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(Moderne) Sklaverei in Mauretanien

18/08/2012

Mauretanien hat vor 21 Jahren im Jahre 1981 als letztes Land Sklaverei abgeschafft. Das bedeutet, dass seitdem Sklaverei keine legitime gesellschaftliche Institution mehr ist. Sklaverei ist seitdem illegal. Kriminalisiert wurde Sklaverei als „Besitz einer Person“ jedoch erst 2007 und bislang wurde nur eine Person verurteilt. Sklaverei ist weiterhin akzeptiert und die Besitzer und Händler von versklavten Menschen werden gesellschaftlich und politisch nicht geächtet – und schon gar nicht dafür verurteilt. Gleichzeitig wird die Existenz der Sklaverei internationalen Organisationen und Journalist_innen gegenüber geleugnet. De facto existiert Sklaverei in Mauretanien bis heute – darüber schreibt auch die Internationale Arbeitsorganisation in diesem Bericht von 2010.

Sklaverei in Mauretanien ist tief in der Gesellschaft verankert. Es handelt sich um eine Institution, die historisch gewachsen ist und den traditionellen Formen der Sklaverei entspricht. Im traditionellen Sinne ist Sklaverei nicht nur mit Eigentum verbunden sondern auch mit der Vererbung des Status als „Sklave“ oder „Sklavin“. Damit einher geht die Vorstellung, dass Sklavinnen und Sklaven sozial tot sind (siehe dazu unsere Beiträge zu O. Pattersons Theorie der Sklaverei als sozialem Tod hier und hier). Von „moderner Sklaverei“ kann also nicht die Rede sein.

Slavery exists in all the countries of the Sahara desert. But it’s only when the slave lifts their head to speak that the crime is discovered. (Boubacar Messaoud)

CNN zufolge leben 2012  geschätzte 10-20% der mauretanischen Bevölkerung als  „Sklavinnen“ und „Sklaven“. The Guardian berichtete kürzlich über das Schicksal einer Sklavin, die nach 15 Jahren entkommen konnte. Sie traf ihren Vater zum ersten Mal im Alter von fünf Jahren. Ihr Vater war der „Besitzer“ ihrer Mutter, die er vergewaltigt hatte. Als ihr Vater sie abholte, tat er das als „Besitzer“ des Kindes – denn Sklaverei ist erblich. Seitdem hat sie Tag für Tag für ihren Vater und Besitzer gearbeitet.

Die Vergewaltigung von versklavten Frauen ist tief in der Praxis der Sklaverei verankert. Sie ist nicht nur ein Akt der Gewalt und Demütigung. Für Frauen ist Teil der Versklavung, dass sie für ihre Besitzer Kinder gebären, die wiederum Sklavinnen und Sklaven sind. Auch in den US-Amerikanischen Südstaaten war das eine verbreitete Praxis. Und da es sich bei den Frauen in diesen Gesellschaften rechtlich gesehen um Eigentum handelte, waren z.B. Vergewaltigung und Mord einer versklavten Person nicht strafbar. Der Besitzer hatte ein Recht auf Geschlechtsverkehr mit den durch ihn versklavten Frauen, denn als „Menschen zweiter Klasse“ hatten sie keine Rechte.

Doch Sklaverei in Mauretanien hat in den vergangenen Monaten zu vielen Konflikten und Widerständen geführt – meistens jedoch nicht zugunsten der Menschenrechtler_innen und der abolitionistischen Organisationen vor Ort. So wurden im April 2012 mehrere Vertreter_innen der mauretanischen NGO Initiative for the Resurgence of the Abolitionist Movement  (IRA) verhaftet, weil sie Fälle von Sklaverei angezeigt hatten. Dazu gehört auch der Präsident der Organisation, der immer noch in Haft ist und für dessen Freilassung Anfang August 2012 sit-in Proteste organisiert wurden.

In Berlin hat nun die Gesellschaft für bedrohte Völker ein Spendenkonto zur Unterstützung von Menschenrechtlern in Mauretanien eingerichtet und die Unrepresented Nations and Peoples Organization unterstützt eine Kampagne zur Freilassung der inhaftierten Menschenrechtler. Im Juni 2012 fand im Europäischen Parlament eine Konferenz zum Thema „Contemporary Slavery: Understanding the New Face of an Old Evil“ statt.

Die Abschaffung der Sklaverei war noch nie einfach, denn es geht nicht nur um ein Verbot sondern darum eine Gesellschaft und ihre Struktur grundlegend zu verändern. Dazu gehört nicht nur die Mentalität der Sklavenhändler und -besitzer sondern auch jene der  Sklaven  und Sklavinnen selbst, die sich aus verschiedenen Gründen nicht gegen das System wehren. Die faktische Abschaffung der Sklaverei ist ein schwieriger, langer Kampf und Sklaverei wird auch lange nach ihrer Abschaffung ein Erbe von Rassismus, Diskriminierung und Ausbeutung hinterlassen.

My mother believed she was protecting me when she reminded me that I was a slave – that I shouldn’t forget my place. (Boubacar Messaoud)

Ein französischer akademischer Text über die Geschichte der Sklaverei in Mauretanien ist hier zu finden.

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