf die schlechte Bezahlung von Weißen Arbeitern (sic!) aufmerksam zu machen. Der Vergleich zur Sklaverei (englisch: chattel slavery) sollte die schlechten Bedingungen der Arbeiter_innenklasse besonders hervorheben, und wurde damit gerade nicht aus Solidarität mit (ehemaligen) Sklav_innen des Amerikanischen Südens verwendet. Im Gegenteil wurde hauptsächlich oder sogar ausschließlich die vermeintliche Unterdrückung von Weißen thematisiert, und dies oft neben der Rechtfertigung der Versklavung Schwarzer (Roediger).

In den 1880er Jahren wurde „White Slavery” in der englischen Reformbewegung zunehmend auch zur Beschreibung von Mädchenhandel und Zwangsprostitution verwendet. Mit dieser Bedeutung gelangte der Begriff in die USA.

Ende des 19. Jahrhunderts zogen in den USA im Zuge der Industrialisierung immer mehr Menschen in Städte; ob arm oder reich, europäischer oder nicht-europäischer Herkunft, Mann oder Frau, ehemalige_r Sklav_in oder Sklav_innenherr_in. Sozial rigide Regeln und gesellschaftliche Normen unter Anderem in Bezug auf Konsumverhalten oder Geschlechterrollen veränderten sich und verloren an Einfluss (Donovan). So stieg zum Beispiel die Nachfrage an Vergnügungsmöglichkeiten wie Kinos, Bars oder Bordellen. Frauen, besonders aus der Arbeiter_innenklasse, wurden wirtschaftlich und gesellschaftlich unabhängiger, brachten sich politisch ein und erweiterten damit ihren persönlichen Handlungsspielraum. Nicht zuletzt änderten sich dabei auch Vorstellungen von Sexualität und Partner_innenschaft.

In diesem Kontext entstanden die berüchtigten Geschichten, dass junge Weiße Frauen, die vom Land in die Stadt zögen, Schwarzen Männern und Migranten aus Europa verfielen, und diese sie in die Prostitution zwängten. Daraus entwickelte sich ein regelrechter Krieg gegen den „White Slave Trade“.

Auch in Deutschland gab es einen entsprechenden Diskurs. Plakat des Deutschen Nationalkomitees aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.

In einer Zeit des gesellschaftlichen Wandels, der nicht nur durch die Urbanisierung sondern auch durch Immigration gekennzeichnet war, dienten die Geschichten über Fälle von Mädchenhandel nicht nur als Warnung vor den Gefahren der neuen Freiräume. Mit diesem Diskurs sollten auch Geschlechter- und „Rassen”-Verhältnisse stabilisiert werden.

So appellierte die Darstellung der schutzlosen jungen Weißen Frauen in der Stadt an die Eltern, aber auch an die Ehemänner, auf sie aufzupassen. Damit wurden die jungen Weißen Frauen als schwach und unselbstständig degradiert. Viele historische Untersuchungen (z.B. Roediger) haben gezeigt, dass so das patriarchale Herrschaftsverhältnis gestärkt wurde. Konkrete Folgen waren zum Beispiel, dass junge Weiße Frauen nicht alleine reisen, nicht in die Stadt ziehen oder migrieren sollten – sie hätten in böse Hände geraten können. Ähnliche Diskurse gab auch im deutschsprachigen Raum.

Doch dieser Diskurs festigte nicht nur das patriarchale, sondern auch das rassistische Herrschaftsverhältnis mittels Vorurteilen gegenüber dem „bösen Schwarzen Mann“ und „dem Migranten“. Die Stilisierung der als böse gebrandmarkten Schwarzen Männer sollte die Vermischung der konstruierten „Rassen“ verhindern und die Reinheit der Weißen Frau sowie indirekt der US-amerikanischen Gesellschaft beschützen.

Weil der Begriff sich sprachlich nur auf den Mädchenhandel Weißer Frauen und Mädchen bezieht, werden außerdem Schwarze Frauen aus der Problematik der Zwangsprostitution ausgeschlossen, obwohl sie genauso davon betroffen waren und auch heute noch sind.

Der Ende des 19. Jahrhunderts aufkommende und bis heute verwendete Begriff „White Slavery“ relativiert also sklavische Herrschaftsverhältnisse und stützt rassistische und sexistische Unterdrückungsverhältnisse. Ähnliche Tendenzen sind auch im heutigen Menschenhandelsdiskurs zu finden.

One Comment

Trackbacks

  1. In der Presse: Appell für und gegen Prostitution | menschenhandel heute

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: