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17. Dezember: Der Internationale Tag gegen Gewalt an Sexarbeiter_innen (International Day to End Violence Against Sex Workers)

17/12/2011
Violence against Sex workers ia a crime

„Violence against Sex workers ia a crime“

„A woman has a right to sell sexual services just as much as she has the right to sell her brains to a law firm or sell creative work to a museum…“

Das hat im Jahre 1973 die erste US-Amerikanische Prostituiertenorganisation COYOTE (Call Off Your Old Tired Ethics) betont.

Sexarbeiter_innen sind öfter Opfer von Gewalt, Vergewaltigungen und Mord durch Kunden, Zuhälter oder durch andere Personen. Gewalt gegen Sexarbeiter_innen findet in Kontexten statt, in denen Sexarbeiter_innen stigmatisiert, diskriminiert oder auch kriminalisiert werden. Gewalt gegen Sexarbeiter_innen ist somit eine Form von staatlich geduldeter Gewalt. Dagegen richtet sich der heutige Tag.

Eingeführt wurde der Internationale Tag gegen Gewalt an Sexarbeiter_innen anlässlich einer Reihe von Morden von Sexarbeiterinnen in den 1980er Jahren in Seattle, WA (USA). Es war der sogenannte „Green River Killer“ – ein US-Amerikanischer Serien-Mörder – , der 2003, fünfzehn Jahre später, wegen 48 Morden an Sexarbeiterinnen zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Laut Wikipedia bleiben einige der Opfer bis heute unentdeckt. Der Hass gegen Sexarbeiterinnen genauso wie ihre gesellschaftliche Verletzlichkeit und Schutzlosigkeit spielten eine zentrale Rolle in der Motivation des Mörders, wie das öffentlich einsehbare Geständnis zeigt:

Quelle: http://www.thesmokinggun.com/documents/crime/green-river-killers-chilling-confession

Geständnis des „Green River Killer“

Am heutigen Tag finden in Europa und weltweit Aktionen, Veranstaltungen und Kampagnen anlässlich des Internationalen Tages gegen Gewalt an Sexarbeiter_innen, der seit 2003 honoriert wird, statt. Weitere Mordserien gegen Sexarbeiterinnen geben auch dieses Jahr wieder Anlass zur Beachtung dieses Tages. In New York ist die Rede vom sogenannten „Dünen-Killer“, obwohl es sich eigentlich um einen klassischen Prostituierten-Serienkiller handelt. Sein Ziel: Vermutlich die Welt von „Prostituierten zu reinigen“ – so zumindest die Vermutung eines Blogs, das sich ausschließlich mit dem LISK – Long Island Serial Killer beschäftigt.

Diese Morde werfen viele Fragen auf: Warum werden Sexarbeiterinnen umgebracht? Warum werden sie gehasst? Warum glauben Menschen, sie dürften Sexarbeiter_innen ohne Sanktionen Gewalt zufügen, sie sogar töten?

Gegen Diskriminierung und Stigmatisierung

Die Prostituiertenbewegung und weltweit aktiven Sexarbeiter_innen-Organisationen sind sich in diesem Punkt einig. Die gesellschaftlich anerkannte Stigmatisierung und Diskriminierung von Sexarbeiter_innen ist dafür verantwortlich. Sexarbeiter_innen werden durch Kriminalisierung und Nicht-Anerkunnung von Sexarbeit als legitime Erwerbstätigkeit an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Dadurch werden sie entrechtet – dadurch verlieren auch der Mord oder die Vergewaltigung von Sexarbeiter_innen an gesellschaftlichem Interesse. Das Leben von Sexarbeiter_innen scheint gesellschaftlich weniger Wert zu sein, als das anderer Menschen – immerhin „verkaufen sich“ diese Personen – das sei ja schon abscheulich genug. Über Prostituierte wird in herabwürdigender und beleidigender Art und Weise gesprochen.

Doch auch Sexarbeiter_innen haben das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. In der aktuellen Kampagne fordern sie dieses Recht ein und rufen die Lesben- und Schwulen-Community zur Solidarität auf. Homosexualität ist zwar inzwischen in weiten Kreisen der Gesellschaft akzeptiert, aber sie ist weiterhin Gegenstand von Diskriminierung – genauso wie Sexarbeit. Jeder Mensch hat das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung ohne deshalb aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. Auch Sexarbeiter_innen.

Gewalt gegen Sexarbeiter_innen und Slut Walks

“I’ve been told I’m not supposed to say this, however, women should avoid dressing like sluts in order not to be victimized.”

Wer sich kleidet, wie eine Hure, soll sich nicht wundern, wenn sie vergewaltigt wird. Dass ist der Kern der Botschaft des kanadischen Polizisten Michael Sanguinetti, die er am 24. Januar 2011 an der York University den Studentinnen mitteilte. Seitdem gab es weltweit Proteste – Slut Walks – dagegen. Die Slut Walks richten sich gegen den in dieser Botschaft enthaltenen Sexismus, gegen die Annahme, dass bestimmte Frauen durch ihre Kleidung Gewalt und sexuelle Übergriffe regelrecht anziehen und rechtfertigen würden.

Mit den Slut Walks gingen Menschen, vor allem Frauen, auf die Strasse und schrieben „Sluts“ auf ihre T-Shirts und forderten das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung ein – egal, wie sie gerade angezogen sind. Menschen jeden Geschlechts haben das Recht zu entscheiden, welche Kleidung sie tragen, ohne dabei Gewaltübergriffe fürchten zu müssen. Nicht die eigene Kleidung ist die Ursache von Gewalt sondern die Täter üben Gewalt aus und sind alleine für ihre Taten verantwortlich, egal welche Kleidung eine Frau gerade trägt. Dass eine Frau gekleidet ist, wie eine „Slut“, heißt weder, dass sie eine ist noch dass sie wie eine behandelt werden darf. Wie steht es aber mit sexuellen Übergriffen gegen Frauen, die ihr Geld mit dieser Arbeit als „Slut“ – als Hure und Prostituierte – verdienen?

In der Botschaft von Sanguinetti ist auch eine andere Annahme enthalten, die kaum Aufsehen erregte: „Sluts“, „Schlampen“, „Huren“ sind Opfer von Gewalt und Viktimisierung und das ist Teil ihrer Tätigkeit. Gewalt, Vergewaltigung, sogar Mord seien Teil der „Berufsrisiken“ von Sexarbeiter_innen. Wenn die Frau, die keine „Slut“ ist, ihr Recht auf Selbstbestimmung reklamieren kann, ist dies für Sexarbeiter_innen weit schwieriger. In den USA können Sexarbeiter_innen keine Strafanzeige wegen sexuellen Übergriffen stellen, weil sie erstens als Sexarbeiter_innen kriminalisiert sind und ihnen nicht nur eine Verhaftung droht sondern auch Erpressung, Gewalt und Vergewaltigung durch die Polizei. Leider ist gerade Gewalt gegen Sexarbeiter_innen durch die Polizei nicht selten. Außerdem sind sie Sexarbeiter_innen und als solche gehört Vergewaltigung zu ihrem Beruf – so die Auffassung der Öffentlichkeit. Was auf die „Sluts“ des Slut Walks zutrifft, ist für die Sexarbeiter_innen alltägliche Realität.

The word “slut” is an act of violence. Not just metaphorically. It gives permission for people to rape us, and the person who wields it doesn’t have to lift a finger. It sends a signal: this one is fair game. Have at her. No one will blame you. Slut Walk Boston

Inzwischen haben sich mehrere lokale Slut Walk Gruppen auch für das Recht von Sexarbeiter_innen vor Gewalt sicher zu sein, ausgesprochen. Trotzdem rückt gerade dieses Thema in den Hintergrund.

No matter who you are
No matter where you work
No matter how you identify
No matter how you flirt
No matter what you wear
No matter whom you choose to love
No matter what you said before:

NO ONE has the right to touch you without your consent. SlutWalk NYC is part of a worldwide grassroots movement challenging rape culture, victim-blaming and slut-shaming, and working to end sexual and domestic violence.

Studierende finanzieren das Studium mit Sexarbeit

Untersuchungen zeigen, dass auch Studierende, vor allem Studentinnen, Ihr Studium mit Sexarbeit als Nebenjob finanzieren. Im vergangenen Jahr hat sich eine Gruppe von Stipendiaten und Stipendiatinnen der Studienstiftung des deutschen Volkes mit dem Thema befasst. In Berlin kann sich jede_r dritte Studierende vorstellen, das Studium mit Sexarbeit zu finanzieren – jede_r 27. Studierende tut das tatsächlich. Vergangene Woche sorgte ein ähnlicher Bericht in Großbritannien für Aufmerksamkeit: Steigende Kosten, insbesondere Studiengebühren und Lebenshaltungskosten, führen dazu, dass immer mehr Studierende Ihr Studium mit Sexarbeit finanzieren. Dass gerade dieser Bereich Aufsehen erregt, nicht aber die Tatsache, dass viele Studierende für einen äußerst niedrigen, teilweise ausbeuterischen Stundenlohn arbeiten müssen, um über die Runden zu kommen, sei Teil des Problems – so eine Bloggerin.

Die Tatsache, dass Studierende das Studium mit Sexarbeit verdienen zeigt, dass nicht notwendigerweise arme, drogenabhängige, und sogenannte „bildungsferne“ Frauen mit einem Mißbrauch-Hintergrund der Sexarbeit nachgehen. Sexarbeiter_innen sind weder dumm noch gesellschaftsunfähig. Ganz im Gegenteil. Sie tun alles um in dieser Gesellschaft zu bleiben, um einen Hochschulabschluss zu erreichen – egal um welchen Preis. Das ist lobenswert und bewundernswert. Persönlich kann ich nur hoffen, dass sie die Gewalt und Ächtung, von der in diesem Beitrag so oft die Rede ist, nicht erleben. Denn wir wissen inzwischen, dass Ächtung und Diskriminierung keine geringere Form von Gewalt ist als die physische – oder in den Worten einer Sexarbeiterin:

“It’s the stigma that hurts, not the sex. The sex is easy. Facing the world’s hate is what breaks me down.“

Gewalt gegen Sexarbeiter_innen und Menschenhandel

In diesem Blog geht es um Menschenhandel. Die meisten feministischen Organisationen, die sich mit Menschenhandel, Frauenhandel und Zwangsprostitution auseinandersetzen, fordern die Kriminalisierung der Prostitution ein. In Europa fordern inzwischen viele NGOs, wie die European Women’s Lobby (EWL) oder Alice Schwarzer, die Kriminalisierung der Kunden. Nach dem schwedischen Modell soll die Kriminalisierung der Kunden die Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen bewirken. Dadurch erhofft man sich auch einen Rückgang der Fälle von Menschenhandel und Zwangsprostitution. Diese Maßnahme, genauso wie die abolitionistischen Forderungen der EWL, sind vom Ideal der kompletten Abschaffung der Prostitution inspiriert. Prostitution sei eine Form von Gewalt gegen Frauen im Patriarchat. Die Verknüpfung zwischen Prostitution und Gewalt sei also selbstverständlich. Prostitution sei Gewalt gegen Frauen.

Aus diesem Grund interessiert sich auch keine dieser Personen und Organisationen für den Internationalen Tag gegen Gewalt an Sexarbeiter_innen. Dieser Tag wurde von Sexarbeiter_innen eingeführt, die für Rechte und Anerkennung kämpfen. Sie kämpfen nicht für die Abschaffung der Prostitution sondern für die Verbesserung der Rechte bei der Ausübung dieser Tätigkeit.

Dieser Konflikt führt dazu, dass sich feministische Gruppen bekämpfen, obwohl sie eigentlich das gleiche Ziel verfolgen: Frauen vor Gewalt schützen. Doch während Radikalfeministinnen die Prostitution verbieten wollen, auch um den Preis Sexarbeiter_innen (die nicht nur weiblichen Geschlechts sind) selbst zu kriminalisieren, wie in den USA, fordern Sexarbeiter_innen die Möglichkeit ein, sich bei Akten von Gewalt an die Polizei zu wenden, ohne dort diskriminiert zu werden oder sogar weitere Gewalt zu erleben.

Aktuelle Maßnahmen zur Bekämpfung der Zwangsprostitution und des Menschenhandels führen zu einer Verschlechterung des gesellschaftlichen Status und der Rechte von Sexarbeiter_innen. Diese Ansicht vertreten fast alle Sexarbeiter_innen-Organisationen weltweit. Das Ziel dieser Maßnahmen ist oft nicht zu trennen von anderen Zielen, wie z.B. die Verdrängung der Prostitution und Sexarbeiter_innen aus bestimmten Stadtgebieten und die moralisch-religiös angehauchte Forderung nach der „Zwangs“Rettung von Prostituierten, die zu einer regelrechten „Rettungsindustrie“ geführt hat.

Keine Organisation, die gegen Menschenhandel kämpft, schreibt über den Internationalen Tag gegen Gewalt an Sexarbeiter_innen. Man muss sich also fragen: Welche Ziele verfolgen diese Organisationen, wenn nicht den Schutz von Menschen, insbesondere Sexarbeiter_innen vor Gewalt, Mord und Vergewaltigung?

Ich kann nur die Forderung unterstützen, dass die Frauenbewegung auch endlich Sexarbeiter_innen zuhören muss.

Auch dieses Blog beschäftigt sich mit dieser Frage.

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