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Call for Articles – „Mädchenhandel“ und Völkerrecht // „Traffic in Women” and International Law

27/03/2017

Im 20. Jahrhundert wurden insgesamt sechs internationale Abkommen zur Bekämpfung des sogenannten Mädchen- bzw. Frauen- und Menschenhandels verabschiedet. Vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts genoss das Thema so viel politische und öffentliche Aufmerksamkeit, dass eine völkerrechtliche Regulierung möglich wurde. Fünf der Abkommen wurden zwischen 1904 und 1949 verabschiedet, während das letzte Abkommen erst im Jahre 2000 unterzeichnet wurde. Somit wurde das Phänomen „Mädchenhandel“ eines der ersten völkerrechtlichen Regelungsfelder neben den klassischen Themen von Krieg und Frieden, wodurch das Zusammendenken von „Mädchenhandel“ und Völkerrecht aus verschiedenen Perspektiven Erkenntnisse verspricht.

Dennoch hat diese völkerrechtliche Dimension in den historischen Untersuchungen zum Thema „Mädchenhandel“ bislang nur eine geringe Rolle gespielt. Bisher ist das Thema „Mädchenhandel“ besonders hinsichtlich der vielfältigen nationalen wie grenzübergreifenden Initiativen einer aufstrebenden Zivilgesellschaft zur Bekämpfung von „Mädchenhandel“, „White Slavery“ oder „traffic in women“ untersucht worden, wobei einige Arbeiten diese Bestrebungen als Teil einer moralischen Panik analysiert und damit die Existenz von „Mädchen-/Frauenhandel“ in Frage gestellt haben. Studien, die die konkrete Politik der Initiativen gegen Mädchenhandel in nationalen und lokalen Kontexten im Blick haben, konzentrieren sich oft auf bestimmte Regionen, wobei durch die Perspektive auf die Praxis die enge Verquickung mit Prostitutions-, Migrations- und Sexualpolitiken deutlich geworden ist. Eine Reihe weiterer Untersuchungen konzentrieren sich auf die Dimensionen von race, class und gender in Diskursen, Repräsentationen und Politiken des Feldes.

All diese Ansätze haben zentrale Aspekte des Themas – Prostitution, Sexualität, Migration, Polizei, Ordnung und Sicherheit sowie das sozialpolitische Engagement nationaler und transnationaler Zivilgesellschaften und ihre medialen Präsentationen – in den Fokus genommen und unser Wissen über das historische Phänomen erweitert. Betrachtet man jedoch die bisherige Forschung in ihrer Gesamtheit, so erscheinen die unterschiedlichen das Thema „Mädchenhandel“ berührenden Aspekte wie zum Preis einer fraktionierten Beliebigkeit getrennt voneinander, während die völkerrechtliche Dimension oft kaum über eine fast schon teleologische Darstellung im Hinblick auf die Erfolge internationaler Vereinbarungen hinaus geht.

In dem geplanten Band soll ein auf Akteure und Institutionen fokussierter Zugang die Integration der genannten Felder ermöglichen: der Auf- bzw. Ausbau von Institutionen zur Regelung des Mädchenhandels wurde von verschiedenen Akteuren auf dem Feld der Sicherheits- und Sozialpolitik betrieben, wobei Netzwerke von Rechtsexperten (und wenigen Rechtsexpertinnen) eine besondere Rolle spielten.

Von Beginn an waren und sind die Debatten über den „Mädchenhandel“ durch „mental maps“ strukturiert, die ein Armuts- und/oder Zivilisationsgefälle konstruierten. So fällt auf, dass um die Wende zum 20. Jahrhundert vor allem Jüdinnen aus Galizien als Opfer des Handels wahrgenommen wurden. Mit der De-Kolonialisierung nach 1945 strukturierten zunehmend Nord-Süd-Beziehungen („Erste Welt-Dritte Welt“) die Debatten über Prostitutionsmigration und den sogenannten „Frauenhandel“, die jedoch nach 1989 wiederum von einem Ost-West-Gefälle überlagert wurden. Vor diesem Hintergrund soll gefragt werden, was es für die Territorialisierung des Völkerrechts bedeutet, dass das Regelungsfeld immer wieder als osteuropäisch konnotiert wurde.

Zu berücksichtigen sind sowohl die Verschiebungen rechtlicher Definitionen und öffentlicher Diskurse auf nationaler und internationaler Ebene als auch ihre Umsetzung und die damit verbundenen Praktiken vor Ort, wie z. B. an der Grenze, im örtlichen (legalen oder illegalen) Bordell, bei der Beratungsstelle, vor Gericht oder im Gefängnis. Gefragt werden soll nach den raum-zeitlichen Verschiebungen im Verlauf des 20. Jahrhunderts – sowohl auf der Ebene gesellschaftlicher Diskurse und Wahrnehmung, als auch auf einer dezidiert sozialhistorischen und rechtsgeschichtlichen Ebene.

Für die angestrebte multidimensionale Perspektive kann eine Analyse der Sprache im Recht, im rechtlichen Diskurs sowie in der polizeilichen Praxis hilfreich sein. Dazu gehören auch dezidiert semantische Untersuchungen zum begriffshistorischen Wandel von „Mädchenhandel“ bzw. „White Slavery“ oder „Traite des Blanches“ hin zu „Frauenhandel“ und „Traffic in Women“ und schließlich „human trafficking“, wobei die Semantik der „Sklaverei“, die nicht nur durch Begriffe wie „Weiße Sklaverei“ oder „sexuelle Sklaverei“, sondern auch durch die Selbstbezeichnung von AktivistInnen als AbolitionistInnen immer wieder aufgerufen wurde, eine wichtiges Feld darstellt. Für eine völkerrechtliche Perspektive auf den Mädchenhandel erhoffen wir uns besonders gewinnbringende Erkenntnisse von rechts- und sozialhistorischen Untersuchungen des Bedeutungswandels, die die globalen Dimensionen einbeziehen und den Transfer von Bedeutungen über Grenzen hinweg in den Blick nehmen.

Ein Band, der den Zusammenhang von Völkerrecht und Mädchenhandel als Teil der vielschichtigen Dimensionen des Themas zu erfassen anstrebt, muss sich der kontrovers diskutierten Frage stellen, was „Mädchenhandel“ war und damit auch, ob es sich überhaupt um ein empirisch fassbares Phänomen handelt oder gehandelt hat. Jedoch kann es weniger darum gehen, eindeutige Antworten zu finden, als vielmehr darum, den rechtshistorischen und internationalen Fokus zu nutzen, um die Vagheit in den Definitionen von Mädchen- und Menschenhandel, aber auch die räumlich und zeitlich schwankenden Aufmerksamkeitskonjunkturen selbst zum Thema zu machen. So können Widersprüchlichkeiten und Diskrepanzen zwischen verschiedenen Paralleldiskursen und Praktiken in den Fokus rücken. Wer wurde von Diskursen und Gesetzen überhaupt erfasst und wer nicht? Und was bedeutete es für die Betroffenen, als „white slave“ oder eben als „gehandelte Ware“, als „Opfer von Menschenhandel“ identifiziert und juristisch „eingehegt“ zu werden? Welche Rechtsansprüche und welche Rechtspraktiken gingen damit einher und wie wandelten sich die Praktiken und Akteure in Raum und Zeit?

Auf diese Weise soll der Band auf produktive Art und Weise Fragen nach dem Wandel von Recht, Staatlichkeit und der transnationalen Sphäre verknüpfen und zeigen, wie „Mädchenhandel“ in den unterschiedlichen Kontexten gemacht wurde und vielleicht auch noch wird.

Wir rufen zur Einsendung von Beitragsvorschlägen für einen Sammelband bzw. ein Themenheft auf. Dafür suchen wir Beiträge aus verschiedenen geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen, die sich theoretisch, methodisch und empirisch fundiert mit dem hier skizzierten Themenfeld beschäftigen und dabei auf innovative Art und Weise die Bedeutung des (internationalen) Rechts für die Geschichte von Mädchen- bzw. Menschenhandel ausloten. Eine bestimmte zeitliche oder regionale Schwerpunktsetzung ist nicht notwendig.

Abstracts:

  • 500 Wörter auf Deutsch/Englisch
  • Kurzbeschreibung des konkreten Untersuchungsgegenstandes, der Fragestellung, Methode und Quellen
  • Deadline für die Einreichung des Abstracts: 15. April 2017
  • Mitteilung über die Annahme des Beitrags: 22. April 2017

Deadline für die Einreichung des Manuskripts (Deutsch oder Englisch; max. 70.000 Zeichen): 15. November 2017

Herausgeberinnen: Sonja Dolinsek und Kathleen Zeidler in Zusammenarbeit mit Dietlind Hüchtker und Dietmar Müller

Kontakt: sonja.dolinsek@uni-erfurt.de, kathleen.zeidler@leibniz-gwzo.de

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Call for Articles – “Traffic in Women” and International Law

Six international conventions to combat the so-called “Mädchenhandel”, “white slavery”, “traffic in women” and “human trafficking” were adopted over the course of the 20th century. During the first half of the 20th century the issue received political and public attention to a degree as to make it possible to regulate it through international law. Five of the six international conventions were adopted between 1904 and 1949, while the last one was signed only in 2000. The phenomenon of the “trafficking in women” thus was one of the first fields for the regulation through international law along with more traditional issues, such as war and peace. A joint consideration of “trafficking” and international law thus offers a promising research topic.

Nevertheless, the international law dimension has only played a minor role in historical research on “trafficking”. So far, “trafficking” has been analysed with a view towards the multiple national as well as transnational civil society efforts and initiatives to combat „Mädchenhandel“, „white slavery“ or „traffic in women“. Some analyses have situated these efforts in the context of a “moral panic” and have, in some cases, questioned the existence of the underlying phenomenon. Studies focusing on the politics and implementation of anti-trafficking initiatives in national and local contexts, concentrated on certain regions. Research focusing on practices and implementation have pointed to an intricate connection between the politics of prostitution, migration and, more generally, sexual politics. A number of studies have analysed the raced, gendered and classed dimensions of discourses, representations and politics in this field.

All these studies have pointed to core issues connected to histories of “trafficking”, such as prostitution, sexuality, migration, police, law and order as well as social and political efforts of civil society and media representations. A more general view of the research on the histories on trafficking reveals, however, a rather fragmented field, in particular with regard to the dimensions of international law, which often do not go far beyond teleological success stories of an international struggle against this “evil”.

This edited volume seeks to integrate all these aspects by approaching the field through actors and institutions: A number of actors in the fields of social and security politics, including networks of legal experts, contributed to the development and expansion of institutions to regulate “trafficking”.

Debates on “trafficking” were and still are structured by “mental maps” based on ideas of a poverty and civilizational gap. It stands out that at the turn of the 19th to the 20th century mostly Jewish women from Galicia were perceived of being victims of the traffic. With the process of decolonization after 1945 debates on trafficking and migrant prostitution were structured mostly through the lens of North-South-relations (“first world”-“third world”), which then again were re-structured as a gap between East and West after 1989. Against this backdrop it must be asked what it meant for the territorialization of international law that “trafficking” as a field of regulation was often connoted as “Eastern European”.

Furthermore, it is necessary to consider spatio-temporal shifts in legal definitions and public discourses at a national and international level as well as their implementation and the local practices connected with it, i. e. practices at the border, in the local (legal or illegal) brothel, at the rescue and counselling organisations, in court or in jail.

In order to deliver such a multidimensional perspective, it can be useful to offer an analysis of the legal language, legal discourse and the language used in policing practices. This includes semantic analyses of conceptual changes and shifts from “Mädchenhandel”, “white slavery” or “traite des blanches” to “Frauenhandel”, “traffic in women” and, eventually, “human trafficking”. The semantics of “slavery” deserves particular attention, because of the recurring reference to it in concepts such as “white slavery” or “Sexual Slavery”, but also due to the self-description of activists as “abolitionists”. For a perspective focusing on international law, we expect that an analysis of conceptual shifts embedded in the legal and social context and taking into account their global dimensions of transfers of meanings across borders to be particularly fruitful.

Aiming at unravelling the connection between international law and “trafficking” as part of the multi-layered dimensions of the issue at hand, we aim at discussing the controversial, but unavoidable question of what “trafficking” was and whether, if at all, it is and was captured empirically. The goal is less to find definite answers, but rather to fruitfully engage the legal and international focus to make the conceptual vagueness of “trafficking” as well as the spatio-temporal cycles of public attention devoted to trafficking the object of analysis. In this way, contradictions and discrepancies between and across various parallel discourses and practices become the centre of analysis. Who and whose experience was captured by anti-trafficking discourses and practices, and who was not? What did it mean for those affected to be discursively and/or legally categorized and contained as a “white slave”, “traded thing” or as “victim of trafficking”? What legal entitlements and what legal practices were connected to such categorization and how did these practices and the actors connected to them change in space and time?

Through such a multidimensional perspective, this edited volume aims at productively engaging with questions relating to changes in (international) law, statehood and the transnational sphere and show how “trafficking” was (and possibly still is) made in all these contexts.

We call for proposals for submissions for an edited collection. In particular, we seek proposals from various social sciences and humanities working on the issue outlined in the present call. We seek theoretically, methodologically and (for empirical submissions) empirically grounded submissions offering innovative and provocative analysis of the intersection of international law and the history (and present) of “trafficking”. A regional or temporal focus is not required.

Abstracts:

– 500 words (German or English);

– Short outline of the specific object of analysis, research question, sources/data, and method

– Deadline for the abstract April 15th 2017

– Notification of acceptance: April 22nd 2017

Deadline for the submission of the manuscript (German or English; max. 70,000 characters): November 15th 2017

Editors of the collection: Sonja Dolinsek, Kathleen Zeidler in co-operation with Dietlind Hüchtker and Dietmar Müller

Contact: sonja.dolinsek@uni-erfurt.de, kathleen.zeidler@leibniz-gwzo.de

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