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Die Suche nach der perfekten Unterhose

11/07/2013

Ein subjektiver Erlebnisbericht von der Ethical Fashion Show Berlin Januar 2013

Wenn auffällig viele gut und schlecht angezogene Menschen in Berlin unterwegs sind, liegt das üblicherweise an der Berlin Fashion Week. Wie soeben in der ersten Juli-Woche. Die halbjährlich stattfindende Messe hat mittlerweile auch eine „eco“-Abteilung, zu der unter anderem die Ethical Fashion Show gehört. Diese Präsentation alternativer Mode ist normalerweise nur Fachpersonal zugänglich. Im Januar dieses Jahres hatte ich die Gelegenheit, die Messe zu besuchen und mich auf die Suche nach ökologisch und sozial akzeptabel hergestellter Unterwäsche zu machen, die gefällt.

Die Ethical Fashion Show ist Teil der Berlin Fashion Week. Wie der Name schon andeutet, geht es bei dieser Messe nicht nur um das Aussehen hipper Menschen, schicke Werbung und Verkaufszahlen, sondern auch um die Bedingungen, unter denen die ausgestellte Kleidung produziert wird. Die Zustände in vielen Textilfabriken, unfreie Arbeitsverhältnisse und ökologische Folgen  des Baumwoll-Anbaus  und der Färbung – von tierischen Materialien wie Leder, Wolle von Schafen oder Seide ganz zu schweigen – machen den Kleidungskauf eher zu einer Bürde als zu einer Freude. Und leider listen Einkaufsführer für vertretbar produzierte Kleidung in Berlin nicht viele Läden auf. Deswegen dachte ich, die Ethical Fashion Show ist eine perfekte Gelegenheit, meinen Kleiderschrank mit neuen Produkten zu bestücken. So einfach ist das aber nicht. Erstens ist sie eigentlich nur für Fachleute offen. Zweitens wird dort nicht verkauft, zumindest nicht in solchen Mengen, die ich mir leisten kann und zu Hause lagern möchte. Eine Messe dient Produzent_innen aber zur Präsentation und Werbung, und von dieser will ich mich überzeugen lassen.

Die Modemesse ist neues Terrain für mich. Denn normalerweise besorge ich meine Kleidung in Umsonstläden und Freeboxes oder kaufe in Second-Hand-Shops ein. Von anderen Menschen schon getragene Kleidung zu tragen überschreitet die Grenze der Intimität vieler Menschen. Für mich ist das meistens okay. Gebrauchte Kleidungsstücke von Freund_innen trage ich sogar sehr gerne, da mit ihnen persönliche Erinnerungen und Bedeutungen verbunden sind. Die Grenze meiner Intimität aber wird bei Unterwäsche überschritten. Und die Kleidungsstücke, die ich mir neu kaufe, will ich aus möglichst ethisch, sozial und ökologisch akzeptabler Produktion ohne die oben beschriebenen Probleme haben.

Die ungewohnte, schicke Atmosphäre der Messe in einem alten Elektrizitätswerk mit all den bedacht gekleideten Menschen und ihrer Konsumkultur verunsichert mich etwas. Dank der freundlichen und offenen, aber meist unaufdringlichen Art der Aussteller_innen fühle ich mich aber bald wohl und komme schnell ins Gespräch. Zum Beispiel mit einer der Inhaberinnen von Aikyou. Bei ihrem Stand fällt mir sofort ins Auge, was ich suche: Unterwäsche! Meine Begeisterung wird schnell von Ernüchterung abgelöst, denn Aikyou produziert nur Unterwäsche für Frauen. Meistens habe ich keine Probleme damit, die kulturelle Geschlechtergrenze zu überschreiten und aus der mir zugeschriebenen männlichen Rolle auszubrechen, wenn mir das ein Anliegen ist. Mich im „Slip Coco“ vorzustellen fällt mir aber schwer. Im Laufe der weiteren Suche soll sich die Befürchtung bestätigen, die ich von Anfang an hatte: Kleidung für Männer ist wie in der herkömmlichen Modewelt extrem unterrepräsentiert und macht es Männern schwerer, sich fair einzukleiden, ohne gegen gesellschaftliche Normen zu verstoßen.

Auch wenn ich bei Aikyou keine Unterhose mit „mehr ‚Raum‘“ finde, erfahre ich interessante Entwicklungen in der Öko-Fair-Abteilung der Modeindustrie. So gebe es in Deutschland kaum geeignete Nähereien für Unterwäsche, weswegen dieser Produktionsschritt in Kroatien vorgenommen wird. Dadurch fallen zum Bedauern meiner Gesprächspartnerin längere Transportwege. Eine andere interessante Information ist, dass die Regel, je dunkler die Farbe desto schlechter für die Umwelt, nicht immer gilt. Denn mittlerweile gibt es GOTS-zertifizierte Farben wie das kräftige Schwarz oder das knallige Pink von Aikyou. Trotzdem tragen diese Wäschestücke das GOTS-Siegel nicht, weil es laut meiner Gesprächspartnerin noch keine Lösung für die Bündchen gibt. Zwar ist fraglich, wie fair Kleidung, die Siegel wie das GOTS-Siegel tragen, tatsächlich produziert wurden, weil die meisten Standards bei genauer Betrachtung immer noch unzureichend sind und nur gewisse Schritte der Produktion von der Baumwollpflanze zum T-Shirt im Klamottenladen berücksichtigen. Aber aus Konsument_innen-Sicht können sie das Einkaufen deutlich erleichtern und garantieren immerhin rudimentäre Verbesserungen.

Ohne Unterwäsche, aber mit neuen Informationen setze ich meinen Weg durch die Stände fort. Es wird fast ausschließlich Oberbekleidung angeboten. Mode, die man nicht offensichtlich trägt, wie Unterwäsche oder Socken, sind rar. Dafür sehe ich etliche Produkte aus Leder, Fell, Seide und Wolle. Ist ein Produkt ethisch akzeptabel, für das die Unversehrtheit und das Wohlergehen von Tieren mutwillig verletzt wurden? Was macht ein solches Produkt dann auf einer „ethischen“ Messe? Solche Widersprüche sind in der Ökobranche zwar nichts neues, aber trotzdem traurig und enttäuschend. Doch ich finde Aussteller_innen, die sich auch über nicht-menschliche Tiere Gedanken machen. Sevya zum Beispiel benutzt laut eigenen Angaben nur Seide aus Kokons, aus denen die Seidenspinner schon ausgeflogen sind, anstatt wie sonst üblich die Raupen in ihren Kokons zu kochen. Und das Label Quagga verzichtet für seine Produkte – Jacken aus Recycling-Materialien  bewusst auf Materialien, die Tieren „unnötige Leiden“ verursachen. Die Jacken sehen dazu noch toll aus. Aber Jacken habe ich genug. Was ich möchte ist Unterwäsche.

Die ist und bleibt rar. Selbst bei über 50 Ausstellern. Die einzige Unterwäsche für Männer finde ich während meiner akribischen Suche bei Göttin des Glücks – allerdings nicht ausgestellt, sondern in ihrem Katalog. Und die ist nicht nach meinem Geschmack.

So verlasse ich die Messe ohne neue Kenntnisse über Unterwäsche-Quellen. Dann werde ich eben zu Hause im Internet suchen, ob es neue Kollektionen der mir schon bekannten Unterwäsche-Hersteller_innen Kleiderhelden, KnowledgeCotton Apparel, Memo, Pants to Poverty, Switcher, Trigema oder 108 Degrees gibt. Trotzdem war der Besuch der Messe nicht umsonst. Ich bin um einige Informationen und ein paar nette Begegnungen reicher und ich konnte die Atmosphäre einer Modemesse erleben. Die hat mich allerdings nicht in ihren Bann gezogen. Ich freue mich im Gegenteil auf die nächste Klamottensuche mit Freund_innen in den Umsonstläden, Sozialkaufhäusern und Second-Hand-Shops dieser Stadt, bei der man sich ohne komische Blicke zu ernten in die absurdesten Gewänder hüllen und wahre Schätze finden kann. Und das auf nachhaltigere Weise und mit einem Bruchteil der oft beträchtlichen Summen, die für ökofaire Kleidungsstücke aufgebracht werden müssen.

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