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Der Soziale Tod und der Sklave als Eigentum

29/09/2011
Patterson

Autor: Norbert Fori 

Mit Slavery and Social Death (1982) legte Orlando Patterson eine der konsequentesten und detailliertesten Analysen von Sklaverei vor. In seiner vergleichenden Studie identifizierte er die Sklaverei als eine besondere Form parasitärer sozialer Beziehung und stellte eine (idealtypische) Theorie und Definition von Sklaverei auf, die in allen Gesellschaften, in denen Sklaverei von einiger Bedeutung war, wiederzufinden war.

Im Gegensatz zu den, auch heute noch im allgemeinen Sprachgebrauch beobachtbaren, rechtlichen Definitionen von Sklaverei, die Sklaverei als Eigentumsverhältnis definiert sehen wollen, bildet für Patterson das Zwangs- bzw. Machtverhältnis zwischen Versklavten und Versklavenden die Grundlage für die Definition von Sklaverei: naked force [is] the basis of the master-slave relationship. Eines der entscheidenden Kriterien bildete hierbei der soziale Tod des Versklavten.

Die Versklavung diente nicht nur in Kriegszeiten als Substitut für den Tod des Feindes, sondern war auch für das begehen besonders schwerer Straftaten vorgesehen, wofür etwa die Galeerensklaverei ein bekanntes Beispiel darstellt. Die Kondition bei der Versklavung, die einer absoluten Machtasymmetrie glich (Macht des Versklavenden ist absolut), wurde dabei auf Dauer gestellt, denn zwar wurde die physische Existenz des Versklavten beibehalten, seine soziale Existenz hingegen negiert. Der Versklavende verfügte deshalb absolut über das Leben des Versklavten, weil die versklavte Person außerhalb der Beziehung zum Sklaven-Haltenden keine sozial anerkannte Existenz hatte. Der Versklavte konnte selbst keine Rechte geltend machen und keinerlei Ansprüche oder Forderungen konnten gegen ihn geltend gemacht werden, er wurde desozialisiert. Er stand als social nonperson außerhalb einer geltenden sozialen Ordnung, er war sozial tot.

In seiner detaillierten Untersuchung verweist Patterson unter anderem auf die Implikation des sozialen Todes als Zustand, und somit der Sklaverei insgesamt, für das Konzept des Eigentums, das in seiner basalen Form im römischen Privatrecht zu finden herausgearbeitet. Zwar gehört das Eigentumsverhältnis nicht zu den konstituierenden Elementen von Sklaverei, wie etwa der außergewöhnliche Zwang, die Entfremdung von den Geburtsrechten und die Entehrung der Versklavten. Doch wurden Sklaven typischerweise in Gesellschaften, in denen sie von einiger sozioökonomischer Bedeutung waren (so etwa in der inklusiven römischen Sklavengesellschaft), als Eigentum betrachtet und wie jedes andere Objekt auch behandelt. Den Grund hierfür sieht Patterson in der unterschiedlichen Gewichtung von Machtaspekten innerhalb einer gegeben Gesellschaft.

Während in einfach strukturierten Gesellschaften der personale Aspekt der Machtausübung dominiert und Machtausübung hier direkt geschieht, transparent ist und idealtypisch an individuelle Eigenschaften und Fähigkeiten von Personen gebunden ist, dominiert in Gesellschaften in denen Produktionsprozesse durch einige Komplexität gekennzeichnet sind, der materialistische Aspekt der Macht- und Zwangsausübung. Machtausübung über andere erfolgt hier indirekt über die Verfügung und der Kontrolle von Güter und Produktionsmittel. Das Konzept des Eigentums spielt hierbei also eine wesentliche Rolle.

Eine Beziehung jedoch zwischen einer Person und einem Objekt (verstanden als Eigentum) kann sowohl aus soziologischer wie auch ökonomischer Sicht nicht direkt hergestellt bzw. definiert werden. Beziehungen können nur zwischen Personen definiert werden. Eigentum muss so als eine soziale Beziehung verstanden und definiert werden. Die Beziehung des Eigentümers zum Objekt ist deshalb eine indirekte und ergibt sich über die Ausschließung aller anderen Personen vom Gebrauch desselben. Die Verfügung des Eigentümers über das Objekt beinhaltet ja zugleich auch eine absolute Macht darüber, weil keine weitere Person in der Lage ist, Rechte dem Objekt gegenüber geltend zu machen. So war es im weiteren Schritt in der römischen Antike ja auch fast konsequent den Sklaven der Objektivierung freizugeben, und wie jedes andere Objekt auch, nicht nur zu behandeln, sondern auch die juristische Basis dafür zu schaffen.

Denn in heutigen Verhältnissen gesprochen schließt jeder Kaufvertrag oder Quittung nur eine einzige Person nicht vom Gebrauch bzw. der Verfügung über ein gegebenes Objekt aus:  den Eigentümer.

5 Kommentare
  1. Sonja De permalink
    06/11/2011 10:14

    Vielen Dank für den Hinweis!🙂

  2. Micha permalink
    06/11/2011 00:13

    Schöner Beitrag. Allerdings müsste es im 3. Absatz „er war sozial tot.“ statt „er war sozial Tod“ heißen.

    Es grüßt ein Kolleg-e [sic!] & wünscht viel Erfolg weiterhin!🙂

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