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Prostitution und Menschenhandel: Faktencheck

Auf dieser Seite prüfen wir Behauptungen nach, die in der Presse, Politik oder durch Aktivist*innen verbreitet werden. Wir prüfen insbesodnere Zahlen und angebliche Ergebnisse von Studien. Wie machen wir das? Wir schauen uns die betreffende Studie noch einmal an.

Behauptung: „Seit Einführung des neuen Prostitutionsgesetzes (2002) hat Menschenhandel in Deutschland zugenommen und es gibt mindestens 200.000 Opfer von Menschenhandel in Deutschland.“ 

Falsch. Laut offiziellen Statistiken des Bundeskriminalamtes und der Polizei ist Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung („Zwangsprostitution“) konstant im Rückgang, siehe hier:

1996: 1.473 Opfer
2011: 640 Opfer
2012: 612 Opfer
2013: 542 Opfer
In dieser Statistik sind all jene Fälle erfasst, die es vor Gericht geschafft haben. Natürlich gibt es eine „Dunkelziffer“ von unentdeckten Fällen oder Fällen, in denen sich die Betroffenen gegen ein Gerichtsverfahren entschieden haben. Laut Nivedita Prasad, Professorin für Soziale Arbeit an der Berliner Alice-Salomon-Hochschule und ehemalige Sozialarbeiterin für die Beratungsstelle Ban Ying e. V. dürfte die Dunkelziffer bei ca. 3000-4000 liegen. Die Gründe dafür liegen hauptsächlich im fehlenden Opferschutz und den viel zu geringen Opferrechten, das heißt: Wenn eine Betroffene aussagt, hat sie meistens nichts davon – von einem langwierigen, anstrengenden Gerichtsverfahren mal abgesehen. Der Staat hat Betroffenen von Menschenhandel kaum etwas zu bieten, deshalb werden auch mehr Razzien und Polizeibefugnisse nicht viel ändern.
Es mag sein, dass vereinzelt (Ex-)Polizisten, wie Helmut Sporer oder Manfred Paulus (beide zufällig aus Augsburg) behaupten, dass es in der Branche unheimlich viel Menschenhandel gäbe, aber Fakt ist, dass die Statistiken diese Behauptung nicht bestätigen und somit die Aussage dieser einzelnen Polizisten nicht repräsentativ ist.
Diese Polizisten werden sagen, dass es an den Gesetzen liegt und den fehlenden Polizeibefugnissen, dass weniger Menschenhandel entdeckt wird. Das Prostitutionsgesetz hat aber an den Polizeibefugnissen nichts geändert und das Prostitutionsgesetz erklärt nicht den Rückgang der Opfer von 2011 bis 2013. In dieser Zeit galten nämlich durchgehend die gleichen Gesetze.

Behauptung: „Die meisten Opfer von „Zwangsprostitution“ in Deutschland sind zwischen 18 und 21 Jahre alt. Deshalb muss man das Mindestalter für Sexarbeit auf 21 anheben“

Falsch. Erstens sind laut BKA Statistik von 2013 insgesamt 223 Betroffene von Menschenhandel, also 36%, zwischen 18 und 21 Jahre alt gewesen. Die meisten Betroffenen von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung sind allgemein Erwachsene, also älter als 18 Jahre: Insgesamt 81% der Betroffenen. 45% der Betroffenen – mehr als die Hälfte – waren älter als 21.

Zweitens gibt es einen Grund, warum es dennoch doch vergleichsweise viele Betroffene im Alter von 18 bis 21 Jahren gibt: Es ist nämlich rechtlich einfacher Betroffene zu entdecken, wenn sie zwischen 18 und 21 Jahre alt sind. Laut Definition von Menschenhandel im StGB §232 reicht es aus, dass jemand eine andere Person zur Prostitution „bringt“, wenn sie zwischen 18 und 21 Jahre alt ist. Für diese Altersgruppe ist kein Zwang, keine Gewalt, keine Erpressung nötig, damit es sich um Menschenhandel handelt.

Der Grund, warum es also mehr Opfer zwischen 18 und 21 Jahren gibt, liegt also am Gesetz, das die Strafverfolgung erleichtert. Es liegt nicht daran, dass es mehr Opfer gibt, es liegt nicht daran, dass Sexarbeit für diese Gruppe legal ist.

Diese sehr breite Definition von „Menschenhandel“ ist jedoch auch problematisch. Denn wenn jede Person, die eine Person dabei unterstützt, in die Sexarbeit einzusteigen bzw. ein Zimmer in einem Bordell vermietet, potentiell als Menschenhändler verfolgt werden kann, bedeutet das auch: Sexarbeiter*innen zwischen 18 und 21 Jahren müssen alleine arbeiten und in der Regel auf der Straße, dürfen sich bei niemanden Beratung holen und können nicht in einem Bordell arbeiten. Denn wer auch immer durch Hilfe und Unterstützung diese Person zur Prostitution „bringt“ (was auch immer der Gesetzgeber damit jetzt gemeint hat), kann wegen Menschenhandel angeklagt werden.

Eine Erhöhung des Mindestalters macht mit Blick auf die Verfolgung von Menschenhandel keinen Sinn, weil der Grund für die höheren Zahlen in einem wohl „gut funktionierenden“ Gesetz liegen. Durch die Erhöhung des Mindestalters würde man diese Frauen (und Männer) womöglich zusätzlich kriminalisieren, was die Strafverfolgung wiederum schwieriger machen würde.

Behauptung: „Das durchschnittliche Todesalter von Prostituierten ist 34 Jahre“ 

Falsch. Aber woher kommt diese Behauptung und an welcher Stelle wurden die Fakten verdreht?

Diese Behauptung wurde erstmalig 2011 im englischsprachigen Newsweek verbreitet. Dort hieß es „Prostitution war für Frauen schon immer riskant; das durchschnittliche Todesalter ist 34“. Angeblich stammt die Behauptung aus der Studie “Mortality in a Long-term Open Cohort of Prostitute Women”, die 2004 im American Journal of Epidemiology veröffentlicht wurde. Die Studie bezieht sich auf Daten in den USA und speziell in Colorado Springs – es ist also eine sehr lokale Studie, dessen Daten man nicht auf andere Orte einfach überstülpen kann.

Die Forscher haben sich die Daten von circa 1900 Prostituierten zwischen 1967 und 1999 untersucht. 100 von diesen 1900 Frauen sind in der Zeit gestorben – also circa 6%. Und hier kommt der entscheidende Satz, dass diese 100 Frauen ein Durchschnittsalter von 34 hatten. Es ist also NICHT das durchschnittliche Todesalter aller Prostituierten sondern das durchschnittliche Todesalter ausschließlich derjenigen, die tatsächlich gestorben sind. Darunter wurden 19% (also genau 19 Frauen von 1900 – das ist 1%) ermordet.

„Few of the women died of natural causes, as would be expected for persons whose average age at death was 34 years. Rather, based on proportional mortality, the leading causes of death were homicide (19 percent), drug ingestion (18 percent), accidents (12 percent), and alcohol-related causes (9 percent) (table 3).“

Gleichzeitig stimmt es, dass Prostituierte eine höheres Mordrisiko eingehen – zumindest in den USA, wo Sexarbeiter*innen kriminalisiert werden. Deshalb weisen Sexarbeiter*innen am 17. Dezember – Tag gegen Gewalt an Sexarbeiter*innen – jedes Jahr darauf hin. Sie fordern die Entkriminalisierung von Sexarbeit und die Anerkennung von Sexarbeit als Arbeit.

Behauptung: „Das durchschnittliche Eintrittsalter (age of entry) in die Prostitution ist 13 Jahre“

Diese Behauptung ist falsch weil:

  • Mit 13 Jahren kann man nicht in die Prostitution einsteigen. Es kann sich höchstens um sexuelle Gewalt gegen Kinder handeln. Insofern ist schon der Ausdruck und die sprachliche Formulierung eine krasse Verharmlosung sexueller Gewalt.
  • Wenn 13 das Durchschnittsalter wäre – Betonung auf: Durchschnitt – dann müsste es für jede*n 17-Jährige*n eine*n 7-Jährige*n geben, der/die grade in die Prostitution einsteigt. Das ist absurd. Und – wie schon oben gesagt: Es handelt sich dann nicht um Prostitution sondern um sexuelle Gewalt. Auch eine möglicherweise kommerzielle sexuelle Ausbeutung durch Dritte macht das nicht zu Prostitution/Sexarbeit: Es bleibt sexuelle Ausbeutung von Kindern.
  • Silbert_Pines_Age of EntryUm diese Behauptung zu stützen, wird immer wieder eine Studie von Mimi H. Silber und Ayala M. Pines von 1982 (Entrance into Prostitution) zitiert, die angeblich zeigt (so legt das auch die Prostitutionsgegnerin Melissa Farley aus), dass das durchschnittliche Eintrittsalter bei 13 Jahren liegt. Diese Studie wird aber leider nicht nur falsch zitiert. Sie ist auch in sich selbst voller Widersprüche und Ungereimtheiten – abgesehen davon, dass sie über 30 Jahre alt ist und somit nicht geeignet ist, um Politik für heute zu machen.
    Wichtig für uns ist: Nicht das Durchschnittsalter des Eintritts in die Prostitution liegt bei 13 sondern das durchschnittliche Alter des ersten Geschlechtsverkehrs. Wer also diese Studie zitiert und behauptet, dass es um das Eintrittsalter in die Prostitution geht, setzt den ersten Sex einer*s 13-Jährigen mit Prostitution gleich. Das ist Unsinn.

Laut der schon oben zitierten Studie “Mortality in a Long-term Open Cohort of Prostitute Women” ist das Durschnittalter der in Colorado Springs erfassten Prostituierten 24. „The mean age at first observation of working locally was 24 years for those for whom we had data on date of first observation“

Weitere Quellen zu diesem Thema: 

Age of Entry research: a compendium (Sex Work Research, 2014)

Is One of the Most-Cited Statistics About Sex Work Wrong? (The Atlantic, 2014)

Behauptung: „Prostituierte arbeiten jeden Tag mindestens 14 Stunden pro Tag und haben mindestens 30 Kunden am Tag“

Falsch.

We classified the majority of prostitute women (1,795/1,969; 91 percent) as evanescent, short-term, or long-term residents. Evanescent prostitutes (n = 1,012; 56 percent) resided and solicited locally for a few days or weeks in any given year. Short-termers (n = 315; 18 percent) solicited for many weeks to months in any given year, and long-termers (n = 468; 26 percent) solicited for years even if they did not solicit continuously (9). Mortality in a Long-term Open Cohort of Prostitute Women”

Ihre Frage bzw. eine Behauptung, die Sie prüfen wollen?

Anmerkung: Diese Seite befindet sich im Aufbau. Wenn Sie Daten, Fakten, Zahlen haben, die Sie gerne geprüft haben möchten, hinterlassen Sie diese als Kommentar und, sofern es möglich ist, prüfen wir das nach. 

2 Kommentare leave one →
  1. 29/11/2014 22:47

    Super gute Idee, längst überfällig, aber ein Haufen Arbeit. Danke! Ich bin auf der Suche nach einer Österreichischen Studie, welche die CDU-Politikerin Sylvia Pantel für ihre Argumentation benutzt. Hier geht es um den Vergleich verschiedener Gruppen (offizielle Prostituierte, illegale Prostituierte, Barfrauen..) in Bezug auf die Häufigkeit von Geschlechtskrankheiten. Die Untersuchung vergleicht die Gruppen aus den Jahren 1998/1999, glaube ich. Per email habe ich die Studie schon angefordert. Aber vielleicht kennt ihr sie auch. Mir ist nämlich eine Ungereimtheit aufgefallen, zumindest wie sie ausgelegt wurde. Liebe Grüße Felicitas

  2. 29/11/2014 16:51

    zu 4.: 30 Gäste pro Tag – das wären ca. 900 EUR – das würde die Sexarbeiterinnen freuen!

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