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Rechtliche Ausgrenzung und Unterdrückung ehemaliger Sklaven nach der Abolition: Die Jim Crow Laws

23/10/2011

Die ab 1880 und bis in die 1960er Jahre geltenden Jim Crow Laws trennten die „schwarze“ und „weiße“ Bevölkerung in jedem erdenklichen Bereich des öffentlichen Lebens: Schulen, Kirchen, Stadtviertel, Arbeitsstellen, Toiletten, Hotels, Restaurants, Krankenhäuser, Waisenhäuser, Gefängnisse, Bestattungsinstitute, Leichenhallen und Friedhöfe. Sogar das gemeinsame Schachspiel wurde gesetzlich verboten. Zwischen 1890 und 1910 entzog man der „schwarzen“ Bevölkerung in den Südstaaten das Wahlrecht und verwehrte ihnen so das Recht auf Mitbestimmung am öffentlichen Leben (Alexander, S. 35). Die Zeit der Rassentrennung (racial segregation) in den Vereinigten Staaten war geprägt von den Auswirkungen der Jim Crow Laws. Sie bildeten die rechtliche Basis für die Diskriminierung der „schwarzen“ Bevölkerung durch ihre Trennung von der „weißen“ Bevölkerung. Um die Jahrhundertwende waren sie in allen Südstaaten gesetzlich verankert.

Die Jim Crow Laws bestanden aus einem Ensemble von sozialen und legalen Codes und banden die afroamerikanische Bevölkerung auch weiterhin durch Unterwerfung und Zwang an eine weiße Vorherrschaft (white supremacy). Es gab keinen Widerspruch – zumindest für die „weiße“ Bevölkerung – zwischen dem, in der Declaration of Independence verankerten, Anspruch auf Gleichheit und der Segregation, solange die „schwarze“ Bevölkerung als „separate but equal“ galt (Wacquant S. 378f).

Blickt man auf die Geschichte der USA zurück, wird deutlich, dass die Rassentrennung keine Vorbedingung sondern eine Konsequenz der Sklaverei war. Nach der Abolition im Jahre 1865 wurde die Sklaverei von ihrer ursprünglichen ökonomischen Funktion, der Beschaffung und Bereitstellung billiger und frei verfügbarer Arbeitskräfte, gelöst und erwarb ein neues Potential, um die vorherrschenden Status der „Weißen“ aufrechtzuerhalten und eine bereits sichtbare Vermischung der „Rassen“ zu verhindern. (Wacquant S. 379f.) Zwar war die Sklaverei ihrerseits eine offensichtliche Form des Rassismus: Die Rassentrennung war hier eine soziale Selbstverständlichkeit, die durch paternalistische Rhetoriken ihre Legitimation fand. Moderne biologische Argumente zur Diskriminierung von Afroamerikanern erhielten jedoch erst nach der Abolition eine Bedeutung.

Im Norden der Vereinigten Staaten begann man mit „wissenschaftlichen Untersuchungen etwa zur Frage, ob das Gehirn afrikanischer Menschen überhaupt für Bildung und Beschäftigung jenseits der Landarbeit geeignet sei“. Getrieben wurde diese Pseudowissenschaft durch die zunehmende Zuwanderung von Afroamerikanern aus den Südstaaten. (Geulen, S. 77.). Die Angst vor einer Vermischung der Rassen wuchs. Sie wurde zum einen geschürt in „Hinblick auf das Sexualverhalten schwarzer Männer“ (Geulen, S. 78.) und zum anderen aufgrund einer vermehrten Wahrnehmung gegenüber einer bereits bestehenden Mischbevölkerung. Sexueller Verkehr zwischen „Schwarzen“ und „Weißen“ wurde nun streng bestraft. In den Südstaaten war zur Zeit der Sklaverei der sexuelle Kontakt zwischen Sklavenhaltern und Sklavinnen „allenfalls ein Kavaliersdelikt“ (Geulen, S. 77.). In diesem Kontext entstand auch die sogenannte One-Drop Rule. Durch sie sollte bis zu fünf Generationen weit zurückverfolgt werden können, wer „schwarzes“ Blut in sich trug. Das Ergebnis dieser Regelung war, dass es gesetzlich gesehen keine „Mischrassen“ mehr gab, sondern ganz klar zwischen „Schwarzen“ und „Weißen“ unterschieden werden konnte, auch wenn das Resultat nicht der äußeren Erscheinung von Menschen entsprach. (Geulen, S. 78.)

Die biologisch begründete Rassenideologie, ihre Anwendung in der One-Drop Rule und die Ideologie von Überlegenheit und Minderwertigkeit bildeten die Grundlage für die Jim Crow Laws. Durch die eigentlich objektiven Mittel der Wissenschaft und der Gesetze wurde diese Ideologie aufrechterhalten. Rassistische Wissenschaft „bewies“, dass Afroamerikaner keine gleichwertigen Menschen waren und durch Gesetze wurde die ungleiche Behandlung „legalisiert“. Somit war auch der Widerspruch zwischen konstituierter Gleichheit und gelebter Gleichheit für die „weiße“ Bevölkerung nicht mehr offensichtlich.

Literaturnachweise:

Wacquant, Loic (2000). „The new ‚peculiar institution‘: On the prison as surrogate ghetto“. In: SAGE Publications 4 (3): 377-389.

Alexander, Michelle (2010). The New Jim Crow: Mass Incarceration in the Age of Colorblindness. New York: The New Press.

Geulen, Christian (2007). Geschichte des Rassismus. München: C. H. Beck.

Anmerkung: Der Begriff  „Rasse“ wird hier als Quellenbegriff genannt, da er zu dieser Zeit genutzt wurde. Keineswegs sind wir der Ansicht, es gäbe „Rassen“ unter Menschen.

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