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10 Dinge über Sklaverei, die Sie nicht mit ‚Django‘ lernen werden (crossposted)

22/02/2013

 

Dieser Artikel wurde ursprünglich am 9. Januar 2013 auf colorlines.com veröffentlicht und erscheint hier als Übersetzung mit Zustimmung der Autors. Originaltitel: „10 Things You Should Know About Slavery and Won’t Learn at ‘Django’“

Autor: Imara Jones

In der letzten Zeit gab es viel Aufruhr über Sklaverei als Unterhaltung in Filmen wie „Django Unchained“. Was in der Diskussion verloren ging, ist Sklaverei als Geschichte und die einfache Tatsache, dass es sich um ein Wirtschaftssystem handelte, welches das wirtschaftliche Know-how von Afrikaner_innen ausnutzte, um unvorstellbaren Reichtum in Nordamerika, Europa und in der westlichen Hemisphäre aufzubauen. Der aus dem Sklav_innenhandel erwirtschaftete Reichtum ermöglichte Westeuropa in weniger als einem Jahrhundert die Entwicklung von einer der ärmsten Regionen der Welt hin zur reichsten und mächtigsten zu vollziehen.

Obwohl es sadistisch und makaber klingt, es ist schlicht und ergreifend die Wahrheit, dass Sklaverei ein beispielloser ökonomischer Moloch war, dessen Auswirkungen heute noch von jeder_m von uns täglich erlebt werden. Deshalb stelle ich hier meine Top-10-Liste der Dinge vor, die jede_r über die ökonomischen Wurzeln der Sklaverei wissen sollte.

1)  Die Sklaverei legte den Grundstein für das moderne internationale Wirtschaftssystem.

Die massive Infrastruktur, die für den Transport von 8 bis 10 Millionen Afrikaner_innen um die halbe Welt nötig war, errichtete ganze Städte in England und Frankreich, wie Liverpool, Manchester und Bordeaux. Es war der Schlüssel zur Entfaltung von London als Welthauptstadt des Handels und spornte den Aufstieg New Yorks als Zentrum der Finanzwelt an. Schon alleine der Bau, die Finanzierung und die Verwaltung tausender von Schiffen – die jeweils 50.000 Einzelfahren ablegten – war eine Herkulesaufgabe. Die internationale Finanz-und Verteilernetze, die zur Koordination, Erhaltung und zum Profit der Sklaverei erforderlich waren, schafften den Rahmen für die moderne Weltwirtschaft.

2) Die wirtschaftlichen Fähigkeiten der Afrikaner_innen waren ein zentraler Grund für ihre Versklavung.

Afrikaner_innen besaßen einzigartige Expertise, die für den Erfolg der kolonialen Ziele notwendig waren. Afrikaner_innen wussten, wie Nutzpflanzen in tropischen und subtropischen Klimazonen angebaut werden konnten. Afrikanische Reisbauern und -bäuerinnen, zum Beispiel, wurden gefangen genommen, um ihre landwirtschaftlichen Kenntnisse auf amerikanische Inseln und jene der Karibik zu bringen. Vielen westafrikanische Kulturen besaßen Goldschmiede und ausgebildete Metallarbeiter im großen Stil. Diese Sklav_innen wurden ergriffen, um in spanischen und portugiesischen Gold-und Silberminen in Zentral-und Südamerika zu arbeiten. Im Gegensatz zum Mythos ungelernter Arbeit war eine große Zahl von Afrikaner_innen alles andere als das.

3) Afrikanisches Know-how verwandelte die Sklav_innenwirtschaften in die reichsten der Welt.

Die Früchte des Sklavenhandels finanzierten das Wachstum globaler Imperien. Die größte Quelle des Reichtums für das kaiserliche Frankreich war das „weiße Gold“ des Zuckers, der durch Afrikaner_innen in Haiti produziert wurde. Es floss mehr Reichtum aus der jamaikanischen Sklav_innenwirtschaft nach Großbritannien als aus allen 13 nordamerikanischen Kolonien zusammen. Diese Ressourcen ermöglichten die industrielle Revolution und die großen Verbesserungen in der wirtschaftlichen Infrastruktur in Westeuropa.

4) Bis sie durch den Bürgerkrieg zerstört wurde, machte die Sklaverei den US-amerikanischen Süden die reichste und mächtigste Region Amerikas.

Sklaverei war ein nationales Unternehmen, aber das wirtschaftliche und politische Gravitationszentrum während der ersten Inkarnation der USA als Sklav_innenrepublik war der Süden. Dies galt auch während der Kolonialzeit. Virginia war die reichste Kolonie und George Washington war einer der reichsten Menschen aufgrund seiner Sklav_innen. Die Mehrheit der neuen Präsidenten und der Richter am Obersten Gerichtshofs kamen aus den Südstaaten.

Allerdings hat die Erfindung der Baumwollentkörnungsmaschine die nationale wirtschaftliche Dominanz  des Südens weiter gebracht und verwandelte sie in ein globales Phänomen. Die britische Nachfrage nach amerikanischer Baumwolle, wie ich schon geschrieben habe, machte den südlichen Abschnitt des Mississippi zur Silicon Valley der damaligen Zeit. Die größte Konzentration von Amerikas Millionäre war in Plantagen entlang des Mississippi zu finden. Der erste und einzige Präsident der Konföderation – Jefferson Davis – war ein Millionär, ein Sklav_innenhalter aus Mississippi.

5) Die Verteidigung der Sklaverei, mehr als Steuern, war ausschlaggebend für Amerikas Unabhängigkeitserklärung.

Der Süden hat lange Widerstand gegen die Aufrufe des Nordens geleistet, das britische Empire zu verlassen. Das lag daran, dass der Süden die meisten seiner  durch Sklav_innen produzierten Produkte nach Großbritannien verkaufte und sich auf die britische Marine stützte, um den Sklav_innenhandel zu schützen. Aber ein Gerichtsverfahren in England veränderte alles. Im Jahre 1775 entschied ein britisches Gericht, dass Sklav_innen im Vereinigten Königreich nicht gegen ihren Willen festgehalten werden konnten. Aus Angst, dass die Entscheidung auch in den amerikanischen Kolonien gelten würde, unterstützten die südlichen Plantagenbesitzer nun die Forderung des Nordens für mehr Autonomie. Im Jahre 1776, ein Jahr später, verließ Nordamerika seine ehemalige Kolonialmacht. Die Frage der Sklaverei war so stark, dass sie den Lauf der Geschichte veränderte.

6) Die Brutalisierung und psychische Folter von Sklav_innen wurde entwickelt, um sicherzustellen, dass Plantagen weiterhin schwarze Zahlen schreiben konnten

Sklav_innenaufstände und Sabotageakte waren relativ häufig auf den südlichen Plantagen. Als Wirtschaftsunternehmen war die Störung in der Produktion schlecht fürs Geschäft. Im Laufe der Zeit entstand ein System der Unterdrückung, um die Dinge am Laufen zu halten. Dies beruhte darauf, bestimmte Sklav_innen für eine öffentliche Folter auszusuchen, die entweder an Widerstandsaktionen teilgenommen hatten oder die eher in Richtung Verweigerung handelten. In der Tat wurden die meisten widerspenstigen Sklav_innen in Institutionen gesendet, wie das „Sugar House“ in Charleston, SC, wo Folter und Quälerei verwendet wurden, um die Zusammenarbeit zu erzwingen. Die unmenschlichsten Aspekte der Sklaverei waren nur ein weiteres Werkzeug, um Profit zu garantieren.

7) Der wirtschaftliche Erfolg ehemaliger Sklav_innen während der Zeit der Reconstruction führte zum Anstieg des Ku Klux Klan.

In weniger als 10 Jahren nach dem Ende der Sklaverei hatten Schwarze blühende Gemeinden geschaffen und politische Macht, einschließlich von Gouverneursposten und Senatssitzen, überall im Süden erreicht. Ehemalige Sklav_innen, wie Atlanta Alonzo Herndon, waren in der Nachkriegszeit sogar zu Millionären geworden. Doch der Schritt in Richtung Black Economic Empowerment hatte die alte Wirtschaftsordnung aufgewühlt. Ehemalige Pflanzer organisierten sich in Weiße Bürgerräte (White Citizens Councils) und schufen einen bewaffneten Flügel – den Ku Klux Klan – um schwarze Wirtschaftsinstitutionen zu untergraben und um Schwarze über missbräuchliche Klauseln in die Pacht (sharecropping) zu zwingen. Isabel Wilkerson beschreibt in ihrem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Buch „The Warmth of Other Suns„, wie sowohl schwarze Menschen, als auch ganze schwarzen Gemeinden mit Terrorakten angegriffen wurden, deren Zweck es war, eine wirtschaftliche Apartheid durchzusetzen.

8) Der Wunsch nach wirtschaftlicher Unterdrückung ist der Grund, warum der Süden einer der stärksten Steuergegner des Landes war.

Vor dem Bürgerkrieg blockierte der Süden routinemäßig nationale Infrastrukturprojekte. Diese Pläne, die sich auf die nördlichen und westlichen Staaten konzentrierte, hätten schnell und günstig Waren auf den Markt gebracht, die nicht von Sklav_innen produziert waren. Der Süden war darüber besorgt, dass solche Investitionen die auf  freie Arbeit basierte Wirtschaft gestärkt und ihrer eigenen, auf Sklaverei fundierte Wirtschaft geschadet hätten. Darüber hinaus war der Süden vehement gegen Steuern, sogar dann, wenn dadurch das Leben weißer Bürger_innen, die keine Sklav_innen hatten, verbessert worden wäre. Die erste öffentliche Schule im Norden, Boston Latin, öffnete ihre Türen in der Mitte des 17. Jahrhunderts. Die erste öffentliche Schule im Süden eröffnete 200 Jahre später. Die Erhaltung der Sklaverei war die oberste Priorität des Südens zu Lasten von allem anderen.

9) Viele Unternehmen haben an der Wall Street mit der Finanzierung des Sklav_innenhandels Vermögen gemacht.

Investitionen in die Sklaverei stellten einen der profitabelsten Wirtschaftszweige in der 350 Jahre langen Geschichte New Yorks dar. Ein Großteil der Finanzierung für die Sklav_innen-Wirtschaft floss durch New Yorks Banken. Namen wie JP Morgan Chase und New York Life profitierten von der Sklaverei. Lehman Brothers, eine der größten Firmen der Wall Street bis zum Jahr 2008, hatte in der Sklav_innen-Wirtschaft in Alabama begonnen. Sklaverei war so wichtig für die Stadt, dass New York eine der Städte im Norden war, die am stärksten für Sklaverei war.

10) Das Wohlstandsgefälle zwischen Weißen und Schwarzen, das Ergebnis der Sklaverei, muss noch geschlossen werden.

Der Gesamtwert der Sklav-innen oder „Eigentum“, wie sie damals genannt wurden, auf den größten Plantagen könnte höher als 12.000.000$ in heutigen Dollars sein. Mit Land, Maschinen, Pflanzen und Gebäuden eingerechnet, war der Reichtum der südlichen landwirtschaftlichen Betriebe wahrhaft astronomisch. Doch als die Sklaverei endete, erhielten die Menschen, die den Reichtum erzeugten, nichts.

Das Land hat seitdem mit den Folgen dieser Ungleichheit gekämpft. Mit Änderungen in der Politik in Washington hat sich die wirtschaftliche Kluft seit 1865 manchmal verringert und manchmal erhöht, aber die ökonomische Ungleichheit wurde nie aufgehoben. Heute ist das Wohlstandsgefälle zwischen Weißen und Schwarzen das am höchsten verzeichnete seit Beginn der Aufzeichnungen vor drei Jahrzehnten.

Übersetzung: Sonja Dolinsek

 

 

2 Kommentare
  1. Max Power permalink
    28/05/2013 10:55

    Dieser Artikel ist mit Binnen-I überladen und ist so einfach schrecklich zu lesen! Sehr ärgerlich, das stört den Lesefluss enorm!

  2. Angelika permalink
    22/02/2013 12:04

    hallo liebe redaktion und die „übersetzung“/dieübersetzerin!
    mir ist dies auf diversen tumblr-blogs in/auf englisch begegnet und dang! hier ist es auf deutsch*. finde ich ganzganz gut – weil ja … ((auch ich wurde u.a. rassistisch, patriachalisch sozialisiert. deshalb beginnt ‚eine veränderung‘ für mich erstmal bei mir selbst. und mithilfe des webz kann ich z.b. um-denken, neu-lernen und das auch im alltag umsetzen))
    *dafür bin ich dankbar❤

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