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Die Anti-Politik der Bekämpfung des Menschenhandels

25/02/2014

Autor: Neil Howard (@NeilPHoward), Stipendiat am European University Institute in Florenz. Dieser Beitrag wurde ursprünglich am 24.01.2014 hier in englischer Sprache veröffentlicht. Es handelt sich um eine überarbeitete Version eines Vortrags, den Neil Howard für die Expert*ngruppe zur Bekämpfung des Menschenhandels des Europarates hielt. 

Der Status Quo und der Stand der Dinge

In Europa wie auch anderswo, wird „Menschenhandel“ wohl immer noch so verstanden, dass es um böse, implizit ausländische, männliche Kriminelle geht, die unschuldige Frauen und Kinder kidnappen und versklaven, in der Regel für Sex. Meistens sind die Geschichten, die wir hören, extrem, sie sind die schlimmsten der schlimmsten und vor allem zeigen sie Menschenhandel als eine Art Anomalie – mit anderen Worten, als eine Übertretung aus einer anderen Welt, die sich völlig außerhalb der sonst positiven, normalen Ordnung der Dinge befindet.

Die Art und Weise, wie in der  Bekämpfung des Menschenhandels mit Menschenhandel umgegangen wird, spiegelt diese vereinfachten Falschdarstellungen wieder. Zwar gab es einige Fortschritte, doch der dominante politische Schwerpunkt liegt immer noch darauf, die richtigen Gesetze zu erlassen, die Strafverfolgung hochzufahren, Grenzen zu stärken und auf „Bewusstseinsbildung“, indem potenziellen Migrant*en erzählt wird, dass Migration eine schlechte Idee ist, weil sie dadurch verletzlich für Menschenhändler würden.

Was war das Ergebnis von all dem? Obwohl Berichte über eine Zunahme der Strafverfolgung und einer steigenden Anzahl von Ermittlungsverfahren berichten, ist es klar, dass Menschen immer noch illegal migrieren, dass einige von ihnen sich in Situationen von Menschenhandel begeben, und dass Nicht-Migrant*en überall immer noch unter Bedingungen arbeiten, die mit Menschenhandel vergleichbar sind, weil ihre Regierungen die sozialen Schutzmaßnahmen zerstört haben, die sie sonst geschützt hätten.

Warum das so ist

Warum ist das so? Warum ist der Diskurs so reduktiv und warum ist die Politik so wirkungslos? Es ist wichtig, daran zu erinnern, dass die Bekämpfung des Menschenhandels jetzt 15 Jahre alt ist und die Probleme, die vor 15 Jahren zitiert wurden, heute immer noch zitiert werden – von Wissenschaftler*n und Praktiker*n gleichermaßen. In den folgenden Absätzen, werde ich versuchen ein paar Gedanken zu bieten, warum dies der Fall ist, und ich werde das mit Rückgriff auf Daten und Anekdoten aus den letzten Jahren meiner Forschung mit den Personen und Institutionen machen, die im Mittelpunkt der Anti-Menschenhandelsbekämpfung stehen. Das Argument wird auf die innere Dynamik hinweisen, die die Art und Weise strukturiert, wie dieses Politikfeld funktioniert und wie es verhindert, dass Alternativen entstehen.

Fehlendes Verständnis

Der erste wichtige Punkt betrifft einen Mangel an Wissen seitens der Akteure in der Bekämpfung des Menschenhandels. So erstaunlich es auch sein mag, das Feld der Anti-Menschenhandelsbekämpfung  versteht immer noch nicht wirklich, was vor Ort los ist. Oder worüber sie sprechen – empirisch gesehen. Das hat nicht nur mit schlechten Daten zu tun. Von den ungefähr 100 Anti-Menschenhandels-Beauftragten, die ich interviewt und mit denen ich während der Promotion gearbeitet habe, hatten nur fünf jemals tatsächlich Menschen getroffen, die ihre Politik als „Opfer von Menschenhandel“ bezeichnet. Oft lag das daran, dass das institutionelle Protokoll sie daran hinderte – auch wenn sie es sonst gewollt hätten. Weil also viele Menschen keinen Zugang haben, reproduzieren sie routinemäßig schlechte Stereotypen und schlechte Politik, ohne diese wirklich in Frage zu stellen.

Die Politik des Schweigens

Aber das ist nicht alles. Soweit ich aus meinen Untersuchungen sagen kann, gibt es auch eine Menge von individuellen, institutionellen und staatlichen Politiken und das, was ich die Politik des Schweigens nenne. Was meine ich damit? Ich werde das an einem Fallbeispiel aus meiner Dissertation veranschaulichen: Benin.

In Benin verlässt eine große Zahl von jungen Männern das Zentrum des Landes, um in Kiesgruben in Nigeria zu arbeiten. Ihre Arbeit ist hart, aber es ist erträglich und aus der Sicht der jungen Männer und ihrer Familien stellt das die beste Alternative von sehr wenigen anderen Optionen dar. Warum ist das so? Weil, wie Dutzende von ihnen zu mir sagten, es ist die einzige Möglichkeit, um das Geld zu verdienen, das für das Leben in einer kapitalistischen Wirtschaft notwendig ist. Die Tatsache, dass sie nur eine Option haben, wird von vielen Faktoren bestimmt, darunter natürlich auch jene der Volkswirtschaft. Zu diesen letzteren gehören insbesondere auch die US- Baumwollsubventionen, die bereits volatile Baumwollpreise herabgesetzt haben und dazu führten, dass die Baumwolle, die Benins einzige größere gewinnbringende Nutzpflanze war, kaum mehr rentabel ist. Zusätzlich führen die globalen Handelszölle dazu, dass alternative Nutzpflanzen – wie Ananas oder Soja – einfach keinen Gewinn bringen, da sie in Märkten, wie der EU, nicht erlaubt sind.

Im Fall von Benin haben wir also einen relativ klaren Fall nicht nur von einer „Ursache von Menschenhandel“ – Armut – sondern auch von einer „Ursache“ dieser „Ursache“ – Subventionen, Zölle und die Struktur der globalen Volkswirtschaft. Doch trotzdem habe ich während meiner Arbeit in der beninischen Bekämpfung des Menschenhandels keine einzige Organisation getroffen, die bereit war, die politisch-ökonomischen Ursachen von Armut anzusprechen oder gar zu nennen. Das lag an einer weit verbreiteten Politik des Schweigens.

Manchmal war das Schweigen selbst auferlegt. Als ich eine Mitarbeiterin der Vereinten Nationen z.B. fragte, ob sie frei war, über Dinge wie Zölle oder Subventionen zu sprechen, sagte sie nach einer langen Pause:

„Schau, es hängt davon ab. Generell kann man natürlich sagen, was man will, aber man wird links und rechts von den Ländern wird drangsaliert und gemobbt werden, wenn man das tut. Einige Leute kritisieren uns, weil wir nicht kritisch genug sind… aber wir nehmen eine langfristige Perspektive ein, weil wir eine längerfristige Zusammenarbeit und Kooperation mit den Staaten nicht gefährden wollen.“

Ein weiterer Mitarbeiter der Vereinten Nationen sagte:

„In unserer Agentur muss man diplomatisch sein. Oft ist das nur eine Sache der Organisationskultur, wo es eigentlich nicht einmal einen direkten politischen Druck gibt. Oft handelt es sich einfach nur um  Überkompensation durch die Mitarbeiter*n, die versuchen Staaten nicht zu entfremden, indem sie Sachen sagen, die diese nicht hören wollen.

Manchmal ist das Schweigen jedoch von oben verordnet. Ich interviewte verschiedene US-Amerikanische Personen, die auf staatlicher Ebene gegen Menschenhandel kämpfen und ich fragte sie, ob sie, da sie auf der Spitze eines Anti-Menschenhandels-Baumes sitzen, zumindest Dinge wie Baumwollsubventionen oder die Volkswirtschaft in die Diskussion bringen können. Dies waren zwei der Antworten, die ich bekam:

Eine Frau sagte: „Das kann ich auf keinen Fall erwähnen!“ „Wir sind an die Interessen der USA gebunden und das bedeutet, dass wir uns auf Flurgespräche beschränken müssen“.

Ein anderer sagte: „Hören Sie, ich kann versuchen, das in unseren Sitzungen einzubringen, aber die Chancen auf Erfolg oder einer öffentlichen Diskussion sind sehr gering bis abwesend, denn es gibt sehr große Interessen zu bekämpfen.“

Noch bezeichnender waren die Worte von zwei EU-Beamt*en, mit denen ich in Benins Hauptstadt sprach. Wir hatten schon über Volkswirtschaft gesprochen und wir hatten sogar über die Rolle gesprochen, welche die EU- oder US-Politik bei der Aufrechterhaltung der globalen Bedingungen für Armut spielen. Also fragte ich sie, ob sie es in Erwägung ziehen könnten, Sachen wie Subventionen zu nennen – wenn nicht in ihrer Politik gegen Menschenhandel, dann zumindest in ihren Berichten. Sie haben so geantwortet:

Der erste : „Wir können die Auswirkungen dieser Dinge vor Ort berücksichtigen – dass Menschen in Benin arm sind und so. Aber wir können nicht über die Top-Ebene sprechen. Unser letzter Bezugspunkt ist die nationale Ebene, die beninische Regierung. Die Westler, die hier arbeiten, wissen, dass ihre Politik Armut und Menschenhandel verursachen. Viele von ihnen würden das sogar gerne ändern, aber sie können es nicht.“

Die zweite : „Wir können einfach nicht darüber reden, Neil. Dies ist eine nationale Struktur, es ist eine nationale Delegation. Wir können strukturell gesehen nicht über die Grenzen hinaus zu gehen. Wenn wir so etwas wie dies in Bezug auf EU- oder US-Subventionen machen wollen, müssen wir eine formale politische Position erhalten, die uns aus Brüssel zugeschickt wird. Sonst können wir das nicht nennen.“

Die Politik der Repräsentation

Also, was ist hier passiert? Es scheint so, als wüssten zumindest einige Leute, was los ist. Es gibt ein Bewusstsein über die politische Ökonomie und ein Bewusstsein darüber, dass Anti-Menschenhandels-Arbeit besser dran wäre, wenn wir Fragen der politischen Ökonomie ansprechen würden. Aber niemand spricht darüber. Warum? Dies hat mit dem zu tun, was ich Politik der Repräsentation nenne.

Was meine ich damit? Die meisten Agenturen, die in diesem Bereich tätig sind, sind von Finanzierung abhängig, ob diese jetzt nun von ihren eigenen Regierungen, von Spenden, internationalen Agenturen oder multilateralen Institutionen kommt. Fast immer ist diese Finanzierung an die Bedingung geknüpft, dass Menschen in der Lage sind, über „Erfolge“ zu berichten, dass sie „Outputs“ beweisen können und dass sie in der Lage sind zu zeigen, dass ihre begrenzten Ressourcen gut ausgegeben werden. Dies hat zwei wesentliche Folgen:

1) Diejenigen die (Spenden-)Gelder erhalten, müssen in der Lage sein, das was sie tun, als „Output“ oder „Erfolg“ zu repräsentieren, und zwar nach den Definitionen von Erfolg derjenigen, die das Geld zur Verfügung stellen.

2) Die Empfänger von (Spenden-)Gelder können in dem, was sie tun und sagen, nicht die Grenzen dessen überschreiten, was man für akzeptabel hält.

Die oben genannte Dynamik ist eine Folge davon. Zuerst bringen Anti-Menschenhandels-Akteure sich selbst zum Schweigen oder sie werden von denen, die über ihnen stehen, über die Wahrheit zum Schweigen gebracht. Wenn es um Menschenhandel oder die Gestaltung von Politiken gegen Menschenhandel geht, bedeutet dies auf die politische Ökonomie der Armut zu verzichten, zugunsten der Reproduktion einfacher Erzählungen rund um „böse Männer, die unschuldige Frauen und Kinder kidnappen“. Zweitens, und auf ähnliche Weise ernst, werden wohl vergebliche Politiken oder Projekte aufrechterhalten, nur weil das Geld, das da ist, ausgegeben werden muss und sowohl Spender als auch Empfänger zumindest so tun müssen, dass mit dem Geld Dinge passieren; denn wenn sie das nicht tun, werden sie – und mit ihnen ihre Arbeitsplätze, Lebensunterhalt und Löhne, von denen ihre Familien abhängen – vertrocknen. Wie eine ehemalige und ziemlich berühmte Anti-Menschenhandels-Figur der EU zu mir sagte:

„Die Realität ist, dass nicht viel passiert; die Leute produzieren nur Papier – sie schneiden aus und fügen ein, schneiden aus und fügen ein, schneiden aus und fügen ein. Oder es ist Seminar, Seminar, Seminar, Konferenz. Wir müssen etwas tun, um unser Geld zu rechtfertigen und um eine Form von greifbarem Ergebnis zu zeigen. Sonst hat das Absahnen irgendwann ein Ende.“

Schlussfolgerungen und mögliche Alternativen?

Welche Schlussfolgerungen können wir daraus ziehen? Was sind die wichtigsten Konsequenzen? Und was, wenn überhaupt, können wir tun?

In Bezug auf die Folgen, erscheint die Schlussfolgerung vernünftig, dass eine der wichtigsten Errungenschaften der Anti-Menschenhandels-Bekämpfung wenig mehr als ihre eigene Reproduktion ist. Geld wird gespendet, Agenturen überleben und Arbeitsplätze bleiben erhalten. Aber in diesem Prozess wird die Aufmerksamkeit weg von den ungerechten und heuchlerischen volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen gelenkt, die gerade jene Faktoren untermauern, die für die Entstehung der Phänomene – Menschenhandel – verantwortlich gemacht werden und die erst ihre Existenz rechtfertigen.

Darüber hinaus, und obwohl ich nicht das moralische Engagement einzelner Personen in Frage stellen möchte, Betroffenen von Menschenhandel und Ausbeutung zu helfen, erscheint es mir so zu sein, dass in gewisser Weise Anti-Menschenhandels-Akteure gezwungen sind, eine Entscheidung zwischen ihrem eigenen Lebensunterhalt einerseits und einem offenen und ehrlichen Gespräch über die politischen und wirtschaftlichen Heucheleien, die sowohl ihre eigene Arbeit als auch die „Hilfe“ plagen, die sie in der Lage sind, den Opfern von Menschenhandel und den Ausgebeuteten zu bieten. Wie eine hochrangige Figur der Vereinten Nationen in Wien bei einer Zigarette zu mir sagte: „Wissen Sie, Neil, die Löhne, die bezahlt werden, sind eine Art von Korruption – der Preis für unser Schweigen.“

Wenn wir das ändern wollen, müssen wir eine kritische Masse an Stimmen von Anti-Menschenhandels-Aktivisten aufbauen, die in der Lage und bereit sind, ehrlich zu sprechen – das Schweigen zu brechen – indem nicht nur die sehr realen Ketten, die Politik und Armut verknüpfen, sondern auch die Handlungen der Mächtigen identifiziert werden, die versuchen, alle ruhig zu halten. Nur wenn wir bereit sind, über die Verursachung von Menschenhandel nachzudenken, oder über jegliche Ausbeutung der Arbeitskraft, über die politische Ökonomie der Arbeit, Migration, Produktion und Tausch, werden die Dinge beginnen sich zu verbessern.

Übersetzung: Sonja Dolinsek

2 Kommentare
  1. 26/02/2014 06:58

    Hallo Herr Nautz, es mag ja sein, dass Neil Howard was verschlafen hat (können Sie dazu ein paar Quellen angeben), aber die Zitate sprechen schon auch irgendwie für sich.
    Außerdem entspricht das durchaus auch meinem Eindruck der Berichterstattung (durch NGOs und offizielle Stellen), dass dort weniger über die volkswirtschaftlichen Dimensionen (und schon gar nicht über Subventionen) gesprochen wird. Auch die Öffentlichkeit habe ich noch nie darüber sprechen hören. Vielleicht gibt es einen Nischen-ExpertInnendiskurs, der genau diese Aspekte beleuchtet, aber zum Mainstream gehört er meines Erachtens nun wirklich nicht. Man braucht sich ja nur anzuschauen, wie in Deutschland über „Armutsprostitution“ und „Armutsarbeit“ gesprochen wird. An keiner Stelle werden strukturelle volkswirtschaftliche Faktoren benannt, die als direkte Folge von EU-Politiken Ursachen von „Menschenhandel“ sind.
    Aber da Sie so sicher sind, dass es da Forschung und politische Diskurse gibt, freue ich mich über Lesetipps, denn eine Studie, die Subventionen und Menschenhandel (nicht Armut) untersucht hat, ist mir bisher so direkt noch nicht unter die Finger gekommen.

  2. ao. Univ.-Prof. Dr. Jürgen Nautz permalink
    25/02/2014 18:18

    Wenn man den Artikel des geschätzten Kollegen Howard liest, hat man den Eindruck, dass er die wissenschaftlichen Publikationen wie auch die politischen Diskurse zum Thema Menschenhandel verschlafen hat. Wir sind wirklich schon lange über diesen Punkt hinaus. Mag sein, dass wir keine Benin-Experten sind, wahrscheinlich sind wir das nicht. Aber dazu sind ja Experten wie Herr Howard da, damit sie uns das Licht ins Dunkel bringen. Wir können ja Herrn Howard dann bei Licht zeigen, was wir derweil herausgefunden haben.

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