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Menschenhandel und moderne Sklaverei – Ein ganz und gar unmoralisches Geschäft

28/05/2012

Eine moralphilosophische Betrachtung 

„Unmoral. Ein philosophisches Handbuch. Von Ausbeutung bis Zwang“ von Arnd Pollmann

Sklaverei ist weltweit abgeschafft und gesetzlich verboten. Trotzdem schätzen NGOs und Menschenrechtsaktivisten, wie z.B. Kevin Bales, heute die Zahl von gegen ihren Willen versklavten und ausgebeuteten Menschen auf 27 Millionen. Der Handel mit Kindern nimmt sogar noch zu.

Moderne Sklaverei ist kein Hirngespinst illustrer TV-Inszenierungen, sondern kalte und erschreckende Tatsache unserer heutigen aufgeklärten Zeit. Dies zeigt, dass es wichtig ist, sich mit der Thematik auseinander zu setzen. Warum aber finden wir den Gedanken an Sklaverei, sexueller und/oder gewaltsamer Ausbeutung der Arbeit abstoßend? Was ist daran so schlimm? Warum finden wir es unmoralisch?

Im diesem Essay möchte ich mich einer Antwort nähern. Ich setze mich mit Menschenhandel und moderner Sklaverei aus einer moralphilosophischen Perspektive auseinander. „Moralphilosophisch“ meint hier den Blick auf das Unrecht von Handlungen zu richten.

Die moralische Pflicht Unrecht zu vermeiden

Wir fühlen uns verpflichtet, in und mit unseren Handlungen, Unrecht zu vermeiden, d.h. nicht aktiv Unrecht zu verursachen (Vgl. Pollmann: 2010). Moralisch gutes Verhalten ist demnach als Sollforderung zur Vermeidung von Unrecht zu verstehen. Mit Blick auf Menschenhandel heißt das: Wir fühlen uns verpflichtet, Menschenhandel in und mit unseren Handlungen zu vermeiden. Wir wollen keine Täter_innen sein.

Es stellt sich jedoch die Frage, ob menschliches Handeln allein aktives Tun und Handeln ist oder ob nicht das Ignorieren und Unterlassen dazu gehören. Handeln nicht diejenigen Menschen, die wegsehen, genauso unmoralisch, wie jene, die aktiv Unrecht verursachen? Wie steht es mit jenen Menschen, die Menschenhandel zwar nicht verursachen, aber darüber Bescheid wissen und nichts tun?

Das Recht, von unfreiwilligen Schäden verschont zu bleiben

Das universelle Recht, von unfreiwilligen Schäden verschont zu bleiben, wird in Fällen moderner Sklaverei mit Füßen getreten. Moralische Grundgüter wie Gerechtigkeit und Freiwilligkeit finden keine Beachtung. Was aber ist gerecht? Wo fängt Zwang an und was ist Ausbeutung?

Ausbeutung

„Eine Person, die ausgebeutet wird, bekommt für ihre Leistung nicht das zurück, worauf sie moralisch Anspruch hätte.“ (nach Marx in Pollmann  2010: 57). Ausbeutung bedeutet nach Marx, dass die Leistungsgerechtigkeit, für die eigene Arbeit entsprechende Entlohnung zu bekommen, verletzt wird.

Zwang

Von Zwang spricht man, wenn die Arbeitsleistung ohne autonome Selbstbestimmung (ohne eigenen Willen), sondern aufgrund des Willens einer anderer Person durch Androhung gravierender Nachteile bis hin zur Gewalt ausgeführt wird. Meistens wird ein Abhängigkeitsverhältnis zum Entzug der Freiwilligkeit missbraucht (Vgl. Pollmann 2010).

Schon die Definitionen von Ausbeutung und Zwang zeigen uns, dass es sich um unmoralische Handlungen handelt. Zudem sind Zwangsarbeit und Sklaverei, im Vergleich zur Lohnarbeit, zumeist durch Anwendung von Gewalt gekennzeichnet. Doch nicht nur der unmoralische Charakter von Zwang, Ausbeutung und Gewalt sondern auch weitere Aspekte von Menschenhandel müssten uns angeblich moralische Menschen aufschrecken lassen.

Das un-moralische Verhalten der Menschenhändler

Worauf sind Menschenhandel und moderne Sklaverei heute überhaupt zurück zu führen?  Eine zentrale Ursache ist das wirtschaftliche Ungleichgewicht der Länder dieser Welt. Zumeist gelangen Migrierende, die auf bessere Existenz- und Verdienstmöglichkeiten in anderen, reicheren Ländern hoffen, in die Hände moderner Sklavenhändler (Deutsches Institut für Menschenrechte 2011).

Das (un)moralische Verhalten der Menschenhändler spielt hier eine zentrale Rolle. Den Migrantinnen und Migranten werden Versprechungen gemacht, die nie eingehalten werden. Am Ende ihrer Reise erfahren sie das Schicksal, das wir als Menschenhandel kennen und sogenannte „Menschenhändler’ sind dafür verantwortlich. Welche ihrer Handlungen sind aber moralisch verwerflich und warum?

Wortbruch, im Sinne von nicht einhaltbaren Versprechungen, Betrug im Sinne der gezielten Manipulation der Wahrheit und bewusste Informationsenthaltung (Lügen) sind auf Seiten der Täter notwendige Handlungen.  Hier werden essentielle moralische Grundgüter verletzt: gegenseitiges Vertrauen, Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit.

In der Hoffnung auf ein besseres Leben gelangen viele Menschen in die Hände  unmoralisch handelnder Täter. Einmal in die Spirale hineingeraten, folgen weitere, noch gravierendere Verletzungen des menschlichen Miteinanders, die wohl zur kausalen Praxis von Menschenhandel gehören. Um Freiwilliges Handeln und Flucht zu unterbinden, wird Gewalt, Freiheitsberaubung bis hin zur Folter eingesetzt. Der Mensch wird instrumentalisiert und zur fügsamen Ware degradiert.

Die individuelle Grenze eines jeden Menschen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, wird überschritten. Physischer Schmerz und psychisches Leiden als Mittel, um den Willen des Opfers zu brechen, verletzten eindeutig die schützenswerten, moralischen Grundansprüche auf Freiheit und Unversehrtheit einer Person, kurz der Menschenwürde. Es kann folglich von Missbrauch gesprochen werden, da der Mensch nicht als lebendes Wesen wahrgenommen und behandelt wird. Das zum wirtschaftlichen Objekt gemachte Opfer verliert seine Autonomie, eigenes und willentliches Handeln wird unmöglich.

Demütigung und die Ächtung der Gesellschaft

Dieser  unfreiwillige und ohnmächtige Kontrollverlust korrespondiert mit einer weiteren Dimension der Unmoral, der Demütigung. Durch den Verlust subjektiver Verfügungsgewalt entsteht ein Erniedrigungszusammenhang, der der betroffenen Person Respekt und Anerkennung entzieht. Gefühle der Scham, Verlust des eigenen Selbstwerts bis hin zur Ohnmacht entstehen. Diese Vorgänge im Inneren der betroffenen Person werden zum Teil durch Reaktionen von außen begünstigt.

So schreibt die Gesellschaft den Betroffenen oft eine Eigenschuld zu. Es wird behauptet, sie haben sich als mündiger Mensch in diese Situation hinein begeben. Fehlende Anerkennung oder auch bewusste Ausgrenzung von Betroffenen steht hierbei der grundsätzlichen Achtung (der Menschenwürde) gegenüber. Doch dafür sind nicht die Menschenhändler verantwortlich.

Wir – die (un)moralisch handelnden Konsument_inn_en?  

Spätestens hier stellt sich die Frage, ob das gezielte Wegsehen und Nichtstun nicht dem sonst so moralisch gerechten Menschen das Bein brechen. Ist der Freier, der sexuelle Dienste zu Dumpingpreisen entgegen nimmt, hier nicht gefragt? Es müsste doch sehr auffällig erscheinen, wenn entsprechende Dienstleistungen schon für zehn oder zwanzig Euro zu erhalten sind. Es sind sogar Fälle von Frauen, die für nur fünf Euro in Wien arbeiten, bekannt.

Eine andere Frage ist, ob eine Familie, die Produkte zu Niedrigstpreisen kauft, schon unmoralisch handelt. Exemplarisch sei der Textil-Discounter Kik genannt, der 2008 offiziell zugab, dass Kinderarbeit nicht ausgeschlossen werden könne. 

Ist (gezieltes) Wegschauen hinnehmbar oder sind alle Menschen zur (Not-)Hilfe verpflichtet? Ist der Kampf gegen Armut, die meist als ursächlich gilt, nicht schon ein universelles Gebot?

Hält man sich das eben gelesene klar vor Augen, sollte jedem Mensch, der sich für moralisch gerecht hält, natürlich ganz klarer Handlungsbedarf aufdrängen. Dem ist leider nicht so. Denn in der Allgemeinheit herrscht eher eine „partikularistisches“ Moralverständnis vor, d.h. die Binnenmoral der eigenen Gruppe steht einem „universellen“ Moralverständnis gegenüber.

Unsere individuellen Interessen, sowie die Interessen der Gruppe, der wir angehören, stehen den Bedürfnissen von Anderen, die wir nicht kennen und nicht zu unserer Gruppe gehören, entgegen. Die eigenen Interessen erachten wir als wichtiger, egal wie schlecht es anderen geht – egal wie sehr wir dieses Übel mitverursachen.

Doch wie steht es mit der Familie, die Billigwaren kaufen muss, da ihr eigenes Einkommen kaum ausreichende Versorgung gewährleisten kann? Handelt sie unmoralisch? Nein, diese Schlussfolgerung kann sicher nicht gezogen werden. Von moralisch falschem Handeln kann erst gesprochen werden, wenn fahrlässige oder absichtsvolle Verstöße zum Schaden Unschuldiger führen (Vgl. Pollmann 2010).

Doch in unserer Gesellschaft gibt es eine Vielzahl absichtlich „blinder“ Menschen, die bewusst oder unbewusst weg sehen und genau diese Personen sollten angesprochen werden. Das heißt nicht, dass wir alle jetzt in ein Land, in dem viele Menschen unter der Armutsgrenze leben, fliegen sollte, um dort Lebensmittel zu verteilen, sondern aufzuwachen und aufzuwecken.

Arbeitskraft und Ware sollte leistungsgerecht entlohnt werden und (fast) alle können etwas tun. Der Kauf von FairTrade-Ware beispielsweise oder die Unterstützung von entsprechenden Organisationen kann helfen, damit dem Menschenhandel und moderner Sklaverei als „soziale(r) Pest der Globalisierung“ Einhalt geboten werden kann.

Ein Beitrag von Colette Rollin

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