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Mama illegal – eine europäische Katastrophe

21/01/2014
Unzählige Kinder wachsen in Moldau, dem ärmsten Land Europas, ohne ihre Eltern auf.

Unzählige Kinder wachsen in Moldau, dem ärmsten Land Europas, ohne ihre Eltern auf.

Der Autor: Tim Rühlig ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ an der Goethe-Universität Frankfurt. Dieser Artikel wurde ursprünglich auf dem Bretterblog veröffentlicht.

In Deutschland wird derzeit über die „Armutszuwanderung“ diskutiert. In der Diskussion erscheinen die Migrant_innen häufig als Sozialschmarotzer. Die wirklichen Lebensumstände dreier Moldawischer Frauen zeigt ein unglaublich ergreifender Film – „Mama illegal“.

 

Es ist zum Verrücktwerden: In regelmäßigen Abständen führen wir in Deutschland Diskussionen über Zuwanderung, die an Ignoranz und Borniertheit kaum zu übertreffen sind. Denn kaum gilt für ein weiteres Land in der EU die volle Freizügigkeit – seit dem 1. Januar 2014 z.B. für Rumänien und Bulgarien – könnte man meinen, das Land würde von einer Horde an Zuwanderern überschwemmt, die es sich einfach machen wollen, indem sie nicht Arbeiten und lediglich das deutsche Sozialsystem ausnutzen wollten. Die jüngste Debatte ist dabei obendrein noch von unverhohlenem Rassismus gegenüber den Roma verbunden, die in den Reden der Politiker sowie den Kommentaren und Karikaturen deutscher Zeitschriften (und dies nicht nur in der BILD-Zeitung wie z.B. die unerträglichen Beiträge von Jasper von Altenbockum in der FAZ immer wieder belegen) zum Synonym für Probleme werden.

Reflektierte Beobachter_innen wissen, dass es keineswegs Faulheit ist, die Migrant_innen dazu bringt ihre Heimat zu verlassen. Auch sollte hinlänglich bekannt sein, dass es gerade Migrantinnen aus Osteuropa sind, die Arbeiten verrichten, für die sich viele Deutsche „zu schade“ sind – putzen, Kinder hüten, Altenpflege… Und schließlich zeigen Statistiken, dass weder das durch die Diskussion suggerierte Ausmaß an Zuwanderung noch der Umfang des „Sozialbetrugs“ empirisch zu halten ist.

Dies alles sind rationale Argumente. Aber was heißt es für die Menschen ihre Heimat aufzugeben und nach Westeuropa zu kommen? Um dies ein Stückchen zu verstehen, ein klein wenig zu begreifen, reichen Argumente nicht aus, so richtig sie auch sein mögen. Ja, solche Argumente werden geradezu absurd, wenn man den ergreifender Dokumentarfilm des ORF-Journalisten Ed Moschitz sieht, der über sieben Jahre hinweg drei illegal in Österreich und Italien lebende Moldauerinnen in ihrem Alltag begleitet hat.

Da ist Aurica, die in Wien Wohnungen putzt und auf Kinder aufpasst während ihr Mann, ihre Eltern und ihre zwei Kinder über Jahre hinweg ohne sie im Heimatdorf leben.

Raia arbeitet als Putzfrau und in der Altenpflege in Bologna.

Raia arbeitet als Putzfrau und in der Altenpflege in Bologna.

Da ist Raia, die sieben Jahre lang illegal in Bologna putzt und alte Menschen pflegt, die aus Angst entdeckt zu werden nicht einmal zum Arzt geht, kein Urlaub macht und sieben Tage die Woche arbeitet, damit ihre Kinder und ihr Mann ein besseres Leben in Moldau leben können.

Und schließlich ist das Nataşa, deren ganze Hoffnung auf ihrem Leben in Österreich beruht, so dass sie im Moment, da ihr der Abschiebungsbescheid ausgehändigt wird, in Ohnmacht fällt.

„Mama illegal“ zeigt aber nicht nur die Geschichte von drei jungen Frauen, sondern auch die ihrer kleinen Kinder und Ehemänner, die alle in Moldau zurückgeblieben sind. Über Jahre hinweg erleben sie, dass ihre Mutter nicht da ist. Sie sehen sie und sprechen mit ihr lediglich über Skype. Und dabei sind sie keine Einzelfälle: Denn zwischen einem Viertel und einem Drittel (!) der moldauischen Bevölkerung hat das Land in den letzten Jahren verlassen. Es ist daher eine der vielen berührenden Szenen des Films, als der Filmemacher die Klasse von Auricas Tochter besucht. Die Lehrerin zählt auf, bei welchen Kindern die Eltern im Ausland arbeiten; kaum ein Kind ist nicht betroffen. Und so erzählt die Lehrerin, dass die Klasse am Muttertag fast immer gemeinsam weint, wenn sie singen „Alle Blumen dieser Erde möchte ich dir schenken, liebe Mama, wenn wir uns wiedersehen.“ Dabei wissen die Kinder wohl, dass ihre Zukunft vermutlich dem Schicksal ihrer Eltern gleicht. Etwa 40.000 Kinder gelten in Moldau als Sozialwaisen, weil deren Vater oder Mutter im Ausland arbeiten.

Wie groß muss die Not sein, dass sich die Eltern entscheiden, ihre Kinder in Moldau zurückzulassen und über Jahre hinaus nach Westeuropa gehen?! Bei einem Durchschnittsverdienst von 100 Euro monatlich und 80% Arbeitslosigkeit sind Schuhe oder Schulbücher für die Kinder in Moldau häufig kaum erschwinglich. Und so entscheiden sich Aurica, Raia und Nataşa schweren Herzens ihre Familien zurückzulassen, um ihnen ein besseres Leben zu ermöglichen. Geplagt von einem permanenten schlechten Gewissen arbeiten sie unermüdlich in Österreich und Italien, müssen dabei aber tausende von Euro nebst Zins und Zinseszins an die Schlepper zahlen, die sie überhaupt erst nach Westeuropa brachten. Dies sind gewaltige Summen gemessen an den mageren Stundenlöhnen, die die drei Putz- und Kinderfrauen verdienen. Bei Raia kommen noch unmenschliche Arbeitsbedingungen hinzu. So berichtet sie über ihre Arbeitgeberin: „Sie ist Richterin. Weil sie mich braucht, übersieht sie das Gesetz. Aber wenn ich etwas brauche, kennt sie die Gesetze sehr genau.“

Aurica hingegen hat für den Filmemacher gearbeitet. Dieser wusste zunächst nicht um ihre Illegalität als er in ihr ein neues Kindermädchen fand. Als er hörte, dass Aurica in ihrer Heimat selbst zwei kleine Kinder hat, die sie nicht einmal besuchen kann, war er schockiert: „In welcher Welt leben wir“, fragte Moschitz sich, „wo wir eine Babysitterin haben, die illegal hier sein muss, auf unsere Kinder aufpasst und selbst zwei Kinder zuhause hat. Die Frage war einfach: Was ist der Unterschied zwischen ihren Kindern und meinen Kindern?“

Wie von einem anderen Planeten und doch so nah: Nur wenige Meter hinter der EU-Außengrenze Rumäniens herrscht große Armut.

Wie von einem anderen Planeten und doch so nah: Nur wenige Meter hinter der EU-Außengrenze Rumäniens herrscht große Armut.

Über Jahre hinweg getrennt werden die Mütter für ihre Kinder irreal und virtuell. Sie sind eine Stimme am Telefon und das Bild bei Skype auf dem Computer. Als Raia nach sieben Jahren in Italien erstmals nach Hause zurückkehrt schaut ihr Sohn sie an wie eine Fremde. Er kann sich nicht mehr an sie erinnern, verließ sie die Familie doch als er noch drei Jahre alt war. Steif steht er vor seiner Mutter wie vor einer fremden Person. Und selbst mit ihren Ehemännern können die Frauen nicht da ansetzen, wo sie aufgehört haben, denn die jahrelange Trennung ist nicht spurlos an den Paaren vorbei gegangen.

Und damit nicht genug: Denn die Mütter verändern sich in all den Jahren ihrer Abwesenheit. Das erste, was Aurica und Raia feststellen als sie nach Hause zurückkehren, ist, dass erst einmal geputzt und repariert werden muss. Die daheimgebliebenen arbeitslosen Männer hatten sich zwar um Haus und Familie gekümmert, obgleich Raias Mann bekennt, dass ihm dies gerade als Mann sehr schwer gefallen sei. Doch die Erfahrungen in Österreich und Italien haben Gewohnheiten und Standards verändert und statt einer glücklichen Wiedervereinigung stehen die ohnehin in ihrer Männlichkeit gekränkten Väter als Nichtsnutze und Versager da, die es noch nicht einmal fertiggebracht haben, das eigene Haus in Schuss zu halten.

Auricas Mann, der im Film als ausgesprochen weicher, warmherziger Mensch erscheint, zerbricht an dieser Situation und nimmt sich das Leben. Als Aurica einige Monate später zurück nach Österreich geht, bleiben ihre beiden Kinder allein zurück, müssen sich fortan völlig ohne Eltern durchs Leben und den Alltag schlagen.

Ins Mark treffen daher die Momente, in denen man im Film realisiert, dass die Familien nicht nur getrennt, sondern vollkommen zerstört werden, weil eine Rückkehr in ein glückliches Leben in der Heimat für die Mütter unmöglich geworden ist.

Der ORF-Journalist Ed Moschitz hat einen tief bewegenden und bedrückenden Film geschaffen.

Der ORF-Journalist Ed Moschitz hat einen tief bewegenden und bedrückenden Film geschaffen.

Es ist ein bedrückend-trauriger Film über eine europäische Realität, den Ed Moschitz mit viel Einfühlungsvermögen geschaffen hat. Er gewährt uns Einblicke in den Alltag von Aurica, Raia und Nataşa. Er filmt wie sie putzen, wie sie mit ihren Familien skypen, wie ihre Männer die Hausarbeit verrichten, wie Aurica nach zwei Jahren nach Moldau zurückkehrt, wie Nataşa zur Ausländerbehörde geht, um die Ausweisung zu erhalten und wie Auricas Mann zu Grabe getragen wird.

Ich bin mir sicher: Wer diesen Film gesehen hat, kann nicht mehr vom Sozialschmarotzer aus Osteuropa sprechen. Es sind erschütternde Notsituationen, die diese Menschen zur Migration treiben. Es mögen dabei durchaus auch Probleme in Westeuropa auftreten. Doch sie sind eben nicht nur medial aufgebauscht, sondern null und nichtig gegenüber die unfassbaren Tragödien, die diese Menschen durchleben. Und so meint Ed Moschitz: „Menschen in die Illegalität zu treiben, heißt letztlich immer ein korruptes System von Schleppern und Kriminellen zu finanzieren. Striktere Grenzsicherung bedeutet letztlich nur, dass die Preise für diese illegale Immigration steigen. Es ist ein Teufelskreis. Man sollte Politiker finden, die auch überlegen, ob man für dieses Land Entwicklungshilfemaßnahmen setzen kann. Andererseits, dass man Möglichkeiten für diese Frauen sucht, damit sie einen Job finden und nicht illegal ihr Dasein fristen und die Kinder so viele Jahre allein bleiben müssen.“ Diesen Forderungen kann ich mich nur anschließen.

Zum Schluss gelingt es Aurica im Laufe der Jahre dann tatsächlich das Haus in Schuss zu bringen. Ihr Sohn studiert heute in Westeuropa und ihre Tochter hat gerade Abitur auf einer deutschen Schule in Chişinău gemacht. Als Aurica dem Filmteam ihr rundum erneuertes und daher nicht wiederzuerkennendes Haus zeigt, sagt sie: „So, das ist die Terrasse, von der ich mein ganzes Leben lang geträumt habe. So eine Terrasse habe ich mir gewünscht, als ich acht Jahre alt war. Ich war also noch ein Kind. Und leider will ich mich nicht erinnern. Aber unter diesem Balkon ist mein Mann gestorben. So ist das.“ Sie schaut alte Fotos an und sagt: „Wir waren sehr jung und haben zwei Kinder gehabt. Wir waren glücklich. Heute verstehe ich die Situation ganz anders als damals. Aber ich kann nichts mehr machen. Die Kinder sind groß, ich bin fast vierzig und das Leben ist dahingegangen und ich habe nicht verstanden, wohin die Jahre gegangen sind.“

Bei Aurica fließen die Tränen. Als ich es sehe: bei mir auch. Es ist zum Weinen.

Nicht nur bei Aurica fließen die Tränen.

Nicht nur bei Aurica fließen die Tränen.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf dem Bretterblog als „Film des Monats“ erschienen. Das Bretterblog kommentiert regelmäßig Themen internationaler Politik. Rezensionen zu Filmen und Büchern des Monats sind fester Bestandteil des Blogs.

Weitere Informationen finden Sie auf der Homepage des Films.

Die DVD Mama illegal gibt es seit 2013 im Handel für ca. 16,99 Euro.

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