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Abolitionismus: Eine Geisel kapitalistischer Kräfte?

25/05/2014

Autor: Neil Howard (@NeilPHoward), Marie Curie Stipendiat am European University Institute in Florenz. Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Englisch auf aljazeera.com veröffentlicht.

Die heutigen „Abolitionist*innen“ müssen Arbeitsausbeutung so definieren, dass es zum Narrativ ihrer Finanzierungsquellen passt

Eine der vielen Aktionen gegen Menschenhandel, die Menschenhandel als etwas Fremdes darstellen, das außerhalb des kapitalistischen Systems liegt. Quelle: Flickr / CrittentonSoCal; Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

Die zeitgenössische Aufschwung des „modernen Abolitionismus“ kann als eine politisch-psychologische Reaktion auf die Demaskierung der Fiktionen des Kapitalismus im Rahmen der kapitalistischen Krise verstanden werden. Kraftvoll platzierte geschäfts- und unternehmensbezogene Interessen lenken die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit weg vom Versagen des Kapitalismus, indem sie die Aufmerksamkeit stattdessen auf die viel weniger systemisch herausfordernde „moralische Empörung“ einzelner krimineller Sklavenhändler, Menschenhändler oder Zwangsarbeiter konzentrieren. Sie tun dies, indem die alltägliche kapitalistische Ausbeutung der Arbeitskraft öffentlich als etwas dargestellt wird, das sich außerhalb des kapitalistischen Systems befindet – als Zwangsarbeit, Sklaverei oder Menschenhandel.

Dies verzahnt sich auf wirkungsvolle und a-politische Art und Weise mit der grundlegenden emotionalen Reaktion der Durchschnittsmenschen auf schwere Ausbeutung der Arbeitskraft. Obwohl sie echte moralische Empörung über das Leid der ausgebeuteten Arbeiter empfinden, wird die Empörung der meisten Menschen weg von nachhaltigen politischen Maßnahmen zugunsten dieser Arbeitnehmer hin zu Maßnahmen eines vergeblichen Wohlfühl-Verbraucher-Abolitionismus gelenkt, der eine Akzeptanz sowohl des Systems als auch den dadurch ermöglichten Lebensstils bedeutet. Dies bietet Verbraucher-Bürger*innen psychologischen Beistand, aber das geschieht auf Kosten einer sinnvollen politischen Mobilisierung. Das ist genau das, was diejenigen benötigen, die das System steuern, um ihre Ungerechtigkeiten aufrecht zu erhalten.

Verheerende Strategie

In den vergangenen neun Jahren habe ich mit den internationalen Organisationen, Ministerien, NGOs und Wohltätigkeitsorganisationen gearbeitet und geforscht, die als „modernes abolitionistisches Feld“ beschrieben werden können. Diese Behörden sind voller guter, wohlmeinender Menschen, die wirklich das Leben der weltweit am stärksten gefährdeten und ausgebeuteten Arbeiter*innen verbessern wollen. Doch in meiner Einschätzung, obwohl sie viel Gutes tun können, ist ihre Fähigkeit, echte Veränderungen zu bewirken, stark von der Finanzierung, die sie erhalten und den damit verbundenen Regeln stark eingeschränkt.

Wie ich schon argumentiert habe: Es stellt eine Bedrohung für die moralische Legitimität des kapitalistischen Systems dar, dass es brutale Ausbeutung der Arbeitskraft enthält und vielen Menschen so geringe Lebensentwürfe bietet, dass sie diese Ausbeutung mangels einer besseren Alternative wählen müssen. Die erste Reaktion des Systems besteht in einer umwerfend einfachen Strategie – so zu tun, als befinde sich die Ausbeutung der Arbeitskraft außerhalb des Kapitalismus und durch die Darstellung dieser Entscheidungen als Nicht-Entscheidungen.

Nun, es ist nicht bloße Spekulation zu behaupten, dass dieser Vorwand eine genuin hegemonialen Reaktion ist. Meine Daten zeigen, dass die Abolitionist*innen sowohl aktiv als auch passiv durch diejenigen, die die Kontrolle über ihre Geldbeutel haben, gezwungen sind, sich genauso zu engagieren. Sie werden entweder explizit durch ihre Vorgesetzten aufgefordert, die Wahrheit so zu gestalten, dass sie den Konturen der gewünschten Darstellung passt, oder die Vortäuschungs-Anforderung wurde so internalisiert, dass sie sich selbst überwachen.

Jugendliche aus Benin, die meist als „gehandelt“ dargestellt werden, sind z.B. eigentlich Arbeitsmigrant*innen, die dazu ermutigt werden, illegal zu migrieren, um Arbeit zu finden, weil die US-amerikanischen Baumwollsubventionen ihre Lebensgrundlage zerstört haben, mit der sie sonst zu Hause ihren Lebensunterhalt verdienen hätten können. Als ich einen langjährigen Abolitionist*innen mit Daten konfrontierte, die das deutlich zeigen, sagte er unverblümt zu mir: „Auf keinen Fall könnte ich das erwähnen! Wir sind durch US-Interessen eingeschränkt und das bedeutet, dass wir uns auf Flurgespräche beschränken…“

Eine weitere Person fügte einfach hinzu: „… Das Problem ist, dass sich Geschichten über arme Kinder, die wegen der politischen und wirtschaftlichen Ungerechtigkeit migrieren, einfach nicht verkaufen lassen. Leiden lässt sich verkaufen. Man muss sexy sein, um Geld zu sammeln und Menschenhandel ist sexy.“

Das sollte nicht so verstanden werden, dass das abolitionistische Feld ein Feld der Korruption ist; vielmehr zeigt es, dass die geltenden Regeln für dieses Feld, formale Diskussionen der strukturellen, kapitalistischen Kräfte, die Armut und Ausbeutung verursachen, völlig tabuisieren. Abolitionistische Organisationen und Behörden müssen daher die chaotische Realität meiden, dass im Kapitalismus die Schwachen manchmal aus Mangel an besseren Alternativen Ausbeutung akzeptieren müssen, und stattdessen müssen sie vereinfachte Geschichten von versklavten, gehandelten und gezwungenen Unschuldigen verbreiten, deren Erfahrungen außerhalb des Kapitalismus liegen, denn das ist die Erzählung, die ihnen ihre Finanzierung sichert.

Dies hat natürlich enorme Folgen für abolitionistische Projekte und Politik. Viele Abolitionist*innen befinden sich letztlich in einem Teufelskreis. Wenn sie die Wahrheit über den Kapitalismus erzählen und für die Schaffung einer echten politisch-wirtschaftlichen Alternative mobilisieren, laufen sie Gefahr, die Finanzierung zu verlieren, die es ihnen ermöglicht, überhaupt etwas zu tun, und sie gefährden damit sowohl die kleinen Arbeitssschutz-Projekte, die bereits laufen als auch ihren eigenen Lebensunterhalt. Wie ein Kollege mir erklärte: „Wir müssen aufpassen, dass wir unsere Spender nicht einschüchtern, denn wenn wir kein Geld haben, dann können wir überhaupt nichts zu tun.

Obwohl es unverschämt ist, ist dies völlig normal in einem Kontext, wo diejenigen, die die Zeche bezahlen und den Ton angeben, genau diejenigen sind, die teilprivatisierte, neoliberale, kapitalunterwürfige Staaten oder Mega-Konzerne leiten, und dann ritterlich für „gute Zwecke“ spenden, die sie selbst geschaffen haben. Denn diese Zahlen, Politiken und Strukturwandel sind genau das, was vermieden werden muss – und damit liegt ihre Antwort in der Förderung des Schutzes der Arbeitnehmer von innerhalb des kapitalistischen Systems, durch selbstbindende Regulierung (business self-regulation), gezielte Überwachung (policing) oder der Förderung von „fairem Handel“.

Die Antwort besorgter Verbraucher-Bürger*innen

Und hier verzahnt sich diese „akzeptable“ Form eines a-politischen Abolitionismus so effektiv mit der gesellschaftlichen moralischen Empörung über die Existenz schwerer Ausbeutung der Arbeitskraft, die das Versagen des Kapitalismus verkörpert. Es besteht kein Zweifel daran, dass die Menschen auf der ganzen Welt wirklich verärgert sind, dass so viele ihrer Mitmenschen im Elend leben und schreckliche Arbeitsbedingungen akzeptieren müssen und im Versuch zu überleben so furchtbar ausgebeutet werden, damit andere Profite machen. Die emotionalen Reaktionen nach der Katastrophe von Rana Plaza, dem stetigen Anstieg der Spenden für die abolitionistische Organisationen und der zunehmenden Beliebtheit von „fairem“ und “ ethischem“ Handel zeigen aller, dass dies eindeutig der Fall ist.

Dennoch sind die Möglichkeiten wütender Bürger*innen, ihre Empörung in strukturierte Forderungen für eine echte Reform zu kanalisieren, weitgehend abwesend, weil das, was abolitionistische und Partnerorganisationen „verkaufen“ müssen, genau jene diffusen, vereinzelnden Konsum-Strategien sind, die eigentlich am meisten zur Stärkung des Systems beitragen.

Von daher, anstatt Massenmärsche und politische Kampagnen zu organisieren, die eine Alternative zum Kapitalismus fordern, ermutigt z.B. „Free the Slaves“ betroffene Verbraucher-Bürger*innen dazu, „das Geschenk der Freiheit“ durch „den Kauf eines Sklaven aus der Knechtschaft“ zu geben. Ebenso erzählt fair gehandelter Kakao oder Kaffee, dass die Verbraucher*innen mit jedem Kauf „die Welt retten“, obwohl die Gewinne aus ihrem Kauf überwiegend an die multinationalen Unternehmen gehen, deren Verhalten an der Wurzel der Ausbeutung der Arbeitskraft ist, das überhaupt erst Fair-Trade- Kampagnen erzeugt.

Diese Kooptation von Dissens durch Konzerne leitet somit legitime moralische Empörung über die Schwächen des Kapitalismus weg von jeglichem kollektiven, politisierten Widerstand gegen ihn. In unserer Hyper-Konsumwelt wird Verbraucher-Bürger*innen gesagt, dass sie ihren Weg in eine bessere Zukunft kaufen können und dass es ihre individuelle Verantwortung ist, dies zu tun. Das Ergebnis ist so tragisch wie es ironisch ist, denn so wie sich die Abolitionist*innen in ihrem Teufelskreis befinden, so wissen jetzt auch Durchschnittsmenschen, dass sie etwas tun müssen, auch wenn das, was ihnen zur Verfügung steht wenig mehr als vergeblich ist.

Unter diesen Umständen kann die Entstehung eines politischen, verbraucherzentrierten modernen Abolitionismus als perfekter hegemonialen Streich durch die Kräfte der herrschenden Ordnung verstanden werden. Er bietet uns allen die Gelegenheit für eine individuelle und kollektive psychologische Erlösung und verhindert, dass aus unserer Wut eine politische Alternative geboren wird.

Abweichende LIzenz: Dieser Text darf nur mit Genehmigung von reason.com weiterveröffentlicht werden und ist somit von der sonst geltenden CC-Lizenz ausdrücklich ausgenommen.

2 Kommentare
  1. 25/05/2014 18:57

    Mir ist nicht klar, was die erwähnten Abolitionisten abschaffen wollen.

    „Es stellt eine Bedrohung für die moralische Legitimität des kapitalistischen Systems dar, dass es brutale Ausbeutung der Arbeitskraft enthält und vielen Menschen so geringe Lebensentwürfe bietet, dass sie diese Ausbeutung mangels einer besseren Alternative wählen müssen.“

    Es ist nicht klar wie der Kapitalismus im Sinne von Marktwirtschaft, den Menschen Alternativen verbaut. Marktwirtschaft lässt die freiwillige Kooperation zwischen Menschen zu ohne staatliche Hindernisse. Wenn die Staaten weltweit ihre Einwanderungsbeschränkungen aufheben würden, stiege der Wohlstand um mindestens 50%:

    http://www.offene-grenzen.net/2014/04/13/verdopplung-des-bruttoinlandprodukts/

    Ungelehrnte Arbeitskräfte aus Entwicklungsländern, könnten ihr Einkommen oft mehr als verzehnfachen, selbst wenn man die höheren Lebenshaltungskosten miteinrechnet.

    Es ist gut, dass es innerhalb EU und der EFTA Freizügigkeit herrscht. Weltweite Freizügigkeit wäre aber besser.

    • 26/05/2014 21:26

      Das was die Abolitionisten abschaffen wollen, ist: Menschenhandel, Sklaverei und Zwangsarbeit. Und daran ist nichts falsch. Aber, so der Autor, sie (die Abolitionisten) tun so als seien es einzelne böse Täter, die daran Schuld sind und dass die Opfer, armen, unschuldige Wesen sind. Das Problem mit dieser Auffassung, so der Autor, ist, dass damit der systemische Charakter von Ausbeutung von vornherein geleugnet wird. Man kann also auch nichts am System (dem Kapitalismus) ändern wollen, so lange das nicht als Problem erkannt wird. So verstehe ich das.

      Was die Freizügigkeit betrifft: Ich bin für offene Grenzen. Diese ganzen Grenzen und Mauern sind ein zentraler Faktor bei der zunehmenden globalen Ausbeutung, insbesondere von Migrant*innen. Aber darum geht es dem Autor hier nicht.

      Bridget Anderson – Imagining a world without borders

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