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Menschenhandel und das Problem der Nachfrage

13/05/2012

„Demand can ‚embrace a broad and divergent range of of motivations and interests.‘ It can refer to employers‘ requirements for cheap and vulnerable labour, to requirements for household and subsistence labour or even consumer demand for cheap goods and/or services – or any combination of these factors.“ (Elaine Pearson, ILO)

„The Sex Buyer“ von Kasja Claude

Kampagnen gegen Menschenhandel fordern immer wieder die Kriminalisierung von Kunden, die sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Dadurch würde die Nachfrage von Prostitution und somit die Nachfrage von Frauen, die Opfer von Zwangsprostitution werden, reduziert. Zahlreiche Kampagnen fordern aktuell eine Kriminalisierung der KundInnen von SexarbeiterInnen

Die Reduktion der Nachfrage als Präventionsstrategie gegen Menschenhandel, spricht viele Menschen an. Doch sie ist aus vielen Gründen problematisch – nicht zuletzt, weil sie auf ein verkürztes Verständnis von Menschenhandel, seinen Ursachen und Dimensionen beruht.

Menschenhandel bedeutet auch Zwangsarbeit und Ausbeutung von ArbeiterInnen. Besonders betroffen sind MigrantInnen. Deshalb sollten wir einen Begriff wählen, der auch diese Gruppe einschließt. Wir sollten also über „Zielortfaktoren“ sprechen, so Elaine Pearson (ILO).

Vor mehreren Jahren hat die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) in einer Untersuchung von Elaine Pearson den Begriff der ‚Nachfrage‘ im Kontext von Menschenhandel neu definiert: ‚Human Trafficking: Redefining Demand‘ lautete der Titel des Textes. Seine Thesen seien hier kurz zusammengefasst – alle Inhalte dieses Blogeintrages beruhen auf „Human trafficking: Redefining Demand“.

1) Menschenhandel betrifft vor allem Kinder und Frauen und dies hinge stark mit Armut, Geschlechterdiskriminierung und fehlendem Bewusstsein über Menschenhandel zusammen. Das sei jedoch nur die Hälfte des Bildes und es ignoriere die „wirklichen Ursachen“ von Menschenhandel, die eben auch mit der sogenannten „Nachfrage“ am Zielort zu tun haben. Insbesondere wenn es um Menschenhandel im Kontext von Arbeit und Ausbeutung von MigrantInnen geht, sei eine Neudefinition dessen, was Nachfrage ist und wie sie Menschenhandel bedingt, nötig. Deshalb müsse der Begriff kritisch durchleuchtet werden (S. 2).

2) Menschenhandel sei durch nicht (nur) durch organisierte Kriminalität und „bösen“ Menschenhändlern verursacht. Andere Faktoren und Akteure am Zielort, also am Ort, an dem von der Ausbeutung profitiert wird, spielen ebanfalls eine zentrale Rolle. Zu den verschiedenen Akteuren im Netz der ‚Nachfrage‘ gehören:

Woman with shopping bags

  • Die Vermittler, wie z.B. Agenturen, die Arbeit im Ausland vermitteln
  • Die ArbeitergeberInnen im Zielland
  • Die Polizei u.Ä.
  • Andere Individuen, wie z.B. KundInnen und KonsumentInnen

Die Fragen, die wir vor diesem Hintergrund stellen müssen, sind:

  • Was ermöglicht diese Ausbeutung, ohne dass es jemand mitbekommt, bis irgendwann eine Kind, eine Frau, ein Mann flüchten und nach Hilfe suchen?
  • Wie führt z.B. die globale Nachfrage nach Billig-Jeans, d.h. nach billiger Arbeit, zu Formen moderner Sklaverei?
  • Ermöglicht die fehlende Umsetzung von Gesetzen Vermittlern und ArbeitgeberInnen diese Form von Ausbeutung?
  • Oder ist diese Ausbeutung sogar akzeptiert, weil es sich meistens um MigrantInnen handelt und MigrantInnen können nun mal schlecht behandelt werden?

3) Warum der Begriff der ‚Nachfrage‘ problematisch ist

Der Begriff der ‚Nachfrage‘ ist problematisch, so Pearson. Es gäbe keine eindeutige Definition und im Kontext der Debatte um Sexarbeit sei der Begriff zudem ideologisch belastet. Im Kontext von Menschenhandel, insbesondere zum Zweck der Ausbeutung von Arbeit, identifiziert Pearson drei Ebenen der ‚Nachfrage‘:

  1. ArbeitgeberInnen, GeschäftsinhaberInnen, ManagerInnen, Zulieferer und Subunternehmen
  2. KonsumentInnen: Kunden (Sexindustrie), Großabnehmer (Produktion), Haushalt (Haushaltsarbeit)
  3. Dritte, die im Prozess involviert sind: VermittlerInnen, AgentInnen, Transporteure, und andere.

Bevor wir uns fragen, wie vor diesem Hintergrund die ‚Nachfrage‘ reduziert werden kann, müssen wir andere Fragen beantworten: Zum Beispiel: Warum wird diese Nachfrage durch Personen gedeckt, die Opfer von Menschenhandel wurden oder unter sklavenähnlichen Bedingungen arbeiten müssen?

Reducing demand in trafficking is to look at why the demand is met by trafficked or otherwise enslaved children and women. (S. 4)

4) Der institutionelle Umgang mit dem Nachfrage-Problem

Menschenhandel in der Lieferkette

… gestaltet sich nicht einfach. So hat z.B. der Hochkommissar für Menschenrechte der Vereinten Nationen darauf hingewiesen, dass z.B. Unternehmen zur Verantwortung gezogen werden müssten. Insbesondere müssten die Lieferketten – supply chains daraufhin überprüft werden, ob bestimmte Güter durch Opfer von Menschenhandel oder Zwangsarbeit produziert würden.

Unternehmen und einzelne Individuen, die in diesen Lieferketten involviert sind, wären also MittäterInnen.

Die Umsetzung eines solchen Ansatzes ist nicht nur schwierig – auch die öffentliche Meinung, die Menschenhandel auf Prostitution reduziert, fördert diesen Umgang mit der „Nachfrage“ nicht.

5) ‚Nachfrage‘ ist nicht nur eine ökonomische Kategorie, sondern eine Form von Diskriminierung von MigrantInnen

Nachfrage für Ausbeutung von Menschen, die zu Menschenhandel führt, gäbe es, weil TäterInnen dafür nicht bestraft würden. Die meisten Opfer von Menschenhandel seien MigrantInnen und „Diskriminierung gegen MigrantInnen wird durch viele Regierungen als sozial akzeptabel toleriert, sodass die Gesellschaft gleichgültig gegenüber Menschenhandel mit MigrantInnen bleibt“ (S. 5). Insbesondere Frauen und Kinder hätten Angst ihre Stimme gegen Ausbeutung, für höhere Löhne und gegen Ausbeutung hören zu lassen.

Der Kampf gegen ‚die Nachfrage‘ von Menschenhandel müsse also bei der diskriminierenden Haltung vieler Gesellschaften gegenüber MigrantInnen beginnen:

Addressing the demand side illustrates the need to question the social acceptance and tolerance of this kind of discrimination and exploitation. An essential part of fighting trafficking and exploitation is changing public attitudes toward migrant workers.

6) ‚Die Nachfrage‘ und das Recht auf Zusammenschluss in Gewerkschaften und anderen Interessenvertretungen

Untersuchungen haben gezeigt, dass starke Gewerkschaften und regelmäßige Kontrollen von arbeitsrechtlich gebotenen Standards Ausbeutung und Menschenhandel in diesen Bereichen reduzieren. Arbeitsschutz und arbeitsrechtliche Maßnahmen sind demnach zentrale Bestandteile einer Menschenhandelspolitik, die ‚die Nachfrage‘ am Zielort reduzieren will. Auch hier müssten insbesondere die Rechte von WanderarbeitnehmerInnen und MigrantInnen gestärkt werden. Gleichzeitig und bedauerlicherweise sei der Schutz dieser Gruppe keine Regierungspriorität: „they are unlikely to tackle demand by safeguarding migrant worker’s rights.“ (S. 6)

„Stop illegal alien invasion“

7) ‚Die Nachfrage‘ reduzieren um die Zahl der MigrantInnen zu reduzieren?

Pearson weist auf eine weitere Schwäche der Rhetorik hin, die alleine die Nachfrage reduzieren will – sie impliziert auch eine Anti-Migrationsrhetorik, wonach auch die Zahl der MigrantInnen reduziert werden soll. Als Menschenhandelrhetorik sei die Rede von der ‚Nachfrage‘ potentiell diskriminierend gegenüber MigrantInnen.

The message of discouraging demand for trafficked labor could be misconstrued as discouraging demand for migrant labor.

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