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Juju und Menschenhandel in Nigeria

12/02/2013

von Juliane Wagner 

Am 02.01.2013 wurde am Berliner Landgericht der Prozess gegen sechs der Schleusung und Beihilfe zum Menschenhandel beschuldigte Männer nigerianischer Herkunft eröffnet. Seit 2008 sollen sie mehrere Menschen nach Deutschland geschleust und die Frauen nach ihrer Ankunft zum „Abarbeiten der Schleuserschulden“ in die Prostitution gezwungen haben.Das besondere an diesem Fall ist der immer häufiger erkennbare Zusammenhang zwischen Menschenhandel und den in Nigeria und den angrenzenden Staaten praktizierten Juju-Ritualen.

Juju ist eine traditionelle westafrikanische Glaubensrichtung, deren Rituale als schwarze Magie eingesetzt und missbraucht werden um die Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden sollen, zu kontrollieren. In der Hoffnung auf eine Arbeitsmöglichkeit und ein „besseres“ Leben in Europa begeben sich die Frauen und Mädchen in die Hände von Schleusern, die sie dazu auffordern sich vor ihrer Abreise in einem Schrein von einem Juju-Priester durchgeführten religiösen Ritual zu unterziehen, durch das sie an ihre Schleuser und die Madam gebunden werden. Die Frauen verpflichten sich in dem Ritual alle Kosten zurückzuzahlen und alles zu tun was ihnen aufgetragen wird. Über die starke psychische Bindung die hier hergestellt wird, werden die Frauen dann nach ihrer Ankunft in die Prostitution gezwungen. Ähnliche Fälle gab es zum Beispiel auch in Großbritannien und Österreich und die Unicri Studie Trafficking of Nigerian Girls in Italy von 2010 verweist ebenfalls auf die Funktion der Juju-Rituale „that chain the young women and their families economically, morally and psychologically to their exploiters“.

Fast 90% der NigerianerInnen gehören dem Christentum oder dem Islam an, die traditionellen Riten, Gebräuche und Glaubensformen, so auch Juju, leben trotzdem weiter. Es findet keine eindeutige Abgrenzung der Glaubensrichtungen gegeneinander statt. So können Juju-Rituale auch durchaus von ChristInnen und Moslems/Muslimas praktiziert werden. Warum aber sind Juju-Rituale so mächtig und wirkungsvoll?

Im traditionellen Juju-Glauben gibt es verschiedene Götter, die über die Geisterwelt mit den Menschen in Verbindung treten. Es existieren zwei Sorten Geister, die living-dead und die dead-dead. Erstere sind gute Geister, Geister von Menschen, die noch nicht vor langer Zeit gestorben sind und an die sich noch erinnert wird. Letztere hingegen sind böse Geister von einst lebenden Menschen, die bereits in Vergessenheit geraten sind. Diese Geister kommen in der Dunkelheit, während des Schlafes und übernehmen die Kontrolle über den Körper und/oder die Seele der Menschen. Wird einem Gott ein Schwur geleistet und wieder gebrochen, Strafen die dead-dead Geister die Menschen, sie erscheinen den Menschen in Träumen, die sie in den Wahnsinn und den Tod treiben können. Wenn ein Schwur einmal geleistet ist, kann dieser nicht mehr aufgehoben werden.

Die Juju-Rituale, denen sich die Frauen und Mädchen unterziehen, folgen alle einem ähnlichen Muster. Zu Beginn muss die Frau sich ausziehen. Der Juju-Priester ruft einen Geist an, eins zu werden mit in einer Art Urne aufbewahrtem feinen Ruß. Der angerufene Geist steht meist in Verbindung mit dem bösartigen Halbgott „Eshu“, mit dem die Betroffene einen Vertrag schließen soll. Dann schneidet der Priester mit einer Rasierklinge Wunden in die Haut der Frau um den Ruß in die Schnitte zu reiben, so kann der Geist in den Körper des Menschen eintreten. Ihr werden Kopf-, Unterarm-, und Schamhaare, häufig auch Fuß- und Fingernägel, abgeschnitten und zusammen mit der Unterwäsche in ein Gefäß getan. Nun muss sie einen Schwur vor dem Bildnis des Eshu leisten, der später zentral für ihre Ausbeutung sein wird. Sie schwört, dass sie alles Geld, welches für die Reise ausgegeben wird, zurückzahlt, dass sie nicht wegrennen wird, alles tut, was ihr gesagt wird und mit niemandem darüber spricht. Bricht sie diesen Schwur, wird Eshu ihr dead-dead Geister senden um sie zu quälen und zu töten. Dann wird ein Huhn geschlachtet und die Frau muss das Herz essen. Damit ist die Zeremonie abgeschlossen. Mit diesem Ritual ist die Frau auf Grund ihres Glaubens an die Madams und Menschenhändler gebunden. Für diese Besteht nicht einmal mehr die Notwendigkeit, sie einzusperren oder weitere Gewalt anzuwenden, da sie die Geister und ihre Strafen so sehr fürchtet, dass sie sich gezwungen sieht ihren Schwur zu erfüllen.

Die Macht des Juju auf die Betroffenen ist nicht zu unterschätzen. So bezeichnete Debbie Ariyo von Africans Unite Against Child Abuse (Afruca) den Eid, der innerhalb des Juju-Rituales von den Betroffenen geschworen wird, als „their [die Menschenhändler, anm. d. Verf.] most powerful weapon of coercion“. Und die Nigerian National Agency for Prohibition of Traffic in Persons (NAPTIP) wies 2008 darauf hin, dass 90% der nigerianischen Mädchen und Frauen, die Opfer von Menschenhandel wurden, sich einem Juju-Ritual unterziehen und in dessen Verlauf diesen Eid schwören mussten. Oft wird auch nicht nur den Frauen, sondern ihren ganzen Familien mit Krankheit Wahnsinn, Kinderlosigkeit oder Tod gedroht. Die Schulden, die sich angeblich durch die Reisekosten ergeben, sind so hoch, dass sie kaum zurückzahlbar sind, meist um die 45 000 – 70 000 Euro. Die Frauen werden dann von den Madams in den europäischen Zielländern zur Prostitution gezwungen um diese Schulden abzuarbeiten. Häufig wird den Betroffenen nach Ihrer Ankunft in Europa ein Handy gegeben, über das sie Droh- und Kontrollanrufe erhalten, die sie an ihren Eid und die Konsequenzen des Bruchs erinnern sollen.

Die Madams spielen im System des Menschenhandels aus Nigeria eine besondere Rolle. Die bereits erwähnte Unicri-Studie betont, dass der nigerianische Frauenhandel von der Rekrutierung bis hin zur Ausbeutung ein „business of women“ ist. Die Rolle der Männer wird hier vor allem auf unterstützende Funktionen, wie zum Beispiel als Kuriere oder Aufpasser, beschränkt. Auch im Juju-Ritual wird über den Eid an den Gott der Madam Gehorsam und die Rückgabe der Schulden geschworen. Die Bindung der Frauen zur Madam ist sehr stark, ebenso wie die Kontrolle durch sie. Das erschwert die Kontaktaufnahme zu Hilfsmöglichkeiten der betroffenen Frauen. Laut einem Bericht des National Board of Social Services in Dänemark von 2011 leiden nigerianische Betroffene von Menschenhandel häufig und stark an Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), die als Resultat des Juju angesehen werden und die Symptome wie zum Beispiel Flashbacks, Angstzustände, Vermeidungsverhalten oder auch partielle Amnesie hervorrufen können. Also auch wenn eine betroffene Frau sich traut Hilfe zu suchen, wird sie sich enormem psychischen Stress ausgesetzt sehen. Der Juju-Schwur sei deshalb auch ein Grund für die geringe Aussagebereitschaft von nigerianischen Betroffenen von Frauenhandel.

Darüber hinaus sehen sich die Betroffenen auch mit dem Vorwurf konfrontiert, dass sie doch einfach hätten fliehen können. Da sie durch den Juju-Eid und nicht durch äußere Kräfte, wie zum Beispiel physische Gewalt oder Freiheitsentzug, an der Flucht gehindert wurden, stellt die Prostitution von nigerianischen Frauen, die auch einen Juju-Schwur geleistet haben, für viele europäische Behörden nicht notwendigerweise einen Fall von Zwangsprostitution dar. Finden betroffene Frauen Hilfe, meist bei NGOs, und sind bereit auszusagen, sehen sie sich nicht nur mit der Angst vor dem Brechen des Juju-Rituals und den Konsequenzen konfrontiert, sondern auch mit einem langwierigen Prozess mit unsicherem Ausgang. Die Macht die die Juju-Rituale über die Betroffenen haben, muss aber ebenso behandelt werden, wie die physische Gewalt oder der Freiheitsentzug mit denen Frauen zur Prostitution gezwungen werden.

Die betroffenen Frauen werden in hohem Grade psychischer Gewalt ausgesetzt und auch wenn keine Ketten sichtbar sind, kann hier zu keinem Zeitpunkt von freiwilligem Handeln gesprochen werden. Die Häufung der Fälle belegt die Notwendigkeit auch andere Formen des Zwanges wahrzunehmen und offiziell anzuerkennen. Die Juju-Rituale zeigen, dass das kulturelle Geflecht vor dessen Hintergrund der Menschenhandel stattfindet, verstanden werden und das Verstehen seine Konsequenzen in der konkreten Ahndung von Menschenhandel und in verschiedenen Opferschutzmaßnahmen, wie zum Beispiel psychologischer Betreuung, finden muss.

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