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Das Schweigen der AbolitionistInnen

02/01/2015

Autorin: Helga Pregesbauer. Ursprünglich veröffentlicht auf wortflechte.com

Ich verfolge alle mir bekannten deutschsprachigen Medien von Abolitionistinnen seit zwei Jahren und versuche alles zu lesen, was sie veröffentlichen: Websiten, social media Beiträge, twitter, facebook, Publikationen.

Ich hatte per Mail, persönlich, via Chat und sogar per Telefon mit mindestens 30 Abolitionistinnen Gespräche. Wenn ich Gespräche auf Twitter und auf Facebook (offen mitlesebare) dazurechne kommen noch einmal 30 weitere Personen dazu. Ich habe auch von denen, die mit mir kommuniziert haben, keine einzige Antwort auf eine meiner Fragen bekommen.

Zu meiner abolitionistischen Lektüre gehören ca. zwanzig Blogs, zehn Websites, die persönlichen Einträge auf facebook von ca. zwanzig Personen und zehn Organisationen. Ich war auf jeder einzelnen mir bekannten Veranstaltung zum Thema in Wien, das waren heuer ungefähr 15 Termine. Ich wäre auf die Kofra-Konferenz gefahren, wenn ich nicht gewusst hätte, dass ich nicht hin darf, weil ich vorher schon von mehreren Personen gehört hatte, dass deren Anmeldung abgelehnt wurde. Leider habe ich die Anmeldung unterlassen, was ein großer Fehler war – die Ablehnung meiner Anmeldung würde ich heute gern herzeigen. Denn die ausgeladenen SexarbeiterInnen stellen sich damit keiner Öffentlichkeit, was ich sehr gut verstehe. Ich bin aber bereit, in persönlichen Gesprächen diese mir übermittelten herzuzeigen und Telefonkontakt herzustellen, den ich übrigens bereits Personen, die mich Lügen schimpften, angeboten habe. Wollten die natürlich nicht. Ich habe von einer Konferenz-Teilnehmerin erfahren, dass auf der Konferenz gesagt wurde, die „happy Sexarbeiterinnen“ wollen sie hier auf der Konferenz nicht haben. Tja, die hätten ihre Thesen ja ganz schön ins Wackeln gebracht. Die vor Ort ausgesprochene Kritik am schwedischen Modell wurde dort nach Aussage dieser Teilnehmerin „nicht ernst genommen“.

Ich habe in diesen über zwei Jahre gehenden Gesprächen von Abolitionistinnen also NIEMALS eine Antwort oder einen Kommentar zu folgenden Problemen bekommen oder eine Aussage darüber, wie sie diese Missstände empfinden. Ich habe zu diesen Themen und Kritikpunken in keinem einzigen Gespräch oder Publikation einen Kommentar gefunden, die meisten Behauptungen wurden durchwegs geleugnet. Ich kann das nicht anders interpretieren, als dass es Abolitionistinnen egal ist. Auf jeden Fall zählen Polizeigewalt und Unrechtsgesetze zu den Themen, die Abolitionistinnen auslassen. Und Hurengewerkschaften sind ihre erklärten und ausdrücklichen Feindbilder.

Also hier Eure Chance. Was sagt ihr dazu oder wo sind die Links oder Publikationen, die sich hierzu anders äußern, als es eine Lüge zu nennen?

  • Die Tatsache, dass es in allen Ländern der Welt Polizeigewalt und/oder Polizeirepressionen gegen SexarbeiterInnen gibt sowie die Tatsache, dass auch die Polizei und auch PolitikerInnen rechtswidrige Aktivitäten setzen oder diese anweisen.
  • Dass in Norwegen mehrere hundert SexarbeiterInnen ihre Wohnung (die Wohnung zum Wohnen) verloren haben wegen des schwedischen Modells.
  • Dass in Schweden SexarbeiterInnen schon beim Verdacht, SexarbeiterIn zu sein, aus ihren Wohnungen (zum Wohnen!) sofort rausgeworfen werden müssen, da sonst die VermieterInnen der Zuhälterei schuldig sind.
  • Dass SexarbeiterInnen in Schweden sagen, sie müssten jetzt mehr Schmiergeld zahlen und zwar ohne Gegenleistung, nur damit niemand die Polizei holt.
  • Dass SexarbeiterInnen in Schweden polizeilich überwacht werden (z.B. ihre Telefone), was nach schwedischem Gesetz meiner Einschätzung nach gar nicht legal ist. (Manche Abolitionistinnen finden das übrigens gut und notwendig.)
  • Dass die Abolitionistinnen (namentlich beispielsweise Susanne Riegler, Sonja Pleßl, Sabine Constabel, Alice Schwarzer) jede „Legalisierung“ und alle Berufsrechte ausdrücklich ablehnen, weil diese angeblich schädlich für SexarbeiterInnen seien.
  • Die Strafen für Verbotszonen (in Wien 500 Euro Mindeststrafe) für Anwesenheit sind meines Erachtens enorm und unverhältnismäßig.
  • Als die Erlaubniszonen in Wien in gefährliche Gebiete verlagert wurden (die verantwortliche Frauenberger ist Abolitionistin), wo es in der Folge Gewalttaten gab, die voraussehbar waren und anderswo nicht passieren, las ich dazu keinen Kommentar. Ebensowenig zu den generell absurden Strafhöhen gegen SexarbeiterInnen.
  • Die Forderung der Abolitionistinnen nach einer Zwangsuntersuchung, die von WHO, UNO und UNAIDS weil kontraproduktiv abgelehnt wird. Immerhin hat der Verein feministischer Diskurs die diese vehement fordernde Sabine Constabel eingeladen und für ihren Vortrag bezahlt.
  • Die Forderung der Abolitionistinnen nach einer Registrierungspflicht in Deutschland, die dort 1948 abgeschafft wurde weil man festgestellt hat, dass es a. ein reines Repressionsinstrument ist und b. das Haupthürde für einen Berufswechsel ist (also das Haupthindernis am Ausstieg aus der Sexarbeit). DIe Registrierungsprlicht wurde im Rahmen der Veranstaltung am 10.11. und noch einmal am 11.10. vom Verein feministischer Diskurs gefordert und für gut gefunden. In Österreich waren die Menschenhandelsopfer aus der Prostitution in der Mehrheit der mir bekannten Fällen registriert.
  • Dass in Deutschland mehrere Bundesländer rechtswidrig diese Registrierungspflicht bereits umsetzen?
  • Die Diffamierung von HurengewerkschafterInnen und die Hetze und Verleumdung gegen sie (Alice Schwarzer wurde dafür rechtskräfig verurteilt) beispielsweise in der EMMA. – Das ist die einzige Ausnahme, diese hat Maja K. ausdrücklich kritisiert, was mich damals und heute sehr erfreut hat.
  • Dass Kondome mitzuführen in Schweden und Österreich als Beweise für Sexarbeit gelten und bei Strafverhängungen eine Rolle spielen. Viele Sexarbeiterinnen in Schweden nehmen keine Kondome mehr, weil sie als Beweis für Sexarbeit gelten.
  • Dass soviel ich weiß seit dem Jahr 2001 keine SexarbeiterInnen mehr in Schweden einen Freier angezeigt haben. Das taten sie vor 1999 sehr wohl, das tun sie in vielen Ländern der Welt. Und niemand kann glauben, dass es keine Probleme mehr gibt. (Dafür habe ich in den letzten Jahren keine Belege, dh meine Quellen dafür sind alt, falls wer Daten dazu hat nur heraus damit, auch und besonders falls sich daran etwas geändert hat und ich Unrecht habe).
  • Dass SexarbeiterInnen aus Schweden abgeschoben wurden (rechtswidrig) und immer noch abgeschoben werden.
  • Dass eine Sexarbeiterin und ein Hurengewerkschafter in Paris vor zwei Wochen Opfer von körperlicher Polizeigewalt und verhaftet wurden, er weil er Kondome und Infomaterial verteilte. Die Anklage beruft sich auf das schwedische Modell, das in Frankreich gar nicht gilt. (Als Verhaftungsgrund steht im Akt: „Er sprach mit einer Sexarbeiterin“).
  • Ich habe noch nie von einer Abolitionistin einen Kommentar zum Mord an Petite Jasmine gehört, eine mir namentlich bekannte Abolitionistin vom Verein feministischer Diskurs, die gezählte dreimal bei einer Veranstaltung von ihr gehört haben muss, hat beim dritten Mal immer noch behauptet, davon nie gehört zu haben. Die Schwedin Petite Jasmine wurde vom Vater ihrer Kinder (die sie jahrelang nicht sehen durfte mit der Begründung dass sie Sexarbeiterin ist) wurde in einem Besuchscafe mit dutzenden Messerstichen ermordet. Die Polizei hat soweit ich mich erinnere ihr kleines Kind gerufen übrigens. Das Sorgerecht hatte der wegen körperlicher Gewalt gegen Petite Jasmine verurteilte Vater…
  • Abolitionistinnen leugneten in meiner Gegenwart mehrfach, dass Sexarbeiterinnen das Sorgerecht in Österreich und Schweden automatisch entzogen wird.
  • Es gibt dutzende Belege dafür (z.B. aus schwedischen Polizeiberichten) dass die Anzahl der SexarbeiterInnen in Schweden nicht gesunken ist – außer am Straßenstrich, wo die Polizei Razzien macht.
  • Mindestens 50% der SchwedInnen fordern, dass auch SexarbeiterInnen bestraft werden, die „Schaffung eines neuen Bewusstseins“ ist also ordentlich schief gegangen. Genau das haben Hurengewerkschaften übrigens schon 1998 prophezeit.
  • Es gibt keine Kronzeugenregelung für Freier, die Menschenhandel anzeigen. Seit dem Jahr 2000 gab es keine Anzeigen mehr von Freiern aus diesem Grund. Es gibt für Österreich und Deutschland keine konkreten Zahlen, aber eine deutsche Statistik sagt, dass zwei Drittel der Anzeigen von „Verwandten der Opfer und Freiern“ kommen. Ich weiß auch von Beratungseinrichtungen dass das vorkommt, nicht in Horden, aber es kommt vor. In Schweden wurde diese Kronzeugenregelung gefordert, aber nicht umgesetzt. Bei Mord gibt es sie.
  • In Deutschland ist die Anzahl der Fälle von Menschenhandel seit 2002 gesunken.Abolitionistinnen reden davon, diese seien „explodiert“, Quelle für die Explosion gibt es keine.
  • Welche wissenschaftliche Untersuchung bestätigt den Erfolg des schwedischen Modells?
  • Was wäre, wenn die Ziele des schwedischen Modells mit diesem nicht erreicht würden? Auch wenn ihr das nicht glaubt, was wäre WENN es so wäre? Wärt ihr dann trotzdem dafür?
  • Was verstehen die Appell-BegründerInnen unter „Sexkauf“? (Darauf habe ich mehrfach eine “Antwort” bekommen: Das wissen wir noch nicht).
  • Kein Verbot dieser Welt konnte bisher bewirken, dass es Sexarbeit verschwindet.
  • Was sagt ihr den Sexarbeiterinnen, die sich vom Abolitionismus, vom nicht mit ihnen reden und ihre Aussagen leugnen, abwerten oder als bezahlte Lügen verwerfend gedemütigt und entmündigt fühlen?
  • Die Hurengewerkschaften fordern seit Jahrzehnten: Nur wer MIT uns redet darf MITREDEN. Was sagt ihr dazu?
  • Auf den Menschenhandelskonferenzen in Wien waren alle Fachleute gegen das schwedische Modell. Lauter Idioten?

Man möge mir etwas präsentieren, egal ob es ein mündlicher Kommentar ist, ein Kommentar in einem Onlinemedium (Zeitschrift, Publikation), zu einem einzigen dieser Punkte, die dazu eine Stellungnahme ist, die NICHT leugnend oder verharmlosend ist. Eine einzige. Ich fand in zwei Jahren keine. Pauschale Ablehnungen von Gewalt zählen nicht.

Wenn Abolitionistinnen sich mit den Polizeirepressionen befassten, müssen sie wohl zugeben, dass mit der Polizei keine „Prostituiertenrettung“ möglich ist. Das liegt daran, dass die Polizei durch die jahrhundertelange Gesetzgebung diese nur als kriminelle Personen wahrnimmt und die Kontrollfunktion auszuüben hat. Sehr vereinfacht erklärt: Wen ich mit der Knarre kontrolliere, den sehe ich nicht als Opfer.

Wenn Abolitionistinnen sich der Realität des schwedischen Modells stellen würden und anerkennen würden, dass es die Anzahl der SexarbeiterInnen nicht senkt und auch den Menschenhandel nicht beeinflusst, wenn sie zugeben würde, dass es sehr wohl auch die SexarbeiterInnen selbst auf vielfältige Weise kriminalisiert, dann müssten sie ihre Forderungen modifizieren. Oder?

Ich bin ehrlich extrem interessiert an der Widerlegung meiner Behauptungen. Vielleicht täusche ich mich ja in meiner Position. Ihr könnt das gerne hier kommentieren, mir eine Email schreiben (helga@wortflechte.com) einen anonymen Kommentar via die Kommentarfunktion hier schicken hier www.wortflechte.com/web/impressum oder mir via facebook schreiben. Natürlich ist auch er Postweg möglich. Behauptungen zu Studien ohne AutorIn und Titel könnt Ihr Euch sparen. Beleidigungen von SexarbeiterInnen werden von mir gnadenlos gelöscht.

Euch ausnahmslos ein wundervolles Neues Jahr 2015 – Möge das schwedische Modell dort landen wo es hingehört: in die Hölle. Möge es in die Geschichte eingehen als einer der größten Fehler des Feminismus. Damit wir wieder Zeit finden, uns den Problemen von Mensch und Erde zu widmen. Happy New Year!

One Comment
  1. 08/01/2015 11:08

    Danke für diese wichtigen Fragen. Gerade diskutieren die „Abolitionistinnen“ ja über eine Melde- und Registrierungspflicht. Dabei fällt auf, dass das gar nicht abolitionistisch ist sondern – im Gegenteil – total anti-abolitionistisch. In der internationalen Konvention gegen Menschenhandel, die von Abolitionistinnen immer zitiert wird, steht drin, dass jegliche Registrierungsmaßnahme abgeschafft werden soll.

    Artikel 6: „Jede Vertragspartei dieser Konvention ist damit einverstanden, aIle erforderlichen
    Maßnahmen zu ergreifen, um jedes bestehende Gesetz und jede bestehende Vorschrift
    oder Verwaltungsbestimmung aufzuheben oder außer Kraft zu setzen, wonach Personen,
    die der Prostitution nachgehen oder dessen verdächtig sind, einer gesonderten Registrierung
    unterliegen oder im Besitze eines besonderen Dokumentes sein müssen oder
    anderen Ausnahmebestimmungen zwecks Kontrolle oder Anmeldung unterliegen.“
    http://www.un.org/depts/german/uebereinkommen/ar317-iv.pdf

    Liebe Abolitionistinnen, ihr die eine Meldepflicht fordert, sei in Wahrheit knallharte Regulationistinnen! Und ihr die für das schwedische Modell einsteht, seid in Wahrheit für eine Kriminalisierung von guten Arbeitsbedingungen. Ich habe noch nicht gehört, dass die Kriminalisierung von Arbeitsrechten die Arbeitsbedingungen verbessert haben.

    Auf jeden Fall ist es alles unlogisch, selbstreferentiell und empirisch völlig unhaltbar!

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