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Über „all you can fuck“ und „Frischfleisch“ für Freier – eine Reportage von Rita Knobel-Ulrich

27/06/2012

Wussten Sie, dass “jedes Jahr ca. 200 000 Frauen aus Osteuropa nach Westeuropa verschleppt und zur Prostitution gezwungen werden?“ Über diese und andere Fakten berichtet eine Dokumentation von Rita Knobel-Ulrich, die im Jahre 2011 im NDR ausgestrahlt wurde. Doch „Das Geschäft mit dem Sex“ ist jedoch nicht so objektiv, wie es vorzugeben scheint.

In den ersten Szenen der Reportage befindet sich Knobel-Ulrich auf dem Straßenstrich in Hannover. Dort steuert sie zielbewusst sich prostituierende Frauen an und fragt sie, warum sie dort seien („um die Kinder zu ernähren?“) und wie denn „das Geschäft so laufe.“ Danach begleitet sie Beamte der Hannoveraner Polizeiwache auf Kontrollen in verschiedene Bordelle und Wohnwagen. Es wird kontrolliert, ob es sogenannte „Neuzugänge“ gibt, die möglicherweise verschleppt und zum „Anschaffen gezwungen“ werden. Gegen Ende der Streife besucht die Gruppe ein Bordell, vor dem die Regisseurin nun die Freier anspricht und fragt, ob diese jemals nachgefragt hätten, ob die Frauen freiwillig in dem Etablissement als Sexarbeiterin arbeiten würden. Die Antworten der Männer fallen überwiegend ablehnend aus. Die meisten sagen „es geht mich nichts an“ und gehen schnell weiter.

Szenenwechsel. Gezeigt wird nun der Fall der 38-jährigen Dimitrinka, einer Roma-Frau aus Bulgarien, die mit falschen Versprechen nach Deutschland gelockt wurde.  Versprochen wurde ihr Arbeit von einem Bekannten ihrer Schwester, hier wurde sie jedoch von ihm geschlagen, vergewaltigt und zur Prostitution gezwungen. Nach zwei Monaten Ausbeutung konnte sie fliehen und sich an die Polizei wenden. Dimitrinka kann vor dem Landgericht Hannover gegen ihre Peiniger, den Bekannten ihrer Schwester und dessen Komplizin aussagen und wird danach von einer Vertreterin der Betreuungsstelle zum Flughafen, zurück zu ihrem Mann und ihren fünf Kindern begleitet. Ob sie überhaupt ausreisen will, davon ist keine Rede. Auch erfahren die Zuschauer_innen nichts über das Urteil des Landgerichts, was die Zukunft der Menschenhändler angeht.

Rita Knobel-Ulrich begleitet Dimitrinka auf ihrem Weg nach Hause in ihr „verwahrlostes, von unfassbarer Armut geprägtes“ bulgarisches Heimatdorf. Die Regisseurin spricht dabei wiederholt die Armut an, die dort herrsche – anscheinend für sie ein Grund, wegen dem viele Frauen immer wieder in die Arme von Menschenhändlern laufen. Hier könnten sie ihrer Familie kaum helfen, im Westen jedoch schon durch „tolle Arbeit“ und hohen Lohn.  Ein weiterer Grund ist laut Knobel-Ulrich die Mentalität der Menschen dort: sie glauben nicht an Verbesserung, schicken ihre Kinder nicht zur Schule und es geben bis auf wenige Ausnahmen nur unzureichend Aufklärung. In dem Dorf trifft die Regisseurin unter anderem Jordanka, die dasselbe Schicksal ereilt hatte. Auch sie sei unter falschen Versprechungen ins Ausland gelockt und zur Prostitution gezwungen worden sein.  Knobel-Ulrich resümiert die Reportage mit der Aussage, dass Opfer mit einer zerstörten Seele zurückgelassen würden und appelliert an die Politik, dass man energischer gegen Menschenhandel vorgehen müsse.

Das ist ja alles gut und schön – eine Dokumentation und Kampagne gegen Menschenhandel. Das kennen wir doch schon, oder?

Nein – denn Dokumentationen sind nicht so objektiv, wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Gerade bei einem kontroversen und komplexen Thema, wie Prostitution, sollte man ein zweites Mal hinschauen, denn die Thesen sind meistens pauschal und vereinfachen ein Phänomen, das alles andere als einfach ist.

Zum Einen können auch Männer und Jungen Opfer von Menschenhandel werden. Im Film wird diese Opfergruppe vollkommen ausgeblendet. Was ist mit Männern und Jungen, die in der Prostitution tätig sind?  Und was ist mit den Minderjährigen unter Ihnen, die dieser Tätigkeit oft nicht freiwillig nachgehen? Siehe dazu z.B. unsere Beiträge zu Tanzjungen und Jungenprostitution in Afghanistan und Pakistan.

Doch nicht nur in der Prostitution finden sich Opfer von Menschenhandel. In vielen Ländern, vor allem in den Golf-Staaten und in Asien, aber auch in Deutschland und England, überall in Europa, werden Männer Opfer von Menschenhandel, z.B.  auf Großbaustellen aber auch in Restaurantküchen, wo sie  unter sklavenähnlichen Zuständen arbeiten müssen.

Zum Anderen läßt Knobel-Ulrich außer Acht, dass Migrantinnen in der Prostitution nicht immer Opfer von Menschenhandel sind sondern oft sehr genau wissen, dass sie im Ausland als Prostituierte arbeiten werden und dies auch wollen. Knobel-Ulrich vermittelt das Gefühl, dass Migration aus Armut, vor allem von Roma, fast notwendigerweise zu Ausbeutung führe. Doch dem ist nicht so. So werden z.B. in dem Spiegel Online Artikel „Exportware Sex“ Frauen genannt, die alles tun würden, um der Ukraine den Rücken zu kehren und auszuwandern.  Sie lassen freiwillig Nacktfotos von sich machen, die in Online-Foren und Webseiten für Bordelle in Westeuropa veröffentlicht werden. Sie unterzeichnen auch Verträge für eine Tätigkeit als Prostituierte. Auch die Journalistin Laura Agustín schreibt über Frauen, die sich freiwillig für Sexarbeit entscheiden. Sie spricht von „migrant sex workers“ – migrantischen Sexarbeiterinnen – , die sie als vergessene Migrationskategorie identifiziert und nicht von vornherein als Opfer von Menschenhandel sieht.

Die Prostitutionsszene ist also längst nicht so eindimensional, wie sie von Knobel-Ulrich in ihrer Reportage dargestellt wird, vielmehr muss die dargestellte „Wahrheit“ hinterfragt werden und auch andere Realitäten – wie zum Beispiel Callboys und freiwillige Prostitution –  müssen zur Kenntnis genommen werden.

Ein Beitrag von Anne Schlombs 

Literaturempfehlungen – Texte, die sich kritisch mit medialen Repräsentationen von und Kampagnen gegen Menschenhandel beschäftigen:

Andrijasevic, Rutvica (2007): beautiful dead bodies: gender, migration and representation in anti-trafficking campaigns, in: Feminist Review  86, 24–44.

Andrijasevic, Rutvica and Anderson, Bridget (2009). Anti-trafficking campaigns: decent? honest? truthful?, in: Feminist Review, 92(1), pp. 151–156.

Wallinger, Caroline S., „Media Representation and Human Trafficking: How Anti-Trafficking Discourse Affects Trafficked Persons“ (2010). Second Annual Interdisciplinary Conference on Human Trafficking, 2010. Paper 4.

Bahl, Eva; Ginal, Marina (im Druck): Von Opfern, Tätern und Helfer(inne)n – das humanistische Narrativ und seine repressiven Konsequenzen im Europäischen Migrationsregime. In: Netzwerk Migration Research & Action (Hg.):Kritische Migrationsforschung.

Bahl, Eva; Ginal, Marina: Zwang und Selbstbestimmung. SexarbeiterInnen zwischen Fluchthilfe und Menschenhandel, Arbeit und Ausbeutung, zwischen Heuchelei und Viktimisierung.

4 Kommentare
  1. Anne Schlombs permalink
    09/07/2012 20:14

    Ja klar, ich sage ja auch nicht, dass dem nicht so sei…natürlich ist Armut ein Schlüsselfaktor in der Ausbeutung von Menschen! Was mich stört ist die Art und Weise, wie Knobel-Ulrich die Armut zum scheinbar einzigen Grund macht…was sie nicht erwähnt ist auch die Rolle der Staaten in dem ganzen Geflecht…und stattdessen stellt sie die Mentalität und Lebensweise der Menschen so hin als wäre dies der einzige Faktor.

  2. Lea Mera permalink
    03/07/2012 08:35

    Natürlich sind Reportagen nicht „objektiv“, und sicherlich werden einige gravierende Probleme, wie z.B. männliche (Zwangs-)Prostitution, nicht erwähnt. Allerdings geht es in der Reportage um Prostituion und Frauenhandel, nicht um Menschenhandel an sich, also muß sie den Handel von Männern in die nichtsexuelle Arbeitsausbeutung nicht unbedingt thematisieren. Problematischer finde ich persönlich, daß bei solchen Reportagen über Prostitution oft der Voyeurismus der ZuschauerInnen bedient werden soll, durch reißerische Nahaufnahmen, Strip- und Erotikszenen etc, was leider auch hier der Fall ist.
    Fakt ist doch aber, daß bei allen inhaltlichen und formellen Mängeln und bei aller Verkürzung einige erschreckende Details gezeigt werden, wie z.B. die völlige, grenzenlose Ignoranz und Menschenverachtung der Freier: „Geht mich nichts an“, oder schlimmer noch: „Keine macht das freiwillig“.
    Und ebenso zeigen die Interviews mit den PolizistInnenund die Befragungen der Prostituierten recht deutlich, daß es tatsächlich ein Kardinalproblem gibt im Kampf gegen Zwangsprostitution: die fast gänzliche Unmöglichkeit, herauszufinden, ob und in welchem Maße Zwang und Ausbeutung im Spiel sind – was sicherlich auch mit dem mangelnden Schutz von MigrantInnen zu tun hat.
    Und schließlich muß ich der Autorin energisch widersprechen, wenn sie schreibt: „Knobel-Ulrich vermittelt das Gefühl, dass Migration aus Armut, vor allem von Roma, fast notwendigerweise zu Ausbeutung führe.“ Nun, natürlich gibt es nie eindimensionale Kausalketten. Aber ganz sicher sind Menschen, die aus Armut migrieren, vulnerabler und damit auch in viel größerer Gefahr, Opfer von Ausbeutung zu werden – das gilt für Zwangsprostitution wie auch für Arbeitsaubeutung und gilt im Übrigen nicht nur für Menschenhandel, sondern auch für intranationale Formen der Ausbeutung z.B. in care-work, sweatshops und Bordellen, in denen zumeist Menschen mit wenigen materiellen oder Bildungsressourcen ausgebeutet werden. Ob es sich um Textilarbeiterinnen in Indien oder einheimische Zwangsprostituierte in Pakistan handelt – die Opfer entstammen meist den ärmsten und vulnerabelsten Gesellschaftsschichten.

  3. 01/07/2012 07:43

    „Zum Anderen läßt Knobel-Ulrich außer Acht, dass Migrantinnen in der Prostitution nicht immer Opfer von Menschenhandel sind sondern oft sehr genau wissen, dass sie im Ausland als Prostituierte arbeiten werden und dies auch wollen.“

    Es wird vor allem übersehen, dass eigentlich ein Grossteil der migrantischen Sexworker natürlich wissen, was ihre Tätigkeit hier sein wird, aber trotzdem in ausbeuterische Verhältnisse gelangen können. Es gibt genug Sexarbeiterinnen, die unbedingt migrieren wollen, da gibt es nicht einen grossen Bedarf für Menschenhändler daran, Frauen andere Jobs zu versprechen. Im Gegenteil, die Frauen bezahlen den Menschenhändler sogar horrende Summen, um ins Ausland zu gelangen und alles „organisiert“ zu bekommen- das führt dann zu debt-bondage, welche bei Bedarf auch mit Gewalt durchgesetzt wird (nicht nur in der Sexarbeit). Da diese Frauen aber schon „Gefallene“ sind, interessiert man sich nicht so sehr für sie. „Unschuldige“ Opfer machen sich natürlich viel besser, und lenken von der Tatsache ab, dass viele Opfer von Menschenhändlern eben nicht zurückgeführt (=unfreiwillig abgeschoben), sondern unter besseren Bedingungen, ohne Gewalt, arbeiten wollen.

  4. 27/06/2012 18:10

    Klingt nach spannenden Quellen. Zur Leseliste hinzugefügt.

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