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„Um Menschenhandel zu bekämpfen, müssen Betroffene zunächst einmal als solche erkannt werden“

18/06/2014

Dieser Artikel wurde ursprünglich im Rundbrief 54 vom Mai 2014 der FIZ – Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (Zürich) veröffentlicht. Im Rundbrief wird das 10-jährige Bestehen der Beratungsstelle reflektiert. 

Autorin: Susanne Seytter

Die Beratungs- und Interventionsstelle FIZ Makasi betreut seit zehn Jahren Betroffene von Frauenhandel. Ihr Erfolg gründet darin, dass sie nicht nur Opfer berät, sondern dass sie spezialisiert und vernetzt arbeitet und ihr Wissen weitergibt.

Gründung und Aufbau

Am 25. November 2004, dem Internationalen Tag gegen die Gewalt an Frauen starteten wir das Projekt „FIZ Makasi, Beratung und Begleitung für Opfer von Frauenhandel“. Wir nannten das Kind „Makasi“, ein Name, den uns eine damalige Klientin aus dem Kongo vorschlug: „Makasi heisst STARK in meiner Sprache“, sagte sie uns. Das ist bis heute unser Prinzip, unser Ziel geblieben: Den Frauen wieder zu ihrer eigenen Stärke und Kraft zu verhelfen. Im 2005 begleitete Makasi bereits 116 Opfer aus allen Teilen der Welt. Heute betreuen die Beraterinnen rund 200 Fälle pro Jahr. Sie sprechen neun Sprachen, ergänzt durch weitere sechs Sprachen im Makasi DolmetscherInnennetz. Aus dem Beratungsangebot ist ein veritables Opferschutzprogramm geworden, in dem die Betroffenen vom ersten Moment an Sicherheit und Unterstützung erfahren. Und in dem heute ein Schatz von spezialisiertem Wissen zu Rekrutierungs-und Ausbeutungsmechanismen, Zwangsmitteln der MenschenhändlerInnen und ZuhälterInnen, Zwangslagen der Opfer, Formen und Auswirkungen von Traumatisierung, Beratungsmethoden und Interventionsstrategien existiert. Gearbeitet wird heute mit (leider immer noch) sehr moderaten Personalressourcen von knapp 600 Stellenprozenten. Während die Frauen bei der Gründung von Makasi oftmals nur kurze Zeit blieben und die TäterInnen nicht verfolgt wurden, entscheiden sich heute immer mehr Betroffene, gegen die Täterschaft auszusagen und bleiben während des Verfahrens. So stieg auch die Verweildauer im Makasi Programm. Heute gehen fast alle Gerichtsverfahren gegen die Täterschaften in der Schweiz auf den Aussagemut von Makasi-Klientinnen zurück. Im 2011 ergänzten wir das Makasi Unterbringungsnetz mit einer eigenen Schutzwohnung. Sechs Plätze stehen zur Verfügung. Im Jahr kommen dort zwischen 20 und 30 Frauen unter.

Vernetzung und Sensibilisierung

Um Menschenhandel zu bekämpfen und Opfer zu schützen, müssen Betroffene zunächst einmal als solche erkannt werden. Die mangelnde Sichtbarkeit, die grosse Angst der Betroffenen vor der Rache der Täterschaft und vor gesellschaftlicher Stigmatisierung ist bis heute eine der grössten Hürden geblieben. Wer nicht sucht, der findet nicht. Und: Wer nicht hinschaut, erkennt nicht. Es ist also nicht damit getan, zu sagen: „Jetzt haben wir ein tolles Angebot, alles bestens!“ Es braucht mehr. Es geht nicht ohne die kontinuierliche Sensibilisierung und Weiterbildung der zuweisenden Stellen. Diesen wichtigen Teil hat die FIZ Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit übernommen. In enger Zusammenarbeit mit den spezialisierten Makasi-Beraterinnen schulen die FIZ-Mitarbeiterinnen SozialarbeiterInnen, HilfswerksvertreterInnen, gehen auf die Polizei zu, stärken das Netz der MigrantInnenorganisationen, PfarrerInnen, ÄrztInnen, RechtsanwältInnen, Spitäler und vieler weiteren AkteurInnen. Sie bringen in kantonalen Arbeitsgruppen zur Bekämpfung des Frauenhandels ihr Wissen aus der Praxis ein und entwickeln gemeinsam mit den Behörden kantonale Kooperationsmechanismen gegen Menschenhandel 

PolitikerInnen stellen die Weichen

Eine wesentliche Rolle in der Bekämpfung des Menschenhandels spielen unsere PolitikerInnen. Letztlich sind sie es, die über Ressourcen für die Strafverfolgung, für den Opferschutz, über aufenthaltsrechtlichen Schutz entscheiden. 2005 lobbyierten wir für die Verbesserung der aufenthaltsrechtlichen Bestimmungen für Menschenhandelsopfer im Ausländergesetz. 2009 stand ein Aufenthaltsrecht für Betroffene, das nicht an die Aussagebereitschaft des Opfers geknüpft war, im Nationalrat zur Diskussion. Nur drei Stimmten fehlten zur Annahme. Regelmässig informieren wir die Politik über Lücken und Verbesserungsbedarf im Opferschutz und vor allem in der Anwendung der Gesetze. Wir kritisierten das Zeugenschutzgesetz und mahnten, minderjährige Betroffene und Frauenhandelsopfer im Asylverfahren nicht vom Schutz auszuschliessen.

Grosse Verantwortung – beschränkte Finanzen

Im Rückblick fragen wir uns manchmal, wie wir diese Mammutaufgabe gestemmt haben, so ein ehrgeiziges Projekt mit ungewisser Zukunft. Eigentlich fragen wir uns dies jedes Jahr, wie wir es schaffen, rund 200 Fälle in den unterschiedlichsten Phasen mit einer Handvoll von Beraterinnen zu bewältigen. Neuaufnahmen, Kriseninterventionen, akute Gefährdungssituationen zu bewältigen, all dies braucht Zeit, ist  verantwortungsvoll und personalintensiv. Geträumt haben wir davon, dass sich – Föderalismus hin oder her  –  Bund und Kantone dazu entschliessen, eine überkantonale Interventionsstelle zu finanzieren, vielleicht auch zwei: eine in der Deutschschweiz, eine in der lateinischen Schweiz. Warum auch nicht? Der Bedarf ist ausgewiesen, die Erfordernisse einer Spezialisierung auch, Synergien zu schaffen wäre sinnvoll. Nun, das ist (noch?) nicht geschehen. Vielleicht braucht es auch noch einmal ein Jahrzehnt der Erfahrung und Praxis, bis man sich für eine überkantonal finanzierte Opferschutzstelle entscheidet. Wir freuen uns, dass es uns gelang, einige Kantone ins Boot zu holen, die uns auf Basis des Opferhilfegesetzes pro Fall und mit einem kleinen Sockelbeitrag finanzieren. Die Zusammenarbeit ist gut, dieser Weg hat sich bewährt.

Ausblick

Makasi war von der ersten Stunde an ein Erfolgsprojekt. Vor allem, weil die spezialisierte Beratung und Begleitung mit intensiver Sensibilisierung und Bildung sowie mit politischer Lobbyarbeit verzahnt war. ZuweiserInnen zu sensibilisieren und für die Erkennung von Betroffenen zu schulen, wäre ohne ein Betreuungsangebot sinnlos gewesen. Ein Betreuungsangebot ohne die Sensibilisierungsarbeit hätte leere Bratungsräume bedeutet. Ein Opferprogramm, das die Lücken und Hürden im Opferschutz nicht in die Politik und an die Behörden weitergetragen hätte, wäre wenig nachhaltig gewesen. Die Kombination aller drei Massnahmen hat dazu geführt, dass Makasi die desolate Situation der Betroffenen massiv verbessern konnte.  Noch bleibt vieles zu tun: Die Identifizierung von Betroffenen in der Schweiz ist mangelhaft. Dass Menschen Opfer von Menschenhandel zwecks Arbeitsausbeutung werden, ist immer noch zu wenig bekannt. Bei Betroffenen von Menschenhandel im Asylverfahren muss genauer hingeschaut werden. Es braucht klare Standards an Schutz und Betreuung in allen Kantonen. Auch die Verbesserung des aufenthaltsrechtlichen Schutzes bleibt eine Daueraufgabe.

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