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Führt die Legalisierung von Prostitution zu einer Ausweitung des Menschenhandels?

15/03/2012

Angebot und Nachfrage bedingen sich gegenseitig, das ist eine Binsenweisheit der Marktwirtschaft. Wenn die Nachfrage von Prostitution steigt bzw. eine solche überhaupt vorhanden ist, steigt vermutlich auch das Angebot an Prostituierten, oder besser gesagt: Die Nachfrage nach Prostituierten – doch steigt damit auch die Anzahl der Prostituierten, die Opfer von Menschenhandel geworden sind?

In Deutschland sind 70% der Prostituierten MigrantInnen. Es scheint also eine Nachfrage an Prostituierten zu geben, die sich innerhalb Deutschlands nicht decken lässt. Wie viele der MigrantInnen, die in Deutschland als Prostituierte arbeiten, tatsächlich Opfer von Menschenhandel sind, lässt sich nicht genau ermitteln. Laut der ILO sind 98% der Opfer des Handels in die sexuelle Ausbeutung Frauen,und die UN stellt fest, dass der Frauenhandel die verbreitetste Form des modernen Menschenhandels darstellt.

Auch in Deutschland werden Frauen in größerem Maße in die Prostitution gehandelt – das lässt sich angesichts dieser Zahlen vermuten. Doch hängt dieses Delikt wirklich davon ab, ob Prostitution legal ist oder nicht? Legalisierung von Prostitution bedeutet, dass das Erbringen und die Inanspruchnahme von Prostitution ebenso legal sind wie das Errichten von Bordellen und die Erzielung von Einkünften aus geschlechtsbezogenem Verhalten Dritter nicht als sittenwidrig bzw. strafbar angesehen werden. Eine sozialversicherungsfähige Tätigkeit ist Prostitution in Deutschland seit der Einführung des ProstG im Jahre 2002, im Zuge des ProstG wurde auch die Strafbarkeit der Förderung der Prostitution (§ 180a Abs. 1 Nr. 2) abgeschafft. Allerdings ist „Zuhälterei“ im Sinne einer Ausbeutung oder Überwachung des/der Prostituierten in Deutschland nach wie vor strafbar.

„Wo immer Prostitution blüht, tut dies auch der Sexhandel. Wenn Sie ein Zuhälter wären, wo würden sie Ihr Produkt anbieten? In Schweden [...] oder würden Sie Frauen dorthin vermitteln, wo [...] Prostitution legal erlaubt ist?“ schreibt Melissa Farley. Und die Zahlen scheinen ihr Recht zu geben. „Legalisierte Prostitution erhöht den Zustrom durch Menschenhandel” ist das Fazit einer Untersuchung der Uni Göttingen zu den Auswirkungen der Legalisierung von Prostitution anhand von vergleichenden Studien in über 150 Ländern, in denen Prostitstitution entweder legal, nur als selbstständige Tätigkeit erlaubt oder verboten ist [8].

Mehr noch, die Forscher konstatieren einen Zusammenhang zwischen Legalisierung von Prostitution und der Nachfrage nach Prostitutionsdienstleistungen, ebenso wie zwischen Legalisierung von Prostitution und Frauenhandel. Der Vergleich von Schweden, wo die Inanspruchnahme von Prostitution verboten ist, Dänemark, wo Prostitution als selbstständige Tätigkeit erlaubt ist, und Deutschland, wo sie legal ist, untermauert ihre Thesen. Obwohl Schweden 40% mehr Einwohner hat als Dänemark, ist die geschätzte Anzahl der Prostituierten drei bis vier Mal so groß, die Anzahl der Prostituierten in Deutschland ist gar 60 Mal größer als in Schweden – obwohl die deutsche Einwohneranzahl nur 10 Mal größer ist.

Mehr noch, die Anzahl der Menschenhandelsopfer unter den Prostituierten ist in allen Ländern annähernd gleich, was bedeutet, dass die Legalisierung nicht zur erwünschten Eindämmung des Menschenhandels führt. Im Gegenteil – da die Anzahl der Prostituierten steigt, wenn diese erlaubt ist, steigt konsequenterweise auch die Zahl der Prostituierten, die Opfer von Menschenhandel geworden sind, nicht prozentual, aber absolut. Nach der Legalisierung hat die Anzahl der geschätzten Fälle des Handels in die sexuelle Ausbeutung in Deutschland deutlich zugenommen, im Jahr der Legalisierung um 1210 – 2420 Opfer und im Jahre 2003 um 2480 – 4960 Opfer.

Die Ausgangsfrage muss also mit einem klaren Ja beantwortet werden – Legalisierung von Prostitution fördert auch den Handel in die sexuelle Ausbeutung.


[8] Zu dem unterschiedlichen legalen Status von Prostitution vgl. http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e8/Prostitution_laws_of_the_world.PNG

26 Kommentare leave one →
  1. 25/06/2012 15:37

    @Lea:

    Ich finde es ziemlich offensichtlich, weshalb 95% (oder wieviel es nun genau sind) der Prostituierten Frauen sind: 1. Frauen sind IM SCHNITT wesentlich wählerischer. Ich glaube nicht dass Frauen grundsätzlich weniger Sex als Männer wollen, aber sie sind viel weniger bereit von ihren Idealvorstellungen abzuweichen und sich mit einem weniger attraktiven Partner zu begnügen wenn es um unverbindlichen Sex geht. 2. Wollen Frauen tendenziell weniger unverbindlichen Sex. Ich glaube da steckt eine grosse Portion Sozialisierung und Slut-shaming dahinter, aber was auch immer die Ursache ist, es ist wie es ist.

    Das Geschlechterverhältnis der Prostituion sagt erstmal nichts über Machtverhältnisse aus, sondern spiegelt das auch ausserhalb der Prostitution beobachtbare Sexualverhalten von Männern und Frauen. Dafür spricht weiter, dass bei Casual Dating- Seiten geschätzte 95% der User Männer sind, und fast alle männlichen Prostituierten nur männliche Kunden haben…

    Zu den Studien die du erwähnst: Wenn es dieselben sind über welche ich schon viele male gestolpert bin (Link geht leider nicht mehr), befassen sie sich alle mit Strassenprostituierten oder Frauen, welche Sozialdienste in Anspruch genommen haben. Darauf nun auf Sexarbeiterinnen allgemein zu schliessen ist, als würde man von den Beratungsstellen gegen Häusliche Gewalt auf Ehe und Partnerschaft allgemein schliessen wollen.

    Zur Stigmatisierung, von der Sonja spricht, gehört auch, Sexworker per se als in einer menschenunwürdigen Position zu sehen. Die fehlende gesellschaftliche Anerkennung und ein männliches entitlement-Gefühl Sex umsonst bekommen zu müssen führen dazu, dass tatsächlich eine Minderheit der Kunden und ein Grossteil der übrigen Bevölkerung meint, sich jede Unverschämtheit mit uns erlauben zu können. Auch um die arbeitsrechtliche Situation steht es oft schlecht, da Behörden zwar gerne “Schutz” als Vorwand für Repressionen gegen Sexarbeiterinnen und seriöse Bordellbetreiber/innen nehmen, bei illegalen Praktiken wie Wucherzinsen an Bordellbetreiber und sonstige Abschöpfung des Lohnes aber nichts unternommen wird. Wie die Gesellschaft Sexarbeit behandelt ist Menschenunwürdig, die Tätigkeit an sich hingegen nicht. Sweatshops und Carework sind auch nicht wegen dem Inhalt der Tätigkeit Menschenunwürdig, sondern wegen den oft schlechten Arbeitsbedingungen.

  2. Lea Mera Permalink
    10/05/2012 00:20

    Ich meine, daß es Dir nicht zusteht, persönliche Urteile über mich zu fällen, ohne mich zu kennen oder die geringste Information über mich zu besitzen. Wir debattieren hier über Inhalte und nicht über die AutorInnen dieses Blogs oder sollten dies wenigstens tun. Wenn Du denkst, daß mehr oder minder privilegierte meist männliche FreierInnen Nutznießer sexueller Dienstleistungen sein dürfen bzw. daß Prostitution und andere Lohnarbeit gleichermaßen menschenverachtend sind – es steht Dir frei. Und es geht sehr wohl um die Frage, ob Prostitution bzw. Sexarbeit menschenverachtend ist bzw. menschenverachtender als andere Tätigkeiten – denn wenn sie das ist, halte ich ein Verbot durchaus für gerechtfertigt.

  3. 09/05/2012 23:34

    Okay, es gibt also ne Menge migrantischer Frauen, deren “letzter Ausweg” Sexarbeit ist, und genau den willst du denen jetzt – verbieten? Das ist eine menschenverachtende Einstellung, mit dem bitteren Beigeschmack unreflektierter Privilegiertheit. 

    • Lea Mera Permalink
      09/05/2012 23:55

      @Samia: Da ich gerade Deinen Kommentar freigeschaltet habe, möchte ich auch sogleich darauf antworten. Ich glaube nicht, daß Du beurteilen kannst, ob ich privilegiert bin oder nicht, MigrantIn oder nicht. Es steht Dir also nicht zu, mich “unreflektierter Privilegiertheit” zu bezichtigen. Ob Prostitution ein menschenwürdiger oder menschenverachtender Ausweg aus der Armut ist, ist wohl Diskussionsfrage. Ich persönlich finde, daß Letzteres zutrifft. Wenn Du anderer Meinung bist – ok. Aber ich denke, daß es viele menschenunwürdige Wege aus der Armut gibt – Sweatshops, viele der Care Work-Tätigkeiten, aber auch Kinderarbeit etc. Prostitution ist einer dieser für mich menschenunwürdigen Wege. Wohlgenerkt: Ich kritisiere diejenigen, die diese Zwangslage ausnutzen – nicht diejenigen, denen keine oder wenig Wahl bleibt.
      Abgesehen davon, vereinfachst Du meines Erachtens meine Aussagen und Argumente sehr stark, wenn Du sie auf die Formel “Prostitution als letzter Ausweg für MigrantInnen” herunterbrichst.

      • 10/05/2012 00:09

        Die Frage, ob Sexarbeit menschenverachtend ist, ist doch gar nicht der Gegenstand meines Kommentars – ich halte jede Art von Lohnarbeit für menschenverachtend -, sondern die Frage, ob die Forderung nach einem Verbot es ist.

        Du meinst also, du seist einer migrantischen Sexarbeiterin gegenüber nicht privilegiert? Fällt mir zwar bisschen schwer zu glauben, muss ich aber wohl akzeptieren.

  4. Lea Mera Permalink
    01/04/2012 11:43

    Soviel zum Thema Legalisierung (oder strenggenommen: Abschaffung der Sittenwidrigkeit und Änderung der Rahmengesetze) und ihre Folgen: http://www.sueddeutsche.de/g5y38M/546340/Knapp-3000-Prostituierte-arbeiten-in-Muenchen-doppelt-so-viele-wie-vor-zehn-Jahren-Gesetz-der-Strasse.html

  5. Lea Mera Permalink
    01/04/2012 11:31

    @Wolfgang: Ich habe NICHT geschrieben, daß das Geschlechterverhältnis eine Folge der Legalisierung von Prostitution ist, sondern umgekehrt: daß Prostitution ein Ausdruck des Geschlechterverhältnisses ist. Wenn sie das nicht wäre, wie erklären Sie sich dann, daß 90% der Prostitutierten Frauen, aber 95% der Freier Männer sind?

    “Schweden liegt mit 46 Vergewaltigungen pro 100.000 Einwohner weit vor Deutschland mit 10. Soll ich jetzt daraus schliessen, dass Freierbestrafung zu mehr Vergewaltigungen führt?”. Das wäre eine Möglichkeit. Eine andere wäre, daß in Schweden, wo Gleichberechtigung und die Sanktionierung von Gewalt gegen Frauen ein zentraleres Anliegen sind, mehr Frauen den Schritt zur Polizei wagen bzw. die Justiz härter durchgreift.
    “1999 (vor Einführung der Freierkriminalisierung) gab es nach schwedischen Angaben ca. 3.500 Prostituierte im Land, momentan sind ca. 2.500 Prostituierte bekannt.” Ich kenne da andere Statistiken – aber über Statistiken läßt sich natürlich trefflich streiten.

    “Ich kenne viele Prostituierte (nicht aus der Sicht des Freiers), die ihre Tätigkeit gerne ausüben. Und das sind deutlich mehr als 5 %.”
    Ich kenne auch einige Prostituierte. Keine von ihnen hat ihren Beruf “gerne” ausgeübt, obwohl sie teilweise zu den “Edelprostituierten” gehörten, keine Opfer von Menschenhandel geworden waren und die meisten ihre Tätigkeit relativ risikoarm ausüben konnten.

    “Ich halte Prostitution dann für menschenunwürdig, wenn sie aus reiner wirtschaftlicher Not für Menschen mangels nicht vorhandener Alternativen der einzige Ausweg ist, sich und ihre Angehörige mit dem nötigen Einkommen zu versorgen.” Wenn 70% der Prostituierten in den alten EU-Mitgliedsländern MigrantInnen aus wirtschaftlich schwächeren Ländern sind (laut Zahlen der Sexarbeitsorganisation Tampep, es gibt auch ähnliche abolitionistische dazu, aber die werden Sie ja sicher nicht gelten lassen), scheint der Grund für Prostitution aber doch recht oft wirtschaftliche Not zu sein, oder?

  6. Wolfgang R Permalink
    01/04/2012 01:27

    Lea Mera, meiner Meinung nach hat das Geschlechterverhältnis überhaupt nichts damit zu tun, ob Prostitution erlaubt ist oder nicht. Das ist doch eine grundsätzliche Erfahrung aus der Herkunftsfamilie und der Geschlechtererziehung. Für mich ist Prostitution auch kein Ausdruck patriarchaler Machtverhältnisse.

    Zu Schweden: Es gibt eine EU-Studie zur Vergewaltigungsrate in Europa. Schweden liegt mit 46 Vergewaltigungen pro 100.000 Einwohner weit vor Deutschland mit 10. Soll ich jetzt daraus schliessen, dass Freierbestrafung zu mehr Vergewaltigungen führt?
    1999 (vor Einführung der Freierkriminalisierung) gab es nach schwedischen Angaben ca. 3.500 Prostituierte im Land, momentan sind ca. 2.500 Prostituierte bekannt. Erfolg des “schwedischen Modells”? Nach ihren Schlussfolgerungen hätten es 1999 in Schweden 40.000 Menschen in der Prostitution sein müssen.

    Sie argumentieren, Hurenorganisationen würden höchstens 1 % der SexarbdeiterInnen vertreten – und spechen ihnen deshalb das Recht ab, die Meinung der Betroffenen zu repräsentieren. Ich kenne viele Prostituierte (nicht aus der Sicht des Freiers), die ihre Tätigkeit gerne ausüben. Und das sind deutlich mehr als 5 %. Die Notwendigkeit, Geld für den Lebensunterhalt verdienen zu müssen, sehe ich nicht als unfreiwiliige Tätigkeit an – sonst wäre unsere Gesellschaft eine Gesellschaft von ZwangsarbeiterInnen. Und längst nicht alle Menschen, die sonst keine andere Chance sehen, entschliessen sich, den Weg in die Sexarbeit zu nehmen. Dass viele den Anforderungen, die dieser Beruf an sie stellt, nicht gewachsen sind, hat nichts damit zu tun ob diese Tätigkeit erlaubt oder verboten ist.

    Ich halte Prostitution dann für menschenunwürdig, wenn sie aus reiner wirtschaftlicher Not für Menschen mangels nicht vorhandener Alternativen der einzige Ausweg ist, sich und ihre Angehörige mit dem nötigen Einkommen zu versorgen. Genauso halte ich es für menschenverachtend, politisches Handeln rein der Geldwirtschaft unterzuordnen und eine massive Entsolidarisierung der Gesellschaft als Ziel zu haben.

    Unser Ziel muss es doch sein, dass alle Menschen die Tätigkeit ausüben können, die sie gerne wollen – und sie dabei vor Ausbeutung zu schützen. Ziel muss es auch sein, Feminismus überflüssig zu machen. Miteinander, nicht gegeneinander. Getragen von gegenseitigem Respekt und Liebe. Ausgestattet mit starkem Selbstbewusstsein. Ich weiss, dass dies ein Traum ist. Aber ist das so verkehrt? Ein Teil der Träume Martin Luther Kings sind heute auch Wirklichkeit…

  7. Lea Mera Permalink
    28/03/2012 06:53

    Liebe Sonja, das habe ich weder gemeint noch geschrieben : “Ich halte es für nicht vertretbar, zu sagen, dass man für die Rechte von Prostituierten ist, aber sich dann weigert, sich ihre Position anzuhören und ernst zu nehmen, weil sie eine Minderheit sind.” Ich habe nicht geschrieben, dass die Position von Prostituierten nicht anzuhören oder ernstzunehmen sein sollte, weil SIE eine Minderheit darstellen, sondern, dass die Forderungen der Sexworkorganisationen insofern fragwürdig sind, als sie nur eine Minderheit der Prostituierten repräsentieren. Ich habe lediglich angemerkt, dass Deine Aussage, “Prostitutierte sind gegen jegliche Form der Illegalisierung” insofern eine Pauschalaussage ist, als die Prostituierten zu einer verschwindend geringen Zahl überhaupt eine Stimme haben. Und was die restlichen 99% wollen, wissen wir daher nicht genau, und man ist daher auf Aussagen angewiesen, oder Statistiken, deren Glaubwürdigkeit Du anzweifelst, die aber besagen, dass 90-95% unter ihrem “Beruf” leiden und ihn gerne wechseln würden und das ProstG nicht unbedingt befürworten bzw. dessen Nutzen anzweifeln. Das meinte ich: Ich diskrimiere nicht Prostituierte als Minderheit, sondern weise darauf hin, dass die Sexworkerorganisationen nur eine verschwindend gerine Anzahl der Prostituierten repräsentieren und daher nicht davon ausgegangen werden kann, dass sie den Willen der Mehrheit vertreten.
    Übrigens hast Du “sexworker.at” vergessen – auf deren Forum bin ich immer mal gewesen, da diese besonders radikal FÜR Sexwork argumentieren. Aber, ganz ehrlich, ich glaube wirklich nicht, dass die Mehrzahl der Prostituierten diesen Aussagen zustimmen würde – zumindest nicht, was den Spaß und die Freude an der Arbeit anbelangt. Zumindest tut dies keine Prostituierte, die ich kenne.
    Vielleicht sollten wir mal ein eigenes Diskussionsforum eröffnen – ich glaube, die Schwemme an Kommentaren liest hier eh keineR mehr…

  8. Sonia De Permalink*
    27/03/2012 09:41

    Hier eine Sammlung von Links zu Organisationen des sogenannten Sex workers Rights movement, die weit mehr als nur 1% der Prostituierten darstellen. Wenn Du auch für die Recht von Prostituierten bist, dann kann ich nicht anders, als deine Position als widersprüchlich zu betrachten. Ich halte es für nicht vertretbar, zu sagen, dass man für die Rechte von Prostituierten ist, aber sich dann weigert, sich ihre Position anzuhören und ernst zu nehmen, weil sie eine Minderheit sind. Das ist ein Paradebeispiel für Minderheitendiskriminierung (das werfe ich Dir nicht vor, aber ich finde kein anderes Wort dafür). Sorry, aber die beiden Positionen passen nicht zusammen. Entweder setzen wir uns mit den Prostituiertenorganisationen zusammen und reden darüber, welche Maßnahmen sinnvoller sind oder wir schreiben dieser Gruppe von Menschen wiedermal etwas vor, was undemokratisch und bevormundend ist, so wie es in der Vergangenheit war.
    Ich meine, welcher anderen Interessenvertretung wird von außen gesagt, was denn besser für sie ist? Welcher Interessenvertretung wird gesagt, dass sie ihre Interessen nicht vertreten kann, weil sie nicht repräsentativ ist? Das ist doch auch eine Form der Diskriminierung – oder wie würdest Du es nennen?

    Hier ist eine Linkliste, mit ca. 50 Organisationen die weltweit für die Rechte von Sexarbeiter_innen kämpfen und ausnahmslos gegen die Kriminalisierung der Kunden sind: http://www.swaay.org/groups.html

    Einzelne Links hier unten:

    Europa:
    http://www.sexworkeurope.org/

    Frankreich:
    http://site.strass-syndicat.org/ (führt weitere Organisationen in der Linkliste auf)

    Deutschland:
    http://www.donacarmen.de/

    Irland:
    http://www.turnoffthebluelight.ie

    USA:
    http://sexworkersproject.org/
    http://www.walnet.org/csis/groups/pony.html
    International Prostitutes Collective http://www.prostitutescollective.net/

    Großbritannien:

    Internatioal Union of Sex Workers: http://www.iusw.org/

    Und zuletzt empfehle ich einfach mal “sex workers rights” in Google News einzugeben http://news.google.com/nwshp?hl=de&tab=wn . Du wirst staunen, wie viele Leute in diesem 1% (mir fällt dazu übrigens grade eine andere Analogie ein….in Zusammenhang mit 99%) vertreten sind und wie sehr sich die Weltgesellschaft dagenen wehrt, ihnen zuzuhören.

  9. Lea Mera Permalink
    27/03/2012 09:19

    Und ich glaube auch nicht, dass Legalisierung von Prostitution hilft, Geschlechterverhältnisse zu ändern, Zwangsprostitution zu bekämpfen oder Menschenhandel einzudämmen… Den von Menschenhandel betroffenen Prostituierten nützt die Legalisierung ohnehin nichts, wenn ihr Aufenthaltsstatus nicht legal ist.. Dass die Gesetzgebung für Menschenhandelsopfer geändert werden sollte, da stimme ich Dir vollen Herzens zu.

  10. Lea Mera Permalink
    27/03/2012 09:17

    Ich glaube, ich muß nochmal betonen, dass ich nicht die Prostuierten kriminalisieren/diskriminieren und ihnen ganz bestimmt keine Rechte absprechen will. “So lange einer Prostituierten abgesprochen wird, dass sie vergewaltigt werden kann und dass sie sich dagegen wehren will, wird sie mehr Gewalt erfahren, als der Rest der Bevölkerung.” Da stimme ich Dir zu, aber denkst Du, dass ich oder andere prostitutionskritische FeministInnen das wollen? Die einseitige Stigmatisierung der Prostituierten hängt doch auch wieder mit den patriarchale Denkmustern zusammen – die “käufliche Frau” ist verurteilenswert, der Freier, der diese in Anspruch nimmt, dagegen viel weniger oder gar nicht. Und auch darum geht es mir – Prostitution ist eine Tätigkeit, welche einseitig zu Lasten der (oder des) Prostituierten geht. Es geht hier nicht um die sexuelle Befriedigung der Prostituierten, sondern der FreierInnen, deswegen hinken alle Vergleiche mit Personen, die freiwillig häufig wechselnde Sexualkontakte haben. “Sex, der bezahlt werden muß, ist nicht freiwillig oder erwünscht” (Mc Kinnon)
    “Prostitutierte sind gegen jegliche Form der Illegalisierung” – das ist meines Erachtens eine Pauschalaussage. WElche tun das? Die Prostituierten bei Hydra, welche ungefähr ein Prozent der Prostituierten vertreten?
    Bei den von Dir genannten Beispielen handelt es sich sicher um einen Ausdruck der Geschlechterverhältnisse, auch wenn, wie Du ja selbst schriebst, der Vergleich mit der Prostitution schon arg hinkt. Und was impliziert das dann? Dass wir die Hände in den Schoß legen und die herrschenden Ungleichgewichte klaglos akzeptieren, anstatt aufzuklären und ggf. auch juristische Schritte einzuleiten?
    Du argumentierst mit dem Recht auf Selbstbestimmung. Ich weiß, Du wirst sicher anführen, dass diese Statistiken ungenau sind, aber es gibt einige Hinweise darauf, dass nur ca. 5% der Prostituierten diese Tätigkeit wirklich selbstbestimmt und zufrieden ausüben. Warum sollte eine Tätigkeit, die mit soviel Ungleichheit und Vulnerabilität, und zwar einseitiger Vulnerabilität, verbunden ist, auch noch gesellschaftlich und legal unterstützt werden? Du wirst argumentieren, dass auch Feuerwehrmitglieder, ÄrztInnen, PolizistInnen etc. unter großen psychischen/physischen Belastungen stehen, dass auch PhysiotherapeutInnen mit ihrem Körper arbeiten etc. Aber der gesellschaftliche Nutzen der einen oder anderen Tätigkeit läßt sich wohl kaum mit Prostitution vergleichen.
    In dem Moment, wo es um eine legal geregelte Tätigkeit geht – und genau das forderst Du ja für Prostitution – geht es eben nicht mehr um den Eingriff in die PRIVATsphäre von Menschen, sondern um die Diskussion, ob ein Berufsfeld menschenwürdig ist oder nicht.Was Menschen privat tun, ist eine Sache. Was juristisch erlaubt ist oder sein sollte, eine andere.
    Und nein, ich finde Prostitution nicht moralisch verwerflich: Ich finde, es ist ein Ausdruck patriarchaler Machtverhältnisse, und ich finde es falsch, dem Vorschub zu leisten.

  11. Sonja De Permalink*
    27/03/2012 08:51

    Und um das nochmal zu wiederholen: Bevor wir irgendjemand kriminalisieren (Kunden), soll die Situation von Migrant(inn)en in der Prostitution und allgemein – auch jene, die keine Aufenthaltsgenehmigung haben – verbessert werden. Aus meiner Sicht würde das schon sehr viel ändern.

    Über eine Kriminalisierung von Kunden von Zwangsprostituierten könnte und sollte man sicherlich nachdenken. Immerhin sollten Männer sich fragen, ob eine Frau es freiwillig macht oder nicht. Das sollte nicht vorausgesetzt werden.
    Aber grundsätzlich glaube ich, dass auch Sexarbeit mit Respekt kompatibel ist, genauso wie ein One-Night-Stand, das auf vielen vom Mann bezahlten Drinks oder einem teuren Essen folgt, damit kompatibel ist.

  12. Sonja De Permalink*
    27/03/2012 08:34

    Ja, über Statistiken kann man sich streiten – Hauptsache man diskutiert darüber, sodass verschiedene Sichtweisen zum Ausdruck kommen.

    “Gewaltausübung gegen Prostuierte hat NICHT nur mit der Legalisierung/Illegalisierung von Prostitution zu tun, sonst dürfte es ja z.B. in Deutschland gar keine Gewalt mehr gegen Prostituierte geben.” – Genau das ist der Punkt. Aber die Illegalisierung der Kunden ändert daran auch nichts. So lange Prostituierte stigmatisiert werden (und das werden sie auch in der allumfassenden Opferkonstruktion, die Du vertrittst), werden sie mehr Gewalt erfahren, als der Rest der Bevölkerung. So lange einer Prostituierten abgesprochen wird, dass sie vergewaltigt werden kann und dass sie sich dagegen wehren will, wird sie mehr Gewalt erfahren, als der Rest der Bevölkerung. Das hat mit Diskriminierung und Stigma zu tun und das ist auch dadurch bedingt, dass politisch gesehen Sexarbeiter_innen nicht ernst genommen werden – was in einer Demokratie völlig unhaltbar ist. Ja, Du wirst jetzt anführen, dass nur wenig Prostituierte “glücklich” sind, aber das ist kein Argument gegen die Forderungen einer Minderheit. Prostitutierte sind gegen jegliche Form der Illegalisierung – sie befürworten Regelungen, die Ihnen Schutz bieten, ja auch Ausstiegsmöglichkeiten und Wiedereinglederung in das Erwerbsleben. Darauf sollte auch der Fokus einer sinnvollen Prostitutionspolitik sein.

    Und was die Geschlechterverhältnisse betrifft – ich will Deinen Thesen nicht widersprechen, aber ich glaube nicht, dass eine Kriminalisierung der Kunden das richtige Mittel ist. Wie gesagt, sexuelle Kontakte unter erwachsenen Menschen sind deren Sache. Auch wenn Geld im Spiel ist. Das einzige was zu regeln ist, sind Gewalt, Einschränkungen der sexuellen Selbstbestimmung, Diskriminierung usw. Es ist nicht das Recht der Gesellschaft, Menschen vorzuschreiben, was sie mit ihren Geschlechtsteilen machen sollen/dürfen/können- egal wie ungleich die Geschlechtsverhältnisse sind. Denn sonst müssten wir – um die Geschlechtsverhältnisse zu verändern – auch an anderen Stellen anfangen in die Privatsphäre erwachsener Menschen einzugreifen. Was ist z.B. mit der inzwischen verbreiteten und impliziten Pflicht auf Intimrasur für Frauen? Man könnte argumentieren, dass auch diese die Frau, bzw. die Vagina vergegenständlicht, zumal es sich um ein Porno-Imitat handelt. Was ist mit der Tatsache, dass viele Frauen sich selbst verniedlichen und sich “süß” verhalten, ihre Identität “verstellen”, um einen Mann abzukriegen? Was ist mit den ach so emanzipierten Pärchen, die nach der Geburt des ersten Kindes wieder in die klassischen Rollen verfallen? Und von der Werbung brauchen wir erst gar nicht zu reden.
    Würden wir – der Geschlchterverhältnisse halber – es für gerechtfertigt halten auf dieser Ebene in die privaten verhätlnisse von Menschen einzugreifen? Ich glaube nicht.
    Und sicher wirst Du sagen, dass das nicht vergleichbar ist. Das ist es auch nicht. Aber die Grundidee ist die gleiche: Menschen haben ein Recht auf Selbstbestimmung, auch sexuelle Selbstbestimmung. Das Recht soll nur jene Fälle regeln, die diese Selbstbestimmung einschränken. Insofern ist Zwangsprostitution ein Problem, aber nicht Prostitution allgemein.
    Wenn Du Prostitution moralisch verwerflich findest, akzeptiere ich das, aber man kann nicht alle Menschen zwingen, dieses moralische Urteil zu teilen und sich dem zu unterwerfen. Auch das Recht soll das nicht tun.

  13. Sonja De Permalink*
    27/03/2012 08:09

    Ein neuer Artikel über die Verletzlichkeit von Migratn(inn)en ist hier zu finden: http://euobserver.com/7/115705

  14. Sonja Dinsek Permalink*
    27/03/2012 07:34

    Mh, da muss ich jetzt doch ein wenig dagegen argumentieren, bzw. die Zahlen mit anderen Gründen in Zusammenhang bringen.

    - Prostitution war auch schon vor 2000 legal, d.h. nicht kriminalisiert. Vorher war es eine “sittwnwidrige” Handlung und Prostituierte waren gesellschaftlich stigmatisiert und aus vielen Bereichen ausgeschlossen. Außerdem war sie zu wöchentlichen bis 14-tägigen Zwangsuntersuchungen verpflichtet. Diese Ungleichbehandlung sollte mit dem Prostitutionsgesetz abgeschafft werden, da nur Frauen “im Verdacht” standen, Geschlechtskrankheiten zu übertragen: http://www.gapinfo.de/gesundheitsamt/alle/gesetz/seuche/gkg/absch02/p04.htm. Vor 2000 war ja auch in keinem Gesetz die Rede von Prostitution, sondern nur von “häufig wechselndem Geschlechtverkehr” – eine Formulierung, die vor allem inden 50er-60ern dazu geführt hat, dass außerehelicher Sex von Frauen als Prostitution abgestempelt wurde und diese somit registriert werden mussten – als Prostituierte. Siehe dazu auch diesen Spiegel-Artikel von 1991: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-9272378.html. Das verlinkte Gesetz wurde mit der Einführung des Prostitutionsgesetzes im Jahre 2001 abgeschafft. Das kann man nur als Fortschritt und als überfällige Abschaffung einer lange existierenden Doppelmoral sehen. Die Legalisierung so pauschal zu kritisieren, bedeutet ihre positiven Aspekte zu leugnen, zumal es das Ziel des Gesetzes war, die Stigmatisierung und Diskriminierung der Prostituierten abzuschaffen – ein Ziel das ich als wünschenswert erachte. Siehe dazu einen der ersten Gesetzesentwürfe (1996): dip.bundestag.de/btd/13/063/1306372.pdf

    - Zu den Zahlen der Gewalterfahrung:

    Erstens steht im Report in der Fußnote 315, dass: “sind bei den anderen Teilpopulationen wegen der geringeren Fallzahlen, der zu vermutenden höheren Selektivität bei der Auswahl der Interviewpartnerinnen und der modifizierten Methodik und Untersuchungsanlage eher vorsichtige Vergleiche möglich. Die Befragung der Prostituierten, der Frauen in Haft und der Flüchtlingsfrauen bieten nichtsdestotrotz erste Einblicke in die Gewaltbetroffenheit dieser schwer zugänglichen Teilpopulationen (2004a).”
    Wir können also keinen allgemeinen Schlüsse ziehen. Außerdem werden weder Kontext, Land oder Umsatnd der Gewalterfahrung benannt.
    Das ist aber insofern relevant, als z.B. in den USA die Illegalisierung von Prostitution Grund für die erhöhte Gewalterfahrung ist. Prostituierte können sich nämlich nicht an die Polizei wenden, weil sie dann im Knast landen. Sie haben also keinerleie Schutz vor Gewalt und bei Vergewaltigung hören sie den Satz “Das gehört doch zu Deiner Berufsbeschreibung”. Außerdem werden sie von der Polizei selbst oft erpresst, sodass eine Illegalisierung kaum bessere Rahmenbedingungen schaffen würde.
    Die Frage ist also, in welchem Kontext Gewalt erfahren wird und inwiefern man genau gegen diese Formen der Gewalt rechtliche Schutzmöglichkeiten schaffen kann. Außerdem ist die Staatsbürgerschaft und der Aufenthaltsstatus der Prostituierten von Bedeutung. Man spricht ja auch davon, dass 70-80% der Prostituierten in Deutschland keine deutsche Staatsbürgerschaft haben. Wir müssen uns also fragen, inwiefern die höhere Gewalterfahrung mit geringerem Schutz für migrantische Sexarbeiterinnen sowie mit rassistischen Vourteilen zusammenhängt.

    - Die Kontrolle von Bordellen ist auch mit einer Regulierung kompatibel, d.h. mit einer gesetzlichen Regel, die Sexarbeiter_innen Schutz gibt, sowie Rechte, wie z.B. auf Krankenversicherung, Sozialversicherung, usw. Aber es ist inzwischen anerkannt, dass es bessere Kontrollen für Bordelle und auch ein sogenanntes “Qualitätssiegel” geben soll. Siehe dazu die Anhörung im Bundestag am 19. März 2012 http://www.bundestag.de/presse/hib/2012_03/2012_139/03.html

    - Ein zentraler Grund, warum es Menschenhandel gibt, sind die Migrationsgesetze. In Deutschland werden Opfer von Menschenhandel abgeschoben (natürlich ohne Entschädigung – egal wie lange sie “versklavt” wurde), wenn sie nicht bereit sind gegen die Täter auszusagen. Und auch wenn sie aussagen, haben sie nicht viel davon. Das heißt, dass er deutsche Umgang mit Opfern von Menschenhandel diesen begünstigt, weil dadurch die Opfer doppelt bestraft werden und es praktisch unmöglich wird, die Täter zu verurteilen. Auch hier wäre es falsch alles auf die Prostitutionspolitik zu schieben. Die Panik gegen Migration, und der Rassismus gegen Migranten und “illegaler” Migration tragen im Wesentlichen dazu bei, dass es weiterhin Menschenhandel gibt und dass die Opfer keinen Schutz bekommen. Auch dazu siehe die Anhörung vom 19. März

    - Zuletzt: moralische Urteile, wie Prostitution beurteilt werden soll, sind aus meiner Sicht hier nicht angemessen. Ich sehe es nicht als Verstoß gegen die Menschenwürde, für Sex Geld zu verlangen. Wenn wir das Prinzip der sexuellen Selbstbestimmung ernst nehmen, müssen wir es akzeptieren, dass es Menschen gibt, die dies nicht als problematisch emfinden (ob Mann oder Frau) und so lange es sich um erwachsenen Menschen handelt haben wir NICHT das Recht diesen Menschen vorzuschreiben, was er oder sie mit ihrem Geschlechtsorganen tun. Das haben wir inzwischen für Homosexualität und zum Teil auch für Transsexualität akzeptiert, warum denn nicht auch bei Sexarbeit. Sexuelle Selbstbestimmung geht vor.

    • Lea Mera Permalink
      27/03/2012 08:04

      Gut, da muss ich doch gleich gegenargumentieren… Wir können natürlich jedwede Statistik lange diskutieren, da alle Statistiken Ungenauigkeiten aufweisen, v.a. in einem Bereich, der so schwer zu erfassen ist. Aber was ist z.B. mit der Hamburger Studie (S. Zumbeck (2001): „Die Prävalenz traumatischer Erfahrungen, Posttraumatischer Belastungsstörung und Dissoziation bei Prostituierten. Eine explorative Studie.“ Hamburg: Kovač), die ist recht spezifisch und auf Deutschland beschränkt. Abgesehen davon, selbst wenn die Zahlen nicht ganz genau sein sollten, lassen sie Tendenzen erkennen. Du schreibst: “Das ist aber insofern relevant, als z.B. in den USA die Illegalisierung von Prostitution Grund für die erhöhte Gewalterfahrung ist.” Dem würde ich ganz entschieden widersprechen: Gewaltausübung gegen Prostuierte hat NICHT nur mit der Legalisierung/Illegalisierung von Prostitution zu tun, sonst dürfte es ja z.B. in Deutschland gar keine Gewalt mehr gegen Prostituierte geben.
      Außerdem: Laut Bundesregierung (http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Abteilung4/Pdf-Anlagen/bericht-bureg-auswirkungen-prostitutionsgesetz,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf) sind die erwünschten sozialversicherungsrechtlichen Effekte des ProstG nur in verschwindend geringem Maße eingetreten.
      Ich habe ausdrücklich gesagt, dass die Kriminalisierung Sich-Prostituierender aus meiner Sich absolut nicht diskutabel ist, wohl aber ist es das rechtliche Vorgehen gegen FreierInnen und BordellbetreiberInnen.
      Dass die deutschen Migrationsgesetze geändert werden müssten und nicht-deutsche Prostituierte doppelt benachteiligt werden – da stimme ich Dir vollkommen zu. Aber meiner Meinung nach läßt sich die Gleichung von “Angebot und Nachfrage” nicht außer Kraft setzen. Wo etwas legal ist, vielleicht sogar einen wachsenden Markt besitzt, herrscht auch mehr Nachfrage – in diesem Fall nach Prostituierten.
      Moralische, besser gesagt ethische Urteile finde ich hier durchaus angemessen – denn dass z.B. ein ungleiches Geschlechterverhältnis zementiert wird, solange 90% der Prostituierten Frauen sind, läßt sich wohl kaum abstreiten… Die Vermarktung des weiblichen Körpers, das gesellschaftliche Bild der “käuflichen” Frau, und die unterschiedliche Wahrnehmung weiblicher und männlicher Sexualität sind ein ethisches und gesellschaftliches Problem.
      “Ich sehe es nicht als Verstoß gegen die Menschenwürde, für Sex Geld zu verlangen” – ich sehe es aber als Verstoß gegen die Menschenwürde an, den Körper anderer Menschen käuflich zu erwerben. Und offensichtlich hat die Einstellung, Menschen für Sex zu bezahlen, viel mit den Geschlechterverhältnissen der patriarchalen Gesellschaft zu tun – sonst wären nicht 95% der FreierInnen Männer, oder?
      Homo- und Transsexualität damit in Verbindung zu bringen, finde ich nicht akzeptabel. Das eine ist eine sexuelle Präferenz, das andere eine Identitätswahl, Prostitution ist jedoch entweder Ausbeutung des (zumeist) weiblichen Körpers oder aber ein Beruf – je nach Ansicht…

  15. Lea Mera Permalink
    16/03/2012 09:52

    “Gelogen” ist hier gar nichts, ich komme anhand bestimmter Zahlen zu bestimmten Schlüssen und andere eben zu anderen… JedeR muß selber schauen, welchen Statistiken er oder sie mehr vertraut. Ich würde Dich jedoch bitten (zumal Du, wenn ich mich nicht täusche, hier in diesem Blog selber AutorIn bist) einen weniger beleidigenden Tonfall anzuschlagen. Ich habe meine Quellen genannt und wenn Du ihnen nicht vertraust, steht es Dir frei, andere Schlüsse zu ziehen, ohne deswegen andere der Lüge zu bezichtigen.

    • 25/03/2012 18:25

      Hey Lea Mera,

      mich würde interessieren, was deine persönliche Einstellung zur Legalität/Legalisierung von Prostitution, auch aufgrund deiner im Artikel genannten Erkenntnisse, ist.
      Für mich tut sich nämlich das Problem auf, dass ich der Ansicht bin, Menschen sollten natürlich legal der Prostitution nachgehen können (also angemessen entlohnt werden, Versicherungsschutz genießen etc.), aber natürlich sollte möglichst gar kein Menschenhandel stattfinden. Siehst du eine Lösung für dieses Dilemma, z.B. stärkere Kontrollen von Bordellen o.Ä.? (Ich bin mit dem Thema nicht ausreichend vertraut, um einschätzen zu können, wie stark und in welcher Art entsprechende Kontrollen bereits stattfinden).

      • Lea Mera Permalink
        26/03/2012 20:37

        Hallo Zweisatz,

        danke für Deine Frage und Deinen Kommentar. Ich persönlich bin gegen eine Legalisierung/Legalität von Prostitution, und zwar nicht nur wegen der im Artikel genannten Statistiken, sondern auch, weil m. E. Prostitution einen Verstoß gegen die Menschenwürde darstellt, weil Prostitution ein ungleiches Geschlechterverhältnis verfestigt (da 90% der Prostitutierten Frauen, aber 95% der Freier Männer sind) und weil viele Prostituierten vor der Prostitutionsausübung physische/sexualisierte Gewalterfahrungen erleiden (90% erleben sexualisierte/physische Gewalt in der Kindheit, 80% der Prostituierten haben seit ihrem 16. Lebensjahr physische Gewalt erlebt, im Vergleich zu 32% des Durchschnitts, 59% sexuelle Gewalt im Vergleich zu 12% des Durchschnitts deutscher Frauen), aber auch währenddessen (Während der Prostitution erfahrene Traumata fanden sich in einer Hamburger Studie bei 83%, körperlicher Angriff 61 %, Vergewaltigung 61 %, Bedrohung mit einer Waffe 52 %, 53 % erreichten einen Krankheitswert im Sinne einer posttraumatischen Belastungsstörung).
        Ich bin also ganz klar der Meinung, dass sich die mit der Prostitutionsausübung verbundenen Traumata, wie auch die unerwünschten gesellschaftlichen Effekte, wie auch der Menschenhandel durch eine “gesellschaftliche Anerkennung” und einer Erhöhung der Nachfrage, wie sie mit der Legalisierung einhergeht, noch verstärken. Wenn Prostitution aber legal ist, hilft meines Erachtens nach nur die Wiedereinführung des § 180a Abs. 1 Nr. 2 sowie die Bestrafung der Freier von Zwangsprostituierten. Stärkere Kontrollen in Bordellen sind wünschenswert, die Polizei beklagt jedoch, dass diese seit der Abschaffung von § 180a Abs. 1 Nr. 2 schwieriger geworden seien.
        Ich hoffe, ich habe Deine Frage (wenn auch etwas sehr ausführlich) beantwortet…

      • 26/03/2012 21:22

        Danke für die sehr ausführliche Antwort! :) Die Zahlen sind in der Tat besorgniserregend.

        • Lea Mera Permalink
          26/03/2012 21:59

          Gerne, bitteschön…! Vielleicht sollte ich noch ergänzen, dass ich zwar gegen eine Legalisierung der Prostitution bin, aber keineswegs möchte, dass die Sich-Prostituierenden kriminalisiert werden…

  16. 15/03/2012 17:14

    Das Leitwort ist “geschätzt”, oder gelogen und erfunden? Ich vermisse generell zu diesem Thema eine mehr kritische Haltung gegenüber erfundenen Zahlen die genutzt werden um schwere zu einer Diskussion zu leihen.

    • Julia Krause Permalink
      29/04/2012 22:01

      Genau hier liegt das Problem, es gibt keine verlässlichen Zahlen! Danke für Ihren Hinweis!

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