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Die Sklavenbefreiung in Lateinamerika – Ein historischer Abriss

09/10/2011

Bevor man sich mit der Sklavenbefreiung in Lateinamerika befasst, muss man sich zunächst die Ausgangssituation vor Augen führen, die sich deutlich von der Sklavenbefreiung in Nordamerika unterschied. Zum einen gab es schon um 1800 in Lateinamerika mehr freie „Schwarze“ und „Farbige“ als Sklaven und Sklavinnen, da diese in dort öfter in die Freiheit entlassen wurden, als im Norden. Da auch ihre Nachkommen frei waren, konnte sich eine bedeutende afrikanisch-stämmige freie Bevölkerungsgruppe bilden, der jedoch im ständischen System keinerlei Rechte zufielen. Zum anderen war die versklavte Bevölkerung sehr heterogen, da sie sich aus unterschiedlichen Gruppen zusammensetzte: Neben den afrikanisch-stämmigen Sklaven und Sklavinnen wurden vor allem in Mexiko und im Andenraum hauptsächlich indigene Menschen versklavt beziehungsweise als Zwangsarbeiter_innen eingesetzt. Vor allem klimatische und geografische Gegebenheiten, wie Kälte und dünne Höhenluft, haben die Versklavung indigener Menschen gegenüber Afrikaner_innen begünstigt.

Die „weißen“ europäischen Eliten sahen sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts immer höherem sozialen Druck ausgesetzt. Eine außerordentliche Bevölkerungsdynamik in der afroamerikanischen, indigenen und kreolischen Bevölkerung, wobei vor allem letztere die alles entscheidende Rolle in der Befreiungsbewegung einnehmen sollte, zeichnete sich ab. Die „Mutterländer“ versuchten zunächst mit absolutistischen Reformprojekten die Kolonien wieder einer stärkeren Kontrolle unterwerfen. Doch mit dem Zusammenbruch der spanischen Monarchie 1808 und der Flucht des portugiesischen Hofes nach Brasilien ergaben sich neue Ausgangspositionen. In Brasilien wurde die Legitimation der Herrschaft zunächst noch nicht so sehr in Frage gestellt, wie in Spanisch-Amerika. Dort hatte es schon zum Ende des 18. Jahrhunderts immer wieder Rebellionen Indigener und afroamerikanischer Sklaven und Sklavinnen gegen die spanische Herrschaft gegeben, doch wurden diese immer brutal niedergeschlagen.

Mehr Erfolg hatten Kreolen (in Amerika geborene Nachfahren der Spanier, die sich jedoch primär als Amerikaner sahen) und Mestizen (Nachkommen aus der Verbindung zwischen „Weißen“ und Indigenen), denen der Zugang zu hohen Verwaltungspositionen verwehrt wurde. Sie nutzen den Schwung der französischen Revolution und der nordamerikanischen Unabhängigkeit, um sich gegen diese Diskriminierung aufzulehnen. Obwohl die ersten Rebellionen noch erfolgreich zerschlagen wurden, war die Bewegung nicht mehr aufzuhalten. Nach und nach konnten ab 1819 von Norden her alle Gebiete befreit werden und eine neue republikanische Ordnung griff um sich. Der in ihr enthaltende Freiheitsdiskurs war nicht mit der Sklaverei vereinbar. Obwohl die kreolischen Führer_innen der Unabhängigkeitsrevolution einen eher elitären Hintergrund hatten, erkannten sie dies rasch. „Es erscheint mir als Wahnsinn, wenn eine Freiheitsrevolution die Sklaverei aufrecht zu erhalten versucht.“ sagte Simón Bolívar, welcher zusammen mit José de San Martín, nach der erfolgreichen Befreiung der Gebiete schrittweise Emanzipationsprogramme durchsetzte.

Allerdings ist hier noch eine weitere Besonderheit der Sklaverei in Lateinamerika zu nennen, die dazu führte, dass die reale Sklavenbefreiung oftmals erst in den 50er und 60er Jahren des 19. Jahrhunderts durchgesetzt wurde: Die Sklavenbefreiung war eher eine Mitgift der Unabhängigkeitsbewegung und nicht ihr primärer Grund. Dies lag unteranderem daran, dass es in Lateinamerika keine vergleichbare Anti-Sklaverei-Bewegung (wie in Großbritannien, Frankreich oder den USA) gab und somit auch kaum eine kritische Öffentlichkeit vorhanden war. Zudem waren die Sklavenhalter_innen sehr gut organisiert und konnten sich, im Zuge der Unabhängigkeitskämpfe, teils hohe Machtpositionen sichern. Doch wurden die Befreiungskämpfe gegen die Kolonialmacht nicht zuletzt aufgrund der Unterstützung und der sozialen Mobilisierung der afroamerikanischen und indigenen Bevölkerung gewonnen. Und so wurden, neben der Unterbindung des atlantischen Sklavenhandels, die Sklavenhalter_innen gezwungen Kompromisse einzugehen, die Übergangzeiträume (wie die sogenannten Gesetze der „freien Geburt“) schufen. Allerdings versuchten sie diese Phasen immer wieder zu verlängern, was ihnen vor allem in den Zentren der Plantagenwirtschaft – Brasilien und Kuba – erschreckend lang gelang.

Als letztes Land schaffte 1888 Brasilien offiziell die Sklaverei „endgültig“ ab, was jedoch bei weitem nicht als Verbesserung der Situation der nun ehemaligen Sklaven und Sklavinnen gesehen werden konnte. Ihre Chancen ihr Einkommen zu verbessern oder Land zu erwerben standen extrem schlecht, da der Großgrundbesitz bestehen blieb und die Plantagenwirtschaft, teils bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein, dominierte. Den „befreiten“ Sklaven und Sklavinnen blieb oft nichts anderes übrig, als sich als Lohnarbeiter_innen bei ihren ehemaligen Herren zu verdingen, von denen sie meist nicht mehr als eine Schlafstätte und Verpflegung als Lohn erhielten. Auch in den anderen lateinamerikanischen – neu gegründeten – Staaten, spielte sich ein ähnliches Bild ab. Bis heute kämpfen vor allem die indigenen Bevölkerungsgruppen um ihre Rechte in teils weiterhin von weißen Eliten dominierten Gesellschaften.

Quellen:

Meissner, Joachim/Mücke, Ulrich/Weber, Klaus (2008): Schwarzes Amerika. Eine Geschichte der Sklaverei. München: C. H. Beck

GEO Epoche – Das Magazin für Geschichte: Als Spanien die Welt beherrschte Nr. 31, S. 66-76

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