Skip to content

Das blutige Silber vom Cerro Rico, Potosí, Bolivien.

18/09/2011

Es hat sich nicht viel verändert am Cerro Rico. Noch immer schuften die Männer mit den vom Koka ausgebeulten Wangen tagtäglich 12 Stunden in den stickigen, feuchten und nur vom flackernden Licht einzelner Taschenlampen mehr schlecht als recht erhellten Stollen. Unter ihnen immer wieder auch zahlreiche Kinder, die zum Lebensunterhalt ihrer Familien beitragen müssen. Noch immer ist die Lebenserwartung vergleichsweise niedrig und die Familien der Bergarbeiter leben in bitterer Armut. Doch – und das ist wohl die bitterste Entwicklung – sie nur noch einen Bruchteil dessen, was ihre Vorfahren zwischen 1545 und 1825 aus dem „reichen Berg“ herausgeschafft haben.

Potosí

Die Entdeckung des Seeweges nach Amerika durch Christoph Columbus 1492 zieht relativ schnell die Eroberung des südamerikanischen Kontinents durch die Spanier nach sich. Den europäischen Eroberern geht es bald nicht mehr nur um die Christianisierung und Unterwerfung der indigenen Völker, sondern auch um die Ausbeutung der zuhauf vorhandenen Bodenschätze – vor allem von Silber und Gold. Als dann im damaligen Vizekönigreich Peru Diego Huallpa zufällig eine Silberader entdeckt und dies seinem spanischen Herrn meldet, ist das der Anfang einer unvorstellbaren Leidenszeit für die indigene Bevölkerung der Umgebung. Kurz nach der Entdeckung wird an dem bis dahin unbesiedelten Fuße des Berges das Minencamp „Potosí“ (was auf Quechua soviel bedeutet wie ohrenbetäubender Lärm) gegründet.

Schon 1573 zählt die Stadt mit geschätzt 120.000 – 150.000 Einwohner_innen zu einer der größten der Welt. Da die Fördermengen die kühnsten Erwartungen übertreffen und Indigene und Spanier_innen zu tausenden angezogen werden, breitet sich die Stadt in der unwirtlichen Gegend immer weiter aus. Zunächst wird das Silber an den oberflächlichen Adern noch von freien Arbeiter_innen abgebaut. Als die Vorkommen dort jedoch erschöpft sind, die Arbeit immer tiefer in den Berg führt und damit gefährlicher und vor allem um einiges anstrengender wird, verlassen immer mehr Indigene den Berg.

Die spanischen Herrscher-innen führen darauf hin ab 1570 die Zwangsarbeit – die sogenannte mita – ein, die schon während der Inkaherrschaft für infrastrukturelle Baumaßnahmen genutzt wurde, verschärfen jedoch die Bedingungen. Jedes Dorf muss nun jährlich ein Siebtel seiner Männer für ein Jahr für die Arbeit in den Minen zur Verfügung stellen. Selbst wenn sie diese Zeit überleben und in ihre Dörfer zurückkehren, stehen sie dort vor dem Nichts, da ihre Felder die ganze Zeit über brach lagen. So bleiben viele auch nach ihrer offiziellen Dienstzeit in der Stadt und verdingen sich in den Minen als Tagelöhner.

Durch diese neue Arbeitsform und vor allem durch das Umstellen auf Quecksilber als Lösungsmittel steigt die Fördermenge wieder um ein Vielfaches. Allerdings ist es gerade die neue Technik und die dabei entstehenden Gifte, die noch mehr Menschenleben fordert. Den Spanier_innen kann dies freilich ziemlich egal sein: Die Nachfrage nach dem Silber steigt ebenso rasant wie die Preise. In der Stadt leben die Kolonialherren in Saus und Braus, während der Berg jährlich tausende Indigene frisst und Spanien mit den Silbermünzen seine enormen Schulden bezahlt. Auch die Finanzierung von Volksfesten und Prachtbauten ist gesichert. Das Silber ist der Pfeiler der spanischen Weltmachtpolitik und dessen ist sich die koloniale Elite durchaus bewusst.

Als im Laufe des 17. Jahrhunderts die Förderung immer zeitraubender, kostspieliger und ineffektiver wird und die indigene Bevölkerung erschreckend zusammen geschrumpft ist, nehmen die Zwangsmaßnahmen und die Sklaverei ähnlichen Zustände immer größere Ausmaße an. Den Mangel an körperlicher Arbeitskraft mit afrikanischen Sklaven und Sklavinnen auszugleichen, erweist sich auf Grund der klimatischen Bedingungen als völlig unmöglich. So bezahlen, bis zur Gründung der Republik Bolivien 1825 und dem offiziellen Ende der Sklaverei, ca. acht Millionen Indigene und afrikanisch stämmige Sklaven und Sklavinnen den unaufhörlichen Silberstrom mit dem Leben. Ein Zitat des spanischen Vizekönigs von Peru fasst die Geschichte vom Silberberg daher ganz gut zusammen. Er soll nach seinem Besuch in den Minen von Potosí gesagt haben: „Nach Spanien wird nicht Silber sondern Indianderblut verschifft.“

Weitere Quellen:

Walter Staller (2008): Der Berg, der Menschen frisst. In: GEO Epoche – Das Magazin für Geschichte: Als Spanien die Welt beherrschte Nr. 31, S. 66-76

http://www.bolivia.de/de/bolivien/geschichte.html

http://www.fernreise-weltweit.de/2008/09/bolivien-die-minen-von-potosi/

http://www.mineralienatlas.de/lexikon/index.php/Mineralienportrait/Silber/Neue%20Welt#Gierx20.nachx20.Silber

%d Bloggern gefällt das: