Skip to content

Tanzjungen in Afghanistan – Menschenhandel getarnt als Brauch?

12/11/2011

Im Jahre 2010 beschäftigte sich die amerikanische und britische Presse mit einer neuen Geschichte. Es geht um sogenannte „Tanzjungen“ oder, in der lokalen Sprache Dari, „Bacha bazis“, die die UN-Sondergesandte für Kinder Radhika Coomaraswamy als eine Art “Art sexueller Leibeigenschaft Minderjähriger zwischen elf und 16 Jahren” bezeichnet. Kurz: es handelte sich um homosexuelle Kinderprostitution.

Soldaten und Söldner der Streitmacht, die in Afghanistan zusammen mit den einheimischen Regimentern für Ordnung sorgen sollten, sind in dieser Zusammenarbeit mit einer Vielzahl kultureller Unterschiede konfrontiert. Viele Soldaten fühlten sich wegen den homosexuellen Annäherungen ihrer Afghanischen Kollegen angeekelt. Auf Nachfrage der Britischen Befehlshaber im Gebiet Helmand, förderte das Pentagon eine Untersuchung über die Praktiken der Pashtun Sexuality unter der Führung von Anna Maria Cardinalli, einer Doktorin der komparativen Theologie.

Was aber hat die „Entdeckung“ dieser Form der Kinderprostitution gezeigt?

Im Zentrum dieser Geschichte stehen junge Männer und Jungen, die als Frauen verkleidet in Afghanischen “Herren-Clubs” für Unterhaltung sorgen. Sie tanzen, singen oder spielen Instrumente. Oft wird es auch erwartet, daß sie den Gästen geschlechtlich zur Verfügung stehen. Wirtschaftlich, wie auch sozial stehen die Knaben auf der niedrigsten Ebene der Gesellschaft. Angeworben werden sie meistens aus ärmeren Kreisen, sie werden auf der Straße entführt oder von ihren Eltern an Zuhältern verkauft. Armut und Hunger stellen starke Faktoren dar, die die Jungs zum mitmachen zwingt. An einem Abend können bis zu zwei Dollar verdient werden.

Cardinalli schreibt, daß es sich hier um einen sehr alten Brauch handelt, der noch immer bei vielen der Afghanischen Völkern verankert sei. Es ist möglich, daß er von den Generälen Alexanders nach ihrer Eroberung dieser Bergwelt als Teil des Pan-Hellenismus verbreitet wurde. Tausend Jahre Islamische Mission bedeuteten keineswegs das Ende dieser Praktiken. Im Islamismus gilt ein Verständnis des Geschlechtsverkehrs, das dem Katholizismus sehr ähnlich ist. Gleichzeitig könnte der relative Schutz der Frau, der im Islam stark ist, sogar die “Notwendigkeit” des Brauches gestärkt haben, so der Bericht. Zugang zu Frauen bekommen Afghanische Männer hauptsächlich durch die Heirat, was für die meisten sehr teuer ist. Für manche bleibt es auch einfach unerschwinglich. Die Frauen verbleiben von der Familie eingesperrt und dürfen auch nicht ein öffentliches Leben führen. Aus diesen Gründen wird die Befriedigung des Geschlechtstriebes auf den als Frau verkleideten Jungen übertragen.

Während der Herrschaft der “puritanischen” Taliban (von etwa 1995 bis 2001) wurde der Brauch kriminalisiert, wie vieles andere auch, das der Unterhaltung diente. Mit der Beseitigung der Talibanherrschaft durch die Amerikanische Besatzung, blühte der Brauch jedoch wieder auf. Qobil, Reporter von der BBC, bekam bei seiner Untersuchung unter anderem diese Erklärung von einem Mann, der behauptete selbst Zuhälter von Jungs zu sein:

Some people like dog fighting, some practice cockfighting – everyone has their hobby, and for me, it’s bacha-baze.”

Das Ansehen von Sodomiten wird in dieser Kultur nicht unbedingt negativ von diesem Handeln beeinflußt. Wohl auch deshalb, weil es ein Machtverhältnis wiederspiegelt, wo er die „dominante Position“ einnimmt und die männliche Geschlechterrolle erfüllt. Das gesellschaftliche Ansehen des Katamiten hingegen ist weitgehend beschädigt. Er wird durch den Akt „entmännlicht“ und verliert somit seine männliche Geschlechterrolle. Wer als Tanzjunge bekannt ist, kann z.B. nicht mehr heiraten.

Die Arbeit von Cardinalli ist jedoch umstritten. Die Art und Weise, wie die Presse sich darauf bezogen hat, ist teilweise sehr spekulativ und unkritisch gewesen. Zwei Anthropologen mit zentral-asiatischer Spezialisierung Forte und Jamil Hanifi, sind von der Arbeit Cardinallis nicht beeindruckt. Einerseits behaupten sie, daß der Brauch isoliert sei, genauso wie die Mißbrauchsfälle von Kindern in der Kirche in den letzten Jahren, und andrerseits, daß er als entfremdende Propagandamaßnahme durch das Pentagon aufgeblasen wurde. Beide nutzen aber ihre Artikel als einen generellen Angriff gegen die amerikanische Besetzung, und auf Cardinalli selbst, da letztendlich „die USA an allem Schuld“ sei. Dies schwächt ihre Botschaft jedoch beträchtlich, weil sie letztendlich nicht besonders ausgewogen dasteht.

In Kriegsgebieten wo es an allem mangelt, ist es in Afghanistan, wie auch an so vielen anderen Orten, nicht selten daß Menschen ihren Körper für sexuelle Dienstleistungen verkaufen oder dazu gezwungen werden. Das besondere am Fall Afghanistan ist, daß es sich hier hauptsächlich um minderjährige Jungen handelt (es sei denn, Cardinalli und das Pentagon haben uns etwas vorgetäuscht). Es ist ein Beleg dafür, daß Zwangsprostitution und Sexsklaverei, ebenso wie Prostitution allgemein nicht immer nur Frauen trifft. Menschenhandel und sexuelle Nötigung kann in vielen Formen auftreten und das sollten wir bei der Betrachtung dieser Phänomene nie vergessen.

Von Nils Johann

Literatur:

El-Rouayheb, K.: Before Homosexuality in the Arab-Islamic World, 1500-1800, University of Chicago Press, Chicago and London, 2005.

One Comment

Trackbacks

  1. Antworten auf Google-Suchanfragen « menschenhandel heute

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: