Skip to content

Es gibt keine „perfekten Opfer“ (crossposted)

29/08/2012

Dieser Beitrag wurde am 14. August 2012 auf The Huffington Post unter dem Titel „There are no ‚perfect victims‘“ veröffentlicht und mit Genehmigung der Autorin Chi Mgbako für die Weiterveröffentlichung auf diesem Blog übersetzt und veröffentlicht. 

Die Autorin Chi Mgbako ist Professorin am Leitner Center for International Law and Justice an der Fordham Law School in New York City.

Ihre Forschung konzentriert sich auf Sexualrechte, Gesundheit und Menschenrechte, Zugang zu Gerechtigkeit sowie Frauenrechte in Afrika. Sie hat u.a einen Beitrag über Sexarbeit und Menschenrechte in Afrika veröffentlicht.

Wenn die meisten Menschen an typische Opfer von Menschenrechtsverletzungen denken, zaubern sie oft stereotype Bilder von passiven und machtlosen Menschen hervor. Wir stellen sie uns vor, als seien sie unfähig, sich selbst auszudrücken und makellos hinsichtlich ihrer moralischen Haltung – höchst unschuldig, zutiefst erniedrigt und als würden sie darauf warten, gerettet zu werden. Die Vorurteile, die dieser Vorstellung zugrunde liegen, können dazu führen, dass einige Menschenrechtler bei Interessenvertretungen und in Werbekampagnen sich auf „perfekte Opfer“ konzentrieren. Damit klammern sie die durch andere marginalisierte Personen erfahrenen Ungerechtigkeiten aus, die ambivalentere und komplexere Reaktionen in der Öffentlichkeit anregen würden.

Die Privilegierung der „perfekten Opferrolle“ ist irreführend und fehlgeleitet, weil alle Menschen Menschenrechte haben, unabhängig von subjektiven Bestimmungen von „Würdigkeit“. Tatsächlich ist das der Kern der Idee der Menschenrechte. Die Gefahr des Konstrukts des „perfekten Opfers“ kann anhand von zwei Beispielen erläutert werden: Prostitutionsgegner, die Misshandlungen durch Opfer von Menschenhandel gegenüber der Gewalt gegen Personen, die freiwillig in der Sexarbeit tätig sind, privilegieren; und die Unfähigkeit der Gesellschaft, ökonomisch rechtlose Schwarze Männer als Opfer des verheerenden „Drogenkrieges“ zu sehen, weil auch sie in Gegensatz zu Vorstellungen des „perfekten Opfers“ stehen.

The privileging of „perfect victimhood“ is misguided because all people have human rights regardless of subjective determinations of „worthiness.“ This is, in fact, the very core of the idea of human rights.

Eine wohlmeinende Studentin an der juristischen Fakultät, wo ich Menschenrechte und Menschenrechtsaktivismus unterrichte, hat einmal zu mir gesagt: „Opfer von Menschenhandel sind perfekte Opfer“. Sie war der Meinung, dass Frauen und Mädchen, die in die Prostitution gehandelt werden – jene, die getäuscht und gezwungen werden – archetypische Opfer sind und daher einen größeren Schutz ihrer Menschenrechte verdienen. Wir müssen die Ursachen und Realitäten von Missbräuchen, wie Menschenhandel, angehen, aber die Opferhierarchien, die implizit solche Vorstellungen vom „verdienenden Opfer“ (deserving victim) prägen, führen oft zu gefährlichen Menschenrechtspolitiken und -praktiken.

Opfer von Menschenhandel, die zur Prostitution gezwungen werden, passen zu den von Antiprostitutionsgegnern gezeichneten moralischen Prototypen des „perfekten Opfers“. Diese Aktivisten privilegieren jene Gewalt, die „perfekte Opfer“ erfahren, gegenüber der Gewalt, mit denen rechtlich und sozial stigmatisierte Individuen konfrontiert sind, die an einvernehmlichen sexuellen Transaktionen unter Erwachsenen beteiligt sind und damit so erscheinen, als würden sie unsere Aufmerksamkeit und Fürsprache nicht verdienen. Anti-Prostitutionsaktivisten verfolgen häufig eine verfehlte Politik, die zu Gewalt gegen und Stigmatisierung von Sexarbeiter_innen führt; trotzdem schweigen sie darüber, wie diese Politiken und Praktiken schaden.

In einer Verbündung mit rechten Politikern haben sie die Verabschiedung des „Anti-Prostitutions-Versprechens“ (anti-prostitution pledge) gefordert, wonach Organisationen, die US-Fördermittel zur  HIV und AIDS-Prävention im Ausland bekommen, sich einer Antiprostitutionspolitik verflichten müssen. Aber Prostitutionsgegner haben nicht eingestanden, wie diese Politik wirksam HIV-Prävention unter Prostituierten verhindert, eine Gruppe, die ein erhöhtes HIV-Ansteckungsrisiko eingeht. Gesundheitsaktivisten argumentieren schon lange dafür, dass das Anti-Prostitutions-Versprechen es für eine Organisation unmöglich macht, HIV-Präventionsprogramme mit Sexarbeiter_innen in einem nicht-wertenden Geiste der Solidarität durchzuführen – wie können sie einen Eid gegen eine Gruppe und ihren Tätigkeiten ablegen und dann in Partnerschaft mit ihnen arbeiten? Die Nicholas Kristofs dieser Welt tweeten live über ihre Bordellrazzien, aber nicht über die „geretteten“ Sexarbeiterinnen, die in „Unterkünfte“ gezwungen werden, nur um sexuelle und körperliche Misshandlungen zu erfahren. Vor großen Sportereignissen, wie den Olympischen Spielen, erwecken Prostitutionsgegner eine moralische Panik über den drohenden Anstieg der Fälle von Menschenhandel – Alarmglocken, die sich routinemäßig als unbegründet erweisen – und dann schweigen sie, wenn es Polizeirazzien gegen Sexarbeiter_innen unter dem Deckmantel der Ausrottung des Menschenhandels gibt.

„Here, too, there are rights.“

Ein weiteres Beispiel dafür, wie das Paradigma des „perfekten Opfers“ uns blind für die Ungerechtigkeiten, die jene Menschen erfahren, die nicht in dieses Konstrukt passen, ist unsere willentliche Ignoranz der schwersten Menschenrechtsverletzungen in den Vereinigten Staaten heute – die Masseninhaftierung von armen, Schwarzen und Latino Männern und Jugendlichen aufgrund des „Drogenkriegs“, einer gescheiterten Politik, die zu keinem Rückgang des Drogenkonsums oder ihrer Verfügbarkeit geführt hat. Obwohl Schwarze Menschen nicht öfter Drogen nutzen oder verkaufen als weiße Menschen, werden sie in erschreckend höherem Maße wegen Verstöße gegen das Drogengesetz inhaftiert. Der „Drogenkrieg“ ist seit jeher ein Krieg gegen arme Schwarze Menschen mit verheerenden Folgen: Wer wegen eines Drogendeliktes verurteilt wurde, kann nach der Entlassung das Wahlrecht verlieren und Diskriminierungen im  Zugang zu öffentlichen Leistungen, Beschäftigung, des sozialen Wohnungsbaus oder Bildung erfahren.

In Anbetracht dieser Ungleichgewichte, warum betrachten wir Schwarze Männer, die wegen Drogenkriminalität im Vortex der Strafjustiz gefangen sind, nicht als Opfer von staatlich geförderten Menschenrechtsverletzungen? Zum Teil ist es so, weil unsere Gesellschaft sie als gefährlich porträtiert, als Aggressoren – das Gegenteil des „perfekten“ oder „verdienenden“ Opfers. Die Vereinigten Staaten haben die höchste Inhaftierungsrate der Welt und wir nähren weiterhin einen Drogenkrieg, der zahllose Leben erschüttert hat. Und dennoch, weil diese Männer zum brutalen Stereotyp des aggressiven, kriminellen Schwarzen Mannes passen, sehen wir sie nicht als mögliche Opfer, sondern nur als potenzielle Bedrohungen und deshalb sehen wir die Ungerechtigkeit, die sie erfahren, nicht als massive Menschenrechtsverletzungen.

Als ich eine Jurastudentin war, sagte meine Strafrechts-Professorin, die als mittellose Strafverteidigerin in Gemeinden von Schwarzen Menschen arbeitete, dass Menschen sie oft gefragt haben, warum sie ihre Karriere der Zusammenarbeit mit „solchen Leuten“ widmen würde. Sie wollten nicht glauben, dass ihre Kunden „perfekte Opfer“ waren. Sie sagte, dass ihre Antwort immer einfach und immer die gleiche war: „Auch hier gibt es Rechte.“ —„Here, too, there are rights.“

Follow Chi Mgbako on Twitter: www.twitter.com/@chiadanna

Eine Wiederverwendung und Reproduktion dieser Übersetzung zu nicht-kommerziellen Zwecken ist erlaubt, sofern das Blog angegeben und verlinkt wird.

%d Bloggern gefällt das: