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Warum bleiben Sexarbeiter_innen von der Debatte über Gewalt gegen Frauen ausgeschlossen?

02/06/2013

Diesen Beitrag veröffenltichen wir anlässlich des Internationalen Hurentages am 2. Juni.

Autorin: Kate Zen

„Ich habe so viele Frauen getötet, dass ich fast den Überblick verloren habe… Mein Plan war so: ich wollte so viele Frauen wie möglich umbringen, von denen ich dachte sie seien Prostituierte… Ich wählte Prostituierte als meine Opfer, weil sie leicht aufzugabeln sind, ohne dass jemand es bemerkt.“ – Gary Ridgewood, The „Green River Killer“, 15. November 2003, Seattle, Washington

Im November 2001 wurde der Serienmörder Gary Ridgewood beim Verlassen der Kenworth Truck Factory in Renton, Washington, festgenommen, wo er über 30 Jahre unauffällig gearbeitet hatte. Während er ein ansonsten normales geregeltes Leben führte, gelang es ihm in seiner Freizeit, ohne dass es jemand bemerkte, mehr als 49 Frauen zu töten, von denen fast alle Prostituierte waren. Ihre Leichen begrub er in Waldgebieten rund um Kings County, nicht weit entfernt von dem Ort, in dem er lebte und arbeitete.

„Ich wählte Prostituierte als meine Opfer, weil ich die meisten Prostituierten hasse und weil ich sie nicht für Sex bezahlen wollte“, erzählte Ridgewood Reportern des Seattle Post Intelligencer. Die Tatsache, dass viele dieser Morde über 20 Jahre lang unentdeckt blieben, zeigt, dass Ridgewood nicht der einzige Verdächtige da draußen war, der solche grausamen Morde verübte. Die gleichgültige Haltung von Polizei- und Strafverfolgungsbehörden gegenüber Sexarbeiter_innen und das hasserfüllte Stigma der Gesellschaft im Allgemeinen gegenüber dieser marginalisierten Gruppe von Menschen führt dazu, dass Hunderte und Aberhunderte von Todesfällen über eine sinnlos und unmenschlich lange Zeit straflos und unentdeckt bleiben.

Obwohl Prostitution oft als das weltweit „älteste Gewerbe“ angepriesen wird, werden die geschätzten 40 bis 42 Millionen Menschen weltweit, die in diesem Beruf arbeiten, noch nicht als Arbeitnehmer_innen anerkannt, und sie haben keine grundlegenden Arbeitsrechte. Laut einer Studie der Fondation Scelles vom January 2012 sind drei Viertel dieser 40-42 Millionen Menschen im Alter zwischen 13 und 25 Jahren, und 80% von ihnen sind weiblich. Die Mordrate für weibliche Prostituierte wird auf 204 pro 100.000 Einwohner_innen geschätzt, laut einer im Jahr 2004 veröffentlichten Langzeitstudie. Die berufliche Sterblichkeitsrate  ist höher als die aller anderen Gruppen von Frauen, die bisher untersucht wurden.

Doch trotz allem gibt es bei den Vereinten Nationen in Gesprächen über Menschenrechte und über Gewalt gegen Frauen fast keine Erwähnung von Gewalt gegen Sexarbeiterinnen. Am Ende der 57. Sitzung der UN-Frauenkommission (vom 4. bis 15. März 2013), bekräftigte Generalsekretär Ban-Ki Moon das sieben Jahre lange Engagement der Vereinten Nationen bei der Bekämpfung der Gewalt gegen Frauen bis zum Jahr 2015:

„Gewalt gegen Frauen ist eine abscheuliche Menschenrechtsverletzung, eine globale Gefahr, eine Bedrohung der öffentlichen Gesundheit und ein moralischer Skandal,“ erklärte Ban-Ki-moon: „Egal, wo sie lebt, egal, welche ihre Kultur oder ihre Gesellschaft ist, jede Frau und jedes Mädchen ist berechtigt, frei von Angst zu leben. „

Aber in den Worten der schwarzen Frauenrechtlerin Sojourner Truth:

 „Bin ich denn keine Frau?“

Warum sind Sexarbeiterinnen nicht Teil der Debatte über Gewalt gegen Frauen? Sexarbeiterinnen sind Töchter, Schwestern, Mütter und Mitglieder der Gesellschaft, die in Ihrer Stadt leben, mit Ihren Bussen fahren, in Ihren Restaurants essen und in Ihren Bibliotheken lesen. Obwohl eine Mehrheit der Sexarbeiter_innen weiblich sind oder als weiblich identifiziert werden, sind viele von ihnen auch Söhne, Brüder, Väter und Liebhaber. Homosexuell, heterosexuell, schwarz, weiß, groß, klein, reich und arm, Sexarbeiter_innen kommen aus einer Vielzahl von unterschiedlichen Verhältnissen und sind aus einer Vielzahl von Gründen in der Sexarbeit tätig. Einige von ihnen migrieren weltweit für bessere Chancen und einige von ihnen werden gegen ihren Willen gehandelt. Einige von ihnen sind drogenabhängig und einige von ihnen haben Doktortitel; diese beiden Gruppen schließen sich nicht gegenseitig aus. Sie oder jemanden, den/die Sie lieben, kennen wahrscheinlich eine_n Sexarbeiter_in; vielleicht haben Sie sogar eine_n Sexarbeiter_in geliebt.

Das Stigma hält diese gewaltige Industrie im Untergrund und unterwirft Sexarbeiter_innen ungestrafter körperlicher Gewalt durch Kunden, Arbeitgeber und Polizei, sowie auch der Gewalt der sozialen Isolation und der verinnerlichten Scham. Das Stigma ist die Wurzel der hasserfüllten Haltungen, die sowohl Körperverletzung und Straflosigkeit stillschweigend dulden, als auch diskriminierende Gesetze, welche die Industrie im Untergrund halten, sowie die schädlichen Arbeitsbedingungen, die daraus entstehen, sich im gesellschaftlichen Schatten verstecken zu müssen.

Laut der Soziologin Elizabeth Bernstein ist Prostitution in der heutigen Zeit im Vergleich zur Vergangenheit ein ganz anderes Phänomen. Internet-Technologie, Globalisierung, wachsende Wohlstandsungleichheit, die Wirtschaftskrise, die Verschuldung von Studierenden und Veränderungen in den sexuellen Sitten und Vorstellungen spielen allesamt eine Rolle im sich verändernden Charakter dieser Branche. Das Internet hat Straßenprostitution in Städten wie San Francisco weniger sichtbar gemacht, während Online-Werbung für Sexarbeiter_innen über das gesamte wirtschaftliche Spektrum immer verbreiteter ist.

Sexarbeiter_innen unterscheiden sich stark mit Blick auf die verschiedenen Klassen, Ethnien (im Original: „races“) und Regionen – es gibt nicht „die Geschichte“, die für alle spricht. Die wohlmeinende Annahme der Anti-Menschenhandels-Bewegung ist, dass die meisten Menschen in der Sexindustrie verschleppt wurden und gezwungen sind, gegen ihren Willen und entgegen ihrer sexualmoralischen Überzeugungen zu arbeiten. Allerdings sind die Statistiken, die dies zu beweisen versucht haben, eher als widersprüchlich als zuverlässig.

Für viele Menschen ist Sexarbeit ein Akt der agency, der Handlungsfähigkeit und des Widerstandes, um sich gegen unterdrückende Ungleichheiten zu behaupten. Während migrantische Arbeitnehmer_innen zunehmend die emotionale Arbeit der Pflege im Dienstleistungssektor der global cities auf sich nehmen, gibt es einige unter ihnen, die im Kontext von nach Klasse und Geschlecht diskriminierenden Arbeitsmärkten Sexarbeit als eine lukrativere Alternative wählen. Sexarbeit ist eine der wenigen Arbeitsmärkte, in denen Frauen mehr als Männer verdienen und Mütter manchmal einen flexiblen Zeitplan für Kinderbetreuung verhandeln können. Für eine Person mit einer Behinderung oder ohne Zugang zu höherer Bildung, kann es auch die pragmatischste Art und Weise sein, Geld zu verdienen sein, mit relativ niedrigen Einstiegsbarrieren.

Für Kunden mit einer Behinderung kann Sexarbeit ein fürsorgliches Mittel zur Erforschung ihrer Sexualität sein, wie die australische Sexarbeiterin, Rachel Wotton, die eine gemeinnützige Organisation für Sexarbeit mit  Kunden mit Behinderung betreibt, gezeigt hat. Zwar gibt es viele ausgenutzte Wanderarbeiternehmer_innen, die dazu gezwungen werden, schlecht bezahlte Arbeit unter schlechten Bedingungen hinzunehmen, um die Kosten der Migration zu bezahlen, jedoch gibt es auch viele Studierende mittleren Einkommens, die gegen ihre Schulden durch Studienkredite kämpfen, die sich mit dem Zeitdruck und einem schlechten wirtschaftlichen Klima quälen. Studierende stellen einen zunehmend großen Anteil unter Sexarbeiter_innen in England und Wales.

Das schnelle Wachstum der Sexindustrie in den letzten zwei Jahrzehnten setzt sich weitgehend aus Menschen unserer Generation zusammen, darunter Studierende an unseren eigenen Universitäten. Wenn du das bist: bekenne Dich, Aspasia, bekenne Dich. Gemeinsam könnten wir dafür sorgen, dass es für andere sicherer wird, das Gleiche zu tun. Alle Menschen, die in den Sex-Gewerben tätig sind, würden von einem besseren Verständnis und einem Rückgang des Stigmas profitieren. Als Gesellschaft können wir uns nur dann mit Gewalt auseinandersetzen, wenn wir bereit sind, die Realität ans Licht kommen zu lassen. Die Jahrtausendgeneration hat die Möglichkeit, die Art und Weise, wie Sexarbeit im 21. Jahrhundert wahrgenommen wird, neu zu definieren.

Während viele Debatten unter wohlmeinenden Feminist_innen und Anti-Menschenhandel-Aktivist_innen darüber wüten, ob Prostitution, idealerweise, existieren sollte, würde ich diese hier lieber nicht wiederholen. Egal, ob Sie glauben, dass Prostitution ganz abgeschafft werden sollte, oder dass Sexarbeiter_innen stattdessen Arbeitnehmerrechte und -schutz gegeben werden sollten, lassen Sie uns in diesem Moment nicht verzetteln in Meinungsverschiedenheiten darüber, wie wir denken, dass die geschlechtsspezifische Gewalt in der sexuellen Arbeitsteilung gestoppt werden sollte.

Zunächst sollten wir uns einen Moment Zeit nehmen, um einfach anzuerkennen, dass die allgegenwärtige und strukturelle Gewalt im Laufe der Geschichte gegen diese zum Schweigen gebrachte Gruppe von Menschen ein Menschenrechtsthema ist.

Die erzwungene Arbeit aller Männer und Frauen, von Arbeiter_innen  in der Landwirtschaft bis zu jenen in Ausbeutungsbetrieben und Sexsklaven, ist ungerecht. Darüber können wir uns alle einig sein. Für die Rechte von Sexarbeiter_innen einzutreten, steht nicht im Gegensatz zum Kampf gegen Menschenhandel. In der Tat, wie DMSC, die 60.000-Frauen-starke Sexarbeiterin_innen Gewerkschaft in Indien, gezeigt hat, können Sexarbeiter_innen auch unter den effektivsten Akteuren im Kampf gegen Menschenhandel und die Beteiligung von Minderjährigen in der Prostitution sein.

In Anbetracht der jüngsten Ereignisse, die eine Fokussierung auf geschlechtsspezifische Gewalt fördern, von den Vereinten Nationen bis zu Eve Enslers One Billion Rising, den Demonstrationen am Internationalen Tag der Frau, würde ich gerne Feminist_innen und Menschenrechtsaktivist_innen vereint sehen in einigen Punkten, denen wir alle zustimmen können:

Frauen leiden immer noch unter Diskriminierung und Ungleichheit. Menschen, die sich für Sexarbeit entscheiden, sind oft diejenigen, die diese Ungleichheit am schärfsten erleben.

Von der ökonomischen Ungleichheit, dem anhaltenden Lohngefälle zwischen Männern und Frauen, der geschlechtsspezifischen Ungleichheit in Schulen in vielen Teilen der Welt, der unangemessen hohen Kosten der Studiengebühren und einem kaputten System von Bildungsschulden bis hin zur noch überwiegend weiblichen Verantwortung in der Kinderbetreuung – das sind die Themen, an denen Feminist_innen gerade arbeiten.

Und das sind auch die Gründe, warum Menschen in die Sexarbeit gehen, ob freiwillig oder unfreiwillig.

Lasst uns sie nicht weiter für die ungerechten Bedingungen bestrafen, die sie nicht geschaffen haben.

Feminismus ist für alle Frauen und Menschenrechte sind für alle Menschen. Niemand verdient es, Opfer von Gewalt werden.

Menschen, die in der Sexarbeit tätig sind, weisen auf einige der tiefsten Widersprüche in der Gesellschaft hin, auf jene Risse in den Rahmenbedingungen, die uns am meisten am Herzen liegen. Es ist ein wichtiger Test für die Stärke und Konsistenz unserer ideologischen Rahmen: ob wir sie zu den am stärksten marginalisierten Mitgliedern unserer Gesellschaft ausweiten können.

Wenn es um die Vereinigung im Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt geht, lasst uns 2013 zum Jahr machen, in dem Gewalt gegen Sexarbeiter_innen endlich als eine Frage der Menschenrechte ins öffentliche Bewusstsein dringt.

Include All Women ist eine Kampagne, um Gewalt gegen Sexarbeiter_innen sichtbar zu machen im Rahmen des UN Menschenrechtsrahmenwerkes gegen geschlechtsspezifische Gewalt.

IAwoman.org. „Bin ich keine Frau?“ sucht derzeit Medien-Aktivist_innen, Wissenschaftler_innen und Künstler_innen für eine Kampagne, die dafür Sorge trägt, dass Gewalt gegen Sexarbeiter_innen in der UN-Frauenrechtskommission bis zum Jahr 2015 enthalten sein wird.

Kate Zen ist in erster Linie eine Feministin und Menschenrechtsaktivistin, und eine ehemalige Domina und Studentin der Sozialwissenschaften in zweiter Linie.

Erschienen auf policymic.com.

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