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„Sie heißen nicht Natasha“ – Fotoserie auf ZEIT ONLINE

26/06/2013

Auf Zeit Online wurde vor einigen Tagen eine Fotoserie mit dem Titel „Sie heißen nicht Natascha“ veröffentlicht. Abgebildet werden junge Frauen und Kinder, Zimmer und Räumlichkeiten, in denen angeblich Zwangsprostitution stattfindet und ein Mann mit einem Baby im Arm, der sagt: „Ich weiß, was mit meiner Frau passiert ist. Es ist nicht ihre Schuld, niemand hat das Recht, über sie zu urteilen“.

Die Fotoserie soll auf das Leid vieler Frauen hinweisen, die einen Wunsch nach einem besseren Leben hatten, der aber gebrochen wurde – von skrupellosen Menschen, die sie stattdessen sexuell ausgebeutet und vergewaltigt haben. Andere Inhalte bleiben hingegen unkommentiert stehen, verdienen aber mehr Aufmerksamkeit und hätten kritisch hinterfragt werden sollen.

Victim Blaming

Der Kommentar des Mannes, der betont, es sei nicht die Schuld seine rFrau, weiß z.B. dass seine „zurückgekehrte Frau“ (wie auch immer man nun den Begriff „zurückgekehrt“ auslegt) in den Augen vieler Menschen eine „Schuld“ trägt. Es ist nicht die Schuld migriert zu sein oder Opfer von Menschenhandel geworden zu sein. Es ist die Schuld, als Prostituierte tätig gewesen zu sein – egal ob freiwillig oder unfreiwillig. Wer sich mit Menschenhandel und der Rückkehr von Betroffenen in ihre Heimatländer befasst, weiß es: Frauen, die sexuell asugebeutet wurden, dürfen nicht sagen, was ihnen passiert ist, denn was die Leute hören ist „Die war eine Hure“ – also weg von ihr. Sie ist dreckig, schmutzig, selber Schuld. Dass es Menschenhandel war, interessiert dabei die wenigsten. Das Stigma und die Diskriminierung, welche der Prostitution anhaften, werden so auf Opfer von Menschenhandel übertragen. Noch ein Grund mehr, um endlich gegen die Stigmatisierung von Sexarbeiter_innen zu kämpfen.

„Victim blaming“ – das steckt im Satz dieses Mannes. Die Betonung der Schuldlosigkeit hat nur einen Sinn, wenn man davon ausgeht, dass Schuld – quasi per default – zugeschrieben wird: Die Schuld Prostituierte zu sein, oder auch die Schuld die weibliche Sexualität auch außerhalb monogamer Beziehungen zu leben – alles wird in einem Topf geworfen.

Frauenverachtende Vorstellungen tragen zum victim blaming weltweit bei. Frauen, die außerehelichen und vorehelichen Sex haben, seien dreckig und schmutzig, zerkaut, wie ein Stück Kaugummi – das hatte eine Betroffene von Menschenhandel in den USA in ihrer Kindheit gelernt. Das war auch der Grund, warum sie Angst hatte, Hilfe zu suchen. An jenen Orten und in Gemeinschaften, in denen die Würde und das Ansehen einer Frau an ihrer „reinen“ Sexualmoral und an ihrem monogamen Sexualverhalten hängt, werden eben auch Betroffene von Menschenhandel nicht mehr als vollwertige Menschen anerkannt. Genau dieser Gedanke steckt auch im Satz des Mannes, der sich dazu gedrängt fühlt, die Unschuld seiner Frau zu betonen.

Es ist Zeit, die konservative Sexualmoral anzuklagen, die auch Opfer von sexueller Ausbeutung stigmatisiert. Die ZEIT hat jedoch diese Sexualmoral und das unterschwellige victim blaming durch einen fehlenden Kommentar reproduziert.

Voyeurismus

Neben dem latenten Ekelgefühl vermischt mit Mitleid und Rettungsimpulsen muss auch das „ich will das jetzt unbedingt sehen“-Gefühl der Leser_innen thematisiert werden. Wer auch immer sich mit „Zwangsprostitution“, sexueller Ausbeutung aber auch Kinderarbeit und dem Elend der Welt befasst, muss sich fragen: Was veranlasst mich gerade dazu diese Bilder anzuschauen? Bin ich wirklich am Leid dieser Menschen interessiert und bin ich bereit mich ernsthaft mit den Ursachen und Umständen derselben zu befassen, um dieses Leid zu mindern (Achtung, das könnte viel Arbeit sein)? Oder will ich etwas nur diese Bilder sehen, weil ich nacher weiß, wie gut es mir geht, oder weil ich einfach Leid und traurige Frauen anschauen will, oder…  finden sie ruhig Ihre eigenen Gedanken und Motivationen. Fragen sie sich, wieviel Voyeurismus drin steckt.

Die Gretchenfrage lautet nämlich: Ist es moralisch in Ordnung, Menschen die von extremer (sexueller) Gewalt und Ausbeutung betroffen waren, ständig aufzusuchen, um Bilder von ihnen zu machen, die dann mit einem kommerziellen Zwecke (das ist ZEIT ONLINE) an die Öffentlichkeit gefüttert werden? Darf das auch gegen den Willen dieser Frauen geschehen? Dürfen Sie dazu gezwungen werden, den Voyeurismus der westlichen Welt zu befriedigen? Auch in der Photoserie ist eine Frau abgebildet, die lieber in Ruhe ihr Leben leben möchte.

Einige der Frauen möchten lieber nicht über ihre Erlebnisse sprechen. „Warum müssen sie mein Leben wieder ausgraben?“, fragt Elena, hier im Bild.

Ich fürchte, dass allzu vielen Betroffenen von Menschenhandel dieser Gedanke durch den Kopf geht. Beratungsstellen für Betroffene wissen das am besten, dass es eine Zumutung, ja, gar ein Akt fehlenden Respektes ist, eine Betroffene von Menschenhandel aufzusuchen, ein Bild ihres Gesichtes sowie die Erzählung ihrer Geschichte zu verlangen, als sei es ein Interview über einen Urlaub in Italien.

Journalist_innen, Fotograph_innen und Forscher_innen auf der ganzen Welt interessieren sich ständig für jene Menschen, die leiden. Sie wollen ihre Geschichte hören, sie photographieren – die Bilder ihrer Gesichter in den westlichen Medien verbreiten. Die Frage, welche Nachteile diese Bilder für die Betroffenen haben können, wird nicht gestellt. Hautpsache WIR SEHEN sie.

Denken statt schauen

Viele weitere Fragen stellen wir uns nicht: Waren die Personen mit der Veröffentlichung der Bilder einverstanden? Wissen sie, was es bedeutet, dass ein Bild von ihnen im Internet kursiert und wie lange es noch da sein wird? Was passiert, wenn jemand in 10, 20, 30 Jahren dieses Bild ausgräbt? Haben die Journalist_innen, Fotograph_innen und Forscher_innen Gegenleistungen erbracht – in Form von einer Vergütung, Unterstützung oder Finazierung einer Ausbildungsmöglichkeit? Wurden ihnen die Bilder zugeschickt sowie Informationen über Veröffentlichungen? Wurden ihre Persönlichkeitsrechte respektiert?

Wir gehen selbstverständlich davon aus, das dies der Fall sei. Wir denken nicht an das Machtgefälle, das zwischen westlichen Journalist_innen, Fotograph_innen und Forscher_innen und Betroffenen von Menschenhandel oder auch anderen Gruppen von Personen, wie z.B. Flüchtlinge, besteht. Wir denken nicht daran, dass eine Frau in Moldavien kaum für eine Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte in Deutschland kämpfen würde – oder könnte.

Wir wollen nur die Bilder sehen, die uns irgendwie innerlich aufwühlen. Dabei vergessen wir, dass das Menschen sind, die womöglich erst gar nicht abgebildet werden wollen.

Die Frage ist: Würden Sie die Presse an der Tür haben wollen, falls Ihnen ähnliches Leid zugefügt wird, um auf den Webseiten z.B. von CNN oder The Guardian zu sehen zu sein? Würden Sie sich Ihre Geschichte klauen lassen? Oder vielleicht stimmen Sie den Worten einer Flüchtlingfrau zu?

Hören Sie auf, unsere Geschichten zu klauen. Stop stealing our stories. (Quelle)

One Comment
  1. 28/06/2013 12:31

    Sicher gibt es ein Pflicht zur Berichterstattung, aber auch ein Pflicht die Würde des andern zu achten. Die Fotoserie “Sie heißen nicht Natascha” hat diese Grenze nicht überschritten.
    Jedoch wirft die Bildunterschrift eines englischen Berichts – „Suffering: Girls were sold for £600 a time. This picture is posed by a model“ – eine weitere Frage auf: Ist es notwendig Berichte mit Fotos der wirklichen Opfer zu illustrieren?

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