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Fair Play für Kinderrechte? Sportevents, Tourismus und sexuelle Ausbeutung von Kindern in Brasilien

20/06/2014

Autorin: Dorothea Czarnecki

Bei sportlichen Mega-Events wie der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 oder den Olympischen Spielen 2016 in Brasilien ist es unerlässlich, auch an den Schutz und die Rechte von Kindern zu denken. Aufgrund der enormen Ausgaben für die anstehenden Sportereignisse vernachlässigt die Regierung den notwenigen Ausbau der sozialen Sicherung, der Gesundheits- und Bildungseinrichtungen. Die Leidtragenden der anhaltenden sozialen Ausgrenzung sind allen voran Kinder und Jugendliche.

Von den insgesamt 200 Millionen Einwohnern Brasiliens sind 33 Prozent jünger als 18 Jahre. Obwohl der Anteil der extrem Armen, die weniger als 1,25 US-Dollar täglich zur Verfügung haben, von 17 Prozent (1993) auf 6,1 Prozent (2012) gesunken ist, leben noch immer knapp 28 Millionen Minderjährige in Haushalten, die mit weniger als dem halben Mindestlohn auskommen müssen. Die soziale Realität in Brasilien erlaubt es vielen Familien nicht, Kindern den Schutzraum zu geben, den sie bräuchten, um gesund und glücklich aufzuwachsen.

So müssen oft auch die Kinder zum Haushaltseinkommen beitragen. Sie kellnern zum Beispiel in Imbissen oder verkaufen Schmuck am Strand. Doch von harmlos erscheinenden Tätigkeiten, speziell im Umfeld von Touristen, ist es oft nur ein kleiner Schritt hin zu ’sexuellen Diensten‘, sprich der sexuellen Ausnutzung von Kindern zu Prostitutionszwecken.

Auch die knapp 24.000 Kinder in Brasilien, die ihren Lebensmittelpunkt auf der Straße haben und ohne den Schutz ihrer Familien zurechtkommen müssen, sind einem hohen Risiko von Ausbeutung und Gewalt ausgesetzt. Nach Schätzungen des Nationalen Forums für die Verhütung von Kinderarbeit gab es in Brasilien im Jahr 2012 rund eine halbe Million Minderjährige in der Prostitution.

Die Nationale Kindernotrufnummer „Dial 100“ hat im Jahr 2012 alleine im Bereich sexuelle Gewalt gegen Kinder 35.140 Fälle verzeichnet. Die Gemeinden mit der höchsten Anzahl gemeldeter Fälle kommerzieller sexueller Ausbeutung von Minderjährigen sind zum überwiegenden Teil gleichzeitig Austragungsorte der Fußball-WM (Fortaleza, Salvador, Rio de Janeiro, São Paolo, Recife, Porto Alegre, Manaus, Brasilia, Natal, Curitiba, Belo Horizonte, Cuiabá).

Es gibt keine empirischen Belege für die Verbindung zwischen großen Sportereignissen und einer Zunahme der sexuellen Ausbeutung Minderjähriger im jeweiligen Gastgeberland. Doch wenn anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft die erwarteten 600.000 internationalen Touristen nach Brasilien kommen und dazu drei Millionen Brasilianer zu den unterschiedlichen Austragungsstätten unterwegs sind, muss davon ausgegangen werden, dass sich unter ihnen auch potenzielle Täter befinden.

Rechtslage und Strafverfolgung

Auf den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen steht in Brasilien eine Haftstrafe von bis zu zwölf Jahren. Wenn das Opfer jünger als 14 Jahre ist, kann sich die Strafe sogar auf 15 Jahre erhöhen. Auch das Zuführen von Minderjährigen zur Prostitution wird mit einer Freiheitsstrafe zwischen vier und zehn Jahren geahndet. Die Prostitution von Erwachsenen ist in Brasilien legal, Zuhälterei jedoch nicht. Auf die Herstellung, Verbreitung und den Konsum kinderpornografischen Materials stehen Freiheitsstrafen von bis zu acht Jahren.

Nach dem Gesetz darf keine Person unter 18 Jahren Diskriminierung, Ausbeutung, Gewalt, Grausamkeit oder Unterdrückung ausgesetzt sein. Selbst jeglicher Versuch, die fundamentalen Rechte der Kinder zu verletzen, soll bestraft werden – soweit die Theorie. In der Praxis werden jedoch immer wieder Fälle bekannt, in denen Minderjährige gesetzlich weder geschützt sind, noch Unterstützung finden. So wurde 2012 ein Mann von allen Anklagen freigesprochen, obwohl er nachweislich Geschlechtsverkehr mit drei 12-jährigen Mädchen hatte. In ihrer Begründung bezeichneten die Richter die betroffenen Kinder als Prostituierte, die „alles andere als unschuldig, naiv, ignorant oder unwissend“ seien. Daran erkennt man, dass die Prostitution Minderjähriger in Brasilien im gesellschaftlichen Bewusstsein kaum problematisiert wird und das Verständnis von Kinderrechten noch wenig verankert ist.

Neben der nationalen Gesetzeslage greift für deutsche Staatsbürger in Brasilien, wie überall im Ausland, das Exterritorialprinzip: Täter, die im Ausland Kinder missbrauchen, können auch in ihrem Heimatland strafrechtlich dafür belangt werden. Dies gilt auch dann, wenn die Tat im jeweiligen Ausland nicht als Verbrechen angesehen wird.

Kinderschutz als Querschnittsaufgabe

Im Rahmen des Nationalen Programms zur Bekämpfung der sexuellen Gewalt gegen Kinder und Jugendliche (PNEVSCA), das unter der Federführung des brasilianischen Ministeriums für Menschenrechte steht, wurde ein Netzwerk aus staatlichen Institutionen, Bundesstaaten und einzelnen Gemeinden in den zwölf Austragungsorten gebildet. Es soll Richtlinien zum Kinderschutz entwickeln und Präventionsarbeit im Vorfeld der Fußball-WM leisten. Bemühungen seitens der Regierung sind also sichtbar, doch brasilianische Fachleute kritisieren die verzögerte Reaktion.

Nichtregierungsorganisationen wie Plan Brasilien versuchen seit Monaten, im Vorfeld der Fußball-WM durch direkte Arbeit mit Kindern und Jugendlichen vor den Gefahren durch Ausbeutung in der Prostitution zu warnen. Die breite Öffentlichkeit wird mit Informationskampagnen sensibilisiert und angeregt, Vorfälle zu melden.

Auch die Tourismusbranche, die 2014 acht Milliarden US-Dollar Gewinn alleine aus dem internationalen Tourismus erwartet und neben der FIFA wohl am meisten von der Fußball-WM profitieren wird, kann Maßnahmen für Kinderschutz ergreifen. In Brasilien findet seit 2001 der Verhaltenskodex zum Schutz der Kinder vor sexueller Ausbeutung Anwendung. Das Tourismusministerium hat seit über zehn Jahren eine eigene Abteilung für Kinderschutz. Explizit auf die Fußball-WM ausgerichtet hat es zusammen mit dem Sozialdienst der Industrie und der Kinderrechtsorganisation ECPAT (End Child Prostitution, Pornography and Trafficking of Children) im April 2014 eine Kampagne zur Sensibilisierung von Touristen in den 12 Spielstätten der WM entwickelt.

Handlungsmöglichkeiten für Reisende

In Deutschland macht die Arbeitsgemeinschaft zum Schutz der Kinder vor sexueller Ausbeutung – ECPAT e.V. in Kooperation mit der polizeilichen Kriminalprävention mittels einer Kampagne an Flughäfen mit direkten und indirekten Flügen nach Brasilien auf die Problematik aufmerksam. Sie bittet Reisende, die während ihres Aufenthalts in Brasilien verdächtige Situationen beobachten, ihre Beobachtungen zu melden. Direkt in Brasilien ist die Nummer 100 die beste Anlaufstelle. Das landesweite Netzwerk verfügt über ein Hilfesystem, um Kinder schnell aus Notsituationen zu retten. In Deutschland gibt es die Meldeplattform www.nicht-wegsehen.net, wo man Straftaten an das Bundeskriminalamt oder Beobachtungen auffälliger Situationen an ECPAT melden kann.

Dorothea Czarnecki koordiniert bei ECPAT Deutschland e.V. das EU-Projekt „Don’t look away – be aware & report the sexual exploitation of children in travel and tourism!“ (2012-2015), an dem sich insgesamt 22 Länder im Rahmen des Kinderschutzes im Tourismus beteiligen.

Ursprünglich veröffentlicht auf tourism-watch.de

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